OHLSDORF - Zeitschrift für Trauerkultur

Ewige Ruhe Fehlanzeige! – Aktuelle Friedhofs(un)kultur

 - Mai 2009
Ausgabe: 
Nr. 105, II, 2009

Wir schreiben das Jahr 1970. Köln. In diesem Jahr findet auf dem Melatenfriedhof eine Ausstellung der "Künstler-Union Köln" zum Thema "Das Christliche Grabmal" statt.

Als Kooperationspartner tritt die "Steinzunft 65"1 auf. Namhafte Persönlichkeiten, der Bildhauer Heribert Calleen sowie Erzdiözesanbaumeister Dr. Wilhelm Schlombs gehören zu den Initiatoren des Projektes. Es ist Calleen, der im begleitenden Katalog fragt: "Kann der Friedhof der Ort sein, auf dem der Einzelne die Freiheit seines Willens und seiner Entfaltungsmöglichkeit erkennt?". Etwas weiter bedauert der Autor, wie die Friedhöfe "zu Stätten lärmenden, unvornehmen Gepränges" geworden sind.2

Fast 40 Jahre später hat sich daran nichts geändert. Im Herbst 2008 dröhnten auf dem Melatenfriedhof die Bagger. Zahlreiche Grabsteine sind von der Abräumung offenbar direkt bedroht.

Bei abgelaufenen Ruhefristen werden die Angehörigen durch einen Zettel am Grabstein gebeten, mit der Friedhofsverwaltung Kontakt aufzunehmen. Zugegeben, die Verantwortlichen lassen viel Zeit verstreichen, bevor dem Aufkleber eine Räumung der Grabstelle folgt. Entscheidet sich jedoch niemand für den "Nachkauf", sind die Folgen unvermeidlich. Mit einem grellroten Farbklecks"3 versehen, wird das Denkmal für die Bagger freigegeben. In dieser Hinsicht dürfte sich die Kölner Praxis nicht wesentlich von anderen Städten unterscheiden. Köln war in der Vergangenheit eine Stadt, die sich um den Erhalt von Grabmalen (etwa die Patenschaften für historische Gräber) sehr verdient gemacht hat. Insofern ist die gegenwärtige Lage besonders bedauerlich.

Wochentags kann die Geräuschkulisse mancher Friedhöfe an Baustellen erinnern. Friedhofsbesucher müssen Baggern ausweichen. Steine landen für alle Augen gut sichtbar in Containern. Unübersehbar sind die Spuren von Baggerzähnen an den Grabmalen. Ökologisch fragwürdig ist, dass mit den Grabmalen zugleich Büsche und Sträucher verschwinden.

Das brachiale Szenario wäre in Zeiten knapper Friedhofsflächen zumindest erklärbar. Tatsächlich aber sorgen anonyme Gräber, kleine Urnengrabstellen sowie Abwanderungstendenzen in Ruheforste und Friedwälder für erhebliche Freiflächen auf den herkömmlichen Friedhöfen. Da abgeräumte Stellen nicht wieder besetzt werden, ist die nach derzeitiger Rechtslage mögliche Räumung fatal.

Ohne Frage sind die Unterhaltungskosten für die Friedhofsverwaltungen gestiegen. Aber welchen Eindruck werden in Container geworfene Denkmale bei den Friedhofsbesuchern hinterlassen? Als Gedächtnisort muss das Konzept Friedhof anders aufgefasst werden. Unsere Friedhöfe sind Kulturorte, denen bundesweit eine bessere Behandlung zu wünschen wäre. Zusätzlich steht jede Abräumung für eine latente Zensierung in "gute = schützenswerte" und „schlechte = abzuräumende” Steine. Weshalb dieser Drang nach Ordnung, wo auf Jahre hinaus genug Platz für Bestattungen gegeben ist, ohne dass ein einziges "abgelaufenes" Grab weichen müsste? Wer die kostengünstigere Pflege einer abgeräumten Grabstelle jetzt ins Feld führt, vergisst, dass viele der betreffenden Steine überhaupt keine Gefährdung für die Friedhofsbesucher darstellen. Nur in Ausnahmefällen, etwa bei Hochkreuzen dürfte der Abbau einer Grabstelle aus Sicherheitsgründen gerechtfertigt sein. In den meisten Fällen würde es genügen (wenn man es denn möchte), den Platz um die betreffenden Steine mit Rasen einzusäen. Grabmale stören nicht.

Aktuell wird die Chance vertan, es späteren Generationen zu überlassen, über den Denkmalwert der aktuell vorhandenen Grabmalssubstanz zu entscheiden. Gerade der Überhang an Friedhofsfläche eröffnet die reizvolle Möglichkeit, den gesamten Bestand zu erhalten. Erstmalig könnte die ewige Totenruhe konsequent umgesetzt werden. Jüdische Friedhöfe haben diesbezüglich Beispielcharakter. Auch die Kirchen müssen ihr maßgebliches Interesse noch stärker bekunden. Konfessionelle Friedhöfe mit unbegrenzten Liegezeiten wären ein starkes Zeichen für das gern bemühte Gedächtnis des Namens.

Eine 2008 vorgenommene grobe Bestandsaufnahme"4 in Köln zeigt: Exemplare des frühen 20. Jahrhunderts sind vom Abraum bedroht, wie auch Zeitdokumente der Ära zwischen etwa 1930 und 1945. Schließlich stellen Grabmale zwischen 1960 und 1980 den Hauptanteil der gefährdeten Substanz dar. Darunter befinden sich sogar handwerklich gestaltete Einzelstücke. Folglich verschwinden derzeit ganze Formengenerationen.

Nicht nur in Köln gehören rigide Ruhefristen auf den Prüfstand. Herrschte tatsächlich einmal Platzmangel, könnten abgeräumte Steine in einzurichtende "Lapidarien" versetzt werden. Auf unseren Friedhöfen müssten keine Namen durch vorschnelle Abräumungen verschwinden.
Viel sinniger und dem Wesen der Friedhöfe entsprechender wäre ein optisch sichtbares "Sein lassen" der Dinge. Verfallszeiten wären von Ruhefristen abzukoppeln. Dann dürfte auch mangelnde gärtnerische Pflege keine Rolle mehr spielen. Ein Friedhof kann ein marodes Kreuz oder einen wild wachsenden Busch besser vertragen als bürokratisch erzeugte Leerstellen.

1 Die Steinzunft 65 agierte nicht nur in Köln. 1967 stellte die Vereinigung beispielsweise in Hamburg-Ohlsdorf aus.

2 Calleen, Heribert: Christliches Grabmal durch Wort, Symbol und Zeichen, in: Künstler Union Köln (Hg.): Das christliche Grabmal, Köln 1970.

3 Die Farbe läuft nicht selten über Namenszüge und andere Inschriften.

4 Bestandsaufnahme durch den Verfasser des vorliegenden Textes. Internet: www.stoeckerkunst.de

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