OHLSDORF - Zeitschrift für Trauerkultur

Tod an der Elbe: Über Friedhöfe und Grabmäler im Wendland

 - August 2012
Ausgabe: 
Nr. 118, III, 2012

Friedhöfe im ländlichen Raum

Im Vergleich zu städtischen Friedhöfen sind die Begräbnisplätze und Grabmäler ländlicher Regionen bislang in der Forschung vernachlässigt worden.1 Nur wenige Untersuchungen behandeln größere historische Territorien oder Kulturlandschaften – und wenn, dann handelt es sich zumeist um kaum mehr als bloße Inventare. Dabei zeigt gerade ein Blick auf die sepulkrale Kultur ländlicher Räume, dass sich die deutsche Friedhofsgeschichte zwischen Nordsee und Alpen nicht als linearer Prozess darstellt. Vielmehr weist sie zahlreiche Facetten, überraschende Kontinuitäten, Brüche und "Anachronismen" sowie nicht zuletzt regionale Spezifika auf. "Die Veränderungen des ländlichen Alltags", so schreibt Ludger Heuer in seiner Studie über Friedhöfe in Unterfranken, "reflektierten sich deutlich am Friedhof. Er war immer ein wichtiger Platz innerhalb der Dorfgemeinschaft … . Der Friedhof ist somit ein Spiegelbild gesellschaftlicher Vorgänge."2

Neben Alltag und Gesellschaft, kulturellen und politischen Eigenarten der einzelnen Regionen sind es nicht zuletzt die landschaftlichen Gegebenheiten, die besondere sepulkrale Ausdrucksformen hervorgebracht haben. In Norddeutschland spielt dabei der Tod im und am Wasser eine prägende Rolle – sei es an den Küsten von Nord- und Ostsee, sei es an den großen Flüssen wie Elbe und Weser. Immer wieder findet man auf den Grabmälern der anliegenden Friedhöfe Hinweise auf die besondere Verbundenheit der Bevölkerung mit dem Wasser.

Dies gilt auch für das Hannoversche Wendland – eine Region, deren Geschichte eng mit der Elbe verflochten ist. Wie auch in anderen Gegenden am Fluss ist die Elbe hier "seit der Urzeit für alle Menschen, die an ihm siedelten, ein Lebenselement gewesen. Sie holten aus ihm einen Teil ihrer Nahrung, sie bewegten sich auf ihm fort, sie nützten seine Wasserkraft, sie taten ihm Gewalt an, wenn es ihren Zwecken diente, veränderten seinen Lauf, sperrten ihn in Schleusen und Kraftwerke ein, demütigten ihn als Kloake."3 Nicht zuletzt bildete die Elbe in der Zeit nach dem DDR-Mauerbau 1961 für beinahe drei Jahrzehnte eine fast undurchlässige Grenze – der Versuch sie zu überwinden brachte häufig den Tod. Den Tod brachte das Wasser der Elbe aber auch ohne Mauer und Stacheldraht: Es war der "nasse Tod" durch Ertrinken oder der Tod in Ausübung spezieller, mit dem Fluss verbundener Berufe – schließlich kennt die Geschichte des Wendlandes zahlreiche Elbschiffer- und Fährfamilien.

Friedhofs- und Grabmalkultur im Wendland

Die Friedhöfe im Wendland bieten bis heute Zeugnisse dieser Verbundenheit mit der Elbe. Bevor wir darauf im einzelnen zu sprechen kommen, seien einige allgemeine Charakteristika wendländischer Friedhofs- und Grabmalkultur anhand beispielhafter Orte skizziert. Besonders aufschlussreich erscheint die Sepulkralgeschichte von Dannenberg. Hier diente der traditionelle christliche Kirchhof der 1311 erstmals bezeugten Stadtkirche St. Johannis bis weit in die Neuzeit hinein als reguläre Begräbnisstätte.4 Zu Beginn des 19. Jahrhunderts jedoch wurde der Dannenberger St.-Johannis-Kirchhof vom südwestlich der Stadt gelegenen St.-Annen-Begräbnisplatz5 sowie dem 1816 neu angelegten, bis heute genutzten Stadtfriedhof bei Lüggau abgelöst. Die Hintergründe dieses raschen Wechsels hängen zum einen mit der allgemeinen Friedhofsgeschichte, zum anderen aber mit den besonderen landschaftlichen Gegebenheiten an der Elbe zusammen. In den Jahrzehnten um 1800 kam es in Deutschland zu einer umfassenden Welle von Friedhofsverlegungen. Fast überall waren die innerörtlichen Kirchhöfe in den Städten zu klein geworden. Aufklärerisch-hygienisch motivierte Forderungen nach einer Reform des Bestattungswesens mündeten in eine allgemeine Auslagerung der Friedhöfe vor die Tore der Städte. Dass aber auch die Belegung des Dannenberger St.-Annen-Begräbnisplatzes6 schon bald zugunsten des neuen Lüggauer Friedhofs aufgegeben werden musste, hing mit seiner Lage im Überschwemmungsgebiet der Jeetzel zusammen (deren Gefahren erst mit der Kanalisierung des Flusses gebannt werden konnten).7 Der Lüggauer Friedhof wurde schließlich – wiederum typisch für die Friedhofsgeschichte – 1875 noch erweitert.8 Es war die Zeit von Bevölkerungswachstum und Urbanisierung im Deutschen Reich, die Zeit, als in etlichen Städten bestehende Anlagen erweitert oder gar – wie in Hamburg und Berlin – neue Großfriedhöfe angelegt wurden. Es war auch die Zeit, als vielerorts Leichenhallen auf den Begräbnisplätzen errichtet wurden, um die als hygienisch bedenklich betrachtete Hausaufbahrung abzulösen. Im Wendland bietet der Prezeller Friedhof mit seiner Leichenkammer von 1888 ein entsprechendes Beispiel.9

Die hygienisch motivierten Reformen im Friedhof- und Bestattungswesen, wie sie sich im Verlauf des 18. und 19. Jahrhunderts vollzogen, lassen sich auch an den Beispielen Lüchow und Schnackenburg zeigen. Bis zum Beginn des 19. Jahrhunderts hatte die Stadt Lüchow den innerstädtischen Johanniskirchhof als Begräbnisstätte genutzt, bevor der Friedhof an der St.-Annen-Kapelle in der Salzwedeler Vorstadt und seit 1892/93 der heute noch belegte Neue Friedhof genutzt wurden.10 In Schnackenburg wurde im Jahr 1836 der heutige Friedhof nordwestlich außerhalb der Stadt angelegt (mit dem angrenzenden jüdischen Friedhof der ehemaligen Synagogengemeinde Gartow-Schnackenburg).11 Die nach der Verlagerung der Begräbnisstätten vor die Tore der Städte nutzlos gewordenen Kirchhöfe wurden häufig, wie in Breselenz, in Grünanlagen umgewandelt.

Die Verlegung der Friedhöfe veränderte auch die Bestattungskultur. Die Wege wurden weiter und beschwerlicher (eine Entwicklung, die übrigens allgemein in Deutschland im späten 19. Jahrhundert das Aufkommen privater, häufig aus Fuhrunternehmen hervorgehender Bestattungsunternehmen begünstigte). Für das Kirchspiel Dannenberg liegt ein zeitgenössischer Bericht über Begräbniszüge im 19. Jahrhundert vor. Bemerkenswert ist die öffentliche Aufbahrung der Verstorbenen. Über den weiteren Ablauf der Feierlichkeiten lesen wir ausführlich in der "Zeitschrift des Historischen Vereins von Niedersachsen", Jahrgang 1850: "Am Begräbnistage versammelt sich Morgens zeitig das Trauergefolge im Trauerhause. Es wird demselben eine Erfrischung von etwas derber Natur vorgesetzt, da sie ziemlich den ganzen Tag halten muß. Gegen Ende des Frühstücks singt der Ortslehrer mit seiner Schule einen oder zwei Gesänge am Sarge. Wenn nun auch die Begierde des Essens und Trinkens gestillt ist, wird der Sarg auf den Wagen gehoben und auf dessen Fußende setzt sich die nächste Anverwandte der Leiche, gehüllt von dem Scheitel bis zur Zehe in ein weißes Leinenlaken. Ehe jedoch der Zug sich auf den Weg nach Dannenberg begiebt, wird der Sorge jener Frauensperson ein Eimer mit geschälten Kartoffeln und ein Korb mit Fleisch, Hühnern, Reis … übergeben, also ihr vor die Füße gestellt. Es soll hieraus in Dannenberg im Hause des Brauers für die weibliche Trauerversammlung eine Suppe gekocht werden, welche verzehrt wird, während die Männer ihr Faß Bier austrinken. Die Landgemeinde des 1. Predigers bringt ihre Leichen in die Nähe der St. Georgs-Capelle, die des 2. Predigers in die Nähe der St. Annen-Capelle. Um dahin zu gelangen, geht aus Klein-Heide z. B. der Zug durch die ganze Stadt Dannenberg in beschriebener Weise. Vor dem Brauerhause wird Korb und Eimer abgesetzt, auch fangen einige der Frauen dort das Kochen an. Während der Zeit wird von den Nachbarn, also von dem Trauergefolge, die Gruft bereitet und Prediger und Schule gerufen. Diese finden den Sarg geöffnet auf einer Bahre und das ganze Trauergefolge, Männer und Frauen, im Halbkreise herumstehen. Die Schule stellt sich nun vor den Sarg, ebenfalls im Halbkreise, und singt einen Gesang. Im letzten Verse tritt jeder Verwandte der Leiche an den Sarg und giebt derselben die Hand. Dann wird der Sarg geschlossen, aufgehoben und unter dem Gesange der Schule an die Gruft getragen. Wenn der Sarg versenkt ist, wird der Gesang von der Schule gesungen: Nun laßt uns den Leib begraben! Dies geschieht während des Singens. Jetzt begiebt sich das ganze Trauergefolge in die Capelle, wo ein regelmäßiger Gottesdienst, mit Predigt und Altardienst gehalten, wird. Nach geendigtem Gottesdienste begiebt sich das Gefolge ins Brauerhaus, wo die Frauen die Suppe, die Männer aber die Tonne Bier verzehren. Gegen Abend geht Jeder, so gut er kann, nach Hause."12

Schiff
Schiffsdarstellung auf einem Grabmal in Neu Darchau. Foto: N. Fischer

Kommen wir zur Grabmalkultur. Mitte des 20. Jahrhunderts wurde in einem Überblick festgestellt, dass unter den 184 unterschiedlichen Symbolen im Wendland die christlichen noch immer deutlich überwogen. Weiter hieß es in dieser Betrachtung: "Wenn es auch schon oft in älteren Tagen so war, daß z. B. in Gorleben der einfache Anker oder der mit umwundenen Tau oder mit einem beigegebenem Eichenzweig vorherrschte, in Plate der Halali blasende Jäger zu finden war, bei den Adelsgeschlechtern des Kreises das Familienwappen, auf den Gräbern alter Korpsstudenten der studentische Zirkel, bei Freimaurern das Winkelmaß, bei Bergleuten Hammer und Schlageisen, und was es sonst gewesen sein mag, so trugen doch auch Pastoren- und Lehrergräber die aufgeschlagene Bibel und Gräber von Freikirchlern den Feuerstern oder das umstrahlte Kreuz usw. und ließen tiefere Rückschlüsse zu. Gegenüber Initialen und nachgeahmten handschriftlichen Namenszügen auf neueren Gräbern geben farben-symbolische Sinnbilder den Geschmack älterer Tage wieder. Symbole, wie weiße Lilien für Unschuld und Tugend, rote Rose und Bluttropfen unter Dornenkränzen als Zeichen für Liebe und Opfertod, grüne Ranken für frohe Ewigkeitshoffnungen, violette Bänder für herzliche Reue und Buße und schwarze Trauerschleier, lassen das Seelenleben der pietistischen Aera erkennen."13

Segelyacht
Segelyachtdarstellung auf einem Grabstein in Neu Darchau. Foto: N. Fischer

Halboms Beobachtungen gelten nicht mehr für jüngere Grabfelder im Wendland. Individuelle Symbole sind rar geworden. Hin und wieder erscheinen noch die Geburtsorte ehemaliger deutscher Ostgebiete, wir lesen Gr. Herzogwalde oder Tillwalde (Westpr.) und Karalehne (Ostpr.) und entdecken "Elchschaufeln": Belege zu Flüchtlingsschicksalen und die bis zum Tod währende Verbundenheit zu der durch NS-Diktatur und Weltkrieg verlorenen alten Heimat. Ansonsten springen Blumen (vorzugsweise Rosen), Farne und Palmblätter, Engel, Kreuze, eingerissene Herzen, untergehende Sonnen, betende Hände, Ähren und Alphas und Omegas ins Auge.

Grab Gaedke
Berufsbezogene Grabinschrift in Schnackenburg. Foto: N. Fischer

Auf einigen Friedhöfen ist der Einfluss städtisch-bürgerlicher Grabmalkultur deutlich erkennbar, so in Hitzacker: Herausragendes Beispiel ist hier die für ländliche Regionen ungewöhnliche Grabfigur der "Trauernden" zum Gedenken an die im Dezember 1923 jung verstorbene Elisabeth Blanck – ein charakteristisches Beispiel bürgerlicher Sepulkralkultur. Auch sonst hebt sich der Stadtfriedhof Hitzackers von den übrigen wendländischen Friedhöfen ab. Topographisch dem Weinberg benachbart, zieht er sich landschaftlich reizvoll hoch über dem Elbufer an Hängen um die – nur noch in Relikten erhaltene – einstige Bergkirche. Ihm benachbart ist der Privatfriedhof des westlich der Stadt gelegenen Gutsbezirkes Dötzingen sowie der Begräbnisplatz der früheren jüdischen Gemeinde von Hitzacker.

Grab Basedow
Berufsbezogene Grabinschrift in Hitzacker. Foto: N. Fischer

Sichtbar geblieben – und von nicht geringer kunsthistorischer Bedeutung – ist an einigen Orten des Wendlandes der Einfluss der "fürstlichen Zeit" auf die Sepulkralkultur. Herausragendes Beispiel ist die 1592 erbaute Breeser Gutskapelle, die später als Grabkirche genutzt und mit Grabmälern, Epitaphien und einer Gruft versehen wurde.14 Sie gehört zum Gut Breese i. Br., das Anfang des 16. Jahrhunderts in den Besitz derer von Grotes kam, einem weitverzweigten lüneburgischen Adelsgeschlecht. Zum adlig-sepulkralen Ensemble in Breese zählt zudem ein kleiner Begräbnisplatz nebst dem – allerdings in seinen Dimensionen äußerst bescheidenen – Mausoleum für Graf August Otto Grote aus dem Jahr 1830. Vergleichen lässt sich ein solches Ensemble beispielsweise mit der Sepulkralkultur adliger Güter in Schleswig-Holstein.15 Weitere Grabplatten und Epitaphien finden sich in den anderen wendländischen Patronatskirchen mit Grablegen der adligen Familien – so der Familie von Plato in Plate mit dem Renaissance-Epitaph für den 1580 gestorbenen Christoph von Plato, der von Bernstorffs in Gartow, von der Knesebeck in Kolborn und Clenze, von Bodenteich in Schnega.16

Die wendländischen Friedhöfe bieten nicht zuletzt Beispiele für Grabstätten namhafter Persönlichkeiten aus Wissenschaft und Kultur: In Gartow ist der Mediziner Gerhard Friedrich Wilhelm Ellissen (1778-1838) beigesetzt und in Damnatz der Schriftsteller Nicolas Born (1937-1979), der seine letzten Lebensjahre im Wendland verbrachte und sich in der deutschen Literatur nach 1960 seinen Rang unter anderem als Lyriker, Hörspielautor und Verfasser dreier Romane eroberte. Das Grab von Nicolaus Born findet man nicht auf dem noch erhaltenen Kirchhof an der Fachwerkkirche inmitten des alten Dorfes, sondern auf dem neuen Begräbnisplatz ein Stück stromabwärts von Damnatz.

Tod im "Elbstrom"

In der norddeutschen Sepulkralkultur hat das Element Wasser eine prägende Rolle gespielt. Auf den Kirchhöfen an Nord- und Ostsee zeugen die Grabsteine ebenso wie die Namenlosen-Friedhöfe für unbekannte Strandleichen von der besonderen Beziehung zwischen Wasser und Tod. Überregional bekannt wurden beispielsweise die aufwändig gestalteten, mit reichen Inschriften versehenen frühneuzeitlichen Seefahrer- und Walfänger-Grabsteine auf den Inselfriedhöfen von Amrum und Föhr.17

Allgemein reichhaltigen, teils mythologischen Niederschlag hat die Verbindung von Wasser und Tod in Literatur und Kunst gefunden: in Goethes "Faust II"-Projekt ebenso wie in der Prosa Theodor Storms, in Guéricaults berühmten "Floß"-Gemälde, den romantischen "Ophelia"-Darstellungen und in den populären "Toteninseln"-Varianten Arnold Böcklins aus dem späten 19. Jahrhundert. Flüsse, Seen und Meere sind immer wieder Schauplätze des Freitods oder tragischer Unglücksfälle gewesen – was sich nicht selten in den Inschriften der Grabmäler niedergeschlagen hat.

Damit kehren wir zurück ins Wendland: Ein gänzlich unspektakuläres, gleichwohl besonders anrührendes Beispiel des "nassen Todes" bietet der Friedhof von Drethem. Auf einem kleinen, eher unscheinbaren und bereits ein wenig verwitterten Grabstein für ein nicht einmal zehn Jahre alt gewordenes Kind ist bei näherem Hinsehen als Ort des Todes knapp und prägnant "Elbstrom" verzeichnet. Über die näheren Umstände dieses Todesfalles aus dem Sommer 1945, inmitten der Wirren, Leiden und Nöte kurz nach Ende des Zweiten Weltkrieges, wird nichts vermerkt – nur die zusätzliche Inschrift "Auf Wiedersehen liebes Kind" zeugt von der tröstenden Hoffnung auf ein "anderes" Leben. Immerhin verweist die fast selbstverständlich wirkende, gleichwohl ungewöhnliche Erwähnung des Todesortes auf eine gewisse Vertrautheit mit dem nahen Fluss.

Auf zwei Opfer aus der großen Zahl in der Elbe Ertrunkener sei im Folgenden näher eingegangen. Am 21. Juli 1909 schrieb der Heimatdichter Wilhelm Keetz: "Es ist nur einem ganz besonders großen Dusel zuzuschreiben, wenn ich hier als Kulturmensch noch an der Schreibmaschine sitze und nicht selbst schon den Hechten und Aalen als Speise diene. Ich kam gestern mit dem Seehund aus Bleckede zurück. Trotz aller Warnungen der vereinigten Edelbürger, die meine schätzenswerte Kraft in Anbetracht der Jubelfeier gern erhalten sehen wollten, segelte ich bei sehr heftigem Sturm die Elbe hinauf, denn wie Sie wissen, ist Furcht ein Wort, das in meinem Lebensvokabularium Gott sei Dank vergessen ist. Auch weiß ich, daß die Jahre noch nicht ganz herum sind, die ein blindes Geschick mir gesetzt hat." Wenige Tage später, am 30. Juli 1909 gegen 15 Uhr, ertrank Keetz, der als "ausgeprägter Dickkopf" galt und "Opfer seines Leichtsinns" wurde, am Stromkilometer 518.18 Zum Hergang schrieb die "Zeitung für das Wendland": "Der weit und breit bekannte Heimatschriftsteller Wilhelm Keetz aus Hitzacker ist am Freitagnachmittag in der Elbe ertrunken. Er war bei böigem Winde trotz mehrfacher Warnung in einem leichten Boote auf die Elbe hinausgefahren. Kaum hatte er die Jeetzelmündung passiert und den Elbstrom erreicht, da kenterte das Boot und der Insasse versank in den Fluten der Elbe. Das Unglück brach so schnell herein, daß einige Personen, die in nächster Nähe angelten, von dem Vorfall nichts gemerkt haben, dieselben sahen nun das gekenterte Boot in den Wellen treiben."19 Keetz’ Grab liegt auf dem Friedhof von Hitzacker; eine Straße ist nach ihm benannt worden und ein kleines Haus-Schild in der Marschtorstraße unweit der Elbe erinnert an die Stätte seines Wirkens.

Es liegt in der Natur des Elementes Wasser, dass jeder Fluss, jedes Binnengewässer dem Rettenden zum Verhängnis werden können. Einer dieser Fälle wird in der Langendorfer Kirchenchronik beschrieben: "Am 18. September 1961 wurde der Mittelschüler Ernst-Walter Jaworowski aus Langendorf ein Opfer der tückischen Elbe. In den Nachmittagsstunden badeten die Kinder Gerhard und Heinz-Günter Rogge mit Eckard Schützler in der Elbe. Die Ehefrau Herta Garn ging mit ihrem kleinen Sohn an der Elbe spazieren. Als sie über den Deich kam, hörte sie bereits die Hilferufe der dort badenden Kinder. Frau Garn erkannte sofort die Notlage und sprang behende ins Wasser. In diesem Augenblick kam auch Ernst-Walter Jaworowski herzu und nahm an der Rettung der ertrinkenden Kinder tatkräftig teil. Als die Kinder aus den Strudeln der tückischen Elbe befreit waren, rief Ernst-Walter um Hilfe. Doch er konnte nicht mehr lebend geborgen werden. Die schnell herbeigeeilten Dorfbewohner, der Fischer und die Wasserschutzpolizei der Ostzone konnten den mutigen Lebensretter nur noch tot bergen." Den Dannenberger Mittelschüler, der mit den Angehörigen erst 1958 aus seiner ostpreußischen Heimat gekommen war, begleitete man am 21. September auf dem Langendorfer Friedhof zur letzten Ruhe.20

Katastrophale Zustände herrschten beim Hochwasser des Jahres 1888. Die Fluten standen so hoch, dass selbst die Beerdigung von Opfern teilweise zum Problem wurde. In den Aufzeichnungen vom 28. März 1888 heißt es: "Die Pioniere arbeiten unausgesetzt am Rettungswerke. Eine Abteilung derselben hatte heute eine besondere Aufgabe zu erfüllen. Ein im Wasser zu Breese verunglückter junger Mann war zu beerdigen. Der Kirchhof des Dorfes steht aber unter Wasser. So mußte die Leiche nach einem hochgelegenen Gottesacker gebracht werden. Man hatte dazu den in Quickborn gewählt, weil der von Breese aus noch am ehesten per Kahn erreicht werden konnte. Mir wurde über den Verlauf Folgendes erzählt: Die Pioniere ruderten in einem Ponton bis ans Trauerhaus, und stellten sich um den Sarg. Bald ertönte das Commando: 'Mütze ab! Zum Gebet!' darnach hoben die Soldaten den Sarg auf, trugen ihn in ihr Fahrzeug und glitten über die stille sonnenbeleuchtete Wasserfläche mit taktmäßigen Ruderschlägen dahin bis in die Nähe des obengenannten Kirchhofes. Dort senkten sie den Sarg still wie sie gekommen ins schon bereitete Grab."21

Der Alltag in Drethem, Neu Darchau, Langendorf und anderen Orten war von der Nähe zur Elbe geprägt. Zahlreiche Familien waren in der Schifffahrt tätig – Vietze und Pevestorf können hier auf eine besonders eindrucksvolle Geschichte und Tradition verweisen. Zunächst waren es die Segel- und Treidelfahrt, ab Mitte des 19. Jahrhunderts dann auch die unterschiedlichen Formen der Dampfschifffahrt, die – neben dem Betrieb der Fähren – Einkommen und Nahrung boten. Häufig lassen sich Berufsbezeichnungen wie Fährmann, Schiffsknecht und -mann, Steuermann, Schiffsführer und Kapitän finden – sowie Deichvogt und Fischer. Nicht selten betrieb man neben der Schifffahrt noch nebenerwerbliche Landwirtschaft.22 Das Elbschiffer-Dorf Vietze mit seinem 1888 gegründeten Schifferverein und seiner nur wenig später eingerichteten, jahrzehntelang bestehenden Schifferschule galt über lange Zeit hinweg gar als "Klein-Hamburg", bevor in der Zeit nach dem Zweiten Weltkrieg die Zahl der aktiven Elbschiffer rapide abnahm.23

Seit Ende des 19. Jahrhunderts verfügten die Binnenschiffe über mehrere Wohnräume, die es dem Eigner erlaubten, seine Familie mitzunehmen. So kam es vor, dass Menschen an Bord geboren wurden und – ohne besonderen Unglücksfall – an Bord starben.24 Bei Verstorbenen konnte es sich also um tödlich erkrankte Schiffer, aber auch um wenige Monate alte Kinder handeln.25

Häufiger jedoch geschahen Unglücksfälle. Im Jahr 1885 verloren zwei Vietzer Einwohner bei einer Kesselexplosion auf dem Dampfer "Austria" ihr Leben.26 Allein die in Vietze, Pevestorf und Restorf ansässigen Zweige der Elbschiffer-Familie Lamprecht verzeichneten innerhalb weniger Generationen von der Mitte des 18. bis zur Mitte des 20. Jahrhunderts sechs Todesfälle in Ausübung des Berufes in oder auf der Elbe. So ertrank 1862 bei Wittenberge der Steuermann Ludwig Lamprecht im Alter von 35 Jahren. Bei Harburg ertrank 1840 der Schiffsknecht Jochen Heinrich Lamprecht im Alter von 20 Jahren. Im Jahr 1893 – um ein letztes Beispiel zu nennen – wurde der Kapitän Ludwig Lamprecht zu Laube bei Tetschen von einem Schiffsmast erschlagen (wobei angeblich Mord im Spiel gewesen sein soll …).27

Einen besonderen Fall stellt der Tod des Schiffers Friedrich Lamprecht aus Vietze im Jahr 1859 im Hamburger Oberhafen dar (einem den Binnenschiffen vorbehaltenen Teil des Hamburger Hafens). Günther von der Brelie zitiert das betreffende Leichenregister der Kirche St. Georg in Hamburg "verstorben aufm Schiff im Oberhafen, beigesetzt auf dem allgemeinen Begräbnisplatz" und fasst die Umstände der Beerdigung wie folgt zusammen: "St. Georg war die dem Oberhafen am nächsten liegende Kirche. Die Todesanzeige machte der Bote der Totenlade ‚Die aufwärts fahrenden Steuer- und Schiffer-Leute’ … Friedrich Lamprecht war also Mitglied einer Sterbekasse."28 Solche Sterbekassen unterhielten auch andere Binnenschiffer-Vereinigungen – so etwa die Stecknitz-Fahrer am Stecknitz-Kanal (dem Vorläufer des Elbe-Lübeck-Kanals) zwischen Lauenburg und Lübeck, deren eigene Begräbnisanlagen auf den verschiedenen Friedhöfen entlang des Wasserlaufes teilweise bis heute noch relikthaft erkennbar sind.

Diese bis in den Tod reichende Verbundenheit mit der Elbe lässt sich nicht zuletzt in den Inschriften und Symbolen wendländischer Grabmäler finden. Da taucht die Bezeichnung "Schiffsführer" oder – wie in Schnackenburg auf dem Grabmal Gaedke – das Wort "Fährmeister" auf. Immer wieder finden sich auch auf den Friedhöfen der elbnahen Orte mehr oder weniger detailgetreue Darstellungen von Booten und Schiffen, die bisweilen auch auf die Verbundenheit mit dem großen weiten Meer verweisen.

Und wenn sich – wie auf der Neu Darchauer Grabstätte Hansen/Cunego recht detailgetreu zu erkennen – in den letzten Jahrzehnten Sport- und Freizeityachten dazu gesellt haben, so dokumentiert dies nichts weniger, als dass die wendländischen Friedhöfe und Grabmäler einerseits das Besondere dieser Region verkörpern, andererseits aber vom gesellschaftlichen Wandel nicht unberührt geblieben sind … Vielleicht sind es gerade diese manchmal allzu rasch erscheinenden Veränderungen, die immer wieder melancholische Rückblenden hervorbringen. "Gern denken", so schrieb Harald Purwing schon vor einigen Jahrzehnten in der "Elbe-Jeetzel-Zeitung", "die Vietzer Schifferfamilien an jene glückliche Zeit zurück, als ihre Väter und Söhne immer wieder am Heimatort vorbeikamen und ihre ankernden Schleppzüge und Einzelfahrer oft nach Feierabend die ganze Elbe zwischen Lenzen und Seegemündung füllten."29

Kontakt zu den Autoren:
Rolf Meyer: rha.meyer@t-online.de; Norbert Fischer: norbertfischer@t-online.de

1 Als neuere Übersichtsdarstellungen zur Geschichte der Friedhöfe siehe Norbert Fischer/Markwart Herzog (Hg.): Nekropolis – Der Friedhof als Ort der Toten und der Lebenden, Stuttgart 2005; Raum für Tote. Die Geschichte der Friedhöfe von den Gräberstraßen der Römerzeit bis zur anonymen Bestattung. Hg. v. Arbeitsgemeinschaft Friedhof und Denkmal/Zentralinstitut und Museum für Sepulkralkultur Kassel, Braunschweig 2003; Norbert Fischer: Vom Gottesacker zum Krematorium. Eine Sozialgeschichte der Friedhöfe in Deutschland seit dem 18. Jahrhundert, Köln / Weimar / Wien 1996 (Online-Version: http://www.sub-uni-hamburg.de/disse/37/inhalt.html); zur Geschichte der Grabmalkultur siehe als Überblick Grabkultur in Deutschland – Geschichte der Grabmäler. Hrsg. Arbeitsgemeinschaft Friedhof und Denkmal/Museum für Sepulkralkultur. Berlin 2009 .
2 Ludger Heuer: Ländliche Friedhöfe in Unterfranken. Dettelbach 1995, S. 15.
3 Die Elbe – Ein Lebenslauf. Labe – Zivot Reky. Ausstellungskatalog. Berlin 1992, S. 47.
4 Zur Geschichte wendländischer Sakralbauten siehe Alfred Kelletat: Kirchen und Kapellen im Wendland. Breeser Blätter 3, Breese im Bruche 1981; zu Friedhöfen und Grabmälern siehe den feuilletonistischen Beitrag von Werner Götz/Rolf Meyer: Kaum Geschichte, noch weniger Kunst. In: Elbe-Jeetzel-Zeitung vom 28. April 2012, S. 12-13.
5 Hier sind bis heute Grabstätte und Denkmal für die 1813 im Gefecht an der Göhrde tödlich verwundeten "Lützower Jäger" Eleonore Prochaska erhalten geblieben.
6 Otto Puffahrt: Sterberegister der St.-Annen-Kapelle zu Dannenberg 1676-1803, Kapelle, Friedhof, Todtenbuch. Lüneburg 1982.
7 In einer Bekanntmachung des Dannenberger Magistrats vom 18. September 1871 hieß es: "§ 1: Die Beerdigung von Leichen auf dem im Stadtbezirk belegenem St. Annen Kirchhofe wird, mit Rücksicht auf die gesundheitsgefährliche Beschaffenheit und Lage desselben und vornehmlich wegen der zunehmenden Gefahr der Cholera, verboten"; Puffahrt, Sterberegister (wie Anm. 7), S. 36f.
8 Denkmaltopographie Landkreis Lüchow-Dannenberg. Bearbeitet von Falk-Reimar Sänger (Denkmaltopographie Bundesrepublik Deutschland: Baudenkmale in Niedersachsen, 21), Braunschweig/Wiesbaden 1986, S. 82-85.
9 Ebd., S. 169.
10 Ebd., S. 149.
11 Ebd., S. 173.
12 Grünewald: Leichenbestattung im Wendland, in: Zeitschrift des Historischen Vereins von Niedersachsen, 1850, S. 362-363.
13 Harry Halbom "... hier schon ihren Lohn dahin ..." – Symbole auf den Grabsteinen des Wendlandes. In: Die Botschaft – Beilage – "Längs der Zonengrenze", Nr. 47/47, 16. November 1958.
14 Wolfgang Jürries/Berndt Wachter (Hg.): Wendland Lexikon, Band 1, Lüchow 2000, S. 278 und S. 356.
15 Denkmaltopographie (wie Anm. 9), S. 121; Wendland Lexikon (wie Anm. 13), S. 264. Zu Schleswig-Holstein siehe Michaela Henning: Privatfriedhöfe und Mausoleen, in: Fischer/Herzog (Hg.): Nekropolis (wie Anm. 1).
16 Wendland-Lexikon (wie Anm. 15), S. 264
17 Fischer/Schoenfeld: Regionale Grabmalkultur (wie Anm. 3).
18 Wilhelm Keetz, De Schult von Strachau und andere Geschichten aus der Elbmarsch, hrsg. von Carsten Keetz; Köhring, Lüchow, 1998, S. 15.
19 Zitiert nach: ebd., S. 5.
20 Kirchenchronik, maschinenschriftliches Manuskript, Kirchenarchiv Langendorf; S. 233.
21 Das Hochwasser in Dannenberg und Umgegend in der Zeit vom 23. März bis 23. April 1888 (Nachdruck der Broschüre), in: Das Hochwasser von 1888 im Landkreis Lüchow-Dannenberg, Berichte, Aufzeichnungen, Pressemitteilungen; bearbeitet von Otto Puffahrt, Lüneburg 1988.
22 Günther von der Brelie: Die Lamprecht im Hannoverschen Wendland, Lüchow 1998, S. 139-140.
23 Harald Purwing: Vietze im Wandel der Elbeschiffahrt. In: Am Webstuhl der Zeit. Heimatkundliche Beilage der Elbe-Jeetzel-Zeitung, 10. Jahrgang, Nr. 5 vom 20. Dezember 1962.
24 Von der Brelie: Lamprecht (wie Anm. 22), S. 147-148.
25 Ebd., S. 148.
26 Purwing: Vietze (wie Anm. 23).
27 Von der Brelie: Lamprecht (wie Anm. 22), S. 148.
28 Ebd.
29 Purwing: Vietze (wie Anm 23).

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