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OHLSDORF - Zeitschrift für Trauerkultur

Mitten im Berliner Grunewald: Der "Selbstmörderfriedhof"

Anders als in vielen anderen Großstädten der Welt konzentriert sich die Entwicklung des Bestattungswesens in Berlin nicht auf einzelne, zentrale Großfriedhöfe, wie man sie etwa in Paris, London oder New York findet, sondern verteilt sich über etwa 200 mehr oder weniger große Friedhöfe und Kirchhöfe im gesamten Berliner Stadtgebiet.

Einer dieser Friedhöfe befindet sich im Berliner Grunewald: Es ist der idyllische, kleine und unvergleichliche, sogenannte "Selbstmörderfriedhof". Der Name ist allerdings etwas irreführend, da es sich bei den dort Bestatteten nicht nur um Selbstmörder handelt.

Die Havel macht unweit des Friedhofs einen Knick, mit der Folge, dass hin und wieder Wasserleichen an dieser Stelle ans Ufer getrieben wurden. Unter den Ertrunkenen waren manchmal auch Selbstmörder. Inoffiziell wurde schon über einen längeren Zeitraum an dieser Stelle "wild" bestattet. Häufig wurden Angehörige durch einen hinterlassenen Abschiedsbrief auf den Ort des Freitods hingewiesen. Fanden sie daraufhin den Toten, standen sie vor dem Problem, dass die Kirche auf ihren Begräbnisplätzen die Beisetzung von Selbstmördern generell ablehnte oder aber die doppelten bis dreifachen Gebühren für eine Beerdigung verlangte. So griffen immer wieder Angehörige selbst zum Spaten, um im Wald eine Grube für die letzte Ruhe des Angehörigen auszuheben. Diese Waldlichtung, nah dem Havelufer, war "ein gern gewählter Ort".

Eingangstor Friedhof Grunewald-Forst in Berlin

1878/79 beschloss dann die Forstverwaltung, die unerwünschten Toten nahe am Fundort an einer Waldlichtung zu bestatten. Dazu gehörten auch die am Havelufer angeschwemmten unbekannten Wasserleichen. Einer Verordnung entsprechend war nämlich die Forstverwaltung für die Bestattung dieser Namenlosen zuständig. Das sprach sich herum und führte dazu, dass sich Angehörige von Selbstmördern auch aus der weiteren Umgebung an den Oberförster wandten oder ihre Toten kurzerhand selbst im Wald begruben. Eine Beschreibung gibt Maximilian Wolff im Jahr 1900 im "Grunewald Echo" unter dem Titel Auf dem Friedhof der Selbstmörder: […]

"Es ist ein traurig einsames Plätzchen mitten im Walde. Nur wenig Besucher verirren sich dorthin (...) Tiefe Stille herrscht hier, die Einbildung umkleidet den Ort mit tausend Schauern. Wie viel Jammer, wie viel Qualen, welch traurige Geschicke deckt dieses Fleckchen Erde zu! Es ist kein wohlgepflegter Gottesacker; keine liebende Hand schmückt diese Gräber mit Blumen. Ein Fluch ruhte über dem irdischen Dasein der hier Begrabenen, ruhte über ihrer letzten Stunde, er ruht auch über ihrer letzten Ruhestätte.
Alles ist hier in dem schmerzlichsten Zustande der Vernachlässigung, des Verfalls. Dieser Trauerort, auf dem doch Menschen schlummern, wenn auch sündigere Menschen als die, die auf geweihter Erde gebettet worden, er ist nur durch Pfähle abgesteckt, die ein Stacheldraht verbindet. Eine wacklige Bretterthüre führt auf die Totenstätte […] Hier und dort ragt ein Kreuzlein aus den Gräbern auf, aus schwarzen Leisten gefertigt, oft nur aus zusammengebundenen Stäben gebildet."
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Eingangschild am Tor des Friedhofs Grunewald-Forst

Wurde bis dahin genaue Lage dieses Begräbnisplatzes durch die Forstverwaltung bewusst verschwiegen, um diesen "unwürdigen Ort" nicht zu einem Ausflugsziel zu machen, lieferte der Artikel von Maximilian Wolff nun eine detaillierte Wegbeschreibung. Die Neugierigen ließen nicht lange auf sich warten; ebenso setzten Menschen, die ihrem Leben beenden wollten, ihr Vorhaben nun häufig in unmittelbarer Nähe des Friedhofs um. Ein Beispiel dafür ist der Freitod der 23jährigen Krankenpflegerin Minna Braun aus Pankow im Jahr 1919. Ein Kraftfahrer hatte die junge Frau am Nachmittag des 28. Oktober, unweit von Schildhorn, direkt neben der Havelchaussee, leblos sitzend, gegen einen Baum gelehnt aufgefunden. Der herbeigerufene Gemeindearzt stellte "Pulslosigkeit sowie Fehlen der Herztöne und der Atemtätigkeit" fest. Er konstatierte Selbstmord, vermutlich durch Medikamentenmissbrauch. Es gab einen Abschiedsbrief, aus dem "Liebeskummer" als Beweggrund für ihre Tat hervorging. Die Unbekannte wurde daraufhin von der alarmierten Polizei zum nahen Friedhof gebracht und dort eingesargt.

Nach vierzehn Stunden wurde von Kriminalbeamten der Sarg nochmals geöffnet, da diese an den Kleidern der bis dahin Unbekannten nach Wäschezeichen suchen wollten. Einer der Beamten bemerkte dabei ein schwaches Kehlkopfzucken und stellte fest, dass die junge Frau überhaupt nicht tot war. Der Gemeindearzt wurde erneut herbeigerufen und stellte nun auch leichte Herztöne fest, worauf er eilig den Transport von Minna Braun in das Kreiskrankenhaus Lichterfelde veranlasste. Vierundzwanzig Stunden später erwachte die vermeintlich Tote aus einem todesähnlichen Starrkrampf.

Die Ärzte verhalfen der jungen Krankenpflegerin zu einem zweiten Leben, mit dem sie aber auch keine besseren Erfahrungen machte. Fast auf den Tag genau, drei Jahre später, fand man Minna Braun wieder in unmittelbarer Nähe des Friedhofs. Wieder war der Anlass Liebeskummer und das von ihr gewählte Mittel eine Medikamentenmischung: Diesmal war sie aber wirklich tot. Ob es der alte oder ein neuer Freund war, der den tödlichen Liebeskummer verursacht hatte, wurde nicht bekannt. Minna Brauns Grab auf diesem Friedhof blieb wie viele namenlos, und so ist die genaue Lage nicht geklärt.

Der Friedhof Grunewald-Forst wurde noch bis 1927 als Friedhof für Selbstmörder genutzt.

Nach dem Entstehen Groß-Berlins 1920 übernahm der Verwaltungsbezirk Wilmersdorf den verwahrlosten Begräbnisplatz und erklärte ihn zum Gemeindefriedhof für den Grunewaldbezirk. Obwohl von nun an tot Aufgefundene den zuständigen Gemeinden zur Beerdigung überstellt wurden, haftete dem abgelegenen Friedhof nach wie vor das Image eines "Selbstmörderfriedhofs" an. Um sein Ansehen zu verbessern, wurde 1928 das 4.980 m2 große Areal, im Rahmen einer Arbeitsbeschaffungsmaßnahme, von einer Mauer umgeben und mit einem stattlichen Eingangstor nach Entwurf des Wilmersdorfer Gartenbaudirektors Thieme versehen.

Nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs wurden Zivilisten, die noch in den letzten Kriegstagen 1945 ums Leben gekommen und provisorisch in Berliner Parks begraben worden waren, auf diesen Friedhof umgebettet. Sie liegen in über 60 Einzel- und einem Sammelgrab auf dem Gelände. Außer Selbstmördern und nichtidentifizierten Toten ließen sich aber auch Jäger und Wald- und Forstarbeiter auf dem Friedhof begraben lassen. Sie schätzten den ruhigen Ort mitten im Wald, der im Leben ihr Arbeitsplatz war, und außerdem das Privileg, für den letzten Ruheplatz nicht bezahlen zu müssen. Ihre Gräber wurden jedoch nicht zwischen denen der "Namenlosen" ausgehoben, für sie wurde ein eigenes Feld angelegt.

Grabmal des Grabstättenforschers Willi Wohlberedt, gest. 1950

Dem Berliner Gräberforscher und Ehrenbürger Willi Wohlberedt, der sich wie kein zweiter auf den zahlreichen Friedhöfen im Berliner Raum auskannte, gefiel dieser versteckte Platz im Wald am besten. Er ließ sich hier lange vor seinem Tod eine Grabstätte reservieren und belegt heute ein Ehrengrab. Weitere bekannte Persönlichkeiten stellen der Schriftsteller Clemens Laar, der 1960 Selbstmord beging, sowie die ehemalige Sängerin "Nico" der Rockband The Velvet Underground dar. "Nico", mit bürgerlichem Namen Christa Päffgen, war Model und Pop-Ikone der 1960iger und 70iger Jahre. Zu ihren Bekanntschaften gehörten u.a. die Musiker Jim Morrison von den "Doors" und Brian Jones von den "Rolling Stones". Sie zählte zum engen Freundeskreis von Bob Dylan und zu dem von Andy Warhols New Yorker "Factory". Schon als 18jährige hatte Nico bei einem Spaziergang diesen kleinen Friedhof im Grunewald entdeckt und schon damals der Mutter gesagt, dass sie hier einmal begraben sein möchte.

Grabmal für "Nico", Christa Päffgen (Sängerin der Rockband "Velvet Underground"), gest. 1988 und ihre Mutter

Auf dem Friedhof Grunewald Forst erfolgen zurzeit nur noch Nachbeisetzungen auf Grabstellen, an denen das Nutzungsrecht noch läuft. Eine weitere Einschränkung besteht darin, dass lediglich auf gepflegten Stellen beigesetzt werden kann. Dies wird im Vorfeld von der zuständigen Friedhofsverwaltung geprüft. Neuvergaben sind somit ausgeschlossen. Das entspricht insgesamt einer Teilschließung des Friedhofs. Wann die Empfehlung des Berliner Friedhofsentwicklungsplans (FEP), den Friedhof zu schließen, umgesetzt wird, kann zum heutigen Zeitpunkt noch nicht gesagt werden. Der Erhalt dieses idyllischen und geschichtsträchtigen Friedhofs als Bestattungsort ist zu wünschen. Es wäre ebenfalls zu wünschen, dass es ein ähnliches Engagement wie bei anderen Friedhöfen gibt, diese zu erhalten bzw. attraktiver zu machen.

Lage:
Der Friedhof Grunewald (Forst) liegt Im Jagen 135, unweit der Halbinsel Schildhorn, östlich der Havelchaussee hinter der Revierförsterei Saubucht am Schildhornweg.
Friedhofstyp: Waldfriedhof
Fläche: 4.981 m2
Besondere Gräber:
- Russische Kriegsgefangene (gestorben zwischen 1914 u.1918)
- Willi Schulz (Grunewalder Oberförster, gest.1929)
- Willi Wohlberedt (Grabstättenforscher, gest.1950)
- Clemens Laar (Schriftsteller, gest.1960)
- Immanuel Meyer-Pyritz (Maler, gest.1974)
- "Nico", Christa Päffgen (Sängerin der Rockband "Velvet Underground", gest.1988)

Anmerkung
1 Grunewald-Echo : Berlin-Grunewalder Zeitung; Lokalanzeiger für Halensee, Schmargendorf, Dahlem und Eichkamp. BerlinGrunewald.1899/1900,1.Dez. - 42.1941, Mai [?]

Literatur
Klaus Hammer, Friedhofsführer Berlin. Jaron Verlag GmbH 2001.
Klaus Konrad Weber, Peter Güttler, Ditta Ahmadi (Hrsg.): Berlin und seine Bauten. Teil X Band A: Anlagen und Bauten für die Versorgung (3) Bestattungswesen. Verlag von Wilhelm Ernst & Sohn, Berlin 1981.
Hans-Jürgen Mende: Lexikon Berliner Grabstätten. Haude & Spenersche Verlagsbuchhandlung, Berlin 2006

Redaktionelle Anmerkung: Der Autor bietet Führungen zu diesem und weiteren (besonderen) Friedhöfen Berlins an; Kontakt [email protected].

Fotos: Stephan Hadraschek

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