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OHLSDORF - Zeitschrift für Trauerkultur

Die Familiengräber am "Kap Hoorn"

Nein, gemeint ist hier nicht die Südspitze von Südamerika.

Mit "Kap Hoorn" wird in Ohlsdorf gelegentlich die spitz zulaufende Ecke an der Einmündung der Ida-Ehre-Allee in die Mittelallee bezeichnet (U32–W35). Wer sich hier genauer umsieht, wird feststellen, dass auf vielen Grabsteinen Sterbedaten aus der Zeit des Ersten Weltkriegs zu finden sind und die Inschriften auf gefallene Soldaten hinweisen.

Tatsächlich ist das Grabfeld etwa zeitgleich mit dem Feld der Soldatengräber auf der anderen Seite der Kriegerehrenallee, der heutigen Ida-Ehre-Allee, angelegt worden. In einem Schreiben vom 11. August 1916 an den Senator Paul Sachse begründet Direktor Cordes die Anlage dieses Feldes so:

"Sehr bald mußte Bedacht auf die Erwerbung von Einzel- und Familiengräbern genommen werden, da vielfach schon der Gedanke an Umlegungen auftrat und Familien Gräber im Bereiche der Kriegergräber erwerben wollten."

Da man damit den allgemeinen Wünschen entgegenkam, wurde für diese Familiengräber ein Bereich ausgewählt, der nur durch die Straße von den anderen Soldatengräbern getrennt war.

Karte
Ausschnitt aus dem Friedhofsplan. Foto: B. Schmolinske

Der abgebildete Kartenausschnitt zeigt das Grabfeld und die Anordnung der Grabreihen. Die größten Gräber, vier- bis zehnstellig, befinden sich im Bereich C. Hier ist etwa die Hälfte der ursprünglichen Gräber heute noch vorhanden, aber der Rhododendron hat sich sehr breit gemacht, so dass davon wenig zu sehen ist. In den Bereichen A und B mit zwei- bis vierstelligen Gräbern gibt es dagegen schon große Lücken. Von rund 350 Grabmalen aus der Belegungszeit sind noch etwa 85 vorhanden.

schwarzer Granit
Eine damals besonders beliebte Grabmalvariante. Foto: P. Schmolinske

Bei der Bestandsaufnahme in den 1980er Jahren wurden besonders Bereich B und C mit den vorhandenen Grabmalen als bedeutend eingestuft. In einer 1988 erstellten Karte werden sie bezeichnet als "Bereich mit Grabmalen, die als typische Beispiele einer bestimmten Belegungszeit erhaltenswert sind und noch das Bild des Grabfeldes prägen --> Ensembleschutz". Und tatsächlich ist der Anteil erhaltener Grabmale im Vergleich zu manchen anderen Bereichen hier noch relativ hoch, was aber wahrscheinlich nicht an einem bewussten Einhalten dieser Empfehlung liegt, sondern eher am größeren "Beharrungsvermögen" der Grabnutzer. Andere Grabfelder sind – trotz ähnlicher Empfehlungen – in den letzten Jahrzehnten oft weitaus stärker geräumt worden.

Ädikula
Die Ädikula auf dem Grab Herold. Foto: P. Schmolinske

Bei der Bestandsaufnahme fand man damals "viele große Aedikulen, Obelisken, schwarze Granitwände, Felsen, einige Findlinge, häufig sind die Gräber mit Pfosten und Ketten eingerahmt, … Stein, Glas, Bronze, Eisen". Obelisken sind heute allerdings kaum noch vorhanden, und die Pfosten und Ketten sind ebenfalls sehr selten geworden.

Der schwarze Granit ist dagegen weiterhin stark vertreten. Das eigentliche Grabmal ist dabei eine Platte mit glatter Vorderseite, nach oben hin dünner werdend, seitlich und hinten teils glatt, teils mehr oder weniger grob bearbeitet und auf jeden Fall auf einen Sockel gestellt. Mehrere Grabmale haben dazu noch niedrige Seitenteile. Die Inschriften ähneln in den meisten Fällen dem hier gezeigten Beispiel, oft noch ergänzt um Dienstgrad und Sterbeort und / oder allgemeine Formulierungen wie 'gestorben den Heldentod fürs Vaterland'.
Ein besonderer Spruch findet sich auf dem Grabstein für Adolf Neumann (W35, 219-24): "Was sind Hoffnungen, was sind Entwürfe, die der Mensch, der vergängliche, baut."

Ein besonders aufwändiges Grabmal in Form einer Ädikula steht auf dem Grab Herold (W35, 147-52). Die Inschrift lautet: "Geliebter Sohn und Bruder nicht mehr unter uns nun bist Du mehr. Dich traf die Feindeskugel allzuschwer. Du starbst den Heldentod fürs Vaterland und reichst uns nie mehr Deine liebe Hand."

Herbert Brink
Bronzeporträt Herbert Brink, gefallen 1916. Foto: P. Schmolinske

Die bei der Bestandsaufnahme erwähnte Bronze bezieht sich vermutlich auf drei Bronzeporträts. Auf den Grabstätten Brinck (W35, 67-72) und Schnacke (V34, 429-31) zeigen sie die gefallenen Söhne der Familien. In beiden Fällen sind die Abgebildeten nicht hier bestattet.

Ernst Schnacke
Bronzeporträt Ernst Schnacke, gefallen 1918. Foto: P. Schmolinske

Das dritte Porträt auf dem Grab Böttcher zeigt ein kleines Mädchen namens Barbara, die 1938 drei Tage vor ihrem dritten Geburtstag starb (W33, 087-89).

Barbara Böttcher
Bronzeporträt von Barbara Böttcher. Foto: P. Schmolinske

Bei der Betrachtung der zum Teil recht aufwändigen Grabmale taucht die Frage auf, wer denn wohl die Graberwerber waren. Die Einträge im Grabregister zeigen, dass sie aus dem Mittelstand kamen. Neben der sehr allgemeinen Bezeichnung Kaufmann finden sich z.B. Schlachtermeister, Gärtner, Maurer und Schiffszimmerer, also handwerkliche Berufe.

Für die Zukunft wird sich zeigen, wie sich die Planung für Ohlsdorf 2050 in diesem Bereich auswirkt. Wenn an dem Konzept hier nichts mehr geändert wird, gibt es keine Neubelegungen mehr. Das sollte zusätzlich zur Empfehlung von 1988 eigentlich bewirken, dass dieses Grabfeld weitgehend erhalten bleibt, da es in dieser Form tatsächlich einmalig ist.

Auflistung alle Artikel aus dem Themenheft Weltkriegsende und Revolution (November 2018).
Erkunden Sie auch die Inhalte der bisherigen Themenhefte (1999-2019).