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OHLSDORF - Zeitschrift für Trauerkultur

Grabmale mit Hakenkreuzen: Pressespiegel vom 15.8. – 15.10.2006

Auszüge aus Artikeln und Leserbriefen zu dem Grabmal Wülfken auf dem Ohlsdorfer Friedhof, auf dem sich ein Hakenkreuz in einem Zahnrad befindet – Symbol der nationalsozialistischen "Deutschen Arbeitsfront".

Am Anfang standen zwei fast gleichlautende Artikel im Hamburger Abendblatt und der Hamburger Morgenpost:

Empörung über Nazi-Grabstein
Historiker entdeckt Hakenkreuz und stellt Strafanzeige (von Stephanie Lamprecht)
Hamburger Morgenpost 15.08.2006, Seite 10
online: www.mopo.de/2006/20060815/hamburg/panorama/empoerung_ueber_nazi_grabste…

und

Hakenkreuz-Grabstein empört Trauernde
Ohlsdorf: Friedhofsverwaltung machtlos. Jetzt prüft das Landeskriminalamt, ob die letzte Ruhestätte eines Nazi-"Ortsobmanns" verfassungswidrige Symbole aufweist (Verfasser: jel)
Hamburger Abendblatt 15. August 2006
online:
www. abendblatt.de/daten/2006/08/15/598142.html

Morgenpost: "Ich will nicht, dass meine Familie in der Nachbarschaft solcher Grabsteine ihre Ruhestätte hat." Gotthilf S. hat Strafanzeige bei der Staatsanwaltschaft gestellt. ... Das … verstoße gegen Paragraf 186a des Strafgesetzbuchs, so die Ankläger: "Verwendung von Symbolen verfassungsfeindlicher Organisationen." Ob dieser Paragraf auch für Grabsteine gilt, muss nun geklärt werden."

"Die "Ohlsdorf-Zeitschrift für Trauerkultur" erwähnt - völlig kritiklos - eines der Symbole in ihrer Ausgabe vom 11. Mai 2006 unter der Überschrift "Technische Motive an Grabmalen". Die Zeitschrift beschreibt einen "dreimotorigen Heinkel-Bomber mit Hakenkreuz und Flugzeugnummer des ,Kampf-Flieg.-Utffz.’ Curt Sommer von 1940."

Abendblatt: "Das LKA muss prüfen, ob die Steine als Zeitdokument so stehen bleiben dürfen oder ob das Hakenkreuz als politisches Bekenntnis zu bewerten ist."
"Diskussionen um die Verwendung von Hakenkreuzen hatte es schon in der vergangenen Woche gegeben, nachdem der Regisseur Fatih Akin öffentlich ein "Bush"-T-Shirt getragen hatte, bei dem das "s" als Hakenkreuz dargestellt war."

Leserbrief von Jan Groth, Hamburger Abendblatt vom 16.08.06:
Zeitzeugen
"…Diese Grabsteine sind eindrucksvolle Zeitzeugen … Beseitigt man diese Grabsteine, wird die Tragik dieser Geschichte ausradiert, und die damalige ideologische Verblendung vieler selbst nach dem Tod eigner junger Söhne und Männer entrückt immer schneller den Blicken der heutigen Nachkriegsgenerationen."

Artikel im Hamburger Abendblatt vom 16. August 2006
(www.abendblatt.de/daten/2006/08/16/598679.html):
Julis: Hakenkreuz-Steine entfernen (von flk)
"…Die Jungen Liberalen (Julis) aus Hamburg-Nord fordern, die auf dem Ohlsdorfer Friedhof entdeckten Hakenkreuzmotive auf alten Grabsteinen ... zu entfernen. "Der Friedhof Ohlsdorf darf nicht zu einer Pilgerstätte für Rechtsradikale und Alt-Nazis werden." Bläsing meint: "…der internationale Ruf nicht nur des Friedhofs, sondern der ganzen Stadt stehe auf dem Spiel ..."

Artikel im Hamburger Wochenblatt Nr. 34 vom 22. August 2006:
Friedhof Ohlsdorf keine Nazi-Pilgerstätte
"... Die Grabstätten wurden 1945 oder davor angelegt. Damals dürfte das Hakenkreuz ein politisches Bekenntnis gewesen sein, verboten war es indes nicht. Aus diesem Kontext heraus spräche einiges für eine Einstufung als Zeitdokument. Zu beachten sind allerdings auch die Gefühle der Besucher ..."

Artikel in der taz Nord Nr. 8052 vom 19.8.2006, Seite 29
(www.taz.de/pt/2006/08/19/a0304.1/textdruck):
Steine des Anstoßes (von Andreas Speit)
"…Nach Ende des Zweiten Weltkrieges hatten sich allerdings viele Familien bemüht, die versteinerten Bekenntnisse ihrer Verstorbenen selbst schnell verschwinden zu lassen. .... dass Naziinsignien Grabsteine zieren, ist sich die Friedhofsverwaltung seit langem bewusst. Von 1981 bis 1986 inventarisierte eine Forschungsgruppe den Friedhof. ... Die Grabmale mit den NS-Symbolen lösten eine Diskussion um den Umgang mit diesen "sehr privaten Denkmalen des Zeitgeistes" aus ... Bereits 1992 hatte der Historiker Herbert Diercks eine Studie verfasst mit dem Titel: "Friedhof Ohlsdorf. Auf den Spuren von Naziherrschaft und Widerstand". ... Diercks betont, dass die Grabsteine einmalige Spuren des Zeitgeschehens seien." Die Taz berichtet weiter, dass das Delikt des "Verbreitens von Propagandamitteln verfassungswidriger Organisationen" die Gerichte zurzeit zuhauf mit umgekehrten Vorzeichen beschäftigt, nämlich zu der Frage, "inwieweit Antifaschisten verfremdete Hakenkreuze zeigen dürfen". 1973 hatte der Bundesgerichtshof festgeschrieben, dass Abbildungen von Hakenkreuzen nicht strafbar seien, wenn diese "eindeutig die Gegnerschaft zum Nationalsozialismus ausdrücken". Trotzdem wird gegen Antifaschisten ermittelt und ein Oberstaatsanwalt erklärt, dass man das Hakenkreuz auch nicht in entstellter Form in der Öffentlichkeit sehen wolle. Das führt dazu, dass sich antifaschistische Gruppen in vorauseilendem Gehorsam nicht mehr trauen, dieses Symbol in ihren Kampagnen zu verwenden.

Artikel im Lokal-Anzeiger Nr. 35 vom 31. August 2006:
Sind Hakenkreuze Zeitdokumente oder „verbotene Symbole“? Einige Grabstätten auf dem Ohlsdorfer Friedhof sorgen für politischen Wirbel (Verfasser: ers)
"…Pikant an der Angelegenheit: Einige der verbliebenen Steine mit nationalsozialistischen Symbolen sind von der Kulturbehörde als "denkmalschutzwürdig" eingestuft worden und werden als "Zeitdokumente" bei Führungen – zum Beispiel der Geschichtswerkstatt Neuengamme – gezeigt."

Der Vorsitzende der Jungen Liberalen fordert noch einmal: "Der Friedhof Ohlsdorf darf nicht zur Nazi-Pilgerstätte werden."

"Es darf ... bezweifelt werden, dass die Grabstätte des einstigen Ortsobmanns .... jemals zu einem Wallfahrtsort für Nationalsozialisten werden könnte..."

"Keine rechtsradikale Attraktion". Julia Westheimer
"Denkmale, Steine des Anstoßes – das hat sein unbedingt Gutes!" – "Durch das Tilgen von Zeitdokumenten wird die Welt nicht besser, im Gegenteil: Auseinandersetzung fordert doch gerade die "lebendige Geschichte", die in unserer Gegenwart noch spricht, wenn sie denn für alle sichtbar ist!" … "Über Kunst ... und Architektur haben wir die Chance mehr von unserer Vergangenheit zu begreifen, als durch eine rein intellektuelle Wissensvermittlung." – "... der internationale Ruf des Friedhofs speist sich nicht unwesentlich aus seiner Geschichtsträchtigkeit ..."

Lokal-Anzeiger Nr. 39 vom 28. September 2006:
"Niemand will mit dem Presslufthammer über den Ohlsdorfer Friedhof ziehen", Robert Bläsing, Vorsitzender Julis Hamburg- Nord
"... ich plädiere lediglich dafür, dass die Symbole schonend ... von den Grabsteinen entfernt werden – gelungene Beispiele findet man hierfür zuhauf auf dem Friedhof."
"Auch sechzig Jahre nach Ende des Zweiten Weltkriegs schauen nicht zuletzt die Überlebenden des Holocausts in aller Welt sehr genau hin, wie wir in Deutschland mit unserem geschichtlichen Erbe aus der NS-Zeit umgehen."
"... der Stein ...[erfüllt] in erster Linie nach wie vor seinen ursprünglichen Zweck..."
"Ehrendes Totengedenken wird mit der Darstellung von Symbolen, die gegen die freiheitlich demokratische Grundordnung gerichtet sind, verbunden, ohne dass der historische Zusammenhang hinreichend aufgezeigt wird. Daraus ergibt sich ... zuallererst eine unreflektierte und heroische Verherrlichung des Nationalsozialismus."

Lokal-Anzeiger Nr. 39 vom 28. September 2006:
"Man kann es auch übertreiben", E. Kaiser, Bramfeld
"…Man kann es auch übertreiben mit dem Kampf gegen unsere Vergangenheit. Der Hass auf diese Symbole ändert heute nichts mehr. ... Etwas mehr Gelassenheit wäre angebracht."

Auflistung alle Artikel aus dem Themenheft Steine des Anstoßes (November 2006).
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