OHLSDORF - Zeitschrift für Trauerkultur

Inszenierte Gedächtnislandschaften: Perspektiven neuer Bestattungs- und Erinnerungskultur im 21. Jahrhundert (Teil I)

 - August 2011
Ausgabe: 
Nr. 114, III, 2011

Der vorliegende Beitrag ist die gekürzte Fassung einer von "Aeternitas e.V." in Auftrag gegebenen und im Internet veröffentlichten Studie.

Der zweite Teil wird in der nächsten Ausgabe erscheinen. Die vollständige Online-Version, die auch Anmerkungen und Literaturnachweise enthält, ist jeweils zu finden unter http://www.aeternitas.de/inhalt/forschung; http://www.aeternitas.de/inhalt/forschung/fischer/quellen/studie.pdf

1. Einleitung: Auf dem Weg in die Postmoderne

Als Friedhof der Zukunft wurde im Herbst 2010 von der Süddeutschen Zeitung ein so genannter "Erinnerungsgarten" vorgestellt. Anlass der Berichterstattung war eine Ausstellung in Mailand, die die künftige Konzeption eines kommunalen Friedhofes als landschaftlich modellierte Parkanlage mit Hügel und Wasserflächen zeigt. Grabstätten sind hier lediglich für den Randbereich der Anlage vorgesehen. An diesem Projekt ist vor allem zweierlei bemerkenswert: Erstens unterstreicht es die aktuelle Tendenz zu den verschiedenen Varianten naturnaher Bestattung – bei aller Unübersichtlichkeit innerhalb der gegenwärtigen Bestattungskultur unbestreitbar und quantitativ belegbar die wichtigste unter den neuen Richtungen. Zweitens dokumentiert es die wachsende Bedeutung des Erinnerungs-Aspektes im Umfeld der Bestattungskultur. Damit setzt das eingangs erwähnte Modell – wie auch ähnliche Friedhofskonzeptionen – klare Kontrapunkte gegenüber der Tendenz zur anonymen Rasenbestattung. Die Bestattungskultur des 21. Jahrhundert zeigt sich zunehmend als ausgeformte und inszenierte "Gedächtnislandschaft". Sie wird sich – dies sei vorab als Ergebnis der vorliegenden Studie zusammengefasst – insgesamt bewegen zwischen neumodellierten Räumen des klassischen Friedhofs und multipel inszenierten Gedächtnislandschaften im öffentlichen Raum bei einer zunehmenden Formenvielfalt von Aschenbeisetzungen. Nicht zuletzt zeigt sich dabei ein stellenweises Auseinanderdriften von Bestattungsort einerseits und Erinnerungsort andererseits.

Generell ist in den letzten Jahren ein stark wachsendes gesellschaftliches Interesse an Fragen der Bestattungs-, Sepulkral- und Erinnerungskultur zu beobachten. Wurde noch im späten 20. Jahrhundert das Thema Umgang mit den Toten gesellschaftlich marginalisiert, so zeigen sowohl das aktuelle Medieninteresse als auch die Vielzahl von Publikationen und mehrere große wissenschaftliche Projekte hier eine Zäsur an. Wo und wie wir bestatten – diese Frage findet immer stärkere Aufmerksamkeit in den öffentlichen wie auch fachinternen Diskursen.

Aus Sicht des wissenschaftlichen Diskurses überlagern sich seit dem späten 20. Jahrhundert ganz unterschiedliche Entwicklungen. Für die historische Epoche der bürgerlichen Industriemoderne, also die Zeit vom späten 19. bis zum späten 20. Jahrhundert, wird eine stetig zunehmende Funktionalisierung, Technisierung und Serialisierung der Bestattung konstatiert. Diese Tendenzen fanden ihren Beginn in der Einführung der modern-technischen Feuerbestattung und dem Bau von Krematorien und mündeten in die zunächst miniaturisierte, schließlich zeichenlos-anonyme Beisetzung von Toten auf den klassischen Friedhöfen sowie der Delegation der Abläufe und Zeremonien an professionalisierte Dienstleister und Institutionen. Dies zunehmend überlagernd, spielt seit rund 20 Jahren, also in der Ära der postindustriellen Moderne, die bewusst inszenierte Individualisierung der Bestattungs- und Erinnerungskultur eine immer bedeutendere Rolle. Dies gilt beispielhaft für die Ausdehnung der Bestattungs- und Erinnerungskultur in den öffentlichen Raum beziehungsweise die freie (Natur)-Landschaft – neuere Anlagen wie der kommunale „Ruheberg” im Schwarzwald werden später noch näher erläutert.

In Deutschland werden jedoch diese Entwicklungen postmoderner Bestattungs- und Erinnerungskultur durch die im internationalen Vergleich immer noch restriktive Gesetzgebung in den einzelnen Bundesländern teilweise erheblich eingeschränkt. Hier stellt sich künftig die Frage nach der Perspektive neuer Aushandlungsprozesse zwischen Gesetzgeber, Rechtssprechung, Kirchen, Friedhofsträger, Bestattungsunternehmen und anderen Akteuren im Umfeld der Bestattungs- und Erinnerungskultur.

2. Leitbegriffe und Diskurse in der Fachpresse

Einen bedeutsamen Indikator für die aktuelle Entwicklung der Friedhofs- und Bestattungskultur bilden die Berichte in den einschlägigen Fachzeitschriften. Analysiert wurden für den Zeitraum zwischen 1990 und 2010 die Verbandszeitschrift "Friedhofskultur" (Verband der Friedhofsverwalter Deutschlands) sowie die Zeitschriften "Friedhof und Denkmal" (Arbeitsgemeinschaft Friedhof und Denkmal) und die im Internet online im Volltext verfügbare "Ohlsdorf – Zeitschrift für Trauerkultur" (Förderkreis Ohlsdorfer Friedhof).

Auf dieser Materialgrundlage ist eine stetig wachsende Zunahme von Beiträgen zum Thema neue Bestattungs- und Erinnerungskultur zu verzeichnen. Vor allem für den Zeitraum zwischen 2005 und 2010 ist eine deutliche Häufung festzustellen. Typischerweise lauten die Titel solcher Beiträge "Friedhofskultur in Schieflage?", "Bestattungskultur im Umbruch" und ähnlich. Im Wesentlichen und ganz grundsätzlich geht es dabei um die allgemeine Rolle der Friedhöfe, um die Entwicklungen in anderen Ländern, um die gesellschaftlich-kulturellen, demografischen und wirtschaftlichen Ursachen des Wandels in der Bestattungs- und Erinnerungskultur sowie um die rechtlichen Rahmenbedingungen.

Die meisten Beiträge über die Bestattungskultur im Umbruch lassen sich unter den Leitbegriffen der "Liberalisierung" und der "Individualisierung" zusammenfassen. Gefragt wird nicht zuletzt nach der veränderten Rolle des Friedhofs und seiner Träger im Rahmen einer sich wandelnden Bestattungs- und Erinnerungskultur.

Charakteristisch für die Beiträge in der Fachpresse ist eine grundsätzlich obwaltende Unsicherheit in Bestattungs- und Friedhofsfragen, die in der Regel unter dem Stichwort "Liberalisierung" behandelt wird. Hier steht einerseits die Novellierung der Bestattungsgesetze in den einzelnen Bundesländern im Vordergrund, wie sie sich nicht zuletzt durch die rechtliche Problematik der privaten Baumbestattungs-Anlagen, aber auch durch die Sarg-Problematik bei muslimischen Bestattungen ergeben hat. In einem weiteren Sinn wird auch die Aufhebung des so genannten "Friedhofszwanges" für Aschenbeisetzungen diskutiert. In diesem Kontext wird zugleich immer wieder die Frage privater Trägerschaften für Friedhöfe unter Titeln wie "Privatbetriebene Friedhöfe bald in Deutschland?" aufgeworfen.

Als erste markante und nicht zuletzt sichtbare Zäsur gilt die Einführung der Baumbestattung im freien Wald in Deutschland, zunächst seit 2001 unter dem kommerziellen Markennamen "Friedwald". In privatwirtschaftlicher Trägerschaft stehend, kollidierte sie zunächst mit den Bestattungsgesetzen der einzelnen Bundesländer, bevor diese nach und nach entsprechend novelliert wurden (zuerst Nordrhein-Westfalen 2003). Generell spielt der Trend zu Naturbestattungen, wie Baum-, Alm- und Bergbestattungen, seit Ende der 1990er Jahre eine immer wichtigere Rolle in den Fachzeitschriften. Auch schon länger geläufige Formen der Naturbestattung, wie die Seebestattung, finden in diesem Umfeld zunehmend neue Beachtung – dies wird später noch zu erläutern sein.

Deutlich wird zudem, dass häufig über Innovationen der Bestattungskultur in Deutschland, aber auch aus anderen Ländern berichtet wird (zum Beispiel Niederlande, Schweiz). Dabei werden Initiativen einzelner Friedhofsverwaltungen, aber auch neue Orte der Bestattungs- und Erinnerungskultur vorgestellt (zum Beispiel Kolumbarien in Kirchen). Durch diese und andere Innovationen wird insbesondere die klassische Grabmalkultur und Grabpflege in Frage gestellt - auch dies wird später noch zu erläutern sein.

Ein weiteres katalysatorisches Moment für eine Bestattungskultur im Umbruch ist die wachsende Multikulturalität der Friedhofskultur in Deutschland. Die zunehmende quantiative Bedeutung etwa von muslimischen Bestattungen mit ihren eigenen Zeremonien und Traditionen hat völlig neue Voraussetzungen geschaffen, nicht zuletzt unter rechtlichen Aspekten. Vor allem bei Türken sind die sozialen Bindungen in Deutschland sehr stark geworden, so dass die früher übliche Tradition der Bestattung in "Heimaterde" in der Türkei tendenziell aufgegeben wird. In zahlreichen deutschen Kommunen gibt es mittlerweile islamische Gräberfelder, deren Einrichtung von besonderen religiösen Vorschriften geprägt wird, unter anderem Beisetzung ausschließlich mit Glaubensbrüdern und der Beisetzung im Leinentuch statt Sarg.

Die Bürgerbeteiligung und Bürgerwünsche hinsichtlich der Friedhofsgestaltung werden in zahlreichen Beiträgen vor allem in den letzten 10 Jahren thematisiert. Dabei werden Umfrageergebnisse vorgestellt, der Wandel in den Bestattungsarten erörtert und Grabmal- und Bepflanzungswünsche beschrieben. Die wachsende Bedeutung von Bürgerbeteiligung lässt sich auf das Interesse der Friedhofsverwaltungen zurückführen, ihr Angebot in einem sich wandelnden gesellschaftlich-kulturellen Umfeld zu optimieren.

Jenseits der Friedhofskultur stehen die zeremoniellen Veränderungen in der Trauerkultur im Vordergrund der Berichterstattung. Die "Eventkultur" findet starke Beachtung. In diesem Zusammenhang wird auch den "alternativen" Bestattern großer Raum gewidmet.

Ein weiteres, quantitativ jedoch weniger ins Gewicht fallendes Thema der Fachpresse ist die nachlassende Bedeutung christlicher Traditionen der Bestattungs- und Erinnerungskultur und das damit verbundene gesellschaftlich-kulturelle Vakuum. Sowohl die protestantischen Landeskirchen als auch die katholische Kirche positionieren sich gegenwärtig neu. Die Standpunkte reichen von einer kulturkritischen Ablehnung von Innovationen – hier ist von "Verflachung der Bestattungskultur" die Rede – bis hin zur Anlage eigener Baumbestattungsflächen und der Nutzung von Kirchen als Kolumbarien. Generell zeigen sich die protestantischen Landeskirchen gegenüber Neuerungen offener als die katholische Kirche. Thematisiert werden in den Fachzeitschriften daneben auch die vereinzelten Versuche, kirchlicherseits als Bestattungsdienstleister in Erscheinung zu treten.

3. Postmoderne Inszenierungen der Bestattungs- und Erinnerungskultur

Kommen wir nun zur Diagnose aktueller Bestattungs- und Erinnerungskultur. Der Rostocker Theologe Thomas Klie hat in dem von ihm herausgegebenen Band "Performanzen des Todes" die gegenwärtigen Entwicklungen in drei unterschiedliche Codes eingeteilt. Dieser Einteilung zu Folge, die im Folgenden leicht modifiziert wird, kann unterschieden werden zwischen dem "miniaturistisch-anonymisierenden Code" (Beispiel: anonyme Rasenbestattung), dem "naturreligiös-ökologischen Code" (Beispiel: Baumbestattung) und dem "performativen Code" (Beispiel: Aschediamant). Im Folgenden wird ausführlicher darauf eingegangen, weil diese Codes geeignet sind, die gegenwärtige Bestattungs- und Erinnerungskultur zu analysieren.

Der miniaturistisch-anonymisierende Code wird repräsentiert von der anonymen Rasenbestattung, also Bestattungsflächen ohne Kennzeichnung einzelner Grabstätten sowie ohne individuelle Grabmäler. Ihr geht in aller Regel die Einäscherung im Krematorium voraus, das heißt die Rasenbestattung ist eine Aschenbeisetzung. Die Urnen werden von Angestellten der Friedhofsverwaltung gemeinschaftlich unter einer Rasenfläche beigesetzt. Der genaue Ort ist nur der Verwaltung bekannt. Gelegentlich gibt es zentrale Gemeinschafts- oder Jahresdenkmäler, auf denen die Namen der Bestatteten summarisch verzeichnet werden. Eine Variante bilden in den Rasen oder in die Erde eingelassene Namenstafeln, die unter der – semantisch kuriosen – Bezeichnung "halbanonyme Bestattung" bekannt geworden sind.

Die vor allem in protestantisch geprägten Regionen – und hier vor allem in den Städten – steigenden Zahlen anonymer Rasenbestattungen bedeuten das Ende einer jahrhundertealten Tradition: der Tradition des individuellen oder familienbezogenen Grabes. Statt einzelner Grabstätten zeigt sich nun eine meist als grüne Rasenfläche gestaltete Gemeinschaftsgrabanlage, die unter diversen Bezeichnungen firmiert. Damit verringert sich auch der Raumbedarf und die Raumstruktur auf Friedhöfen entscheidend: es kommt zu einem Flächenüberhang. Ungenutzte Friedhofsflächen aber stellen den Erhalt vieler historisch gewachsener Bestattungsräume in Frage.

Die anonyme Rasenbestattung zeugt von einem pragmatischen, entzauberten Umgang mit dem Tod. Sie repräsentiert in ihrer Negation des Erinnerungsortes eine mobile Gesellschaft, in der eine emotionale Bindung an die traditionellen Erinnerungsorte des bürgerlichen Zeitalters keinen Sinn mehr zu machen scheint. Die anonyme Rasenbestattung dokumentiert darüber hinaus die Auflösung der ortsgebundenen Beziehungen zwischen den Generationen, wie sie vor allem die Familiengrabstätte des bürgerlichen Zeitalters repräsentierte, wie auch der bürgerlichen Muster zwischenmenschlicher Beziehungen (Familie, soziale Klasse, Konfession).

Eine gänzlich andere, ja entgegengesetzte Entwicklung wird vom "naturreligiös-ökologischen Code" repräsentiert. Er bezieht sich auf alle Formen der Naturbestattung. Als wichtigstes Beispiel ist die so genannte Baumbestattung zu nennen, die derzeit – wie oben bereits angedeutet – in Deutschland unter Markennamen wie "Friedwald" und "Ruheforst" privatkommerziell vermarktet wird. Mit ihr wird der klassische Friedhof als regulärer und alleiniger Bestattungsort und Schauplatz sepulkraler Repräsentation aufgegeben. Der Baum mit seinem Wurzelwerk in einem möglichst naturbelassenen Waldgebiet ist Grabstätte und Grabzeichen zugleich. Je nach ortsspezifischen Bedingungen ist es möglich, Zeichen von Trauer und Erinnerung zu positionieren. Die als solche belassene Umgebung des Waldes soll bewusst naturnah wirken, die Bestattungsflächen sind nur bei genauerem Hinsehen zu erkennen. Die Baumbestattung zählt zu der gegenwärtig zunehmend beliebten Kategorie der Naturbestattung. Ebenfalls in diese Kategorie gehören See- und Almbestattungen und ähnliche Praktiken, die neue, speziell inszenierte Orte von Tod, Trauer und Erinnerung hervorbringen.

Ein repräsentatives Beispiel ist der so genannte Berg-Naturfriedhof "Ruheberg" in Oberried (Schwarzwald). Hier ist jedoch kein privatwirtschaftliches Unternehmen, sondern die lokale Kommune Träger der landschaftlichen Anlage. Eröffnet am 20. Oktober 2006, wurde seine Fläche im Frühjahr 2010 erweitert. Der Berg-Naturfriedhof beherbergt einen Mischwaldbestand, in dem die Beisetzungen stattfinden. Es können einzelne Urnengrabhaine oder so genannte Friedhaine erworben werden. Bei letzteren handelt es sich um Gruppen von 12 Urnengräbern um einen Baum, die beliebige soziale Gruppierungen abbilden können und spezielle Namen erhalten: zum Beispiel Familien, Freundeskreise oder ähnliches.

Ein auf den klassischen Friedhof bezogenes Beispiel für den naturreligiös-ökologischen Code stammt aus dem südholsteinischen Ahrensburg. Auf dem dortigen kirchlichen Friedhof wurde Mitte 2010 eine ökologisch ausgerichtete, zwei Hektar große "Wildblumenwiese" eingeweiht, die in ihren Randbereichen als Aschenbeisetzungsanlage dient – von der räumlichen Struktur also vergleichbar mit dem eingangs erwähnten Naturfriedhof-Projekt aus Mailand.

Auch sonst werden Aschenbeisetzungsflächen auf Friedhöfen immer häufiger wie kunstvolle Landschaften modelliert – ein bekanntes Beispiel ist der "Friedpark" des Hauptfriedhofes Karlsruhe. Im Jahr 2006 wurde auf dem Hamburg-Ohlsdorfer Friedhof der so genannte "Ruhewald" angelegt – eine rund zwei Hektar große verwilderte Fläche. In der Nähe von 80 markierten Bäumen können hier Aschenbeisetzungen stattfinden. Zum entsprechenden Beisetzungsbaum gehört eine in der Nähe aufgestellte pultartige Tafel, auf der die Art des Baumes und gegebenenfalls auch der Name der Beigesetzten verzeichnet sind. Die genaue Beisetzungsstelle hingegen wird mit einem ebenerdigen Granitpfosten markiert.

Zuletzt und der Vollständigkeit halber erwähnt sei noch der ästhetisch-performative Code, zu dem die allerdings in Deutschland quantitativ noch wenig relevante Bestattung als "Aschediamant" gezählt wird. Dabei werden Aschereste zu einem Schmuckstück gepresst, dieses kann unter anderem als Schmuckstück am Körper getragen werden. Nach Klie setzen solche extrem invidualisierten Beisetzungsformen vor allem "auf die Inszenierungsqualitäten, die die letzte Lokalisierung beziehungsweise Dislokation der Leiche" zu zeigen vermag: "Der Tod wird hierbei gerade nicht als das natürliche Ende der menschlichen Sinnproduktion angesehen, das Ableben wird vielmehr zum ultimativen Anlass, gelebtes Leben sinnvoll zur Darstellung zu bringen", so schreibt Thomas Klie.

Dennoch: Als wichtigste Tendenz der Bestattungs- und Erinnerungskultur im frühen 21. Jahrhundert bleibt die Entfaltung neuartiger, meist naturnaher Gedächtnislandschaften festzuhalten. Voraussetzung für die Beisetzung ist hier nicht zwingend, aber doch in aller Regel die Einäscherung. Sie hat sich als die grundlegende Bestattungsform der mobilen Gesellschaft erwiesen, da sie – im Gegensatz zu einem toten Körper – theoretisch an jeden beliebigen Platz mitgenommen werden kann. Die Asche ist mobiles Überbleibsel jener Transformation des menschlichen Körpers, den der Tod bedeutet. Im Gegensatz zur Erdbestattung ermöglichen die nur knapp 2 Kilogramm schweren Aschereste vielfältige Beisetzungsmöglichkeiten außerhalb der klassischen Friedhöfe.

Entscheidend ist hierbei, dass das symbolische – man kann auch sagen: kreative, ja utopische – Potenzial der Totenasche ebenso hoch ist wie ihre Mobilität. Man kann die Asche teilen und verschiedene Bestattungs- und Erinnerungsorte generieren. Inken Mädler schreibt dazu: "Das ist der Grund der Möglichkeit, warum Aschekapseln mit vielfältigen anderen Symbolen interagieren und zu komplexen Erinnerungssymbolen aufgeschichtet werden können. Diese ebenso miniaturisierte wie mobile und dauerhafte Verdichtung als Transformation ihrer selbst vermag Verstorbene zudem im Kontext ihrer unverwechselbaren Biographie zu memorieren."

Damit erweist sich einmal mehr die Einführung der modernen Feuerbestattung und der Bau von Krematorien als die bedeutendste Zäsur im Umgang mit Verstorbenen in den letzten Jahrhunderten. Der im späten 19. Jahrhundert in Deutschland begonnene Bau von Krematorien und die Einführung der modernen Feuerbestattung hat die Bestattung beschleunigt und effizienter gestaltet – mit einem Wort: "modernisiert". Sie ist Ausdruck jener profanen Wendung im Umgang mit dem toten Körper, die das bis heute vielzitierte Grimmsche "Deutsche Wörterbuch" bereits Mitte des 19. Jahrhunderts unter dem Stichwort "Leichnam" verzeichnete: "…fasst den Körper als eine leibliche Hülle im Gegensatz zu der darin weilenden Seele". Es ist das Ergebnis jenes gesellschaftlichen und kulturellen Wandels, der die Bestattungskultur grundlegend verändert hat. Der zunächst religiös geprägte, sich in zahlreichen symbolischen Praktiken äußernde und dabei auch gesellschaftlich-repräsentativen Zwecken dienende Umgang mit dem toten Körper ist überlagert worden von hygienischen, medizinischen und technisch-industriellen Diskursen. Höhepunkt des neuen Umgangs mit den Toten ist bis heute die Feuerbestattung geblieben. Mit ihrer "Technisierung des Todes" sorgte sie für die bedeutendste Zäsur im Bestattungswesen der letzten Jahrhunderte.

Diese Zäsur wirkt bis heute nicht nur nach, sondern hat sich in ihrer Bedeutung noch verstärkt. Die moderne Feuerbestattung beziehungsweise die Aschenbeisetzung liegt – reflektiert oder unreflektiert – fast allen aktuellen Diskussionen über den Umgang mit Toten sowie über neue Formen der Bestattungs- und Erinnerungskultur zu Grunde. Die Aschenbeisetzung hat sich als sepulkrales Signet der mobilen Gesellschaft erwiesen. Erst sie schuf die Grundlagen für die sich ausdifferenzierenden neuartigen Inszenierungen der Naturbestattung sowie umgekehrt auch für die rasch zunehmende Zahl von namen- und zeichenlosen Rasenbeisetzungen.

Zu den aktuellen Tendenzen der Aschenbeisetzung gehört auch die Renaissance der Kolumbarien. Diese auf antiken Vorbildern basierende und in der Frühzeit der Feuerbestattung häufiger praktizierte Beisetzung von Aschenurnen in Fächern beziehungsweise Nischen gewinnt gegenwärtig wieder größeres Interesse. Kolumbarien werden beispielsweise in alten Friedhofskapellen oder in nicht mehr genutzten, ehemaligen Kirchengebäuden eingerichtet (Erfurt, Marl-Hüls). In der St.-Konrad-Kirche im nordrhein-westfälischen Marl-Hüls werden die Urnen von einheitlich gestalteten Wandflächen aufgenommen. Die Ruhezeit beträgt 15 Jahre, anschließend wird die Asche in einem Sammelgrab innerhalb der Kirche beigesetzt. Der Urnenraum in der Kirche ist zum Totengedenken regelmäßig geöffnet.

(Teil II und Literaturverzeichnis folgen in der nächsten Ausgabe)

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