OHLSDORF - Zeitschrift für Trauerkultur

Wertvolle Kunstwerke wurden Opfer skrupelloser Metalldiebe

 - August 2011
Ausgabe: 
Nr. 114, III, 2011

Zum wiederholten Mal wurde in diesem Jahr in der Tagespresse schon über den Diebstahl von Bronzeskulpturen auf dem Friedhof Ohlsdorf berichtet.

Gestohlen wurden einmalige Kunstwerke namhafter Bildhauer, durch deren Verschwinden der Ohlsdorfer Friedhof ein Stück ärmer wird. Dabei sind die Diebe keineswegs Kunstliebhaber oder im Auftrag von Kunstliebhabern tätig, sondern angesichts gestiegener Rohstoffpreise vermutlich allein auf den Wiederverkaufswert des Buntmetalls aus. Es ist deshalb leider auch damit zu rechnen, dass die gestohlenen Kunstwerke unmittelbar nach dem Diebstahl zerlegt und eingeschmolzen werden.

Allein im ersten Halbjahr 2011 ist der Verlust von drei bronzenen Kunstwerken zu beklagen. Im Februar 2011 verschwand die Bronzeplastik einer sitzenden, gramgebeugten Frau vor einem steinernen Kreuz am Grabmal der Familie Delfs (Grablage H 9). Dieses Grabmal ist ein Patenschaftsgrabmal. Es steht im Katalog1 als Grabmal Wellge und wurde im Jahre 1901 geschaffen von dem Hamburger Bildhauer Caesar Scharff (1864-1902).2

Grabmal Wellge
Das Grabmal Delfs, vormals Wellge, Grablage H 9, im Jahre 2009 und 2011.
Fotos: Schulze

Im März 2011 wurde – wie in der vorigen Ausgabe unserer Zeitschrift berichtet3 – die Bronzefigur "Der Redner" auf der Gedenkstätte für die Opfer des Nationalsozialismus und des Widerstands 1933-1945 von Metalldieben brutal von ihrem Sockel gerissen und auf Nimmerwiedersehen abtransportiert. Die etwa 90 cm hohe Figur "Der Redner" wurde 1953 geschaffen von dem Bildhauer Richard Steffen (1903-1964) und im Jahre 1968 anlässlich der Neugestaltung des Ehrenhains auf dem Ohlsdorfer Friedhof (Lage: K 5) aufgestellt. Schon einmal war sie vom Ohlsdorfer Friedhof gestohlen worden. Damals, im Juni 1977, konnte die Polizei einen Harburger Frührentner der Tat überführen. Polizeitaucher bargen die Figur aus einem Harburger Hafenbecken. Sie konnte restauriert werden und wurde zwei Jahre später an der ursprünglichen Stelle wieder aufgestellt.4

Der Redner
Schon zum zweiten Mal gestohlen: Die Bronzefigur "Der Redner" von Richard Steffen. Foto: Schulze

Mitte Juni 2011 schließlich fand ein dritter Kunstraub auf dem Friedhof Ohlsdorf statt: Die Diebe transportierten die mehrere hundert Kilo schwere Bronzeskulptur einer trauernden Frau ab, die auf der Grabstätte Garvens-Rackwitz5 (Grablage Z 19) vor einem viereinhalb Meter hohen dorischen Säulenpaar befestigt war. Modell für die Frauenfigur war die Urgroßmutter von Ingrid Burmeister, der heutigen Nutzungsberechtigten. Deswegen schmerzt der Verlust die Familie ganz besonders. Die Familienmitglieder hatten immer gern auf der Sitzbank am Grabe neben ihrer Urahnin gesessen.

Grabmal Garvens-Rackwitz
Das Grabmal Garvens-Rackwitz, Grablage Z 19, im Jahre 2006 und 2011.
Fotos: Schulze

Das Grabmal Garvens-Rackwitz ist eine Arbeit des Bildhauers Hans Dammann (1867-1942) aus Berlin-Grunewald und entstand im Jahre 1909. Wie die beiden anderen Objekte ist auch diese über hundert Jahre alte Bronzeplastik ein Unikat, von dem es weder eine Kopie noch ein Duplikat oder einen Abguss gibt, so dass es keine Chance für eine Wiederherstellung gibt. In allen drei Fällen ist der Diebstahl bei der Polizei angezeigt worden. Die Ermittlungen laufen bundesweit und länderübergreifend. Die vorgefundenen Spuren an der Grabstelle Garvens-Rackwitz ließen erkennen, dass die Skulptur offenbar mit einem Kleintransporter mit geschlossener Ladefläche heruntergerissen und abtransportiert wurde. Mit einer raschen Ergreifung der Täter darf aber wohl nicht gerechnet werden.

Um weiteren Metalldiebstählen auf dem Friedhof vorzubeugen, arbeitet die Friedhofsverwaltung derzeit intensiv mit der Polizei zusammen und ist in Gesprächen über geeignete Maßnahmen. Dies reicht von der Besetzung der Zu- und Ausfahrten mit Pförtnern bis hin zur Überwachung gefährdeter Objekte. Über eine systematische Kameraüberwachung wird nachgedacht, und dass die Friedhofsgärtner jetzt besonders aufpassen, ist selbstverständlich.

Natürlich können auch alle Friedhofsfreunde helfen, indem sie die Augen offen halten. Wenn sich verdächtige Personen an Grabmalen zu schaffen machen, sollte man nicht zögern, gleich die Polizei über den Notruf anzurufen und gegebenenfalls Fahrzeugkennzeichen notieren, um die Ergreifung der Täter zu erleichtern. Denn je schneller ein Diebstahl bemerkt wird, desto größer ist die Chance der Aufklärung.

1 Barbara Leisner u.a.: Der Hamburger Hauptfriedhof Ohlsdorf, Geschichte und Grabmäler, Hamburg 1990
2 Barbara Leisner: Caesar Scharff – ein Jugendstilkünstler auf dem Ohlsdorfer Friedhof, in Ohlsdorf - Zeitschrift für Trauerkultur, Nr. 73, II/2001, S. 5-10
3 Ohlsdorf – Zeitschrift für Trauerkultur, Nr. 113, II/2011, S. 30
4 Ursel Hochhuth: Niemand und nichts wird vergessen, Hamburg 2005
5 Die Schreibweise Carvens-Rackwitz im Katalog und in der Tagespresse ist falsch

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