OHLSDORF - Zeitschrift für Trauerkultur

140 Jahre Ohlsdorfer Friedhof

 - Mai 2017
Ausgabe: 
Nr. 137, II, 2017

Am 1. Juli 1877 wurden die ersten Grabfelder des neuen Zentralfriedhofes der Freien und Hansestadt Hamburg in Ohlsdorf eingeweiht. Als dann vor 40 Jahren der 100. "Friedhofsgeburtstag" erstmals Anlass zum Feiern bot, organisierten die beiden Gartenarchitekten Helmut Schoenfeld und Michael Goecke eine Jubiläumsausstellung und gaben eine Broschüre mit dem Titel "Hauptfriedhof Ohlsdorf im Wandel der Zeit" heraus.

Broschüre
Titelseite der Broschüre von 1977 "Hauptfriedhof Ohlsdorf im Wandel der Zeit"

Das 140. Jubiläum des Bestehens des Ohlsdorfer Friedhofes in diesem Jahr ist nun eigentlich keine Zahl, die üblicherweise groß zum Feiern genutzt wird. Doch sie bietet einen guten Anlass wieder einmal nach dem Ohlsdorfer Friedhof "im Wandel der Zeit" zu fragen und zugleich die Überschrift wieder aufzunehmen, mit der die Redaktion dieser Zeitschrift ihr Doppelheft zum 125jährigen Jubiläum im Jahr 2002 überschrieb, nämlich: "Wie geht es weiter?".

Urnenfeld
Urnenfeld aus den 1950er Jahren (S-R 11). Foto: B. Leisner

Tatsächlich hat sich der Friedhof im Wandel der Zeit immer wieder verändert. Es gab und es gibt für Ohlsdorf keinen feststehenden Zustand, der auf alle Ewigkeit bewahrt werden müsste. Teil der europäischen Friedhofskultur ist die regelmäßige Abräumung und Neubelegung der Gräber und damit per se der langsame, aber beständige Wandel. Schon Wilhelm Cordes, der Planer und erste Direktor des Friedhofs, hat Jahrzehnte gebraucht, um die ältere Anlage sukzessive fertigzustellen und zu erweitern. Der zweite Friedhofsdirektor Otto Linne war dann vierzehn Jahre lang damit beschäftigt, neue Grabfelder und Wege im später nach ihm benannten Erweiterungsteil anlegen zu lassen. Gleichzeitig setzte schon unter seiner Leitung der Wandel im Cordesteil des Friedhofs ein. Die ersten abgelaufenen Reihengrabfelder wurden im Sinne der damals modernen Gartenarchitektur in Heckenquartiere umgestaltet.

Typensteine
Feld mit Typensteinen aus den 1970er Jahren. Foto: B. Leisner

Die Veränderung der historischen Anlage ging auch nach dem Zweiten Weltkrieg weiter. Zu erinnern ist hier zum Beispiel an das Urnenfeld in der Nähe der ersten Kapelle, das mit geschlängelten Plattenwegen und geschwungenen Brunnen ganz im Stil der 50er Jahre anstelle eines abgeräumten Grabfeldes eingerichtet wurde. 1965 wurde dann auch die hölzerne Kapelle 1 abgerissen und durch einen zeitgenössischen Neubau ersetzt. Für ihn werden inzwischen neue Nutzungen gesucht! Gleichzeitig entstanden besonders im Linneteil große Grabfelder, auf denen die sogenannten Typensteine zur Aufstellung kamen. Sie riefen später die Kritik hervor, Steinwüsten zu gleichen. In den letzten Jahrzehnten sind dort immer mehr Grabsteine abgeräumt worden, so dass manche Felder sich wieder Rasenflächen annähern.

Anonyme
Anonymes Grabfeld. Foto: P. Schulze

Mit den Grabfeldern für die anonyme Bestattung kamen ab den 1970er Jahren dann erstmals größere zusammenhängende Rasenflächen auf den Friedhof. Parallel dazu wurden vielstellige "Waldgräber" nach ihrer Abräumung in Rasenfelder mit einer Vielzahl kleinerer Grabstätten im Rastersystem angelegt, "wodurch wesentliche Fortschritte im Hinblick auf zeitgemäße Gestaltungsprinzipien und wirtschaftliche Arbeitsweise erzielt werden", wie es in der Broschüre von 1977 zu lesen steht. Dass damit stellenweise der exklusive Charakter des Waldteiles aufgehoben wurde, nahm man billigend in Kauf.

Seit den 1990er Jahren entstehen neue gemeinschaftliche Grabanlagen, die entweder von Vereinen selbst ausgestaltet – wie zum Beispiel der über Ohlsdorf hinaus bekannte "Garten der Frauen" – oder die von der Friedhofverwaltung thematisch einheitlich angelegt werden – wie zum Beispiel der Schmetterlingsgarten oder die sogenannten Baumgräber.

GdF
Garten der Frauen. Foto: P. Schulze

Dabei muss man darauf hinweisen, dass die Verantwortlichen sich fast immer der Besonderheit des Ohlsdorfer Friedhofs bewusst waren. Nur so konnten die Strukturen der Anlage und wenigstens ein Teil seiner historisch bedeutsamen Grabstätten und Grabmale bis auf den heutigen Tag erhalten bleiben. Dennoch wiesen wir zum 125jährigen Jubiläum in dieser Zeitschrift darauf hin, dass gerade eine historische Parkanlage wie der Ohlsdorfer Friedhof kontinuierliche Pflege mit klaren Zielvorgaben braucht und damit ein umfassendes Konzept, das den gewünschten Erhaltungszustand der Friedhofsanlage, der Grabfelder und Grabstätten sowie der historischen Grabmale zusammen mit dem Weg dorthin nicht nur für die Gegenwart,­ sondern auch für kommende Generationen festschreibt.

Seit 2015 wird an einem solchen Konzept gearbeitet. Allerdings handelt es sich dabei nicht um ein Park- bzw. Friedhofspflegewerk im Sinne der Denkmalpflege, sondern es geht um eine "langfristige und umfassende Entwicklungsstrategie". Modelle für eine angepasste, nachhaltige Pflege sollen dafür erarbeitet, eine dauerhafte Finanzierbarkeit gesichert und zielgerichtete Investitionen in einen Entwicklungsprozess gelenkt werden, "der zur Stärkung der kulturellen gesellschaftlichen Grundlagen der Sepulkralkultur beiträgt". Dabei werden für eine "Neuausrichtung des Ohlsdorfer Friedhofs" als allererstes wirtschaftliche und umweltrelevante Ziele genannt, die allerdings mit Denkmalpflege und kulturellen Anforderungen zusammengeführt werden sollen.

Nach Redaktionschluss wird Ende April im Forum Ohlsdorf eine internationale Tagung mit dem Titel "Nachhaltige Friedhofsentwicklung" stattfinden, auf der der aktuelle Stand der neuen Strategie vorgestellt wird. Zu wünschen ist, dass diese Strategie den Focus auch auf den Friedhof als Heterotopie, also als "Andersort", legt. Denn Friedhöfe allgemein und ganz besonders der Ohlsdorfer Friedhof sind zuallererst in sich geschlossene Räume für die Bestattung der Toten und die Trauer der Lebenden; Räume, in denen das pulsierende Leben der Stadt einen anderen, ruhigeren Gang annimmt; Räume, in denen Trauer und Erinnerung ihren Platz haben; Räume, in denen sich den Besuchern die Frage nach dem Sinn des Lebens angesichts des Todes wie von selbst aufdrängt. Besonders in Zeiten, in denen anscheinend überall alles möglich ist, gilt es nicht nur den Parkfriedhof Ohlsdorf in seiner historischen Gewachsenheit und seinen Grundstrukturen zu erhalten, sondern sich auch auf diese besondere Funktion der Friedhöfe als städtische Ausnahmeorte zu besinnen und diese wieder zu stärken.

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