OHLSDORF - Zeitschrift für Trauerkultur

100 Jahre Stadtgrün Hamburg – auch auf dem Friedhof Ohlsdorf

 - Juni 2014
Ausgabe: 
Nr. 125, II, 2014

Die Behörde für Stadtentwicklung und Umwelt BSU begeht in diesem Jahr mit zahlreichen Veranstaltungen das Jubiläum "100 Jahre Stadtgrün Hamburg". Dies ist für den Förderkreis Ohlsdorfer Friedhof e.V. Anlass, wieder einmal den Blick auf den "stadtgrünen" Parkfriedhof Ohlsdorf zu lenken.

Immerhin stellt er die größte Grünanlage Hamburgs dar und gehört zum Grundstock des Bestandes hamburgischer Grünflächen. Denn als das Gartenwesen unter dem Gartendirektor Otto Linne vor 100 Jahre eingerichtet wurde – also im Jahre 0 des Stadtgrüns – bestand der weltweit bekannte Friedhof bereits fast 40 Jahre. Was lag damals näher, in Ohlsdorf auch die zentrale Gartenverwaltung einzurichten. Das Stadtgrün Hamburgs und seine Verwaltung waren mit der Kurzbezeichnung "Ohlsdorf" bis in die 1990er Jahre örtlich und begrifflich eng miteinander verbunden. Seitdem wirkt die Umweltbehörde nur noch in aufsichtführender Funktion und anderenorts. Die herausragende Bedeutung des Parkfriedhofs für das Stadtgrün Gesamt-Hamburgs und seiner Bevölkerung aber blieb, in all seinen Facetten. Und das muss immer wieder, nicht nur im Jubiläumsjahr, deutlich gemacht werden. An dieser Stelle daher folgende Anmerkungen zur grünen Seite des Gesamtkunstwerkes von internationalem Rang:

Betrachtet man die grüne Nekropole Ohlsdorf aus ökologischer Sicht, so ist der Slogan "Ohlsdorf lebt" weniger der Titel des satirischen Buches von Wolfgang Sieg, sondern eine erstaunliche Erkenntnis: In der näheren Betrachtung des Friedhofs als Naturraum öffnet sich dem Interessierten nämlich eine Fülle von Aspekten, die diesem Parkfriedhof den Status einer Naturlandschaft aus Menschenhand zukommen lässt. Das gilt zwar nur für ausgewählte Bereiche, aber insgesamt gesehen ist er als größte Grünanlage Hamburgs wegen seiner vielfältigen Wohlfahrtswirkung für die Bewohner der Stadt eine grüne Lunge von unvergleichbarem Wert. Ein Blick auf den Stadtplan lässt erkennen, selbst das Niendorfer Gehege, der Altonaer Volkspark oder die Stadtparke in Harburg und Winterhude reichen dem Parkfriedhof mit seinen 391 Hektar flächenmäßig nicht annähernd die Hand. Hinzu kommt sein ökologischer Flächenverbund mit dem angrenzenden Bramfelder See im Süden und dem stark durchgrünten Stadtteil Wellingsbüttel im Norden. Hauptbestandteil dieser "grünen Lunge" Hamburgs sind die Bäume. 36.000 Stück sollen vor Jahren auf dem Friedhof einmal gezählt worden sein.

Schon im ersten Generalplan des 1877 eröffneten Friedhofs wurde 1875 unter anderem festgelegt, dass die "Gesamtanlage der Umgebung entsprechend parkartig und landschaftlich gehalten werden müsse". Mit dieser verbindlichen Vorgabe der "Commission zur Verlegung der Begräbnisplätze" war der Grundstock für den Parkfriedhof Ohlsdorf gelegt. Wilhelm Cordes, Friedhofsdirektor von 1879 bis 1917, Otto Linne, Garten- und Friedhofsdirektor von 1919 bis 1933, und nachfolgende Generationen haben den Friedhof auf ihre Art und Weise gestaltet und ihn zeitgemäß bepflanzen lassen.

Bedenkt man, dass hier z. B. 284 Arten von Nacht- und Kleinschmetterlingen festgestellt wurden, von denen allein 89 Arten in Hamburg nur in Ohlsdorf vorkommen, dass von 95 nachgewiesenen Vogelarten 67 als Brutvögel anzutreffen sind, darunter seit Jahren auch die größte Eulenart Deutschlands, der Uhu, und sieben Fledermausarten hier ihr Jagdrevier haben, so beweisen allein schon diese wenigen Beispiele: Der Parkfriedhof Ohlsdorf besitzt eine hohe ökologische Bedeutung, und das dank seiner naturhaften Anlage.
Aber auch die Menschen profitieren davon und vor allem vom artenreichen Baumbestand. Er filtert fast vollständig die Staubteilchen aus der Luft heraus, spendet Schatten und erzeugt dadurch eine höhere Luftfeuchtigkeit, die als angenehm empfunden wird. Unermüdlich produzieren seine Blätter dabei Sauerstoff, ein großer Laubbaum z. B. täglich den Sauerstoffbedarf von ca. 10 Menschen. Und er bindet deutlich mehr Kohlendioxyd, als er abgibt. Damit sind die besten Voraussetzungen für ein erhöhtes Wohlbefinden der Anwohner und Besucher gegeben.

Stiller Weg
Wegkreuzung am "Stillen Weg" auf dem Ohlsdorfer Friedhof. Foto: H. Schoenfeld

Und sie kommen in Scharen, die Spaziergänger, und das seit über 100 Jahren, um den einzigartigen Naturraum Parkfriedhof zu genießen. Schon 1896 wusste der Reiseschriftsteller August Trinius stimmungsvoll zu berichten: "Im Übrigen sind die Einzelgräber von Ohlsdorf köstliche Stillleben, wahre Proben stimmungsvoller Landschaftsgärtnerei. Das ist kein Gang durch Friedhofsanlagen mehr, vielmehr ein gedankenvolles Dahinschlendern durch tiefsten Waldesfrieden. Unmerklich oft verliert sich dann und wann ein schmaler Seitenpfad im Dickicht", sowie: "Welch hehre Weihe umschwebt diese mitten im Waldesfrieden ruhenden Gräber! Hier ist gut schlafen!"

Der Friedhofsdirektor Wilhelm Cordes merkte 1914 in der Veröffentlichung "Hamburg und seine Bauten" an: "Die Freude und Sehnsucht nach der Natur berechtigen besonders die Großstädter, Friedhöfe soweit wie möglich mit Baumwerk auszustatten. Eine Wanderung still unter Bäumen, ein stilles Bankplätzchen unter Bäumen, das ist der allgemeine Wunsch." Der Mythos Wald, der sich besonders im 19. Jahrhundert in Deutschland entfaltete, hatte damit auch auf dem Friedhof seinen Niederschlag gefunden.

Der irische Schriftsteller und spätere Nobel-Preisträger Samuel Beckett besuchte Ende 1936 auf einer Bildungsreise durch Deutschland auch den Ohlsdorfer Friedhof. Seine Begeisterung findet sich später in poetischer Form wieder. In der erst 1970 veröffentlichten Kurzgeschichte "Erste Liebe" schrieb er (zitiert nach Carola Veit): "Ich persönlich habe nichts gegen Friedhöfe, ich gehe da recht gern spazieren [...]. Ich zog Ohlsdorf bei weitem vor, besonders den Teil von Linne auf preußischem Boden, mit seinen 400 Hektar dicht übereinandergeschichteter Leichen [...]. Autobusse kommen und fahren ab; sie sind zum Bersten voll mit Witwern, Witwen und Waisen. Wäldchen, Grotten, Teiche mit Schwänen spenden den Betrübten Trost."

Zitiert werden sollte auch der Schriftsteller Wolfgang Borchert. In seiner 1946 verfassten Hymne auf seine Heimatstadt Hamburg schreibt er unter anderem: "Hamburg! Das sind die tropischen tollen Bäume, Büsche und Blumen des Mammutfriedhofes, dieses vögeldurchjubelten gepflegtesten Urwalds der Welt, in dem die Toten ihren Tod verträumen und ihren ganzen Tod hindurch von den Möwen, den Mädchen, Masten und Mauern, den Maiabenden und Meerwinden phantasieren. Das ist kein karger militärischer Bauernfriedhof, wo die Toten in Reih und Glied und in Ligusterhecken gezwungen …"

In heutiger Zeit sind es die zahlreichen Medien, die sich immer wieder vom Zauber des Friedhofs einfangen lassen und ausführlich darüber berichten. Aber auch in deutlicher Kurzform. So empfahl die angesehene "Zeit" gleich in ihrer ersten Ausgabe des Hamburg-Teiles für den 6. April 2014 einen "belebenden Spaziergang über den Friedhof, denn Gräbergucken inspiriert". Ungezählt bleiben jedoch die Besucher. Meist zu Fuß und mit dem Rad erkunden sie besonders am Abend und an Wochenenden den Friedhof. Unübersehbar bevölkern sie das Terrain. Eine offizielle Zählung wäre angezeigt, um sich das Ausmaß der "Stillen Erholungssuchenden" vor Augen zu führen. Das Ergebnis wäre eine von zahlreichen Fakten, um die Nutzung, den Bedarf sog. öffentlichen Grüns auf dem Friedhof durch die Bevölkerung deutlich zu machen. Es gibt nämlich Bestrebungen, die für die Pflege notwendigen Haushaltsmittel zu kürzen. Das Jubiläum "100 Jahre Stadtgrün Hamburg" ist eine Möglichkeit, öffentlichkeitswirksam nach schönen, unverbindlichen Worten, auch Taten folgen zu lassen. Die Pflege und Entwicklung des Stadtgrüns auf dem Friedhof muss auch kostenmäßig sichergestellt sein, Friedhofsgebühren können dafür nicht eingesetzt werden.

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