OHLSDORF - Zeitschrift für Trauerkultur

Es hat uns das Herz zerrissen

 - Februar 2018
Ausgabe: 
Nr. 140, I, 2018

Tiergräber als Gradmesser der Mensch-Tier-Beziehung

(Dieser Beitrag basiert auf: Ulrike Neurath, Tier und Tod – Über Mensch-Tier-Beziehungen aus kulturwissenschaftlicher Sicht am Beispiel von Tierbestattungen. Unveröffentlichte Dissertation 2016)

Tierbestattungen sind in der Menschheitsgeschichte nichts Neues. Ihnen lagen oft kultische Motive zugrunde. Die moderne Tierbestattung ist dagegen dem Bedürfnis nach einem würdevollen Umgang mit dem toten – dem eigenen – Tier entsprungen. Außerdem verleiht sie der Trauer über den Verlust des Tiers Ausdruck, was wiederum auf Tierfriedhöfen recht eindrücklich zutage tritt.

In ihrer modernen Form sind Tierfriedhöfe – zumindest in der westlichen Kultur – eine Erscheinung des ausgehenden 19. Jahrhunderts. Sie blieben bis zum Ende des 20. Jahrhunderts eine kulturelle Randerscheinung. Seitdem entstanden immer mehr Tierfriedhöfe. In den 2000ern kamen außerdem immer mehr Tierkrematorien hinzu, die wiederum die Möglichkeit bieten, die Tierasche nach Hause mitzunehmen. Ein weiteres Novum ist das Konzept einer gemeinsamen Bestattung von Mensch und Tier, das im Frühjahr 2015 mit der Eröffnung erster, speziell dafür vorgesehener Friedhöfe umgesetzt wurde.

Dies lässt erkennen, dass nicht nur die Friedhofskultur in Bewegung ist, sondern dass sie sich zunehmend auch auf das Tier ausweitet. Demnach scheint sich – so die daraus ableitbare These – das Mensch-Tier-Verhältnis über die letzten Jahrzehnte qualitativ verändert zu haben, was außerdem durch den fast kontinuierlichen Anstieg der Heimtierpopulation wie auch durch das immer größere, dem Heimtier geltende Dienstleistungs- und Produktspektrum indiziert wird.

Hundegrab"
Grabmal für einen Yorkshire Terrier "Es hat uns das Herz zerrissen". Foto: U. Neurath 2014

In diesem Kontext gilt es den Aspekt der Anthropomorphisierung, d.h. Vermenschlichung, ins Spiel zu bringen. So ist es ein wesentliches Merkmal der Heimtierhaltung, dass das Heimtier Anthropomorphisierungstendenzen ausgesetzt ist. Dass diese qualitativ variieren können, ist dabei einleuchtend. Naheliegend ist aber ebenso, dass ein vermenschlicht geprägter Umgang mit dem Tier nicht unbedingt mit dessen Ableben endet, sondern darüber hinaus – postmortal – fortgeführt wird. Inwiefern dies geschieht, kann an Tiergräbern und ihrer Ausgestaltung abgelesen werden. Als eine final sichtbare Form bilden sie somit eine wichtige – wenn auch nicht alleinige – Analysequelle, die heutige Mensch-Tier-Beziehung einzuordnen und dabei qualitativ zu präzisieren.

Allein die Entscheidung, das eigene Tier nach dessen Ableben unbedingt bestatten und es im heimischen Garten oder eben auf einem Tierfriedhof beisetzen zu wollen, führt zunächst einmal sehr deutlich die unterschiedliche Wahrnehmung von Tieren durch den Menschen vor Augen. So ist die Handlungsform der Tierbestattung grundsätzlich ein Kennzeichen dafür, dass der tote Tierkörper nicht als Kadaver, sondern als Leichnam wahrgenommen wird: einen Kadaver entsorgt man – einst in sog. Abdeckereien, heutzutage in sog. Tierkörperbeseitigungs- bzw. -verwertungsanlagen –, einen Leichnam bestattet man. Das Tier bekleidet also nicht die Rolle eines Objekts, wie es für Nutztiere zutrifft, sondern – begünstigt durch anthropomorphe Handlungs- und Verhaltensmuster – die Rolle eines Subjekts. Das Tier wird also schon zu dessen Lebzeiten individualisiert, als ein Wesen auf (nahezu) Augenhöhe des Menschen wahrgenommen und bisweilen sogar seine Höherstilisierung herbeigeführt. Ableitbar ist dies etwa aus besonderen Titulierungen oder Wesensbeschreibungen, die auf dem Tiergrab als Bestandteil von Inschriften oder Textniederlegungen in Erscheinung treten (z.B. Wundergeschöpf, Zaubermaus, Götterfunken; lieb, treu, toll).

Kindergrab
Tiergrab
Kindergrab (oben) und Tiergrab (unten) - gestalterisch gibt es oft sehr große Parallelen. Foto: U. Neurath 2014

Tierfriedhöfe bieten Raum, diese Individualisierung auch im Tod beizubehalten und ihr über das Grabzeichen und/oder die Grabflächenaccessoires langfristig und pointiert Ausdruck zu verleihen. Derartige Pointierungen oder gar Überzeichnungen finden sich auf Humangräbern nicht bzw. sind untypisch. Unabhängig davon weisen Tiergräber dennoch diverse Parallelen zu Humangräbern auf. Dies lässt sich allein schon an der formalen Ausstattung von Tiergräbern festmachen. Im Rahmen einer Untersuchung mehrerer bundesdeutscher Tierfriedhöfe konnte festgestellt werden, dass die meisten Tiergräber ein Grabzeichen aufweisen und dekoriert sind, sodass Hu-manfriedhöfe demzufolge eine Leitbildfunktion für Tierfriedhöfe haben.

Die Grabzeichen zeugen allerdings von einer großen qualitativen Spannweite. Diese Auffälligkeit ergibt sich aus dem Erscheinungsbild von Humangrabzeichen als den allgemeinhin sehr viel vertrauteren Totengedenkzeichen. So zeugen nicht wenige Tiergrabzeichen von einer improvisiert wirkenden Formensprache und Ausgestaltung, indem es sich um Eigenkreationen – teils aus Alltags- und Gebrauchsgegenständen konstruiert – oder um zu Grabzeichen umgewidmete kommerzielle Andenkenobjekte handelt.

Auf Humanfriedhöfen finden sich Grabzeichen dieser Art nicht, was sich darauf zurückführen lässt, dass die in den Friedhofssatzungen festgelegten Gestaltungsvorschriften in der Regel enger gefasst sind. Die oft großzügigeren Gestaltungsspielräume auf Tierfriedhöfen werden bisweilen also deutlich ausgereizt. D.h. wiederum, dass in speziell diesen Fällen kein kultureller Transfer vom Humanfriedhof auf den Tierfriedhof stattfindet.

Auffällig ist außerdem, dass der Besitzanspruch an einer Grabstätte nicht selten sehr deutlich signalisiert wird, insbesondere, wenn eine Hecke oder ein Zaun die kleine Grabfläche säumt, was sogleich auf die Schutzfunktion derartiger Flächenbegrenzungen verweist.

Kruzifix
Religiosität im Sinne christlicher Sinnbilder spielt auf Tierfriedhöfen eine insgesamt wichtige Rolle. Auf Tierfriedhöfen in katholischen Regionen treten sie oftmals noch in etwas größerer Dichte in Erscheinung. Foto: U. Neurath 2014

Ein stattfindender kultureller Transfer vom Human- auf den Tierfriedhof ist wiederum in Bezug auf vielerlei Grabaccessoires zu konstatieren. So gehört etwa ein Großteil der über sie transportierten Motive, Zeichen und Symbole zum klassischen Bildprogramm, wie es bereits im Kontext von 'Mensch und Tod' Anwendung findet. Es handelt sich dabei hauptsächlich um Accessoires mit religiös-transzendenten Bezügen (z.B. Engel, Rose, Kreuz, Stern, Licht, Betende Hände, Palmzweig).

Auch wenn viele dieser Objekte bzw. Motive einer mehr oder weniger starken Profanisierung unterliegen, sind sie dennoch ein Verweis darauf, dass Religiosität im Sinne christlicher Traditionen – trotz Säkularisierung – eine große Rolle spielt. Dies gilt sowohl für Tierfriedhöfe, die in überwiegend protestantischen Regionen liegen als auch für solche in Regionen mit einem überwiegend katholischen Bevölkerungsanteil. Wichtig jedoch ist hierbei zu wissen, dass christliche Symbole auf vielen Tierfriedhöfen verboten sind, da nach ursprünglich christlichem Glaubensverständnis ausschließlich dem Menschen die Überwindung des Todes durch Wiederauferstehung vorbehalten ist. Dass sich Tierhalter über dieses Verbot hinwegsetzen – viele Tierfriedhofsbetreiber tolerieren dies –, verweist auf die geglaubte oder erhoffte Präsenz des Tiers über seinen Tod hinaus. Mittels eines bekannten Spektrums an Sinnbildern, wie sie im Kontext 'humaner' Bestattungs- und Trauerriten üblich sind, wird also ein ewiges 'tierliches' Leben erhofft bzw. eingefordert.

Hieran ist anzuknüpfen, dass die Trost versprechenden Vorstellungen von einer nachtodlichen Tierexistenz manchmal auch in transzendental-spirituelle, interkulturelle oder interreligiöse Sinnbilder eingebunden werden. Beispiele sind das Sinnbild von der Regenbogenbrücke, der Rückgriff auf archaisch-kultische oder auf andere (religiöse) Weltanschauungen verweisende Sinnbilder. Vereinzelt kreuzen sich diese Kategorien sogar, etwa wenn an einer opulenten Buddha-Figur Engel oder Putten befestigt sind.

Eine weitere Auffälligkeit besteht in der Artikulierung der Trauer. Neben gängigen Trauerfloskeln (z.B. "In ewigem Gedenken") finden sich häufig auch persönlich an das Tier gerichtete Abschiedsworte, darunter Dankbarkeitsbekundungen, teils umfassende Liebeserklärungen oder es werden auch hochemotionale Reaktionen artikuliert (z.B. "Es hat uns das Herz zerrissen"). Aufgrund dieser Direktheit und Offenheit zeugt die Trauer von einer ungeheuren Authentizität, wie man sie auf Humanfriedhöfen hingegen nicht findet. Eine Ausnahme bilden Kindergräber, wie überhaupt Parallelen zwischen Kindergräbern und Tiergräbern unverkennbar sind. Dies ist kein Zufall und kann dahingehend interpretiert werden, dass Kinder in der Obhut von Erwachsenen – in der Regel ihrer Eltern – stehen. Wer sich ein Heimtier anschafft, steht in einer ähnlichen Verantwortung. 'Kind' und 'Tier' stellen Schutzbefohlene dar. Die für beide 'Wesen' bestehende Fürsorgepflicht, aber auch die ihnen entgegengebrachte Zuneigung, finden auf ihren jeweiligen Gräbern ihren sichtbaren Niederschlag.

Hält man sich nun noch einmal vor Augen, dass Tierfriedhöfe erst ab den 1990er Jahren merklich an Bedeutung gewonnen haben und die Ausdrucks- und Artikulationsformen der Tiertrauer – im Gegensatz zur Humantrauer – oftmals sehr viel auffälliger in Erscheinung treten, so verweist dies in eine neue Dimension der Mensch-Tier-Beziehung. Die Gründe dafür sind primär in sozio-ökonomischen Veränderungen zu suchen. So haben die in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts immer schneller sich vollziehende Industrialisierung und Urbanisierung zu einer ausgeprägten Umweltveränderung für den Menschen geführt, etwa dergestalt, dass Alltagskontakte zu Tieren zusehends entfielen. Die Heimtierhaltung – eine Erscheinung des 19. Jahrhunderts, die sich erst in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts deutlich ausgebreitet hat und seitdem auch kein Privileg mehr der Oberschichten darstellt – kann deshalb als ein Versuch, vor allem des 'Städters' gewertet werden, den Wunsch nach Tierkontakten – auch nach 'Natur' – einzulösen.

Genannte strukturelle Einschnitte sind aber auch mit einer fortschreitenden Individualisierung der Lebenswelten verschränkt. Nicht zu unterschätzen ist die dadurch trotzdem ebenso freigesetzte gesellschaftliche Anonymisierung. So haben beispielsweise traditionelle Gemeinschaften einen Bedeutungsverlust erfahren, gesellschaftliche verbindende Institutionen (z.B. Kirche, Vereine) an Einfluss verloren und soziale Beziehungen dadurch deutlich an Stabilität eingebüßt. All dies begünstigt nicht nur eine vermehrte Hinwendung zum Tier als einer sozialen Konstanten, sondern auch die Intensivierung einer solchen Bindung.

Vor diesem Hintergrund verwundert es darum kaum, dass die Heimtierhaltung inzwischen – zumindest von einem Teil der Gesellschaft bzw. der Tierhalter – 'ganzheitlicher' gedacht wird. D.h. während vor noch nicht allzu langer Zeit verstorbene Heimtiere noch sehr viel selbstverständlicher der Tierkörperverwertungsanstalt übergeben wurden, wird der Heimtiertod inzwischen stärker mitbedacht, reflektiert und dadurch die Entscheidung für eine Tierbestattung begünstigt. Damit ist sie sogleich Abbild einer gestiegenen Wertigkeit und Wahrnehmung des Tiers als zunehmend wichtiger Sozialpartner. Ob diese Wertigkeit noch weiter zunimmt, bleibt abzuwarten und wäre womöglich unter anderem daran abzulesen, ob sich das noch recht junge Konzept der gemeinsamen Bestattung von Mensch und Tier über die nächsten Jahre als tragfähig erweist.

Literatur:
Fischer, Victoria: Soziologische Aspekte der Mensch-Tier-Beziehung. Zur Anthropomorphisierung des Hundes. Saarbrücken 2014
Lutterbach, Hubertus: Vom Jakobsweg zum Tierfriedhof. Wie Religion heute lebendig ist. Kevelaer 2014
Mitchell, Robert W.: Wie wir Tiere betrachten. Der Anthropomorphismus und seine Kritiker. In: Brantz, Dorothee/ Mauch, Christof (Hg.): Tierische Geschichte. Die Beziehung von Mensch und Tier in der Kultur der Moderne. Paderborn 2010, S. 341-363
Pollack, Ulrike: Die städtische Mensch-Tier-Beziehung: Ambivalenzen, Chancen und Risiken. Berlin 2009
Preuß, Dirk: "Zeus(,) Platz!" Die Zukunft des toten Heimtiers. In: Benkel, Thorsten (Hg.): Die Zukunft des Todes. Heterotopien des Lebensendes. Bielefeld 2016, S. 181-212
Rheinz, Hanna: Eine tierische Liebe. Zur Psychologie der Beziehung zwischen Mensch und Tier. München 1994
Wiedenmann, Rainer E.: Tierfriedhöfe als Monumente der Trauerhilfe: thanato-soziologische Überlegungen zum neuen Totemismus im Mensch-Tier-Verhältnis. In: Meulemann, Heiner/Elting-Camus, Agnes (Hg)1993: 26. Deutscher Soziologentag. Lebensverhältnisse und soziale Konflikte im neuen Europa. Sektionen, Arbeits- und Ad hoc Gruppen. Opladen, S. 657-659
Wischermann, Clemens: Tiere und Gesellschaft. Menschen und Tiere in sozialen Beziehungen. In: Krüger, Gesine/Steinbrecher, Aline/Wischermann, Clemens (Hg): Tiere und Geschichte. Konturen einer "Animate History". Stuttgart 2014, S. 105-126

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