OHLSDORF - Zeitschrift für Trauerkultur

Caesar Scharff - ein Jugendstilkünstler auf dem Ohlsdorfer Friedhof

 - Mai 2001
Ausgabe: 
Nr. 73, II, 2001

Der Bildhauer Caesar Scharff ist von der Nachwelt fast vergessen worden.

Das mehrbändige Lexikon Deutscher Künstler, der "Thieme-Becker", nennt gerade einmal seinen Namen und seine Lebensdaten: "Scharff, Caesar, Bildhauer, geboren in Hamburg am 22.12.1864, gestorben in Alt-Rahlstedt bei Hamburg am 21.10.1902", lautet der lakonisch kurze Eintrag. Nach diesen wenigen Angaben wird nur noch auf vier Publikationen hingewiesen, in denen man etwas mehr über den Künstler nachlesen kann.1

Vielleicht liegt es an der kurzen Lebenszeit von nur dreiundvierzig Jahren, dass der Name Caesar Scharff heute nur noch Wenigen etwas sagt. Dabei hat dieser Bildhauer während dieser kurzen Zeitspanne eine ganze Reihe von Werken geschaffen, die von ungewöhnlicher Qualität sind. Ein anderer Grund mag darin zu finden sein, dass er sich besonders der Friedhofskunst zugewandt hat, so dass die meisten seiner Plastiken heute auf dem Ohlsdorfer Friedhof zu finden sind. Nun sind Friedhöfe generell Orte, auf denen die von Berufs wegen mit der Kunst befassten Historiker meistens ebenso selten wie Liebhaber und Sammler nach Kunstwerken suchen. Zudem gehören die Werke Caesar Scharffs stilistisch dem Jugendstil an, der bald nach der Wende zum 20. Jahrhundert bei den so genannten Kennern verpönt war und erst nach der Jahrhundertmitte wieder entdeckt wurde. Das alles mag dazu geführt haben, dass sein Name mehr oder weniger in Vergessenheit geriet.

Dabei war Caesar Scharff gegen Ende des 19. Jahrhunderts als Neuerer in der Hamburger Kunstszene durchaus bekannt gewesen. Er hat sogar einen eigenen Bildband zu den Grabmälern auf dem Ohlsdorfer Friedhof veröffentlicht, in dem er die Tendenz der Hamburger Bürger scharf geißelte, auf den großen Familiengräbern inmitten der parkartigen Anlagen überdimensionale Findlinge und Felssteine nach Art der "alten Germanen" aufzustellen.2 Dagegen setzte er Kunstfotografien seiner Plastiken und betrieb so schon früh ein wohlüberlegtes Marketing in eigener Sache. Offensichtlich hatte er damit Erfolg, wie die in Ohlsdorf erhaltenen Grabmale von seiner Hand beweisen.

Über Herkunft, Familie und Ausbildung Caesar Scharffs war bisher leider nichts in Erfahrung zu bringen. Doch muss er eine fundierte Lehrzeit als Bildhauer und Künstler hinter sich gebracht haben, da er ohne sie niemals fähig gewesen wäre, großformatige Plastiken zu schaffen und in Bronze gießen zu lassen. Möglicherweise bildete er sich sogar in einem der vielen Pariser Bildhauerateliers und an der weltberühmten Akademie der Schönen Künste in der damaligen Hauptstadt der Kunst weiter, wie es viele seiner Zeitgenossen - unter anderem auch Ernst Barlach - taten. Dort blühte in den neunziger Jahren jener Jugendstil in der Bildhauerkunst auf, dem die Werke Caesar Scharffs zuzurechnen sind, und von dem auch die frühe Plastik Ernst Barlachs auf dem Ohlsdorfer Friedhof zeugt.3 In Hamburg trat Scharff, soweit zu ermitteln war, erst wenige Jahre vor seinem Tod mit ersten größeren Werken hervor. Offenbar schuf er aber vorher schon Plaketten und kleinere Werke.4 Er war Mitglied des Hamburger Künstlervereins, dem alle etablierten Künstler der Hansestadt angehörten, und hatte offenbar zugleich sogar bei den moderneren Künstlern des neuen "Hamburgischen Künstlerclubs von 1897" einen Stein im Brett: Immerhin war er der einzige Bildhauer, der eingeladen wurde, sich mit seinen Werken an einer Ausstellung zu beteiligen.5

Das früheste seiner größeren Werke, das vom Ohlsdorfer Friedhof her bekannt ist, war ein Bronzerelief, das er 1898 signierte. Es befand sich auf dem Grabmal von Dr. Heinrich Köstlin und zeigte eine junge Frau, die auf einem antikisierenden Hocker saß und eine Schrifttafel in Händen hielt, worauf der Name des Verstorbenen erschien. Damit hielt es sich durchaus im Rahmen der damals üblichen Grabmaldarstellungen. Das Grabmal selbst wurde 1923 abgeräumt, kam aber drei Jahre später auf Betreiben des damaligen Denkmalpflegers wieder zurück nach Ohlsdorf, wo es später verschwand und unauffindbar blieb. Da Caesar Scharff dieses Werk auf der ersten Tafel seines Bildbandes abbilden ließ, kann man darauf schließen, dass es tatsächlich den Beginn seines großformatigen plastischen Oeuvres bildete.6

In den folgenden Jahren schuf der Bildhauer eine Reihe weiterer Reliefplatten, die teilweise nur ornamental,7 teilweise aber auch figürlich ausgeschmückt waren. Unter ihnen ist das Relief auf der Grabstätte Soltau am ungewöhnlichsten.8 Es ist in einen jener beliebten Findlinge eingelassen, die Caesar Scharff wenig später in seiner Publikation angriff. Ein spitzbogiges Bronzefeld, das einem gotischen Fenster gleicht, ist mit einem Engel ausgefüllt, dessen große Flügel über den rechten Rand herausdrängen. Er kniet mit trauernd gesenktem Kopf am Boden vor einem großen Kreuz und greift mit beiden Armen zu dem Kreuzbalken hinauf. Der Hintergrund ist mit Strahlen ausgefüllt, die von unten hinauf zum Himmel weisen. Das Überraschende und zu damaliger Zeit auf einem Friedhof fast Unerhörte dieser Darstellung ist nicht nur die ungewöhnliche Haltung dieser Gestalt, sondern viel mehr, dass dieser Engel als junge, unbekleidete Frau dargestellt ist, deren weibliche Reize durch keinen Schleier verhüllt werden.

Offenbar hat Caesar Scharff mit diesen ersten Werken und mit ihrer Publikation in Hamburg einiges Aufsehen erregt, denn in den folgenden drei Jahren - den letzten seines Lebens - führte er nicht nur eine Reihe von weiteren Grabmalplastiken für den Ohlsdorfer Friedhof aus, sondern nahm 1901 auch an dem großen Wettbewerb für das Hamburger Bismarckdenkmal teil und konnte dabei mit seinem Entwurf einen vierten Preis nach Hause tragen.9 Im selben Jahr schuf er zwei Plastiken für den Friedhof, die mit zu seinen bedeutendsten Werken zu zählen sind. Für das Grabmal der Familie Diederichsen10 hat er das beliebte Motiv eines Portals gewählt, das in Ohlsdorf häufig für den Übergang und die Grenze zwischen Leben und Tod aufgestellt worden ist. In Anspielung auf den ägyptischen Totenkult ist das halbrunde Tor der Unterwelt von zwei Sphinxen eingerahmt. Aus der mittleren Öffnung tritt eine junge Frau heraus, die mit einer schützenden Geste ihre Augen so bedeckt, als ob ein Licht sie blendet oder als ob sie einen erschreckenden Anblick abwehrt. Während sie fast vollplastisch gebildet ist, erscheint zu ihrer rechten im Relief der Kopf eines alten Mannes, der ihren Arm ergriffen hat. Dabei lässt sich seine Handhaltung ebenso wie ihre Geste doppelt deuten: Sein fester Griff um ihr Armgelenk scheint sie ebenso zurückzuhalten wie beim Vorwärtsschreiten zu stützen. Auch in der Gestaltung des Körpers der jungen Frau erscheint jene Vielschichtigkeit der Darstellung wieder. Ihre rechte Körperhälfte ist unbekleidet, während von ihrer linken Schulter eine dünne Stoffbahn herabfällt, die am Boden ausläuft. Dabei überformt der Stoff ihr Standbein so weitgehend, dass fast der Eindruck entsteht, es würde sich in Verbindung mit dem Boden in eine fließende Form auflösen.

Während der Künstler für das Grabmal Diederichsen eine völlig neue Komposition entworfen hat, hält er sich bei dem Grabmal für die Familie Wellge11 mehr an konventionelle Bildideen. Er hat hier ein Kreuz zur Grundlage genommen, das nach Art der süddeutschen Wegkreuze von einem kleinen Dach geschützt wird. Daran lehnt eine sitzende Trauernde in einem langen losen Kleid mit weitem Halsausschnitt. Ein weiteres Grabdenkmal, das allerdings nicht ausgeführt wurde, stellte Caesar Scharff im Herbst 1900 bei der bekannten Hamburger Galerie Commeter aus. Wieder handelte es sich um eine weibliche Gestalt vor einem steinernen Monument. Der Bildhauer hatte es zur Erinnerung an Elise Lensing, "die treue Freundin Friedrich Hebbels" entworfen. Seine Abbildung wurde in Postkarten verbreitet, doch sollte es niemals zur Aufstellung kommen. Erst Jahre nach dem Tod des Künstlers wurde der umgebetteten Geliebten des Dichters ein schlichteres Monument in Ohlsdorf errichtet.12

Das letzte große Werk, das Caesar Scharff in seinem Leben schaffen sollte, wurde nicht für den Friedhof bestellt, sondern für das Kontorhaus der Reederei Laeisz, wo es im Jahr 1903, ein Jahr nach seinem Tod, zur Aufstellung kam und noch heute zu bewundern ist.13 Die monumentale Gruppe besteht aus mehreren Figuren, ist den großen Reedern von "Hamburgs Handel und Schifffahrt" gewidmet worden und besteht aus drei Hauptfiguren: ein Werftarbeiter, ein Seemann und eine weibliche Gestalt, die das Versicherungswesen darstellen soll, personifizieren die Bürgertugenden von "Kraft, Fleiß und Fürsorge", die in der Firma Laeisz in besonderem Maße vertreten waren und stellen zugleich die drei Arbeitsfelder der Firma dar, nämlich Reederei, Schifffahrt und Seeschifffahrtsversicherungen. Ein Relief im Hintergrund zeigt den Hamburger Hafen mit der "Preußen", die damals als größter Segler der Welt galt, während der äußere Rand der Nische, in der die Figuren stehen, Porträtmedaillons mit den Bildnissen des Firmengründers und seines Nachfolgers zeigt.

1 Thieme, Ulrich: Allgemeines Lexikon der bildenden Künstler von der Antike bis zur Gegenwart. Leipzig (Seemann), 1907 ff., hier: Bd. 29, S. 584

2 Scharff, Caesar: Der Hamburger Friedhof und sein plastischer Grabschmuck. Ein Wort an das kunstliebende Hamburger Publikum. Hamburg 1900. Scharffs junger Künstlerkollege Arthur Bock, der später zum Professor an der Kunst-hochschule werden sollte, veröffentlichte dieses Buch - angereichert mit Abbildungen eigener Werke - zwei Jahre nach dem Tode seines Freundes ein zweites Mal unter dem gleichen Titel: Scharff, Caesar; Bock, Arthur: Der Hamburger Friedhof und sein plastischer Schmuck. Ein Wort an das kunstliebende Hamburger Publikum. Hamburg 1904.

3 Vgl. Ernst Barlach, "Die Lauschende". Leisner, Barbara; Schulze, Heiko K.L.; Thormann, Ellen: Der Hamburger Hauptfriedhof Ohlsdorf. Band 2: Katalog. Hamburg (Hans Christians Verlag) 1990, S. 54, Kat. 303 Grabstätte Möller-Jarke

4 Vgl. Rump, Ernst: Lexikon der bildenden Künstler Hamburgs, Altonas und der näheren Umgebung. Neudruck der Auflage von 1880 mit handschriftlichen Ergänzungen bis 1912. Hamburg 1912, S. 117

5 Meyer-Tönnesmann, Carsten: Der Hamburgische Künstlerclub von 1897. Hamburg (Hans Christians Verlag) 1985,S. 139

6 Leisner u.a. 1990, Bd.2, S. 30, Kat. 273; Scharff 1900, Tafel 1

7 Leisner u.a. 1990, Bd.2, S. 53, Kat. 298 Holthusen 1899; Scharff 1900, Tafel 6 - Leisner u.a. 1990, Bd.2, S. 55, Kat. 310 Prochownick 1900 - Leisner e.a. 1990, Bd.2, S. 55, Kat. 311 Wehber o.J (1900)

8 Leisner u.a. 1990, Bd.2, S. 31, Kat. 282 Soltau 1899; Scharff 1900, Tafel 9

9 Plagemann, Volker: Vaterstadt, Vaterland, schütz dich Gott mit starker Hand: Denkmäler in Hamburg. Hamburg (Hans Christians) 1986, S. 104

10 Leisner u.a. 1990, Bd.2, S. 57, Kat. 321 Diederichsen o.J. (1901); erscheint nur in Scharff/Bock Tafel 17

11 Leisner u.a. 1990, Bd.2, S. 57, Kat. 322 Wellge o.J. (1901); Scharff/Bock Tafel 16

12 Meyer-Tönnesmann 1985, S.139; Grabstätte Elise Lensing: Leisner u.a. 1990, Bd.2, S. 110, Kat. 716 (1913).
Weitere Grabmale von Caesar Scharff sind in Leisner u.a. 1990, Bd. 2, S. 55, Kat. 306 Hansing o.J. (1900) und Leisner u.a. 1990, Bd.2, S. 57, Kat. 323 Hausen o.J. (1901) genannt, sowie auf den folgenden Grablagen zu finden: G 18,1143-8; U 12 111-7; Z 8, 330-7

13 Industriekultur in Hamburg: des Deutschen Reiches Tor zur Welt. Hrsg. von Volker Plagemann, München (Beck) 1984, S. 343-47

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