OHLSDORF - Zeitschrift für Trauerkultur

Grabstein-Geschichten: Goethe-Gedenken in Ohlsdorf?

 - September 1999
Ausgabe: 
Nr. 66 / 67, III / IV, 1999

Warum nicht. Wenn es in Norddeutschland nur eine einzige und auch nur indirekte Goethe-Stätte gibt, das Eckermann-Zimmer in Winsen/ Luhe, warum sollte es eine solche, aber kaum bekannte, nicht im privaten Bereich geben? Aber dazu später mehr.

Erinnern wir uns eines Besuchs in Weimar, in Goethes Garten am Stern. Dort steht seit 1777 seitlich seines Gartenhauses ein geheimnisvoller Stein: ein Würfel auf dem eine Kugel ruht. Goethe selbst hat ihn entworfen und auf dem Lieblingsplatz der Charlotte von Stein aufstellen lassen. Hier ist das Ende des Malvenganges, den Eckermann in der Beschreibung 1824 ausdrücklich vermerkte und der um 1970 durch gartendenkmalpflegerische Maßnahmen annähernd wieder hergestellt wurde.

Über den Stein gibt es einen kurzen und geheimnisvollen Eintrag Goethes in sein Tagebuch am 5. April 1777: "Agathe Tyche gegründet". Er vermerkte damit, daß er der Göttin des Glücks einen Denkstein besonderer Art gesetzt habe. AGATHE TYCHE bedeutet in der griechischen Religion des "gütige Geschick", es ist aber auch als "gutes Schicksal" oder "gutes Glück" zu verstehen. Tyche galt bei den Griechen als Göttin der Schicksalsfügung. Zu ihrer bildlichen Darstellung als Symbol der Unbeständigkeit gehört das Rad oder die Kugel.

Die gewählten Formen von Kugel und Würfel - regelmäßig gestaltete Körper, aber in ihrer Erscheinung gegensätzlich - haben zusammengefügt einen Symbolwert: Sie spiegeln die Gegensätzlichkeit rastlosen Begehrens und unerschütterlicher Tugend von Wandel und Beständigkeit wider. Der Hintergrund der Steinsetzung ist in Goethes Anliegen zu finden, dem "guten Geschick" zu danken, das er in doppelter Weise erfahren hatte: Er wollte sich selbst seiner Liebe zu der Frau von Stein und seines ihn beglückenden Eigentums an Haus und Garten (finanziert aus der Schatulle des Herzogs Carl August) bewußt sein und bleiben. Die "Göttin des guten Glücks" sollte auch in Zukunft über sein Haus und Eigentum schützend wachen.

Ein gleicher Stein, übereinstimmend in den Formen und ihren Maßen, steht auch auf dem Ohlsdorfer Friedhof und wurde bei seiner Setzung, wie der in Weimar, ebenfalls als Denkstein bezeichnet. Die Schauseite des Würfels trägt zusätzlich die Inschrift: "Marie Pfannenstiel/ zum Gedächtnis/ geb. 13. Juni 1864/ gest. 26. Sept. 1927". Marie Pfannenstiel ist auf der angrenzenden Grabstätte ROGGE beigesetzt. Der Standort des Steins wurde 1928 von der Friedhofsverwaltung "zur Aufstellung eines Denksteines ... kostenlos überlassen". Nach Aussagen einer Nachfahrin war Marie Pfannenstiel eine begeisterte Literaturkennerin und insbesondere an den Werken Goethes interessiert. Sie leitete eine von ihr mitbegründete Privatschule, deren ehemaligen Schülerinnen ihr den Denkstein widmeten.

Der Versuch einer vergleichenden Bewertung von Kopie und Original erscheint schwierig, da zu wenig über die tieferen Gründe der Steinsetzung in Ohlsdorf bekannt ist. Eines läßt sich jedoch mit hoher Wahrscheinlichkeit annehmen: Die von Goethe übernommene Bezeichnung "Denkstein" im Überlassungsprotokoll sowie die nachweislich enge Beziehung der Verstorbenen zu den Werken Goethes und damit auch zu seinem Gedankengut lassen auf eine Übereinstimmung mit der tieferen Bedeutung des "Steines des guten Glücks" schließen. Schrieb doch Goethe selbst in geheimnisvoller Deutung: "Den Stoff sieht jedermann vor sich, den Gehalt findet nur der, der etwas dazu zu tun hat, und die Form ist ein Geheimnis der meisten."

Dem Leser wird sicherlich die o.g. Bezeichnung "Goethegedenkstein" zu Recht überzogen erscheinen, dennoch sei der Hinweis auf diesen Denkstein im Goethejahr 1999 erlaubt und darüber hinaus auf eine andere zufällige Gegensätzlichkeit von Beständigkeit und Wandel - Würfel und Kugel - aufmerksam zu machen: Die Kopie des Denksteins steht schon seit 71 Jahren und ist nur wenigen bekannt; die eigens für das Goethejahr errichte Kopie seines Gartenhauses unweit des Originals darf nur ein Jahr bestehen, wird aber wohl von vielen Tausenden besucht werden.

Der "Goethestein" ist auf dem Friedhof zu finden: von der Kapelle II kommend die Waldstraße überqueren, nach etwa 30 m rechts.

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