OHLSDORF - Zeitschrift für Trauerkultur

Das Rutenberg-Mausoleum auf dem Friedhof Riensberg in Bremen

 - Mai 2009
Ausgabe: 
Nr. 105, II, 2009

Wer in Bremen den zwischen 1872 und 1875 von Landschaftsgärtner Carl Jancke aus Aachen angelegten Friedhof Riensberg besucht und durch seine landschaftliche Parkanlage mit eingelagerten Grabbereichen geht, erreicht am westlichen Rand den künstlich angelegten, buchtenreichen See.

Über das Wasser fällt der Blick auf das neoklassizistische Kolumbarium am Westufer, 1907 als erstes Bremer Krematorium erbaut und 1988 stillgelegt. 2002 entstand unter der hohen Kuppel der Jugendstilhalle eine Stätte zur oberirdischen Urnenbeisetzung.

Mausoleum
Mausoleum der Familie Rutenberg auf dem Friedhof Riensberg in Bremen. Zustand Winter 200/2008. Aus Kalthoff, Horst: Die Rutenbergs. Leben im 19. Jahrhundert. Vater Bau- und Brauunternehmer in Bremen, Sohn Augenarzt und Naturforscher. (2008), S.141

Rechter Hand davon, auf einer kleinen Halbinsel, im Sommer teilweise vom Laub der Bäume verdeckt, weckt ein Mausoleum mit leuchtend grünem Kupferdach die Aufmerksamkeit des Besuchers. Auf dem Weg um den See gelangt er an die Grabstätte. Über die breite Freitreppe tritt er an das schmiedeeiserne Tor und liest auf der mittleren von zahlreichen Gedenkplatten:

Diedr. Christ. Rutenberg,
Doctor der Medicin,
geb. 11. Juni 1851, gest. im August 1878
In seinem Berufe als Naturforscher
umgekommen durch Räuberhände
auf der Insel Madagascar.

Links davon lautet die Inschrift für den Vater:

Lüder Rutenberg,
Baumeister,
geb. 8. Februar 1816,
gest. 14. Juni 1890.

Auf dem von Lüder Rutenberg zum Gedenken an seinen Sohn errichteten Mausoleum (Grabstelle AA 17-25, 17a-25a) wächst aus dem an den Ecken von vier schlanken Säulen überragten Kupferdach eine korinthische Säule. Auf ihrem Kapitell ragt das 1883 von Diedrich Kropp (1824-1913) geschaffene, wohl lebensgroße Standbild Christian Rutenbergs empor. In den Himmel blickend erhebt er die rechte Hand zum Schutz gegen die Sonne, hält in der linken eine Blüte – ein schönes Denkmal für den so jung umgekommenen Naturforscher!

Zugang Mausoleum
Zugang zum Mausoleum der Familie Rutenberg
Foto: Nicole Kalthoff

Die Familie Rutenberg existierte in Bremen über vier Generationen vom Ende des 18. bis zum ausgehenden 19. Jahrhundert. Der Stammvater Johann Georgen Rutten Berg hatte seinen Namen in Joh. Jürgen Rutenberg (1749-1810) geändert. Nachdem er sich von der Landwirtschaft dem Baugeschäft zugewandt hatte, wurde er der erste von drei erfolgreichen Bremer Baumeistern dieses Namens – leider blieben keine seiner Bauten erhalten. Von der Baukunst seines einzigen Sohnes, des Baumeisters Diederich Christian Rutenberg (1782-1861), zeugt bis heute das Empfangsgebäude des Rembertistifts mit der Tordurchfahrt in den geräumigen Hof. Hingegen wurden die fünfzehn Häuser, die er an verschiedenen Stellen der Prachtstraßen Am Wall und Altenwall, einem "Gesamtkunstwerk von Rang", erbaute, bis auf zwei im Zweiten Weltkrieg zerstört. Diederich Rutenberg und seine Ehefrau Berta geb. Vagt (1778-1849) hatten sieben Kinder. Von ihren vier Söhnen, die alle wie Großvater und Vater ein Baugewerbe erlernten, erlangte Lüder Rutenberg (1816-1890) als Baumeister der 3. Generation und Industrieller eine besondere Bedeutung für Bremen.

Lüder Rutenberg
Lüder Rutenberg. Ölbild. Foto: Beck & Co. Public Relations

Lüder Rutenberg hinterließ von ihm selbst als "Denkbuch" bezeichnete Aufzeichnungen, die sich heute im Focke-Museum (Inv.Nr. 2002.284) befinden. Den ersten von insgesamt 17 Einträgen (rd. 140 Seiten) schrieb er mit 45 Jahren am Jahresende 1862. Fast alle Einträge entstanden, wenn er an wichtigen Feiertagen Zeit zum Schreiben fand. Zunächst erzählt er aus seiner Schul- und Lehrzeit sowie von seinen vier Reisejahren, die ihn zu Studien nach Kopenhagen, St. Petersburg, Berlin, Paris und schließlich nach Italien führten. Danach schildert er besonders seine geschäftlichen Unternehmungen, und zwar in erstaunlicher Offenheit über deren Größenordnung. So wurde das Denkbuch zu einem Zwischending von Lebenschronik und Geschäftsjournal und gibt aus der persönlichen Sicht eines Baumeisters und Industriellen Einblicke in die Bremer Geschichte des 19. Jahrhunderts.

Noch vor Erwerb des Meistertitels gewann Lüder Rutenberg die Ausschreibung zum Bau der Bremer Kunsthalle, die 1894 eingeweiht wurde. Danach wurde er besonders durch den Entwurf und den Bau ganzer Straßenensembles bald einer der größten bremischen Bauunternehmer seiner Zeit. Heute stehen auf der Bremer Denkmalliste, neben der mehrfach umgebauten Kunsthalle, 122 von ihm zwischen 1851 und 1873 geschaffene Gebäude, vorwiegend Reihenhäuser vom Typ des Bremer Hauses. Bereits ab 1853 schuf Rutenberg sich ein zweites Standbein durch industrielle Investitionen besonders in das Brauereigeschäft. Er wurde 1873 Mitbegründer der bald weltbekannten Kaiserbrauerei Beck & Co.

Christian Rutenberg
Christian Rutenberg in serbischer Uniform. Aus Kalthoff, Horst: Die Rutenbergs. Leben im 19. Jahrhundert. Vater Bau- und Brauunternehmer in Bremen, Sohn Augenarzt und Naturforscher. (2008), S.4

Sein einziger Sohn Diederich Christian mochte die Tradition seiner Vorfahren im Bauhandwerk nicht fortsetzen, ihn zog es vielmehr in die Natur und zu den Naturwissenschaften. Er studierte Medizin, bildete sich bei den Größen dieses Faches zum Augenarzt weiter, erdachte ophthalmologische Instrumente, nahm als Militärarzt am serbisch-türkischen Krieg teil, ließ dann aber all dieses hinter sich, um im Alter von 26 Jahren zu einer Forschungsreise nach Afrika aufzubrechen. Viel Zeit hat ihm das Schicksal allerdings nicht zugestanden: Zwei Jahre später wurde er auf der damals kaum bekannten Insel Madagaskar von seinen einheimischen Begleitern ermordet. Nach Bremen gelangten sein Reisetagebuch, das – erstmals 1880 veröffentlicht – interessante Einblicke in das vorkoloniale Madagaskar gibt, sowie seine umfangreiche Naturaliensammlung, bestehend aus einigen präparierten Tieren und einem Herbarium mit über 600 Pflanzenarten. Die Sammlung wurde nach Aufarbeitung durch spezialisierte Wissenschaftler zwischen 1880 und 1889 als Reliquiae Rutenbergianae (I.-VIII.) vom Naturwissenschaftlichen Verein Bremen publiziert und vermittelt einen Eindruck von Christian Rutenbergs Forschertätigkeit. Neu für die Wissenschaft waren der heute in Madagaskar ausgestorbene Laubfrosch Hyperolius (Heterixalus) Rutenbergi oder Rutenberg’s Reed Frog, drei Spinnenarten sowie fünf Pflanzengattungen und 168 Pflanzenarten – einige wurden nach Rutenberg benannt.

Die beiden prominenten Rutenbergs der zwei letzten Generationen, Lüder und Christian Rutenberg gewannen so als höchst unterschiedliche Persönlichkeiten auf höchst unterschiedliche Weise für Bremen große Bedeutung. Der eine lebt durch seine Bauten und die Brauerei Beck & Co. weiter, der andere in den von ihm entdeckten und nach ihm benannten Tieren und Pflanzen Madagaskars – an beide erinnert das Rutenberg-Mausoleum. Darin wurden später auch Nachfahren der drei Töchter Lüder Rutenbergs (Familien Leisewitz, Marwede, Jenisch) beigesetzt, wie der äußere Gedenkstein für die 1894 im Alter von zehn Jahren verstorbene Helene Auguste Jenisch sowie weitere Gedenkplatten im Inneren zeigen.

Gedenkstein
Gedenkstein für Helene Auguste Jenisch (1883-1894) am Rutenberg-Mausoleum. Foto: Nicole Kalthoff

(Anmerkung der Redaktion: Der Verfasser ist Großneffe von Hamburgs erstem Garten- und Friedhofsdirektor Otto Linne und hat mehrere Publikationen über bemerkenswerte Persönlichkeiten Bremens herausgegeben.)

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