OHLSDORF - Zeitschrift für Trauerkultur

"Körperwelten" zwischen Tabu und Faszination: Zum Bedeutungswandel des öffentlichen Umgangs mit Leichen

Autor:
 - August 2015
Ausgabe: 
Nr. 130, III, 2015

Im Folgenden geht es um die sogenannte Plastination, die durch Gunther von Hagens bekannt wurde.

Bei diesem technischen Verfahren werden tote Körper zu festen, geruchlosen und dauerhaft haltbaren Präparaten konserviert und in wechselnden, als "Körperwelten" (u.a. "Körperwelten der Tiere", "The Story of the Heart", "Der Zyklus des Lebens") bekannt gewordenen Ausstellungen präsentiert. Darunter finden sich 20 viel diskutierte "Ganzkörperplastinate" sowie einzelne Organe und transparente Körperscheiben. Der Besucher der Ausstellungen kann dabei sowohl kranke als auch gesunde Organe betrachten. Zudem wird ihm das Innere des menschlichen Körpers präsentiert (Muskeln, Knochen, Skelett, Nervensystem, Magengeschwüre, Eingeweide, Verdauungstrakt, Blutkreislauf sowie das Fortpflanzungssystem mit Gebärmutter und Föten).

Zu Beginn des 21. Jahrhunderts wurde immer wieder in Medienberichten, öffentlichen Diskussionen und auch in wissenschaftlichen Beiträgen über das Thema berichtet. Dass es sich bei den Plastinaten um echte Körpermaterie handelt, macht die entscheidende Faszination der Ausstellungen aus. Das maßgebende Kriterium für den Sensationseffekt besteht allerdings darin, dass es zwar echte Leichen sind, man ihnen dies jedoch nicht ansieht.

Wie ist das möglich? Beim Prozess der Plastination werden einem toten Körper alle Körperflüssigkeiten und löslichen Fette entnommen. Im nächsten Schritt wird die vakuumforcierte Imprägnierung durchgeführt, bei der die Körperflüssigkeiten durch Kunststoffe ausgetauscht werden. Entscheidend ist hierbei, dass 70 Prozent der Körpermaterie – nämlich das Gewebswasser – in einem technischen Prozess durch Kunststoff ersetzt wird. Die Präparate werden abschließend mit Licht, Wärme oder bestimmten Gasen ausgehärtet. Durch dieses technische Verfahren wurde es erstmals möglich, das natürliche Oberflächenrelief des gesamten Körpers zu erhalten. Durch die Verfestigung der Kunststoffe können die schlaffen Muskeln Haltefunktionen übernehmen und den Körper in einer bestimmten Position zeigen. Ganzkörperplastinate werden in verschiedenen Lebenssituationen und sportlichen Posen gezeigt, u.a. als Skateboarder, als Ballerina, als Fußballspieler, als Basketballspieler oder Hochspringer. Der Körper lässt sich sogar in alle Raumrichtungen ausdehnen – damit werden Zwischenräume geschaffen, die neuartige Einblicke eröffnen. Mittlerweile ist die Konservierungsmethode allgemein anerkannt und wird weltweit in über vierhundert Institutionen in vierzig Ländern verwendet.

Die meiner Forschung zu Grunde liegenden Fragestellungen lauten: Darf man der Öffentlichkeit technisch perfekt präparierte Menschenkörper präsentieren? Wie wirkt sich diese Praxis auf die Einstellung zum Tod und dem toten Körper in unserer Gesellschaft aus? Ein besonderes Augenmerk liegt darauf, wer darüber entscheidet, ob die toten Körper als Plastinate ausgestellt werden dürfen und wie diese Entscheidung getroffen wird.

Die Plastination steht im Kontext des historisch sich wandelnden öffentlichen Umgangs mit Leichen. In der heutigen Gesellschaft herrscht ein naturwissenschaftlich geprägtes Körperbild vor. Es wächst die Hoffnung, eine immer weitergehende Lebensverlängerung erreichen zu können oder sogar die Zuversicht, mithilfe neuer wissenschaftlicher Erkenntnisse den Tod besiegen zu können.

Jenseits dessen ist die öffentliche Zurschaustellung von Körpern von den in der Frühen Neuzeit bekannten Anatomischen Theatern abzuleiten. Damit kann sie in den Kontext der Popularisierung medizinischen Wissens gestellt werden. Historisch gesehen bedeutete die Einführung der anatomischen Sektionen im "theatrum anatomicum", die sich im Übergang vom Mittelalter zur Neuzeit vollzog, eine folgenreiche Zäsur im Umgang mit dem Leichnam. Zuvor hatte der Leichnam nur im Rahmen religiös geprägten Totenkults Beachtung gefunden, der dem jenseitigen Wohl des Verstorbenen dienen sollte. Nun jedoch wurde der tote Körper zu einem Objekt auch wissenschaftlichen Interesses. Die "Körperwelten" symbolisieren gewissermaßen diese neue Welt, nach der sich nichts Geheimnisvolles mehr im Körper abspielt, weil seine Funktion rational und eindeutig definierbar ist.

Plastinierte Hand
Plastinierte menschliche Hand, ausgestellt im San Diego Natural History Museum, 2009. (Fotografiert von Patty Mooney, Crystal Pyramid Productions, San Diego, California. Copyright: http://creativecommons.org/licenses/by-sa/3.0 Entnommen aus Wikipedia https://en.wikipedia.org/wiki/Body_Worlds#/media/File:Plastinated_Human_...)

Somit kann die heutige gesellschaftliche Bedeutung des Themas "Leiblichkeit und Tod in der Öffentlichkeit" auch vor diesem historischen Hintergrund begriffen werden. Nicht zuletzt aber geht es im Anschluss an Thomas Macho u.a. um die "neue Sichtbarkeit der Toten" in den "Körperwelten"-Ausstellungen. Entgegen der lange verbreiteten These von einer Verdrängung und Tabuisierung des Todes in der Moderne äußert sich in der Plastination wie auch in der Kryonik oder der Diamantbestattung eine ganz neue Wertschätzung der Leiche als Materie. Hier wird der Tod zum Anlass, die eigene Identität über den Tod hinaus sinnvoll zum Ausdruck zu bringen – gerade weil heute immer weniger Menschen an den traditionell christlichen Jenseitsvorstellungen der etablierten Religionen festhalten. Die "Veredelung" menschlicher Asche zu einem Diamanten stillt die menschliche Sehnsucht nach Unvergänglichkeit, denn schließlich eignet sich der Diamant als Symbol für Dauerhaftigkeit und für eine beständige Verbindung mit dem Verstorbenen. Eine weitere Form der Nutzbarmachung des eigenen toten Körpers stellt die in den USA entwickelte Methode der Kryonik dar. Hierbei handelt es sich nicht um eine Bestattungsart im eigentlichen Sinne. Die Konservierung des Organismus bei Temperaturen von minus 196 Grad soll die Möglichkeit schaffen, den Organismus wieder zum Leben zu erwecken, wenn die Medizin in ferner Zukunft in der Lage sein sollte, heute noch unheilbare Krankheiten zu bekämpfen. Die kulturübergreifende Faszination am ewig haltbaren Körper gründet in der natürlichen Mumifizierung. Plastination kann in diesem Sinne ebenso als Fortsetzung der Einbalsamierung mit anderen Mitteln verstanden werden, denn auch sie zielt auf die dauerhafte Bewahrung der Toten ab.

Die "Körperwelten"-Ausstellungen haben vielfältige ethische Diskussionen über die Würde des Menschen nach dem Tod hervorgerufen. Die Ausstellungsbefürworter sehen darin eine Erziehung zum rationalen Umgang mit dem Tod und mit der Leiblichkeit, sowie die Möglichkeit, die menschliche Anatomie für jedermann zugänglich zu machen und Gesundheitsbewusstsein zu vermitteln. Mit den konservierten Körpern will Gunther von Hagens erklärtermaßen einen umfassenden Einblick in die Entstehung des Menschen, den Alterungsprozess und das Sterben ermöglichen. Dadurch hat der Besucher die Möglichkeit, einen neuen Blick auf die eigene Existenz verbunden mit einer neuen Ehrfurcht vor dem Leben zu gewinnen.

Kritiker hingegen sprechen beispielweise von der Verletzung der Totenwürde. Kirchliche Kreise verurteilen die Ausstellung als spektakuläre Zurschaustellung toter Menschen. Es sei ethisch nicht vertretbar, einem Massenpublikum tote Körper als Ausstellungsobjekte vorzuführen. Der Tod würde als Spektakel betrachtet. Es gehe um Nervenkitzel, Sensationsgier oder um ein Gruselbedürfnis. Auch wird der kommerzialisierte Umgang mit dem Thema scharf kritisiert. Juristen hinterfragen die rechtliche Zulässigkeit der Ausstellung, die demzufolge nicht nur gegen zentrale Grundwerte des Grundgesetzes, sondern auch gegen das geltende Bestattungsrecht verstößt.
Der Umgang mit der "Körperwelten"-Ausstellung und die sich daran entzündenden Kontroversen sind ein Beleg dafür, wie schwierig es ist, den Umgang mit Toten von den beiden Polen Tabuisierung einerseits, Sensationslust andererseits zu befreien. Unter Berücksichtigung aller ethischen Aspekte ist es nicht möglich, eine allgemeingültige Antwort auf die Frage zu geben, ob die Zurschaustellung von toten Körpern als Plastinate vertretbar ist oder nicht. Erkennbar ist jedoch, dass frühere, vor allem religiös geprägte Traditionen und Rituale in der spätmodernen Gesellschaft ihre normative Kraft zur Beurteilung solcher Praktiken verloren haben. Zugleich wird am Beispiel der Plastinate deutlich, dass Vorstellungen von einer ewig währenden Existenz auch in einer säkularisierten Gesellschaft noch relevant sind.

(Anm. d. Redaktion: Der vorliegende Beitrag beruht auf einer Magisterarbeit, die Olga Diel am Institut für Volkskunde/Kulturanthropologie der Universität Hamburg verfasst hat [Betreuer bzw. Gutachter: Prof. Norbert Fischer, Prof. Gertraud Koch].)

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