OHLSDORF - Zeitschrift für Trauerkultur

Karl Heinz Engelin : Ein unbekannter Künstler in Ohlsdorf?

 - Mai 2001
Ausgabe: 
Nr. 73, II, 2001

Vor zwei Jahren traf ich zufällig am Rand eines heckenumsäumten Grabfeldes der 30er Jahre westlich vom Heckengarten-Museum auf eine 40x40cm kleine Grabplatte (Lage Bh 54, 1985) mit einer modernen halbliegenden Figur und der Inschrift: IN MEMORIAM KARLHEINZ ENGELIN BILDHAUER 1924-1986

Erst ein Jahr später hörte ich wieder von diesem mir bislang unbekannten Künstler und fand die gleiche diesmal dreidimensional abgebildete Figur in einem mir gerade geschenkten Buch über "Plastische Kunst in Hamburg, Skulpturen und Plastiken im öffentlichem Raum", von Heinz Zabel (Dialog-Verlag, Reinbek, 1987). Das Kunstwerk heißt: "Der Faulenzer", steht seit 1984 93 cm hoch als Bronze-Skulptur Buchenring 5 mitten in einem Neubaugebiet in Volksdorf am äußersten östlichen Rand Hamburgs und wird auf S.76 von Herrn Zabel so kommentiert:

"Das ist in seiner Einfachheit ein Motiv, das auf der ganzen Welt verstanden wird. Ein Zweitguß davon steht z.B. in einer japanischen Provinzstadt". Eine Nachbildung davon ist es auf jeden Fall, die seine Ehefrau (ebenfalls Bildhauerin, die selber 1980 einen Studienaufenthalt in Japan machte) ihm zur Ehre als Halbrelief darstellte, was auch auf der Grabplatte in der unteren rechten Ecke zu lesen ist: "Gisela Engelin-Hommes 1987 nach KH Engelin".

In dem hochinteressanten Handbuch stellte ich dann fest, dass der Bildhauer Karl Heinz Engelin gar nicht so unbekannt ist. 18 seiner Werke und ebenso viele seiner Ehefrau (wie z. B. eine schwungvolle bronzene Reiterin von 1968, unweit vom Friedhof am Eitnerweg in Hummelsbüttel) schmücken unsere Stadt.

Durch den ersten Vorsitzenden unseres Förderkreises, Dr. Mauss, der das Künstler-Ehepaar früher privat kennen lernte und einen Bildband über Karl Heinz Engelin besitzt, kann ich hier einige Lebensdaten wiedergeben, die sein besonderes Schicksal prägten :

1924 Geboren in Memel
1942 Kriegsdienst, Marineschule Kiel, Ausbildung zum Wachingenieur auf einem U-Boot
1945 Internierungslager
1946 Pferdeknecht in Ostholstein
1947 Abitur Schloss Plön/Holstein
1948 Steinmetzgesellenprüfung mit zwei Auszeichnungen, Kiel
1952 Staatliche Akademie der bildenden Künste Freiburg i.B.
Meisterschüler bei Wilhelm Gerstel, Akademiepreis 1952
1953 Studienaufenthalt Paris, Akademie de la Grande Chaumière
1954 Landeskunstschule Hamburg Edwin Scharff
1955 Heirat mit der Studienkollegin der Freiburger Zeit, Gisela Hommes
1958 Atelier in Hamburg
1963 Perfektionierung im Bronzeguss, Wachsausschmelzverfahren
1970 Ausbildung in Schweißverfahren für Edelstahl.

Dies ist fast alles, was man an Daten durch das Bildband erfährt, aber der Titel "Karl Heinz Engelin - Plastik, Skulptur, Objekt, Radierung, Zeichnung, Lithografie", 1979 bei Busse in Herford erschienen, mit einem Geleitwort von Gerhard Wietek, 106 Abbildungen und einem Portrait des Künstlers sagt schon viel über seine Entwicklung und die Vielfalt seiner Werke - vom reizenden bronzenen Flötenbläser aus dem Jahre 1952 über Skizzen und herrliche Pferdebronzen bis zu den freien Stahlspiralen der letzen Jahre. Hier ist schon der berühmte "Faulenzer" als nur 11 cm lange Figur aus Bronze aus dem Jahr 1964 zu sehen. Dazu möchte ich einige Absätze von Wietek zitieren:

"Engelins Kunst ist organisch bestimmt, nicht nur in ihrem Werden, sondern in ihrem jeweiligen Ergebnis. Sie ist ohne die Gewissheit, dass Gewachsenes Zeit benötigt und Reife des Wartens bedarf, überhaupt nicht denkbar (...) Das Warten und die Ruhe gehören zusammen (...) So wird die kleine, in ihrer Monumentalität dennoch kaum überbietbare Figur des "Faulenzers", ihrem Untergrund ebenso verbunden wie entrückt und auf ihre Grundformen gleichermaßen reduziert wie konzentriert, zu einem Symbol der Vita contemplativa als Voraussetzung der Vita activa und die Darstellung des Ruhens zur Verkörperung des Schöpferischen an sich. In dieser Figur hat Engelin vollendet zur Ausdruck gebracht, was er unter Architektonik, Dreidimensionalität und Räumlichkeit versteht (...)".

Diese Figur ist es also, die seine Frau als bezeichnendste für das Lebenswerk des Bildhauers aussuchte und die wir in Ohlsdorf auf seinem Grab sehen können...

Der Katalog der interessantesten Grabstellen auf dem Ohlsdorfer Friedhof, 1990 bei Christians erschienen, hört leider 1950 auf. Auch im neuen Friedhofsführer von Helmut Schoenfeld steht Karl Heinz Engelin noch nicht unter den berühmten Persönlichkeiten, die in Ohlsdorf begraben sind: wäre vielleicht dies ein Anlass, die Aufnahme und eine Veröffentlichung von moderneren Grabstellen ins Leben zu rufen?

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