OHLSDORF - Zeitschrift für Trauerkultur

Trauerkultur auf "La Réunion" – Reiseeindrücke

 - Mai 2017
Ausgabe: 
Nr. 137, II, 2017

Das französische Überseedepartement La Réunion liegt im Indischen Ozean 800 km östlich von Madagaskar, 180 km westlich von Mauritius und 9.200 km von Paris entfernt.

Durch die bis 3.070 Meter hohen Berge und seine kontrastreiche, außergewöhnliche Landschaft mit Regenwald im Inneren und Stränden und Korallenriffen am Rand und im Meer, die sich auf einem begrenzten Raum von 2.511 km² Größe und 700 km Umfang zusammenfinden, gehört diese tropische Vulkaninsel seit 2010 zum UNESCO-Weltkulturerbe. Die meisten der 730.000 Einwohner dieser weltweit einzigartigen Insel leben an der Küste. Die ungewöhnliche Mischung seiner Geografie mit einer Kolonisationsgeschichte, die von Sklaverei und ethnischer Vielfalt geprägt wurde, erklärt die heutige Trauerkultur von La Réunion.

1. Einblicke aus der Vergangenheit

Die Insel mit einem der aktivsten Vulkane der Welt (La Fournaise) blieb lange leer.

St. Paul
St. Paul, Cimetière marin. Foto: C. Behrens

Entdeckt im 16. Jh. von portugiesischen Seefahrern, später von weiteren aus England, Holland und Portugal, oft als Garten Eden beschrieben, wird sie erst um die Mitte des 17. Jh. als "Ile Bourbon" on Franzosen besiedelt.

Leconte
Grab von Leconte de Lisle. Foto: C. Behrens

Saint-Paul, die erste Siedlung an der besten Ankerbucht der Insel, liegt im Westen der geschützten "Küste unter dem Wind". In der Nähe der "Grotte des Premiers Français" befindet sich auch der alte Friedhof "cimetière marin"; vor dessen Eingang und auf etlichen Grabstellen deuten Anker auf den engen Bezug zur See, ob für berühmte Kapitäne oder Schiffbrüchige. Erwähnenswert ist das Grab des in St. Paul geborenen Dichters Leconte de Lisle (1818–1894), bekannt durch seine exotisch-romantischen Gedichte. Seine sterblichen Überreste wurden 1977 aus dem Pariser Friedhof Montparnasse hierher überführt. Eine Büste von ihm steht auch vor der Kathedrale von Saint-Denis auf der Insel.

Le Vasseur
Grab des Piraten Olivier Le Vasseur. Foto: C. Behrens

Das berühmteste Grabmal jedoch ist das "falsche" Grab des Piraten Olivier Le Vasseur, genannt "La Buse" (Bussard), der am 7.7.1730 im Namen des Königs gehenkt wurde. Da der Friedhof 1788 gegründet wurde, ist die genaue Stelle nicht bekannt – ihm zur Ehre bringen jedoch etliche Besucher Rum, Zigaretten oder andere Beigaben. Das dunkle Steinkreuz mit Totenkopf, eigentlich erst 1944 nach einem Zyklon von einem Nachkommen der Familie Desbassayns-Villèle am Strand entdeckt, wurde einfach hinter der Außenmauer der großen Familienanlage aufgestellt. Das heutige Monument entstand in den 1970er Jahren. Dazu weiß man erst seit 2010 aus der unteren Inschrift der umgedrehten Grabplatte, dass diese eigentlich für eine 1835 von ihren Arbeitgebern freigelassene Sklavin (1809–1839) als bescheidener Dank für ihre treuen Dienste hergestellt wurde.

Sklaven
Erinnerungsort für afrikanische Sklaven. Foto: C. Behrens

Es war wieder ein Zyklon mit einer Sturmflut, der 2007 alte Gebeine eines früheren Begräbnisfelds freilegte. Diese wurden außerhalb des jetzigen Friedhofs ökumenisch vor der Küste neu bestattet, wie man von einem großen Schild erfährt. Daneben weist zwischen Friedhof und Meer eine weitere Erinnerungsanlage auf die vielen Toten hin, die unfreiwillig aus Afrika gebracht wurden und hier liegen. Außerdem steht vor dem Débarcadère (Landungsbrücke) an der Bucht von Saint-Paul zum Gedächtnis an die ehemaligen Sklaven der Insel ein beeindruckendes Monument mit riesigen offenen Handschellen.

Monument
Sklavenmonument an der Bucht von St. Paul. Foto: C. Behrens

In "Saint-Gilles Les Hauts", südlich von Saint-Paul, befindet sich auf dem früheren Landgut der großen Besitzer von Kaffee- und Zuckerrohrplantagen Desbassayns ein prachtvolles Herrenhaus von 1788 im Stil der südostindischen Kolonialhäuser – heute das historische Villèle-Museum (weitere Museen, besonders Stella Matutina in einer alten Zuckerfabrik bei Saint-Leu, erklären hervorragend, wie die Kaffee- und dann Zuckerkolonie damals funktionierte). Nach dem Tod ihres Gatten übte die reiche Erbin und legendäre Herrin Madame Desbassayns (1755–1846) ein halbes Jahrhundert lang ein hartes Regiment über mehr als 400 Sklaven aus. Hier am Ort verstorben, wurde sie zuerst in Saint-Paul begraben. 20 Jahre später wurde ihre Asche dann in die Chapelle Pointue (spitze Kapelle) des Landguts überführt.

Mme. Desbassayns
Villèle, Grab der Madame Desbassayns. Foto: C. Behrens

Auf ihrem Grab wird die damals gefürchtete Sklavenherrin respektvoll "la seconde Providence" ("die zweite Vorsehung") genannt. Die „Cité du Volcan“ in Bourg-Murat am Weg zum aktiven Vulkan erzählt jedoch eine kurz nach ihrem Tod entstandene Legende – der Blitz soll die Grabstätte zerschlagen und den Körper zum Vulkan hingebracht haben, dessen Flammen die Sklaven-Teufelin ewig weiter anfeuern muss.

Memorial
St. Denis, Indisches Ahnenmemorial. Foto: C. Behrens
Siegessäule
St. Denis, Siegessäule (Detail). Foto: C. Behrens

Nach der Abschaffung der Sklaverei (endgültig 1848) begannen große Einwanderungswellen von Vertragsarbeitern aus Indien, China und Madagaskar: So steht an der Uferanlage Barachois im Norden der Hauptstadt ein Memorial für die Ahnen aus Indien. In Saint-Denis sind weitere wichtige Spuren der Vergangenheit zu finden. Die hohe Siegessäule vor dem Rathaus erinnert an die Helden des ersten Weltkrieges: Von den 10.000 Kriegsteilnehmern kehrten 3.000 nicht mehr aus Europa zurück.

R. Garros
Denkmal für Roland Garros. Foto: C. Behrens

Auch nicht der in Saint-Denis geborene Roland Garros (1888–1918), der als einer der berühmtesten Flieger Frankreichs in Nordfrankreich fiel. Er hatte 1913 als Erster das Mittelmeer überflogen und war 1915 der erste Pilot, der ein mit Maschinengewehr bewaffnetes Flugzeug einsetzte. Seit 1927 führen die French-Open Tennisturniere seinen Namen, sowie heute auch der Flughafen von Saint-Denis.

Memorial
St. Denis, Memorial 1940-1945. Foto: C. Behrens

Es gibt im Barachois ebenfalls ein Memorial für die 1940–1945 Gefallenen der Insel. Zudem steht ein Ehrengrab für ehemalige Kriegsteilnehmer auf dem Friedhof von Saint-Pierre. La Réunion wurde 1946 als Überseedepartement in die Französische Republik aufgenommen; von da an ging es um die Gleichstellung der Inselbewohner mit den Kontinentalfranzosen.

Ehrengrab
St. Pierre, Ehrengrab für ehem. Kriegsteilnehmer. Foto: C. Behrens

2. Glauben und Trauerkultur einer gemischten Gesellschaft

Über Jahrhunderte ein Ort von Migration, Geburt und Tod weist die Insel eine durch ethnische Mischung gekennzeichnete Bevölkerung in erstaunlicher Vielfalt in all ihren kulturellen Aspekten – Sprache, Essen, Glaube – auf. Rassismus ist auf La Réunion ein Tabu. Die hier geborenen Kreolen setzen sich zusammen aus eingewanderten Franzosen ("Créoles blancs"), Afrikanern und Madagassen ("Cafres"), Indern hinduistischen oder muslimischen Glaubens ("Malabars" und "Z’Arabes"), Chinesen, zuletzt auch Komorern und Europäern. Diese Vielfalt aus drei Kontinenten mit vier Hauptreligionen spiegelt sich in den Städten wider, wo Kirchen, Moscheen, hinduistische und chinesische Tempel dicht beieinander stehen, und genauso auf den Friedhöfen.

Bischofsgräber
St. Denis, Bischofsgräber in der Kathedrale. Foto: C. Behrens

Die Bewohner von Réunion sind größtenteils Katholiken, und die meisten Ortschaften an der Küste tragen den Namen eines Heiligen. Die aus Madagaskar und Ostafrika importierten Sklaven mussten den christlichen Glauben der französischen Siedler annehmen. Ihretwegen wurde zum Beispiel die "Chapelle Pointue" erbaut, damit sie eine religiöse Erziehung bekommen konnten. Im Chor der 1829–1832 in Saint-Denis erbauten Kathedrale Sainte-Marie liegen zwei Bischöfe begraben, davon ein Hauptförderer des religiösen Lebens auf der Insel, der zwischen 1857 und 1871 21 Gemeinden gründete.

Kreuze
St. Pierre, viele Kreuze auf einem einzelnen Grab. Foto: C. Behrens

Die Friedhöfe sehen entsprechend aus, so in der "Hauptstadt im Süden". Auf diesem für die Vielfalt der Insel typischen Friedhof von Saint Pierre, stehen unzählige Kreuze aus Kacheln, die meist nach der schnellen Verwesung als Erinnerung am Grab erhalten bleiben.

Tamilisch
St. Pierre, tamilisches Grab. Foto: C. Behrens

Auch bei den indischen Tamilen, deren leicht erkennbare Gräber (durch die gelbe Farbe, ihre andere Form und Gestaltung, Dreizack, Ketten, Tücher) im Friedhof gut verteilt sind.

Vielfalt
Ethnische Vielfalt in St. Pierre. Foto: C. Behrens
Chinesisch
St. Pierre, chinesische Gräber. Foto: C. Behrens

Wie in Saint-Paul stehen dagegen die Gräber der chinesischen Minderheit eher zusammen am Rande des Friedhofs. Noch klarer ist hier die Aufteilung bei den Moslems, die ein eingemauertes, vom allgemeinen Friedhof durch eine Straße getrenntes Areal benutzen; die im Kontrast fast ohne Blumen und sehr schlichten Gräber sind aber gut nummeriert, auch die von Totgeborenen.

Totgeburt
Grab eines totgeborenen Babys. Foto: C. Behrens

Auf dem Friedhof von Saint-Pierre besuchen Hunderte vor allem das berühmte rote Grab von Simicoudza Simicourba, genannt Sitarane (1858–1911); wie beim Grab von La Buse in Saint-Paul und der Legende um Madame Desbassayns schon angedeutet, sind animistische Vorstellungen und magische Praktiken aus Afrika nach La Réunion gelangt.

Sitarane
St. Pierre, Sitaranes Grab. Foto: C. Behrens
Seitenaltar
St. Denis, Seitenaltar für St. Expédit. Foto: C. Behrens
Altar
Altar am Straßenrand. Foto: C. Behrens
Getränke
Getränke für St. Expédit. Foto: C. Behrens

Der gehängte Einbrecherkönig und Serienmörder aus Mosambik, Sohn eines Hexenmeisters, hielt sich für unsterblich und übte schwarze Magie. Zu seinem Grab werden meist nachts Opfergaben gebracht, wie Rum, Obst, Blumen, Kerzen, Münzen, rote Stoffe. Sie sollen die bösen Kräfte besänftigen und sogar auf böse Mitmenschen lenken. In diesem Kontext denkt man sofort an Voodoo – aber auch an den Heiligen Expeditus, der in Chile und auf der Insel Réunion mit magisch-roten Altären verehrt wird. Als römischer Soldat mit einem Fuß auf einer Krähe dargestellt, wurde der heilige Expeditus im Jahre 303 als Märtyrer enthauptet. Er wird seit den 1930er Jahren als Schutzpatron für eilige Angelegenheiten (etwa Glück, Arbeitsstelle, Liebe, Geld…) geehrt, da man sich durch ihn mehr praktische Hilfe als durch die Jungfrau Maria verspricht. Die katholische Kirche bezweifelt zwar, dass er tatsächlich existiert hat. In Saint-Denis steht jedoch ein ihm gewidmeter, gut besuchter Altar in der Kirche Notre-Dame-de-la-Délivrance. Seine ca. 400 kleinen, auffallend roten Altäre am Straßenrand (oft bei Gefahren: Küste, Kurve, Sturzbach, Lavastrom…) charakterisieren die Insel besonders. Unweit eines der Altäre mit reichlich Getränken lag auf dem Boden ein kopfloses Huhn – hier wurde nachts Böses, Rache oder Krankheit von Saint-Expédit gewünscht. Zahlreiche Votivbilder werden ihm als Ausdruck der Dankbarkeit gebracht, wenn aber sich die Wünsche nicht erfüllen, werden Expédit-Statuen oft aus Wut zerbrochen. Rund 400 verständnisvolle "Voyants" (Hellseher) und "Sorciers" (Hexer) sollen im Übrigen heute mit den Ängsten und Aggressionen der Bewohner gute Geschäfte machen.

Statue
Zerbrochene Statue von St. Expédit. Foto: C. Behrens

Sobald man sich vom Meer entfernt, werden Aberglaube und andere Kulturen jedoch weniger auffällig. Kaum abseits der westlichen Küstenstraßen wirkt schon der kleine Friedhof von "L’Étang Salé les Hauts" mit seinen vielen Blumen urtümlich. Dort fällt ein altes, frisch geweißtes Grab mit seiner Inschrift für ein achtjähriges Mädchen durch verkehrte "N"s, sowie Schreibfehler, die typische Verkürzung des Datums "19 X BRE 1861" und kunstvolle Schrift auf.

L'Étang Salé
L'Étang Salé, Friedhof. Foto: C. Behrens

Mit ihren steilen Felswänden und tiefen Schluchten sind im Zentrum der Insel die spärlich bewohnten drei "Cirques", deren Besiedlung erst ab 1830 anfing, noch heute schwer erreichbar: Zu einem von ihnen gelangt man erst nach 400 Kurven und erst seit 1929, zu einem weiteren nur zu Fuß oder per Hubschrauber. Der Friedhof der Ortschaft "Entre Deux", nicht so hoch doch zwischen zwei tiefen Schluchten gelegen, hat ebenfalls seinen authentischen Charakter erhalten; viele Kreuze und Grabgitter aus Schmiedeeisen beweisen, dass ihre Bewohner alles selbst machen mussten und wie gut sie es konnten.

Entre Deux
Entre Deux, Friedhof. Foto: C. Behrens
Entre Deux
Entre Deux, Friedhof. Foto: C. Behrens

Durch ihr Relief ist die Insel für viele Sportler attraktiv, doch schwer zugänglich und nicht ohne Gefahren, allein durch den Regen. Straßen überqueren viele sonst trockene Wildbäche, und an einem einzigen Tag kann es bis 200 mm regnen (in Paris fallen 600 mm im Durchschnitt pro Jahr). Auch die Küste ist gefährlich wegen ihrer Brandung, dazu kommen noch Haie – seit 2011 gab es 15 Todesfälle. Sehr viele Schilder warnen unterwegs vor diesen Gefahren, an die auch Ortsnamen erinnern sollen, wie etwa Cap Méchant (Böses Kap), Bassin Malheur, Sentier Malbar Mort (Weg des toten Inders). Leider ist es auch nicht ungewöhnlich, an solchen Orten einzelne Gräber zu finden – zum Beispiel für einen 13jährigen Jungen in den Bergen über Cilaos, der bei einer Wanderung auf 1500 m Höhe zu Tode gekommen ist, oder an der Westküste vor der bekannten wasserspeienden Grotte "Le Gouffre", wo etwa 15 Grabstätten an unvorsichtige Schaulustige oder Angler erinnern, die bei den steilen Basaltfelsen mit ihren tosenden Wellen umgekommen sind, oder am immer wieder aktiven Vulkan im Süden (unter anderem 1986 oder 2007, als die Straße Monate lang geschlossen wurde).

Cilaos
Cilaos, Bergwanderung. Foto: C. Behrens
Le Gouffre
Le Gouffre, Friedhof. Foto: C. Behrens
Buddha
Buddha und St. Expédit. Foto: C. Behrens

La Réunion bleibt eine faszinierende Insel mit friedlichen, toleranten Menschen. Auf einem Altar für Saint-Expédit direkt gegenüber der Chapelle Pointue in Villèle gibt uns eine kleine goldene Buddha-Figur ein weiteres Beispiel davon. Die Fähigkeit, verschiedene Kulturen zu integrieren ist dort die Grundlage einer Gesellschaft, die sich Anderen gegenüber öffnet und aus Unterschieden einen Vorteil zieht, um sich weiter zu entwickeln. Eine Lehre für uns alle im Europa von heute.

Literatur:
Alo und Nikolas Miller: Réunion. DuMont Reiseverlag, Köln, 2002
Jean-Christophe Villon: La Réunion, l’île nature, Editions Jade, 2004
Jean-Christophe Villon: La Réunion, l’île volcanique grandeur nature. Jade Editions, 2015
Olivier Cirendini: La Réunion. Lonely Planet, 2015

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