OHLSDORF - Zeitschrift für Trauerkultur

Fröhlicher Friedhof

 - Februar 2015
Ausgabe: 
Nr. 128, I, 2015

Was soll dabei herauskommen, wenn ein Arzt längere Zeit Vorsitzender eines Friedhofs-Kulturkreises war? Sepulkralkultur, Tod und Heilberuf treffen dann unmittelbar aufeinander, ein Spannungsfeld entsteht, das sich entladen muss. Ergebnis: ein kleines Buch voller schwarzem Humor und schwarzem Witz!

Schon als schreibkundiger Schüler begann ich mit der Sammlung von Witzen, Anekdoten und Karikaturen. Im Laufe meines über 80-jährigen Lebens entstand daraus eine kleine Humorbibliothek von etwa 25.000 Einzelzitaten. Aus ihr wählte ich 250 schwarze Witze aus, um diese mit dem Büchlein "Fröhlicher Friedhof" der Öffentlichkeit zum 25-jährigen Bestehen des Förderkreises Ohlsdorfer Friedhof e.V. im letzten Jahr bekannt zu machen (s. auch Literaturauswahl zum Thema).

Totengräber
Der Totengräber. Eine Zeichnung von Peter Jens (1932-2005)

Schwarzer Humor und schwarzer Witz sind stammverwandt, aber nicht gleich. Der Humor steht für heiter-gelassene Gemütsverfassung, die, wie man früher glaubte, einem bestimmten Mischungsverhältnis der Körpersäfte entsprang. Heute noch bedeutet "humoral" in der Medizin "die Körperflüssigkeiten betreffend, wie etwa Hormone". Aber auch der Humor kann schwarz sein wie in "Mordsspaß" oder "Galgenhumor". Die alten Römer waren sehr abergläubisch und sahen im Stolpern ein böses Vorzeichen. Während der französischen Revolution 1793 wurden Adlige zur Hinrichtung getrieben, wobei einer von ihnen über einen Stein stolperte. Den Tod vor Augen raunte dieser voller altrömischem Galgenhumor seinem Leidensgenossen zu: "Ein schlechtes Zeichen, mein Freund!"

Dagegen muss der Witz explosiv-überraschend, kurz und bündig seinen Sinn-ablauf in die Gegenrichtung umkehren. Möglichst erst im letzten Wort sollte die Pointe kommen, die beim Zuhörer ein schallendes Lachen, notfalls aber ein zaghaftes Lächeln auslösen soll. Ein Witz ist umso spannungsgeladener und voller Lebenssaft, je weiter entfernt seine Kontrastwelten sind, die blitzartig entladen werden. Der schwarze Witz ist eine Sonderform. Sterben, Tod und Begräbnis erzeugen in der menschlichen Seele tiefste Spannungen. Ein meist unfreiwilliger Witz kann diese Trauer wenigstens kurzfristig aufhellen, ein Ventil für die Seelennot sein. Ich habe das als Student beim Tod unseres uns so nahestehenden Vaters erlebt, als die tiefe Trauer durch ein unbedachtes Witzlein in lautes Lachen aufgebrochen wurde. Ein Spannungsfeld kann man auch durch Erzählen aufbauen, gar konstruieren: dann ist der schwarze Erzählwitz entstanden. Normalerweise als ernst betrachtete Themen wie der Tod, werden dann während solchen Witzerzählens in verharmlosender, überspitzter Form dargebracht.

Pietät
Pietät & Co. Karikatur von Dr. med. Armin Schäffer, Hamburg, 1964

Witze sind Volksgut und damit Allgemeinbesitz. Ich habe in alten Humorbüchern meines Großvaters um 1880 Witze gefunden – weiße wie schwarze – die auch in heutigen Sammlungen immer wieder auftauchen. Ich habe diese Urwitze meinen studierenden Enkelinnen und Enkeln, also in der fünften Generation (!), erzählt und volle Lacher erzielt.

Schwarze Witze haben verschiedene Facetten. Da ist der Kindermund wie zum Beispiel der Witz des Tages aus dem Hamburger Abendblatt vom 24.9.2013: "Die geliebte Oma ist gestorben. Im Hause herrscht Trauer. Nachmittags zieht ein Gewitter auf. Als es kräftig donnert, fragt Klein-Carla: 'Darf unsere Oma heute schon mitdonnern?'" Dann gibt es den Schwarz-Witz in den verschiedenen deutschen Mundarten von Hamburg bis Bayern, es gibt den jüdischen Witz mit seiner besonderen schwarzen Selbstagression. Aber es ergeben sich in Lebensabläufen eigenwillige schwarzhumorige Situationen: "Sargdeckel rettet Nichtschwimmer" (Hamburger Abendblatt, 7.1.2014). Zerrbilder einzelner Menschengruppen treten bei schwarzen Witzen häufig auf: Die böse Schwiegermutter, die geizige, eifersüchtige Ehefrau, der besoffene Ehemann, der geizige Schotte, der snobistische Engländer, der besserwissende Deutsche usw.

Fast gleichzeitig lebten im 19. Jahrhundert zwei bedeutende Humoristen in zwei verschiedenen Erdteilen: Von Mark Twain (1835–1903), dem Nordamerikaner, stammt die Aussage: "Man kann viele Beispiele für unnötige Ausgaben nennen, aber keine ist sinnloser als die Errichtung einer Friedhofsmauer, denn die, die drinnen sind, können bestimmt nicht hinaus und die, die draußen sind, wollen nicht hinein." Wilhelm Busch (1832–1908) in Deutschland vereint das Dichtergenie mit dem Meisterzeichner. Seine punktgenaue, lautmalerische Wortwahl und sein kritischer Zeichenstrich bringen den schwarzen Humor und den geistreichen schwarzen Mutterwitz zur Höchstblüte.

Anmerkungen der Redaktion:
Der abgedruckte Text gibt leicht gekürzt das einführende Kapitel "Auftakt" des Buches "Fröhlicher Friedhof" wider, das zudem einige satirische Zeichnungen von Peter Jens enthält. Das Vorwort dazu schrieb Amtsrat Prof. Julius Müller/Wien, bekannt als Kenner des schwarzen Humors. Beide Autoren werden ihre Werke rund um den schwarzen Humor 2015 in einem gemeinsamen Buch im Seifert Verlag/Wien unter den Arbeitstitel "Mausetot" veröffentlichen.

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