OHLSDORF - Zeitschrift für Trauerkultur

Skizzen zur Geschichte des Umgangs mit Toten

 - August 2015
Ausgabe: 
Nr. 130, III, 2015

Die Bestattungskultur ist nicht der einzige, aber der wohl vielschichtigste Aspekt des öffentlichen Umgangs mit toten Körpern.

Bis weit in die Neuzeit hinein waren Tod und Bestattung eine Domäne der Kirche, die Muster der Trauerkultur wurden vom christlichen Glauben und kirchlichen Liturgien geprägt. Das Christentum hatte die Bestattung der Toten an und in den Kirchen verortet und damit im Zentrum der menschlichen Siedlungen. In Beinhäusern (Karnern) fand eine Zweit-Bestattung nicht verwester Skelett-Teile statt.

Beinhaus
Beinhaus am Münster in Bad Doberan. Foto: B. Leisner 2004

Zu einer grundlegenden, weil künftige Entwicklungen über Jahrhunderte prägenden Zäsur wurde die Zeit des späten 15. und frühen 16. Jahrhunderts. Der "alte", d.h. katholische Glaube verlor durch die reformatorischen Bewegungen seine allumfassende Bedeutung. Sichtbarstes Zeichen für die daraus resultierenden Veränderungen wurde die Verlagerung des Bestattungsortes. Statt des bisher üblichen, inmitten der Bebauung gelegenen Kirchhofes wurden von nun an aus hygienischen Gründen immer häufiger Friedhöfe vor den Toren der Städte angelegt Nürnberg, Leipzig und Halle sind bedeutsame, aber nicht die einzigen Beispiele aus dem 16. Jahrhundert. Eine zweite, noch weiterreichende Welle von Friedhofsverlegungen erfolgte in der Reformära um 1800, nachdem sich die städtischen Siedlungen weiter ausgedehnt hatten sowie im späten 19. Jahrhundert mit der Anlage großstädtischer Zentralfriedhöfe, wie Hamburg-Ohlsdorf. Im Übrigen wurde der tote Körper zum Objekt wissenschaftlichen Interesses. Klassisches Beispiel dafür sind die teilweise öffentlich durchgeführten Veranstaltungen der frühneuzeitlichen Anatomie. Bis ins 18. Jahrhundert hinein dienten zunächst die Leichen von Hingerichteten als Versuchsobjekte, dann unter anderem auch von Unbekannten und Armen sowie im Zuchthaus oder Hospital Verstorbenen. Im 18. Jahrhundert erreichte die Zahl der Obduktionen eine neue Qualität, weil Aufklärung und Nützlichkeitsdenken der medizinischen Neugierde ihre Legitimation verschafften.

Evora
Eine mit Knochen geschmückte Wand in der Capella dos Ossos in Evora, Portugal. Foto: B. Leisner 2010

Gleichwohl ist der Umgang mit den Toten – vor allem im ländlichen Raum bis weit in die Neuzeit, teilweise bis in die Gegenwart hinein von traditionell-christlichen Elementen geprägt geblieben. Dies gilt insbesondere für katholische Gegenden: Sterbesakramente, Versehgänge, das Herrichten der Toten, Aufbahrung, Aussegnung und Leichenzug waren und sind Elemente einer vielfältigen Trauerkultur. Wie in Oberbayern erhielten sie sich auch in anderen ländlichen Regionen über Jahrhunderte hinweg. Das Herrichten der Toten – Waschen, Kämmen, Rasieren, Ankleiden – wurde als Nachbarschaftsdienst geleistet. Dabei waren vor allem Frauen in der Behandlung des toten Körpers engagiert, was sich in den Berufen der Leichen- oder Totenfrauen, Seelnonnen oder Heimbürginnen äußerte. Im Übrigen kümmerten sich im katholischen Raum die Bruderschaften um die Toten, sonst auch Gilden, Zünfte und andere berufsständische Vereinigungen bzw. Sterbekassen. Sie praktizierten vielfältige, der jeweiligen Lebenswelt symbolisch angepasste Formen der Totenfürsorge und des Totengedenkens. Im frühen 20. Jahrhundert führte die organisierte Arbeiterbewegung diese Traditionen unter anderen gesellschaftlichen Vorzeichen fort, zum Beispiel in den Feuerbestattungskassen.

Einen wichtigen Schub brachte das Aufkommen privater Bestattungsunternehmen in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts. Sie entwickelten sich zur entscheidenden Instanz im Umgang mit toten Körpern. Hervorgegangen waren sie vor allem aus Schreiner- und Fuhrbetrieben, die Bestattungen zuvor im Nebengeschäft – Erstere in ihrer Funktion als Sarghersteller besorgt hatten. Immer zeitaufwändigere und kostenintensivere Leichentransporte nach den häufig weit vor den Toren der Städte gelegenen Friedhöfen und die wachsende Nachfrage nach weiteren Dienstleistungen spielten hier eine wichtige Rolle. Neben der rein logistischen Abwicklung übernahmen die Bestatter allmählich auch zeremonielle Funktionen. Aber, wie auch andere Berufe in der Totenfürsorge, sahen sich Bestatter in einer gesellschaftlichen Sonderstellung, haben sie sich in ihrem Tun doch immer wieder stigmatisiert gesehen.

Um 1800 entstanden die ersten Leichenhallen in Deutschland. Sie waren Ausdruck eines aufgeklärt-vernunftorientierten Denkens und sollten die als hygienisch bedenklich betrachtete Hausaufbahrung ablösen. Mit ihren immer aufwändigeren technischen Einrichtungen wurden sie vor allem seit dem späten 19. Jahrhundert in vielen größeren Städten zum üblichen Ort der Toten-Verwahrung vor allem angesichts des rapiden Anstiegs der städtischen Bevölkerung im Zug von Industrialisierung und Urbanisierung. Dies verhalf den Leichenhallen in den Städten zum allgemeinen Durchbruch.

Noch folgenreicher zeigte sich die Technisierung im Bau von Krematorien und der Einführung der modernen Feuerbestattung im späten 19. Jahrhundert. Allerdings blieb der technisch-industrielle Umgang mit den toten Körpern der Öffentlichkeit verborgen: Der Verbrennungsapparat wurde ins Untergeschoss der Gebäude verbannt. Die Einführung der modernen Feuerbestattung rührte nämlich an grundsätzliche weltanschauliche Positionen. Sie galt sowohl für die evangelische als auch für die katholische Kirche als Verstoß gegen die christliche Tradition des Begräbnisses. Nicht zu Unrecht verbanden die Kirchen mit dem Bau von Krematorien und der Einäscherung eine materialistische, "seelenlose" Vorstellung vom Körper. Immer wieder wurde die Feuerbestattung als kulturelle "Verfallserscheinung" dargestellt, wurde der Zusammenhang von Totenbestattung und Technik als pietätlos empfunden: "Aber wenn in den feierlichen Leichenbränden der Helden auf den geschmückten Holzstößen des classischen und des germanischen Heidenthums eine gewisse Poesie mag gelegen haben, die übrigens meinem Gefühl nach weit überwogen wird durch die reale Schönheit der altchristlichen Begräbnisse, wie sie uns in den Schriften der Väter vor Augen getreten ist: so ist von Poesie doch absolut kein Stäubchen zu finden in der Verbrennungsprocedur, welcher die Leichen in den modernen Oefen unterworfen werden …"

Noch unter einem anderen, bitteren Aspekt sind Feuerbestattung und Krematorien in die deutsche Geschichte eingegangen. Im Holocaust dienten sie der systematischen Massenvernichtung und wurden zum Instrument der nationalsozialistischen Diktatur, um die Spuren ihrer Verbrechen in den Konzentrations- und Vernichtungslagern zu beseitigen. So führte die NS-Diktatur das ambivalente Potenzial der technischen Rationalität der Moderne in seiner inhumansten Form vor. Die Industrialisierung des Umgangs mit Toten, die im späten 19. Jahrhundert mit der Feuerbestattung begonnen hatte, erreichte in den Krematorien der nationalsozialistischen Konzentrations- und Vernichtungslager ihren zynisch-brutalen Höhepunkt: die "fabrikmäßige Vernichtung" (Richard J. Evans). Es war nicht zuletzt die gesellschaftliche Tabuisierung der Einäscherungstechnik und des Einäscherungsvorganges, die diese Form der Spurenbeseitigung begünstigte. Der Kern der Feuerbestattung – der technische Umgang mit dem toten Körper – ist architektonisch verborgen und gesellschaftlich damit ein Arkanum geblieben. So wurde die Einäscherungstechnik, die noch im technikbegeisterten späten 19. Jahrhunderts zum Fanal des Fortschritts geworden war, unter der nationalsozialistischen Diktatur zum letzten Baustein der fließbandmäßig organisierten Massenvernichtung.

Heute ist es vor allem der mediale Diskurs von Film und Fernsehen, die das Bild von den Toten beeinflussen. Dem Rückgang des primären Erlebens menschlichen Sterbens steht die Allgegenwart des über die Medien vermittelten Todes gegenüber. Das führt nicht zuletzt dazu, dass man sich den Tod im Allgemeinen als Gewaltakt vorstellt: als Unfall, Mord, Krieg oder Naturkatastrophe. Der "normale" Tod ist aus Sicht der Medien nur dann interessant, wenn er prominente Zeitgenossen betrifft.

Zugleich aber ist der Umgang mit den Toten ein Thema öffentlicher Diskurse geworden. Dies zeigen neu gegründete Museen sowie zahlreiche Ausstellungen und Publikationen. Das Wissen über tote Körper hat Eingang ins öffentliche Bewusstsein gefunden und wirkt damit aufklärerisch. Im Editorial zum Begleitband der Wanderausstellung "Last Minute" (2001) heißt es, dass "… der Umgang mit dem Lebensende vielfältig und gestaltbar geworden ist" und die Auseinandersetzung mit Sterben und Tod "bereichernd ist, weil sie zu existenziellen Fragen führt – und damit mitten ins Leben."

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