OHLSDORF - Zeitschrift für Trauerkultur

Ein Friedhofsmuseum in Faro/Algarve

 - Mai 2004
Ausgabe: 
Nr. 85, II, 2004

Mitten im geschäftigen Viertel von Faro fand ich ihn, den einzigen jüdischen Friedhof im Algarve.

Vorn und rechts Wohnsilos, am ehesten mit den Plattenbauten der DDR vergleichbar, links das gewaltige Fußballstadion des FC Farense, dahinter das nicht minder große Landeskrankenhaus. Man muss schon mehrmals hinsehen, um diesen Friedhof zu finden. Ein mit einer weißen Mauer umgebenes Geviert von nicht einmal 40x40 Metern bildet den rührend und ein wenig skurril anmutenden Begräbnisplatz.

Ich hatte Glück, denn Senhora Miriam, eine reizende, ältere Dame, die den Friedhof betreut, war anwesend und erläuterte in verständlichem Englisch allerlei Wissenswertes. So z.B., dass der Friedhof mit der ersten Beisetzung 1838 gegründet wurde, nachdem um 1755 mehr als 60 jüdische Familien in Faro in einer "Klein Jerusalem" genannten Enklave lebten und arbeiteten. Nach der ersten, von Rabbi Joseph Toledano zelebrierten Bestattung, folgten noch weitere 105, bis der Friedhof 1932 geschlossen wurde. 1993 erfolgte eine umfängliche Restaurierung, das Museum wurde eingerichtet und alles dem interessierten Publikum, ebenso wie den immer wieder anreisenden jüdischen Angehörigen zugänglich gemacht.

Das Museum ist eine kleine Überraschung für sich. Eingerichtet wurde es in der so genannten "Tahara", dem Haus, in dem die rituellen Waschungen vorgenommen wurden und wo sich in einem noch kleineren Nebenraum der Rabbi auf die Zeremonie vorbereitete. Das Ganze ist so klein, dass, wenn es nicht den Titel "kleinstes Museum Europas" tragen könnte, so doch das mir kleinste bekannte Museum ist. Während uns die schon erwähnte überaus freundliche Miriam alle Details genüsslich erläuterte, war ich einigermaßen erleichtert, dass nicht drei weitere Personen um Einlass baten – das Museum hätte wegen Überfüllung schließen müssen.

Faro
Im Museum des jüdischen Friedhofs von Faro/Algarve (Foto: Hammond-Norden)

Auf jeden Fall bekamen wir einen umfassenden Eindruck von der Historie des jüdischen Lebens und der Totenzeremonie des Landes, das zu unserer zweiten Heimat geworden ist, und dazu gehört durchaus, zu wissen, wie denn der Rabbi Toledano aussah, an welchem Schreibtisch er arbeitete und welches "Werkzeug" er zu den Beisetzungsfeiern benutzte. Zahlreiche Originale, Schriften, Tücher belegen, mit wie viel Liebe und Enthusiasmus ein so kleines Museum zum Leben erweckt wurde, auch wenn es vornehmlich von Toten erzählt.

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