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OHLSDORF - Zeitschrift für Trauerkultur

Museum Friedhof Ohlsdorf: Erweiterung des Außenbereiches

Seit 1996 betreut der Förderkreis Ohlsdorfer Friedhof e.V. das Museum Friedhof Ohlsdorf. Von Anbeginn verfolgte er das Anliegen, auch den Außenbereich museal auszustatten.

Zu seinem 10-jährigen Bestehen 1999 richtete er mit Hilfe des Friedhofs zunächst den "Linneteil" ein: Reformgrabmale der 20er und 30er Jahre, zusammengefasst in einem kleinen Heckenquartier. Und nun präsentiert der Verein Grabmale und Baulichkeiten aus der Zeit um 1900, der "Cordeszeit". Anlass war das 125-jährige Bestehen des Friedhofs im Jahr 2002. Im Rahmen der Jubiläumsfeierlichkeiten und in Anwesenheit der Kultursenatorin Frau Dr. Horáková übergaben wir die Anlage der Öffentlichkeit. Finanziell möglich war das Vorhaben nur, weil auf unseren Veranstaltungen viele kleine Spenden zusammengetragen wurden und das Denkmalschutzamt uns mit einer kräftigen Finanzspritze half. Die gärtnerischen Arbeiten übernahm, wie schon vor drei Jahren, der Friedhof. Im Museum liegt eine Informationsmappe aus, die mit Fotografien und Texten die Ausstellung im Freien erläutert. Nachfolgend eine Zusammenfassung:

Der erste "Schatz" ist eine vierstufige Treppe, die im Blickpunkt der Anlage steht. Die neobarocke Freitreppe aus Obernkirchener Sandstein stammt vom Urnenhain des Alten Krematoriums an der Alsterdorfer Straße. Sie überwand den Höhenunterschied am nördlichen Nebeneingang zur Rathenaustraße, die 1915 nach der Alsterkanalisierung ausgebaut wurde. Die Formgebung der Treppe hat große Ähnlichkeit mit jener der Freitreppen am Verwaltungsgebäude aus dem Jahr 1911, entworfen vom Friedhofsdirektor Wilhelm Cordes. Nach Auflassung des Urnenhains 1980 wurde sie vom Friedhof geborgen und auf dem Betriebsplatz an der Talstraße provisorisch aufgestellt.

Die Kettenpfeiler in der Mitte vor dem Gebäude haben hier nur einen dekorativen Charakter erhalten. Von den kleinen Pfeilern soll es insgesamt acht gegeben haben. Vermutlich begrenzten sie in einer Länge von etwa 15 Metern eine Grabstätte von enormer Ausdehnung. Die Auswahl des Materials, roter Main-sandstein, und seine Bearbeitung lassen auf die Handschrift des Architekten und Friedhofsdirektors Cordes schließen. Die Entstehung der Pfeiler wäre damit auf die Zeit um 1900 zu datieren. Ihre Herkunft ist unbekannt. Um 1977 wurden sie auf dem schon genannten Betriebsplatz als Dekoration aufgestellt. Sie stehen als Beispiel für aufwändige Einfriedigungen, die um 1900 vor großen Grabstätten üblich waren. Im Zeitalter der Industrialisierung bestanden sie auch oft aus Eisen in der Form von Gittern mit Türen. Auf dem Friedhof gibt es kaum noch solche Beispiele.

Wie zufällig verweisen einige Inschriften der aufgestellten und nachfolgend beschriebenen Grabmale auf Namen von Menschen, die mehr oder weniger hamburgische Geschichte mitgeschrieben haben.

Der reichverzierte Kissenstein aus Obernkirchener Sandstein neben dem Eingang nennt (auf kaum leserlichen Marmorplatten) den Namen Arnold Gotthold Engel (1799-1863) und den seiner Ehefrau Auguste Wilhelmine Kolster (1804-1880). Er war Regierungsrat in Schleswig und 1848 Mitglied der verfassungsgebenden Versammlung in Frankfurt. Sie war eine Großnichte des Dichters Matthias Claudius. Der Stein wurde um 1900 von Altona zum Friedhof Ohlsdorf verbracht und schmückte die Grabstätte Julius Engel nahe der Kapelle 7. Nach Aufgabe des Grabes kümmerte sich eine weitläufige Verwandte der Familie um die Erhaltung des Kissensteins und bat den Förderkreis, diesen in seine Museumsplanungen zu integrieren.

Dahinter stehen zwei fast gleiche Stelen im klassizistischen Stil. Die linke ist 1839 als Denkmal auf dem Grab des Andreas Wilhelm Ludwig Delius (1773-1820), Obristleutnant und Höchstkommandierender der Hamburgischen Garnison, errichtet worden und erinnert an den Widerstand der Hanseaten gegen die französische Besatzung unter Napoleon. Die Stele stand einst auf dem Begräbnisplatz St. Nikolai vor dem Dammtor und wurde 1920 nach Ohlsdorf überführt. Die rechte Stele Ludewigs ist erst 1921 im gleichen Stil und aus gleichem Material errichtet worden. Beide Grabmale standen vergessen und versteckt unter Brombeerranken an der Kapellenstraße gegenüber dem Freilichtmuseum der Ämtersteine.

treppe
Cordes-Treppe (Foto: Scheer)

Die bereits beschriebene Freitreppe führt zu einem erhöhten Blickpunkt, dem restaurierungsbedürftigen Galvanoengel Jerbohm (1915). Er ist eine der verbliebenen 170 Galvanoplastiken, die heute noch den Friedhof zieren. Ab 1895 wurden vierzig Jahre lang in Ohlsdorf Galvanos aufgestellt, als metallene Dauerkunst für die Ewigkeit geschaffen, aber dem Verfall ausgeliefert, wenn die hauchdünne Metall-Ummantelung der Gipsmodelle Schwachstellen zeigte. Mit einer Restaurierung des Galvanoengels Jerbohm durch das Denkmalschutzamt ist zu rechnen.

Der schwarze Obelisk auf der Anhöhe stand einst auf der Grabstätte Naucke in unmittelbarer Nähe der Kapelle 4. Der Kraftathlet Emil Naucke (1855-1900), auch "der dicke Naucke" genannt, zeigte als Kolossalmensch seine Kraftakte weltweit in zahlreichen Zirkusarenen und auf Varieté-Bühnen. Etwa um 1890 wurde Hamburg seine zweite Heimat, wo er sechs Jahre später am Spielbudenplatz auf St. Pauli ein eigenes Varieté eröffnete. Er war in Hamburg so bekannt, dass bei dem Leichenbegängnis nach zeitgenössischen Berichten Hunderttausende(?) von Hamburgern den Weg säumten, den der von 70 Equipagen begleitete Trauerzug von St. Pauli nach Ohlsdorf nahm. Der Obelisk als Grabmal war seit der Reichsgründung sehr beliebt und ist auch auf dem Ohlsdorfer Friedhof reichlich vertreten, wenngleich selten auf quadratischem Grundriss und mit Pyramidenabschluss wie bei diesem Beispiel.

Der nunmehr leider unvollständige Grottenstein rechts der Treppe wurde dem Prof. Dr. Julius Bintz (1843-1891) von seinen Schülern gewidmet. Er war einer der ersten Direktoren des 1881 gegründeten Wilhelm-Gymnasiums, der zweiten Gelehrtenschule Hamburgs nach dem Johanneum. Das Gymnasium bezog 1885 sein neues Gebäude an der Moorweide, den heutigen Altbau der Staats- und Universitätsbibliothek. Heute hat das Gymnasium sein Domizil in Harvestehude. Dieser Stein hat einst als Sockel gedient, vermutlich für einen Aufsatz in Form eines nicht beschrifteten Obelisken.

Die Grotte, nicht nur als Sockel, sondern auch als eigenständige Grabmalform, ist auf dem Ohlsdorfer Friedhof seit 1880 vertreten und verweist in ihrem Aussehen auf die Verwendung im Landschaftsgarten, an dem sich der Friedhofsdirektor Cordes als Vorbild für seine Friedhofsgestaltung orientierte. Das Friedhofsmuseum zeigt einige Variationen des in der Cordeszeit so beliebten Grabmaltyps. Dazu gehören zwei fein bearbeitete Beispiele aus hellem Sandstein: das kleine Grabmal Groth (1907) mit Palme und Rose sowie das Grottenkreuz Steffen (erste Belegung 1904) mit nachempfundenem belaubten Astwerk. Als Sockel findet man beim Obelisk Naucke das Motiv des polygonal strukturierten Mauerwerks ebenfalls wieder, wie auch beim einfachen kleinen Grabmal Schlüter (1911), dessen beide steinerne Urnen vor zwei Jahren noch vollständig waren.

Die Grabsteine Schult (1902) und Tresselt (1911) aus Granit gehören zur zeittypischen Kategorie der felsartigen Grabmale. Ihre Oberfläche ist meist roh behauen. Die Bearbeitung des Steins Tresselt ist eigenartig und ziemlich einmalig. Wie bei den Grottensteinen wird gern eine Schriftplatte vertieft eingesetzt, oft poliert und schwarz. Sie verstärkt damit das Motiv eines "Eingangs" in eine Grotte. Zu dieser Gruppe gehören ebenfalls naturbelassene Felsen und auch Findlinge. Sie sind für diese Museumsanlage jedoch zu groß, um hier gezeigt zu werden. Überwiegend stehen sie im landschaftlich gestalteten Bereich des Haupteingangs und im waldartigen Teil.

Unsere Sammlung enthält noch aus vier jüngere Grabsteine. Zwei Stelen deuten schon die neue, leichtere und schlankere Stilrichtung des Art Déco an. Die kleinere aus Sandstein, Rokay (1916), stand im Bereich der Kapelle 9 am Ausgang Kornweg und besitzt eine Vertiefung im unteren Drittel, die als Blumenschale dienen sollte. Solche Vertiefungen, aber selten bepflanzt, waren in Ohlsdorf sehr beliebt. Die größere Stele Neddenien (1919) mit schlanken Linien, strahlender Sonne und typischen Art Déco-Verzierungen ist auch deshalb interessant, weil sie aus roteingefärbtem Kunststein gefertigt wurde und kaum verwittert ist. Sie stand bei Kapelle 4.

medow
Grabstein vor und nach Restaurierung (Foto: Behrens)

Die Glasplatte des Kissensteins Medow (1919) war bei Kapelle 3 fast im Erdreich vergraben und von Rasenmähern bedroht. Glas als Material für Schriftplatten wurde nach 1880 oft benutzt, gesandstrahlt oder gelegentlich mit weißer Farbe dekorativ bemalt.

Das kleine Grabmal Siebner mit dem Engelkopf und einer seltenen Art von Grottenbearbeitung ist erst 1921 entstanden und damit stilistisch noch der Cordeszeit zuzuordnen, stellt aber chronologisch die Verbindung zur bereits bestehenden Musealanlage der "Linnezeit" links des Gebäudes dar. Dort ist das Grabmal Oerter das älteste und im gleichen Jahr 1921 entstanden.

Auflistung alle Artikel aus dem Themenheft Armenbegräbnisse (November 2002).
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