OHLSDORF - Zeitschrift für Trauerkultur

Luther in Regensburg: Glaubensfragen und Trauerkultur

 - Februar 2017
Ausgabe: 
Nr. 136, I, 2017

Als eine der ältesten Städte in Deutschland, die weitgehend von den Bomben verschont blieb, wurde Regensburg 2006 UNESCO-Weltkulturerbe; auch hier wirkte die Reformation maßgeblich.

So findet man heute noch eine Martin-Luther-Kirche (die Neupfarrkirche), eine D.-Martin-Luther-Straße und ein Lutherhaus in dieser Stadt und damit im katholischen Bayern. Die Geschichte prägte ebenso die dortige Trauerkultur.

1. Fünf Jahrhunderte mit Christen und Juden, Katholiken und Protestanten

Ab 500 wird die ehemalige römische Castra Regina als erste bayerische "Hauptstadt" bezeichnet; 739 stiftet der Hl. Bonifatius das Bistum Regensburg, eines der ältesten auf deutschem Boden, im 9. Jahrhundert wird die Stadt eine der wichtigsten im ostfränkischen Reich der Karolinger. Mit der "Steinernen Brücke" am nördlichsten Punkt der Donau (weitere stolze Bauprojekte wie der Dom und auch die vielen Patriziertürme folgen) und durch den Fernhandel bis nach Paris, Kiew und Venedig erlebt sie ihre wirtschaftliche Blüte im 12. und 13. Jahrhundert. Spätestens ab dem 10. Jh. ist dort eine jüdische Gemeinde nachgewiesen; wie ihre christlichen Mitbürger betreiben die Juden Fernhandel – Geldverleih kommt hinzu, der Christen ab dem 13. Jh. untersagt ist.

1245 erhebt Kaiser Friedrich II. Regensburg zur "Freien Reichsstadt" (was sie bis 1803 bleibt), die von einem Patrizierrat regiert wird; sowohl die bayerischen Herzöge als auch der Bischof des Bistums verlieren ihren Einfluss. Während im 13. und 14. Jh. in vielen deutschen Städten Ghettos brennen, bleibt es in Regensburg ruhig; etwa 500 jüdische Regensburger siedeln im Areal des Neupfarrplatzes und angrenzenden Gassen.

Der nachfolgende wirtschaftliche Niedergang der Stadt trifft auch ihre jüdischen Kaufleute und macht sie zugleich zum Sündenbock: 1519 wird die (damals größte) jüdische Gemeinde Deutschlands vertrieben, das alte Judenviertel mit rund 40 Häusern am heutigen Neupfarrplatz und der jüdische Friedhof vor dem Peterstor werden vollständig zerstört. Was von Ghetto und jüdischem Friedhof übrig bleibt, wird verbaut, die Grabsteine eingemauert oder anders benutzt: So dient einer der Steine beispielsweise als Abort im Rathauskerker… Ein glücklich verlaufender Unfall bei den Abbrucharbeiten wird als Wunder mystifiziert, führt zur Wallfahrt „Zur Schönen Maria“, die großen Zulauf findet und der Stadt und dem Bischof einige Jahre hohe Einnahmen bringt: mit dem Geld wird der Bau einer Wallfahrtskirche unter Verwendung jüdischer Grabsteine begonnen. Nach Fertigstellung des Chores aber geht der Wallfahrtsstrom zurück, der Bau wird aus Geldmangel abgebrochen.

eingemauert
Eingemauerter jüdischer Grabstein nach dem Pogrom von 1519. Foto: C. Behrens

Im Jahr 1524 wird mit dem Regensburger Konvent das erste Bündnis altkirchlicher Reichsstände in der Stadt abgeschlossen. Das Regensburger Religionsgespräch von 1541 zwischen Philipp Melanchthon und Johannes Eck findet im Zug des Regensburger Reichstages statt, einberufen von Kaiser Karl V., der angesichts der drohenden Türkengefahr nicht auf die militärische Unterstützung der protestantischen Fürsten verzichten kann; es ist ein Versuch, die nach dem Thesenanschlag von Luther 1517 in Wittenberg aufgeworfenen tiefen Gräben zwischen Altgläubigen (Katholiken) und Protestanten zu überbrücken – was aber nicht gelingt. In den Jahren nach 1517, als sich immer mehr Städte der Reformation anschließen, ist in Regensburg der religionspolitische Handlungsspielraum des Rates der Stadt mehrfach eingeengt. Er hält sich zurück, setzt sich nie an die Spitze der Reformationsbewegung – behindert aber auch nicht die vielen reformatorischen Ansätze, die es in der Stadt von Seiten der Bürger gibt und die auch von auswärtigen Adeligen, die sich in der Stadt aufhalten, unterstützt werden.

Als 1542 der Regensburger Rat offiziell zum Protestantismus übertritt, widmet er den als katholische Wallfahrtskirche geplanten Bau (erst im 19. Jh. wird die heutige Neupfarrkirche im Westen geschlossen) zur ersten protestantischen Pfarrkirche Regensburgs um. So wird Regensburg als südöstlichste evangelische Reichsstadt und mit der Neupfarrkirche im 16. Jh. zum Vorposten für die Verbreitung der lutherischen Lehre entlang der Donau nach Österreich, Ungarn, Slowenien und Kroatien. Und eine weitere protestantische Kirche in Regensburg, die Dreieinigkeitskirche an der heutigen Gesandtenstraße, ist der älteste Neubau einer Kirche für den evangelisch-lutherischen Gottesdienst in Bayern. Errichtet während des Dreißigjährigen Krieges in nur vier Jahren (1627–1631) wird sie ein Brennpunkt des geistlichen Lebens der zwischen 1542 bis 1803 evangelischen Reichsstadt Regensburg.

Um politische Entscheidungen mit dem Kaiser abzustimmen, tagt in unregelmäßigen Abständen die Versammlung aller wichtigen Stände in verschiedenen Städten des Heiligen Römischen Reichs Deutscher Nation; auch und häufig in Regensburg, z.B. 1640, 1654 und auch 1663. Ab 1663 gelingt es diesem Reichstag nicht mehr, sich mit einem Beschluss aufzulösen; die Versammlung bleibt beisammen und die verschiedenen Stände entsenden dauerhaft Delegierte. So wird Regensburg Sitz des "Immerwährenden Reichstags". An dem nehmen nun nicht mehr die politischen Protagonisten sondern deren Gesandte teil; den Kaiser vertreten die Fürsten von Thurn und Taxis.

Die kaufmännische Blüte der Stadt ist im 17. Jh. längst vorbei; auch die Bedeutung als Sitz des Immerwährenden Reichstags kann die fehlenden Einnahmen aus dem Handel nicht ersetzen. Als Napoleon 1800 die Stadt besetzt, ist sie verarmt und hoch verschuldet, ab 1810 nur noch Regierungssitz der Oberpfalz; bedeutungslos gehört sie nun zu Bayern.

Alumneum
Luther und Melanchthon am protestantischen Alumneum. Foto: C. Behrens

Um 1900 unverändert im Dornröschenschlaf bleibt Regensburg dennoch Treffpunkt der in der Umgegend verstreut lebenden Protestanten; für die wird gerade ein "Protestantisches Alumneum" gegenüber der Dreieinigkeitskirche gebaut – eine Schule mit Internat. Die evangelische Kirche ist mit dem herrschenden Bürgertum liiert, rechnet sich dem wilhelminischen Establishment zu. Gerade eben ist der neue Evangelische Zentralfriedhof eröffnet worden – eine monumentale Anlage, die etwas von der Bedeutung der evangelischen Gemeinden Regensburgs zeigt, aber auch gründerzeitlich sentimentaler Stimmung Raum gibt. Mit den offiziellen Katholiken streiten die Regensburger Bürger jetzt schon seit vielen Jahren. Unter dem ultramontanen, streng römisch orientierten Bischof Ignatius von Senestrey (reg. 1858–1906) wird der Konflikt zwischen dem konservativen deutschen Katholizismus und den mit den Liberalen gleichgesetzten Protestanten in aller Heftigkeit und agitatorischer Schärfe geführt.

Bei rund 150.000 Einwohnern gehören heute knapp 58 % dem römisch-katholischen und etwa 14 % dem protestantischen Glauben an. Die 1967 eingerichtete Universität zieht jedes Semester viele junge Menschen (ein Siebtel der Stadtbevölkerung) in die Stadt und viele Industrieansiedlungen im Umland tragen ebenfalls dazu bei, dass Protestanten in Regensburg nicht mehr als Exoten angesehen werden. Als Sitz des Regionalbischofs für den evangelischen Kirchenkreis Regensburg ist die Stadt wieder geistliches Zentrum für den ostbayerischen Raum; auch im Kulturleben der Stadt spielen die evangelischen Kirchengemeinden eine wichtige Rolle.

Schindler
Schild am Schindler-Haus. Foto: C. Behrens

Heute zählt die Stadt insgesamt zehn städtische Friedhöfe (davon einen mit Krematorium), einen evangelischen Friedhof, der auf eine fast 120-jährige Geschichte zurückblicken kann und vier katholische Friedhöfe – alle außerhalb Regensburgs. Die jüdische Gemeinde (die heutzutage wieder 1.000 Mitglieder zählt) hatte drei Friedhöfe in Regensburg. Der 2009 bei Grabungen entdeckte "Mittelalterliche Friedhof", der ursprünglich etwa 4.200 Grabsteine hatte, wurde von 1210 bis 1519 belegt; später erfolgten die Bestattungen auf Friedhöfen in den Nachbarorten. Auf dem von 1822 bis 1999 belegten "Alten Friedhof" Schillerstraße 29 westlich der Stadt befinden sich etwa 900 Grabsteine. Und seit 1999 gibt es im Norden den "Neuen Friedhof", eine Abteilung des städtischen Dreifaltigkeitsfriedhofes am Steinweg. Von November 1945 bis September 1946 lebte übrigens in Regensburg das Ehepaar Schindler, das über 1.200 Juden vor dem Tod bewahrte – nichtsdestotrotz trifft man auch hier auf Stolpersteine.

Stolpersteine
Stolpersteine in Regensburg. Foto: C. Behrens

2. Geschichtsspuren in der Regensburger Trauerkultur

Grabmal
Grabmal in St. Emmeram um 1700. Foto: C. Behrens

Der protestantische "Gesandtenfriedhof" ist heute der einzige, dazu im Originalzustand erhaltene, innerstädtische Friedhof (1806 gab es daneben noch zehn katholische). Nach dem Bau der Dreieinigkeitskirche war südlich ein schmaler Kirchhof entstanden, über den man Sakristei und Kirchraum (mit Platz für 1.100 Personen) erreichen und verlassen konnte. 1633/34, kurze Zeit nach der Einweihung der Kirche, wurden auf dem Kirchhof schwedische Offiziere begraben, die damals bei den Kämpfen um Regensburg ums Leben gekommen waren; zum Ende des 30-jährigen Krieges wurden weitere Begräbnisse ausgesetzt, nach 1653 aber wieder fortgesetzt. Ab 1664 fanden vermehrt Begräbnisse in gemauerten Ziegelgrüften statt, denn nach Beginn des Immerwährenden Reichstags wurde von den Gesandten, ihren repräsentativen Aufgaben als Vertreter ganzer Länder entsprechend, großer Wert auf ausdruckstarke Grabgestaltung gelegt. Den katholischen Gesandten war es möglich, gegen ein entsprechendes Entgelt eine privilegierte Grablege in der Reichsfürstabtei St. Emmeram im Süden der Stadt zu erwerben – wie beispielsweise für die dortige Familie Thurn und Taxis.

Thurn
St. Emmeram, Grabmal Thurn und Taxis, 1773. Foto: C. Behrens

Die protestantischen Diplomaten wollten dem nicht nachstehen und bemühten sich um Grabstätten im Inneren der Dreieinigkeitskirche. Der Rat der Stadt lehnte es aus theologischen und hygienischen Gründen ab und verwies auf städtische Friedhöfe vor den Mauern. Bald jedoch fand sich ein Kompromiss und die edlen Verstorbenen konnten ab 1664 auf dem Areal des Kirchhofs exklusiv beigesetzt werden. Als der Reichstag 1803 endete, stand auf dem Friedhof ein aus 20 Epitaphien und 30 Grabplatten bestehendes Gesamtdenkmal, eine Art europäische Diplomaten-Nekropole – auf der wir heute einfache Grabsteine neben pompösen Grabmonumenten finden, die damals mit den Grabdenkmälern der katholischen Botschafter konkurrieren konnten. Die Grabplatten im gepflasterten Boden markieren Grablegen und Gruftkammern; die aufrechten an den Wänden angebrachten Epitaphien dienen der Ehrung der Verstorbenen.

Gesandtenfriedhof
Gesandtenfriedhof, SO-Ansicht. Foto: C. Behrens
Gesandtenfriedhof
Gesandtenfriedhof, SW-Ansicht, im Hintergrund das Alumneun. Foto: C. Behrens

Die erhaltenen Gräber der zwischen 1635 und 1806 in dieser barocken Nekropole beigesetzen Diplomaten geben einen tiefen Einblick in das persönliche und öffentlich repräsentative Verhältnis zum Tod in dieser Zeit. Das Doppelepitaph v. Schott zum Beispiel ist dem Gesandten des Kurfürstentums Sachsen und seinem Sohn gewidmet, die kurz hintereinander 1684 und 1686 im selben Amt verstarben. Die sehr dynamische Darstellung, die eine Parallele zur christlichen Formulierung "Unser Vater im Himmel…" zieht, unterstreicht die innigliche Beziehung von Vater und Sohn, sowie den tiefen Schmerz der Witwe und Mutter – an die später verstorbene Stifterin erinnert nur eine kleine Inschriftentafel an der Unterkante dieses Grabdenkmals.

Epitaph
Epitaph Schott, 1684-86. Foto: C. Behrens
Fabrice
Sockel des Grabmals Fabrice, 1708. Foto: C. Behrens

Ein weiteres Beispiel der hier durch die vielen Motive besonders reichen Bildsprache befindet sich am Sockel des Grabmals für das Ehepaar de Fabrice (†1708/09) ; es zeigt wunderbar die Vergänglichkeit unseres Seins: Ein kleiner Putto mit Seifenlauge in einer Hand und Strohhalm in der anderen lehnt sich an einen Totenschädel, über den bereits Gras wächst; die Seifenblasen fliegen über ein Stundenglas mit Wetterfahne und unterschiedlichen Flügeln (Engel und Fledermaus, Himmel und Hölle), getragen wird das Ganze von einer die Langlebigkeit symbolisierenden Schildkröte.

Petrus
Der Stadtpatron St. Petrus. Foto: C. Behrens

Neben diesen bedeutenden barocken Grabmälern der protestantischen Gesandten sind in Regensburg noch weitere katholische Grabdenkmäler erhalten. In St. Emmeram gibt es die Grabeskirche des Märtyrerbischofs Emmeram († um 680) und des Diözesanpatrons Wolfgang († 994). Das Historische Museum im ehemaligen Minoritenkloster St. Salvator zeigt eine Römische Abteilung, darüber hinaus aber auch einige der ältesten mittelalterlichen Grabmale Regensburgs; auch auf die schöne Darstellung des Stadtpatrons, des Hl. Petrus mit seinen Schlüsseln (das Wappen von Regensburg zeigt deswegen zwei gekreuzte silberne Schlüssel auf rotem Grund) sei hingewiesen – vermutlich war sie Teil des Grabmals von Bischof Heinrich von Rotteneck (1277–96) im Domchor. In der Mitte des Chores der säkularisierten Kirche St. Salvator aus dem 13. Jh. findet man außerdem die Grabplatte von Bruder Berthold; von 1226 bis zu seinem Tod 1272 gehörte er dem Regensburger Minoriten-Konvent an und gilt als der größte Volksprediger des Mittelalters im deutschen Sprachraum.

St. Salvator
St. Salvator, Grabdenkmäler. Foto. C. Behrens
St. Salvator
St. Salvator, Grabdenkmäler. Foto: C. Behrens

In den 1930er Jahren wurde hier eine große Zahl von Grabdenkmälern an den Wänden museal aufgestellt, die vom 16. Jh. bis zum 18. Jh. zu datieren sind; sie stammen zumeist von den aufgelassenen Regensburger Friedhöfen. Damit handelt es sich hier für die europäische Diplomaten-Nekropole um ein wertvolles Pendant zum Gesandtenfriedhof.

Literaturhinweise:
Daniela Schetar: Regensburg. DuMont Reiseverlag (2015)
Harald Berghoff: Der Gesandtenfriedhof der Dreieinigkeitskirche in Regensburg, Europas einzigartige Diplomatennekropole, o. D. (2007?)
Klaus-Peter Rueß: Entstehung und Erhaltung des Gesandtenfriedhofs bei der Dreieinigkeitskirche in Regensburg, in: Friedhof und Denkmal 5/2016, S. 12–17

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