OHLSDORF - Zeitschrift für Trauerkultur

Ein Besuch auf dem Ersten Athener Friedhof

 - Mai 2018
Ausgabe: 
Nr. 141, II, 2018

Die Hamburger Pastorin Marianna Nestoris hat im Jahr 2000 in dieser Zeitschrift über Sterbesitten und Trauerbräuche im ländlichen Raum Nordgriechenlands berichtet.

Athen 1880
Athen um 1880 – Der große grüne Pfeil zeigt den nördlichen Teil des Ersten Athener Friedhofs von 1837 (Quelle: Von Bibliographisches Institut - vol. 1 of the 4th edition of Meyers Konversations-Lexikon, Gemeinfrei, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=1092132)

Zur Vorbereitung auf meine Reise nach Athen habe ich ihn erneut gelesen und auch im Internet dazu recherchiert. Beides motivierte mich dazu einen Friedhof in dieser Stadt zu besuchen, der aktuell für Beerdigungen genutzt wird – also gerade nicht den im Nordwesten der Akropolis gelegenen antiken Karameikos-Friedhof (auf dem Plan mit einem kleinen grünen Pfeil gekennzeichnet).

Erster Athener Friedhof
Erster Athener Friedhof: Blick vom Eingangsplatz auf vorne rechts: Grabmal der Familie Benakis (Baumwollhändler und Museumsgründer); Mitte: Stele für Melina Mercouri; oben: tempelartiges Grab von Heinrich Schliemann (Quelle: By Dimboukas at English Wikipedia - Transferred from en.wikipedia to Commons., Public Domain, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=38842185)

Athen hat heute ca. 800.000 Einwohner. Die Stadt ist aber längst über ihre Grenzen hinausgewachsen. Man rechnet damit, dass 3 Millionen von den 11 Millionen Einwohnern Griechenlands inzwischen im Großraum Athen leben. Die Beerdigungsflächen verteilen sich insbesondere auf drei städtische Friedhöfe.

Weitere Grabst.
Weitere Grabstätten auf dem Ersten Athener Friedhof. Foto: H. Häussler

Der "Erste Athener Friedhof" (Próto Nekrotafío Athinón) von 1837, der im Plan mit einem großen grünen Pfeil markiert ist, wurde von dem aus Bayern stammenden König Otto gegründet, dessen Regentschaft über Griechenland 1832 begonnen hat. Der Friedhof befindet sich südlich der historischen Innenstadt in der Nähe des Olympiastadions von 1896 und wurde zum Begräbnisplatz für berühmte Menschen aus Politik und Kultur. Auch der in Mecklenburg geborene Archäologe Heinrich Schliemann wurde dort beigesetzt; außerdem viele Politiker – eingeschlossen die Widerstandskämpfer gegen die Militärdiktatur –, sowie Wissenschaftler, Dichter und andere Künstler wie zum Beispiel die bekannte Sängerin Melina Mercouri.

Auf Grund der Lage in der Stadt und wegen der besonderen historischen Bedeutung gibt es auf dem Ersten Athener Friedhof viele große Gräber, die vermutlich auf Friedhofsdauer angelegt wurden. Dort befinden teilweise sehr aufwendige Grabmäler: eindrucksvolle Mausoleen in Form von kleinen Tempeln und Kirchen; große weiße Grabplatten und interessante Skulpturen; Marmorlandschaften für ober- und unterirdischen Gräber und unterschiedlichen Grabschmuck mit Porträtfotos und Pflanzen. Der Friedhof ist auch relativ grün – im Unterschied zu den beiden anderen städtischen Friedhöfen, die ich mir allerdings nur mit Hilfe von Google-Maps angeschaut habe.

Treppe
Treppe zu einer tiefliegenden Grabkammer. Foto: H. Häussler

Noch mehr als diese vielfältige Marmorlandschaft interessierte mich allerdings das, worauf mich der Artikel von Marianna Nestoris vorbereitet hatte. Wie sehen die Gräber der vielen Verstorbenen aus, die sich kein aufwändiges Monument leisten wollen oder können?

Weg
Weg mit für drei Jahre gemieteten Gräbern.
Foto: H. Häussler

Griechenland und die Griechen leiden an einem Mangel an verfügbaren Friedhofsplätzen. Sie leiden auch an ihrer finanziellen Situation. Ein Erdbegräbnis mit den Kosten für das Grabmal ist teuer und überfordert viele Menschen. Die Alternative der Feuerbestattung gibt es in Griechenland nicht. Der Bau eines Krematoriums wurde bis heute durch die orthodoxe Kirche verhindert, da sie die Feuerbestattung kategorisch ablehnt. Die Kirche hat großen Einfluss auf die griechische nationale Identität, auf Staat und Gesellschaft. Es heißt 95 % der Griechen gehören ihr an. Die Kirche ist die größte Grundbesitzerin des Landes. Sie genießt verfassungsrechtliche Privilegien und braucht keine Steuern zu zahlen. Die Gehälter für die kirchlichen Würdenträger werden vom Staat übernommen. Zwar wurde in der nordgriechischen Stadt Thessaloniki bereits 2011 der Bau eines Krematoriums legalisiert, jedoch gab es keine Baugenehmigung. So wurde es nicht gebaut. Wer seinen Verstorbenen dennoch einäschern lassen will, lässt ihn in die bulgarische Hauptstadt Sofia transportieren, also 800 km von Athen entfernt. Bei der orthodoxen Kirche dort ist die Verbrennung zwar ebenso wenig erwünscht wie in Griechenland, doch hat Bulgarien eine sozialistische Vergangenheit, so dass dort Krematorien gebaut und eingesetzt wurden. Wie die katholische Kirche früher hält die orthodoxe Kirche die Feuerbestattung heute noch für einen heidnischen Brauch, der dem Geist der Heiligen Schrift widerspricht. Sie predigt die leibliche Auferstehung der Toten beim Jüngsten Gericht. Der Klerus verdient nicht wenig Geld für die Begräbnisse und darüber hinaus auch durch die damit zusammenhängenden orthodoxen Rituale: die Aussegnung und Grablegung auf dem Friedhof, das Totengedenken nach 40 Tagen (in Anlehnung an Christi Himmelfahrt) und nach einem Jahr, sowie schließlich die Graböffnung nach wenigen Jahren mit der Reinigung der Knochen durch die Angehörigen, bei der allerdings die Anwesenheit des Priesters vom Wunsch der Angehörigen abhängt, und schließlich die Aufbewahrung in einem Beinhaus.

Betongruften
Leere Betongruften
Foto: H. Häussler
Regale
Die in langen und hohen Regalen aufbewahrten Boxen werden von Angehörigen mit Fotos und Kunstblumen geschmückt. Foto: H. Häussler

In Athen ist die Liegezeit in einfachen Gräbern für unsere Verhältnisse sehr kurz. Die Särge in den einfachen Gräbern werden nur mit wenig Erde abgedeckt, so dass Wärme und trockene Luft für eine schnelle Verwesung sorgen. Das Grab wird für drei Jahre gemietet und danach wieder freigemacht.

Bei meinem Besuch des Ersten Athener Friedhofs fand ich eine Konzentration einfacher Gräber am nordöstlichen Rand des Friedhofs. Sie waren mit Marmorplatten überdeckt, sehr gepflegt und hatten frische Blumen. Ihre Beschriftung zeigte jedoch, keines war älter als drei Jahre. Unmittelbar daneben sah ich die freigemachten Gräber, die einen Blick in die nur niedrigen leeren Betongruften erlaubten.

Anschließend besuchte ich das Beinhaus am großen Eingangsplatz des Friedhofs. Es befindet sich schräg gegenüber der orthodoxen Thomas-Kirche und ist frei zugänglich. Erdgeschoss und Untergeschoss beherbergen hohe und lange Metallregale mit hunderten von nummerierten länglichen Metallboxen, in denen sich die wiederbestatteten Gebeine der exhumierten Toten befinden. Auch für diese Art der Aufbewahrung müssen Gebühren bezahlt werden, anderenfalls werden die Knochen in einem Sammelgrab anonym beigesetzt.

Bei mir persönlich hinterließ der Anblick der leeren Betongruften und der Regale mit den Wiederbestattungen ein Gefühl von Trauer und Verstörung, war mir doch hier der massenhafte Tod in der Großstadt viel näher gekommen als in der versöhnenden grünen Natur des Ohlsdorfer Friedhofs.

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