OHLSDORF - Zeitschrift für Trauerkultur

Ein Löwe auf Ohlsdorf – Die Grabstätte Dalmann und Herrmann

 - August 2014
Ausgabe: 
Nr. 126, III, 2014

Persönliche Anmerkungen zu einer besonderen Patenschaft

Am 28. März 2012 starb meine Lebensgefährtin Ute Margot Herrmann, mit der ich 32 Jahre glücklich war und die mir einen wunderbaren Sohn schenkte, im Alter von 58 Jahren. Das letzte Vierteljahr war ein in umfassender geistiger Wachheit beschrittener Weg zum sicheren Tod. Waren einige Monate zuvor die Anzeichen körperlicher Schwäche zunächst noch als heilbare Muskellähmung gedeutet worden, so sollten sich die schnell und stetig stärker wahrzunehmenden Symptome als unheilbare amyotrophe Lateralsklerose (ALS) erweisen. Diese endgültige Diagnose – knapp zwei Monate vor ihrem letzten Atemzug – akzeptierte sie nicht ohne Erschütterung und Furcht, aber kraft ihrer Vernunft mit Einsicht und Aussicht auf die tödliche Erlösung.

Zu den vielen Dingen, die Ute Herrmann vor ihrem Tod bei klarstem Verstand und mit vorausschauenden Gedanken noch zu klären bemüht war, gehörte auch die Wahl ihrer Grabstätte. Es war seit je unsere Übereinkunft, auf dem Ohlsdorfer Friedhof in fernerer Zukunft eine Patenschaft für ein erhaltenswertes Grabmal zu übernehmen, denn wir fühlten uns auch durch unsere Professionen – sie als Diplomingenieurin der Landespflege und ich als Denkmalpfleger – der Nachhaltigkeit verpflichtet. Sie schwärmte häufig für die großen galvanoplastischen Engelsfiguren der Württembergischen Metallwarenfabrik (WMF), die sich zahlreich auf Ohlsdorf finden. Sie wusste allerdings auch, dass diese aufgrund ihrer Beliebtheit nicht leicht zu erwerben sein würden. Aufgrund ihrer privaten und beruflichen Beziehung zur Natur hätte sie sich auch über ein mit floralen Motiven geschmücktes Grabmal gefreut. Als drittes Motiv erörterten wir eine Löwenfigur, deren Erwerb wohl die geringste Aussicht hatte, aber ihr am meisten entsprach: Die Natur Afrikas, wohin sie schon zwei Reisen geführt hatten, war für sie ein Traumziel, und sie war im Zeichen des Löwen geboren.

So war es eine merkwürdige wie bemerkenswerte Fügung, dass man uns aus dem Katalog möglicher Patenschaften eine Grabstelle mit einer Löwenskulptur anbot. Es gibt derer nur wenige auf Ohlsdorf, weitaus weniger als Engelsfiguren oder Floramotive: So der (vor einiger Zeit gestohlene) schlafende Löwe am Grabmal des Tierparkgründers Hagenbeck (AE 15)1, die Löwen am Eingang zur chinesischen Gemeinschaftsgrabstätte (L 33) oder die zu einer Paargrabstätte entwickelte ehemalige Grabstätte Bove-Rode (T 25) mit einem schlafenden und einem wachenden Löwen.2

Nun ist es für Ute Herrmann ein ganz besonderer Löwe geworden: 1877 aus Elbsandstein gehauen von Engelbert Peiffer (1830–1896), dem Bildhauer der Figuren auf der Trostbrücke, der Vierländerin des Hopfenmarkt-Brunnens, des Grabmals von Gabriel Riesser auf dem benachbarten jüdischen Friedhof Ilandkoppel und vieler anderer plastischer Bildwerke in Hamburg. Der Löwe gehört zur Grabstätte des für Hamburg bedeutenden Wasserbaudirektors Johannes Christian Wilhelm Dalmann.3 Er wurde am 4. März 1823 geboren und starb nach einem tatkräftigen Leben als Konstrukteur des tideoffenen Hamburger Hafens erst 52-jährig am 2. August 1875. "Er war der geniale Schöpfer des größten deutschen Seehafens, der Vater und Gestalter der Niederelbe; jede Karte Deutschlands dokumentiert noch heute in der Linienführung des Elbstroms sein Lebenswerk." So würdigt ihn Henrich Reincke in der Neuen Deutschen Biografie.4

Kiesel
Grabanlage Johannes Dalmann auf dem St. Jacobi-Friedhof in Eilbek. Abb. aus O. E. Kiesel: Die alten hamburgischen Friedhöfe, 1921

Seine Grabstätte, gestaltet nach einem Wettbewerbsentwurf des Architekten Wilhelm Hauers (1836–1905), Erbauer u.a. der Kirche St. Johannis in Harvestehude, war als Stiftung des Architekten- und Ingenieurvereins (AIV), dessen Vorsitzender Dalmann von 1871 an bis zu seinem Tode war, auf dem St. Jacobi-Friedhof in Eilbek errichtet worden.5 "Dasselbe war in dem Haupttheile der groß angelegten Natur Dalmann‘s entsprechend frei von conventionellen Formen und stilistischer Eigenart: Ein unbearbeiteter Felsblock aus den Elbsandsteinbrüchen, also stammend von den Ufern und herbeigeführt auf den Wellen des Stromes, dem Dalmann seine Hauptthätigkeit widmete. Der an Ort und Stelle auszusuchende Block sollte aus Einem Stück bestehen, die Dimensionen sollten so groß gewählt werden, als der Transport solches gestatte. Als Schmuck der Vorderseite war eine Broncetafel mit Dalmann‘s Bildniß angenommen, während vor dem Felsen ein ebenfalls in Sandstein auszuführender ruhender Löwe dargestellt war, als Sinnbild des willensstarken und tatkräftigen Charakters des Verstorbenen" – so Oberingenieur Franz Andreas Meyer 1884 in der Festschrift zum 25-jährigen Bestehen des AIV.6 Auf der Bronzetafel mit dem Profilportrait Dalmanns wurde dessen kurzes Leben mit einem Gedenkspruch gewürdigt: "Wohl ihm er starb | eh Alter ihn geschwaecht | die Frucht erfreu | ein künftiges Geschlecht."

Hesse 2012
Grab Dalmann auf dem Friedhof Ohlsdorf, Zustand Februar 2012. Foto: F. P. Hesse

In den 1930er Jahren wurde dieser Friedhof – es war der sechste des altstädtischen St. Jacobi-Kirchspiels – aufgelassen und besteht mit wenigen erhaltenen Grabdenkmälern als Jacobi-Park fort. Als 1960 die Grabstätte nach Ohlsdorf in die Nähe des Nordteiches (AA15) verlegt wurde – sie wurde damals von Arthur Becker-Dalmann erworben – translozierte man nur die Löwenplastik und die vormals in den Fels eingelassene bronzene Gedenktafel. Außerdem wurden Dalmanns Gebeine und Urnen von Familienmitgliedern (aus einem anderen Ohlsdorfer Grabfeld) umgebettet.7 Eine Granitplatte für Anna Friederike Melchers geb. Dalmann (1878–1949) befindet sich ebenfalls an der Grabstätte. Beide Platten lagen vor Übernahme der Grabstätte durch uns auf dem Grabfeld vor dem etwas versunkenen Löwen. Auf dem Althamburgischen Gedächtnisfriedhof erhielt Dalmann noch ein Ehrengrab zusammen mit seinem Vorgänger Heinrich Hübbe (1803–1871).

Gedenktafel
Gedenktafel Hübbe-Dalmann (links) auf dem Althamburgischen Gedächtnisfriedhof. Foto: F. P. Hesse

In seiner nach Ablauf der Friedhofsdauer 1985 aufgelassenen Form hatte das Dalmannsche Grab, für das meine Frau sich entschieden hatte, Raum für weitere Bestattungen und neue Bezüge. Es bedurfte allerdings der Restaurierung und Umgestaltung, so dass die Kissensteine, der Löwe und die Bronzetafel wieder in einem ansehnlichen und auf die einstige Situation auf dem Jacobi-Friedhof verweisenden Verhältnis zueinander stehen sollten. Der Löwe wurde in der Oberfläche schonend gereinigt und retuschiert und um eine gute Handbreit höher auf ein neues Fundament gesetzt. Die Bronzeplatte, deren eine fehlende Eckrosette durch einen Nachguss ergänzt wurde, erhielt einen neuen Sandsteinsockel und wurde so wie einst im Elbsandsteinfels links hinter dem Löwen platziert. Vor dem Sockel liegt nun der Kissenstein für Anna Friederike Melchers, vor dem Löwenkopf über der Urne der Kissenstein für meine Frau. Die Bepflanzung dieses Grabes in ihrer naturhaft wilden Gestaltung mit Pflanzen aus unserem Garten weicht von den weit verbreiteten Pflanzschemata ab. So hätte es meine Frau geliebt. Dieser kleine Garten wird noch einige Entwicklungsstadien durchmachen und seine Gestalt bis zu einer gewissen Stabilität reifen.

Die gebräuchliche und speziell von Franz Andreas Meyer und dem AIV Dalmann zugedachte Stärke-Metapher der mähnengeschmückten Raubkatze wollen wir weiterhin gelten lassen – auch wenn wir heute aus aufgeklärt naturwissenschaftlicher Warte wissen, dass die Löwinnen ja die eigentlich fleißigeren sind, die das Futter erjagen, um die Familie zu ernähren. So passt dieses Sinnbild auch zu Ute Herrmann: willensstark und tatkräftig war auch sie. Und vor allem zugewandt ihren Mitmenschen, ihrer Familie, ihren Freundinnen und Freunden, ihren Kolleginnen und Kollegen; das bezeugen die vielen sie würdigenden und ehrenden Rückmeldungen auf die Nachricht von ihrem Tod und die zwei von Kolleginnen und Kollegen gepflanzten und jeweils mit Widmung versehen Bäume: ein Birnbaum auf der Streuobstwiese des Umweltzentrums Gut Karlshöhe und ein Ginko auf dem die Bahnstrecke abschirmenden Wall am Rande des Wilhelmsburger Inselparks gegenüber dem zu jener Zeit gerade fertiggestellten Bau der BSU, den sie dienstlich nicht mehr beziehen konnte.

Hesse 2014
Grabanlage Dalmann und Herrmann auf dem Friedhof Ohlsdorf, Zustand Sommer 2014. Foto: F. P. Hesse

Die Bäume haben unmittelbaren Bezug zu ihrem Beruf. Mit dem Baumschutz hatte sie nach dem Studium der Landespflege in Hannover und dem Vorbereitungsdienst 1983 im Bezirksamt Hamburg-Nord als Untere Naturschutzbehörde ihre berufliche Laufbahn begonnen. Über das Naturschutzamt der Umweltbehörde gelangte sie in die 1992 neu gebildete Stadtentwicklungsbehörde, in der sie ab 2003 im Amt für Stadtentwicklung die Abteilung für Grundlagen der Stadtentwicklung, Raumordnung und Regionalplanung, ab 2004 im Amt für Landes- und Landschaftsplanung die Abteilung Landes- und Stadtentwicklung leitete. Ihre Zuverlässigkeit schätzend, hatte die Behörde ihr auch die Projektleitung für das Hamburg House auf der Expo 2010 in Shanghai übertragen. Ihre letzte Position seit Herbst 2011 als Leiterin der Abteilung Landschafts- und Grünplanung war immer ihr Wunsch gewesen – fand sie sich hier doch in ihrem Wahlfach wieder und sah die Chance, Natur und Stadt zusammenzuführen. Sie hatte die Hansestadt im Kuratorium des Oberprüfungsamtes für den höheren technischen Verwaltungsdienst vertreten und war in der Deutschen Akademie für Städtebau und Landesplanung aktiv.8 Doch die Zug um Zug einsetzenden Krankheitssymptome machten ihrem Wirken ein schnelles Ende. Mit Johannes Dalmann, dessen Grabstätte sie nun mit ihm teilt, hatte sie nicht nur ein viel zu kurzes Leben im Dienste der Freien und Hansestadt Hamburg gemein, sondern auch ihre fundamentale Leidenschaft für die Profession.

In den letzten Wochen und Tagen ihres Lebens, das sie in ihrer aussichtslosen Situation dem Volksdorfer Diakonie-Hospiz anvertraut hatte, sprach sie, überdrüssig des sich stetig verschlimmernden Leidens, immer wieder den Wunsch aus, zu ihrem Löwen gehen zu dürfen. Er spielte vielleicht schon die Rolle, die Sibylle Lewitscharoff in ihrem Blumenberg-Roman9 dem Löwen im Arbeitszimmer des Philosophen zugedachte: als schönste Trostgestalt10, ohne die das Leben ein armseliges wäre.11 Der Löwe auf dem Grab scheint mir Lewitscharoffs Blumenberg-Löwen verwandt: Völlig entspannt liegt er da, kauernd, die Augen geöffnet, eher mit sinnendem als aufmerksamen Blick. Diese von der Todgeweihten vorgeahnte Hoffnung, ja vorbestimmte Wandlung des Sinnbildes von der Stärke zum Trost spüre ich immer wieder, wenn ich ihren kleinen Garten auf Ohlsdorf besuche.
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1 Barbara Leisner, Heiko Schulze, Ellen Thormann: Der Hamburger Hauptfriedhof Ohlsdorf. Geschichte und Grabmäler. Bearb. von Andreas v. Rauch. Hg. Kulturbehörde Hamburg/Denkmalschutzamt. Hamburg-Inventar: Themen-Reihe Bd. 4, Hamburg 1990, Bd. 1 S. 139 und Bd. 2 S. 107 Kat.-Nr. 687; Helmut Schoenfeld: Der Ohlsdorfer Friedhof. Ein Handbuch von A – Z. Bremen 2006, S. 82
2 Leisner, wie Anm. 1 sowie Bd. 2 S. 83 Kat.-Nr. 504; Schoenfeld, wie Anm. 1, S. 119
3 Leisner, wie Anm. 1 sowie Bd. 2 S. 31 Kat.-Nr. 134; Schoenfeld, wie Anm. 1, S. 38
4 Heinrich Reincke: Dalmann, Johannes Christian Wilhelm. In Neue Deutsche Biografie Band 3, Berlin 1957, S. 494 f.
5 Michael Pommerening, Karl-Heinz Meier: Eilbek in Wort und Bild. Hamburg 2008, S. 36
6 Franz Andreas Meyer, Festschrift "Rückblicke auf die ersten 25 Lebensjahre des Architekten- und Ingenieur-Vereins in Hamburg. Im Auftrage des Vereins herausgegeben von der Commission für das 25jährige Stiftungsfest am 18. /19. April 1884". Hamburg 1884, S. 54
7 Auskunft Verwaltung Friedhof Ohlsdorf
8 Nachruf der Deutschen Akademie für Städtebau und Landesplanung/Landesgruppe Hamburg, Mecklenburg-Vorpommern, Schleswig-Holstein, in "Einladung und Materialien zur Akademieversammlung 2012 in Leipzig", Berlin 2012
9 Sibylle Lewitscharoff: Blumenberg. Roman. Berlin 2011. Hans Blumenberg (1920–1996), Professor für Philosophie in Hamburg, Gießen, Bochum und Münster. In diesem Zusammenhang erwähnenswert: Hans Blumenberg: Löwen. Frankfurt 2001 – eine Sammlung und Interpretationen von Löwenbildern und -geschichten in Literatur, bildender Kunst und Philosophie.
10 Andrea Rödig, Schiffbruch mit tröstendem Zuschauer, Tageszeitung/Sonntaz 1.10.2011, S. 23
11 Ijoma Mangold, Der Trost des Löwen. Die Zeit 37/2011

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