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OHLSDORF - Zeitschrift für Trauerkultur

Wie Hamburg seine Kunsthalle bekam

Ende August 2019 feierte die Hamburger Kunsthalle ihr 150jähriges Bestehen. Tatsächlich ein Grund zum Feiern, denn in diesen 150 Jahren hat sich das Museum aus kleinen Anfängen zu einer recht bedeutenden Einrichtung entwickelt, die Vergleiche mit anderen Museen nicht zu scheuen braucht.

Tatsächlich begann die Geschichte der Kunsthalle sogar schon mehr als 50 Jahre früher. Im Herbst 1806 gründeten Mitglieder der Patriotischen Gesellschaft einen "Verein zur Beförderung des Kunstgeschmacks in Hamburg". Man traf sich regelmäßig, um über Kunstgegenstände zu sprechen und lud dazu auch einheimische und fremde Künstler ein. In der schwierigen Zeit der französischen Besetzung 1806–1814 gab es andere Sorgen, aber 1817 nahm man die Treffen wieder auf, zunächst in privatem Rahmen. Als der Kreis der teilnehmenden Kunstfreunde immer größer wurde, gab man sich Anfang 1822 dann auch eine richtige Satzung als "Hamburgischer Kunst-Verein" und verlegte die Zusammenkünfte in die Kunsthandlung von Georg Ernst Harzen (1790-1863).

Grabplatte mit dem Namen von Georg Ernst Harzen. Foto: P. Schmolinske

Harzen gehörte in den folgenden Jahrzehnten zu den wichtigsten Persönlichkeiten der Hamburger "Kunstszene". In sein Geschäft nahm er Johann Matthias Commeter als Partner auf, dem er 1824 auch die Leitung übertrug und nach dem heute noch die Galerie Commeter benannt ist. In den Räumen der Kunsthandlung tagte der Verein, zeigte auf Anregung von Harzen dort ab 1826 Ausstellungen zeitgenössischer Kunst und begann 1836 eine eigene Kunstsammlung. Als die Räumlichkeiten zu eng wurden, wurde zunächst eine Alternative in den oberen Sälen der Börsenarkaden gefunden und dort 1850 eine erste öffentliche Gemäldegalerie eingerichtet. Hier also liegen die Wurzeln des heutigen Museums.

Der Altbau der Kunsthalle von Westen. Foto: Archiv P. Schmolinske

Um 1930, als man daran ging, die Alten Friedhöfe vor dem Dammtor zu räumen, wurde Georg Ernst Harzen für würdig befunden, nach Ohlsdorf auf den Althamburgischen Gedächtnisfriedhof umgebettet zu werden. Es erstaunt allerdings, seinen Namen auf der Platte "Graphiker" zu finden, denn er war ja in erster Linie ein sehr erfolgreicher Kunsthändler. Er hatte sich aber druckgrafische Techniken angeeignet und verfügte in diesem Bereich der Kunst über umfangreiche Kenntnisse. So konnte er nicht nur seine Kunden sachkundig beraten, sondern auch selber eine hervorragende, über 25.000 Blatt umfassende Sammlung von Druckgrafiken und Handzeichnungen alter Meister zusammentragen. Diese kostbare Sammlung vermachte er später der Stadt, unter der Auflage, dass sie das Herzstück des Kupferstichkabinetts in einem neu zu schaffendem Museum werden sollte.
Als auch die Räume in der Börse nicht mehr ausreichten, fiel 1858 die Entscheidung zum Bau eines Kunstmuseums. Der Bau im Stil der italienischen Renaissance wurde von den jungen Berliner Baumeistern Hermann von der Hude und Georg Theodor Schirrmacher entworfen. Als Bauplatz entschied man sich für die ehemalige Bastion Vincent. Die neue Kunsthalle wurde am 30. August 1869 eröffnet. Der Bau hatte 618.000 Mark gekostet, davon waren 316.000 Mark durch Spenden der Hamburger Bürger zusammengekommen, 250.000 Mark kamen von der Stadt und 52.000 Mark aus Verzinsung der Spendengelder. Wie hoch dabei der Kostenanteil für den wirklich opulenten Fassadenschmuck war, ist leider nicht bekannt. Über 70 bildende Künstler sind als Porträtmedaillons oder ganze Figuren dort verewigt, das reichste Bildprogramm an einem europäischen Museum.
Einige Jahre nach der Eröffnung stand eine weitere große Spende zur Verfügung und man nahm nun auch die malerische Ausgestaltung des Treppenhauses in Angriff. Acht großformatige Gemälde, je vier an den beiden Längsseiten, zu den Themen Tageszeiten und Jahreszeiten, schuf der Hamburger Landschaftsmaler Valentin Ruths (1825-1905). Die Bilder an den Schmalseiten mit Darstellungen der Lebensalter, die allegorischen Bilder über Gemälden und Türen und die Texte unter den Gemälden stammen von dem Bremer Maler Arthur Fitger.

Grabmal Valentin Ruths - K 5, 86-95. Foto: P. Schmolinske

Bei Eröffnung der Kunsthalle bestand die Sammlung aus gut 400 Gemälden, einigen Plastiken und der Sammlung im Kupferstichkabinett. In den folgenden Jahren kamen umfangreiche Bilderspenden hinzu, und es wurde immer deutlicher, dass eine fachkundige Leitung fehlte. Berufen wurde schließlich Alfred Lichtwark (1852–1914), der ursprünglich Lehrer gewesen war und nach einigen Semestern Kunstgeschichtsstudium am Berliner Kunstgewerbemuseum arbeitete. Am 1. Oktober 1886 trat er sein Amt als erster Direktor der Kunsthalle an.

Grabmal von Alfred Lichtwark - Althamburgischer Gedächtnisfriedhof. Foto: P. Schmolinske

Lichtwark baute die Sammlung systematisch aus. Die Altäre von Meister Franke und Meister Bertram und zahlreiche Werke der deutschen Romantik, besonders von Philipp Otto Runge (1777–1810) und Caspar David Friedrich, sind seither wichtige Schwerpunkte der Ausstellung. Dazu kommen weitere bedeutende Werke des 19. Jahrhunderts. Bei der zeitgenössischen Kunst agierte Lichtwark in zwei Richtungen. Für die "Sammlung von Bildern aus Hamburg" lud er auswärtige Künstler ein hier zu malen, unter anderem Max Liebermann, mit dem er befreundet war, und er bemühte sich um eine Förderung der jungen Hamburger Künstler, die sich 1897 im "Hamburgischen Künstlerklub" zusammenschlossen.

Grabmal von Philipp Otto Runge, nach seinem Selbstbildnis geschaffen von Egon Lissow - Althamburgischer Gedächtnisfriedhof. Foto: P. Schmolinske

Mindestens genauso wichtig wie die Pflege der Sammlung war für Lichtwark die Öffentlichkeitsarbeit. Die Kunsthalle sollte nicht ein Museum sein, "das dasteht und wartet, sondern ein Institut, das thätig in die künstlerische Erziehung unserer Bevölkerung eingreift." (Rudolf Großkopff: Alfred Lichtwark, Hamburg 2002). Kunsterziehung für alle Schichten der Bevölkerung und für alle Altersgruppen war Lichtwarks Anliegen. Nicht nur Vorträge für Erwachsene und Publikationen zu verschiedenen Themen gehörten zu seinem Programm. Bereits Kinder wollte er an Kunst heranführen. Dabei unterschied sich seine Vorstellung von Pädagogik grundsätzlich von der damals üblichen Lehrmeinung. Diese Gedanken flossen in das reformpädagogische Konzept der 1914 gegründeten Lichtwarkschule ein, zu deren Schülern bekanntlich Loki und Helmut Schmidt gehörten.
Unter Lichtwarks Leitung war die Sammlung der Kunsthalle stetig gewachsen, und sein letztes großes Projekt, dessen Vollendung er nicht mehr erlebte, war daher der Erweiterungsbau der Kunsthalle. Zusammen mit dem Architekten Albert Erbe, später dann auch mit Baudirektor Fritz Schumacher (1869-1947, Althamburgischer Gedächtnisfriedhof), entwickelte er die Pläne dafür. Die Bauarbeiten begannen 1912. Als Lichtwark im Januar 1914 starb, wurde Gustav Pauli, bis dahin Direktor der Kunsthalle Bremen, sein Nachfolger, aber durch kriegsbedingte Verzögerungen konnte dieser erst am 30. Mai 1919 den neuen Eingangsbereich, Rotunde, Treppenhaus und Obergeschoss der Öffentlichkeit übergeben. Vollständig fertig war der Bau erst zwei Jahre später.

Der Erweiterungsbau der Kunsthalle. Foto: Archiv P. Schmolinske

In der Rotunde unter der großen Kuppel wurden Tafeln mit den Namen der zahlreichen Stifter angebracht. Bislang sind es auf sieben Tafeln etwa 280 Einträge, wobei manche Personen mehrfach vertreten sind. Viele bekannte Namen aus der Hamburger Kaufmannschaft sind hier zu finden, was zeigt, dass die Hamburger "Pfeffersäcke" weitaus mehr an Kunst interessiert sind, als man ihnen nachsagt. Mit ihren Stiftungen haben sie wesentlich zum Ausbau der Sammlung beigetragen. Heute umfasst sie etwa 3.500 Gemälde, 500 Plastiken und 125.000 Zeichnungen und Druckgrafiken im Kupferstichkabinett. Auch für Restaurierungsarbeiten und Ausbau wurden bedeutende Summen zur Verfügung gestellt. Im Lageplan findet man den Werner-Otto-Saal und das Hubertus-Wald-Forum. Damit werden zwei Stifter geehrt, deren Gräber ebenfalls in Ohlsdorf zu finden sind. Doch das gehört, ebenso wie die 1997 eröffnete Galerie der Gegenwart, zur jüngeren Geschichte der Kunsthalle, die nicht Thema dieses Beitrags ist.

Literatur
- Verhandlungen und Schriften der Hamburgischen Gesellschaft zur Beförderung der Künste und nützlichen Gewerbe, Siebenter Band, Hamburg 1807
- Ulrich Luckhardt: "…diese der edlen Kunst gewidmeten Hallen" – Zur Geschichte der Hamburger Kunsthalle, Hamburg 1994
- Ulrich Luckhardt, Uwe M. Schneede (Hg.): Private Schätze – Über das Sammeln von Kunst in Hamburg bis 1933, Hamburg 2001
- Silke Reuther: Georg Ernst Harzen, Kunsthändler, Sammler und Begründer der Hamburger Kunsthalle, Hamburg 2011

Auflistung alle Artikel aus dem Themenheft Kunst in Hamburg (November 2019).
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