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OHLSDORF - Zeitschrift für Trauerkultur

Grabbeigaben auf dem Friedhof Ohlsdorf über die Jahrtausende

Historisch betrachtet blickt Hamburg-Ohlsdorf, der größte Parkfriedhof der Welt, bei Grabbeigaben auf eine Tradition, die bis in die mittlere Bronzezeit zurückreicht. Aus diesen Jahren, ca. 1600–1300 vor Christus, stammen die ältesten Grabbeigaben, die auf dem Gelände gefunden wurden.

Wissenschaftler bargen sie 1870 aus einem Hügelgrab (Planquadrat T/U 16).1 Eines der Gräber enthielt neben verschiedenen wertvollen Beigaben ein Bronzeschwert, das heute neben den anderen Beigaben in der Dauerausstellung des Helmsmuseums in Hamburg-Harburg ausgestellt ist.

Alte Grabbeigaben zu finden, ist im Friedhofsbetrieb eher Zufall – niemand sucht systematisch danach. Dennoch tauchen seit der erwähnten wichtigsten Entdeckung vor mehr als 130 Jahren immer wieder Fundstücke auf: Meist durch Bauarbeiten oder bei einer Neuanlage von Gräbern, die sich auf dem Gelände ehemaliger Grabstätten befinden, bei denen die Ruhezeit abgelaufen ist. So kamen in den vergangenen Jahren wiederholt Portemonnaies und lose Geldmünzen ans Tageslicht. Wie auch immer sie in die Gräber gelangten – sie erinnern an eine Tradition aus dem antiken Rom bzw. Griechenland. Dort wurde den Verstorbenen eine Münze in den Mund oder auf die Augen gelegt als Entgelt für den Fährmann Charon, der die Seelen der Toten über den Fluss Styx in das Totenreich geleitete.

Heute sind nach der Hamburger Bestattungsverordnung lediglich vergängliche Materialien (Sarg, Urne) zugelassen. Diese Vorgabe gilt in der Regel auch für Grabbeigaben. Allerdings dulden die Hamburger Friedhöfe Unvergängliches bei den drei Kolumbarien auf dem Ohlsdorfer Friedhof (Kapelle 8 und 11 sowie im Bestattungsforum). Viele Angehörige legen daher kleine Gaben neben die Urne ins Fach. Häufig sind dies Gegenstände, zu denen der Verstorbene eine starke persönliche Beziehung hatte, wie z. B. eine Modelleisenbahnlok, die Lieblingspfeife, der geliebte Teddy oder gar die häufig genutzte Spiegelreflexkamera. Ein großer Teil dieser aktuellen Beigaben wird sogar für alle Besucher sichtbar: Immer mehr Grabplatten in den Kolumbarien werden aus klarem, transparentem Glas gearbeitet.

Der jüngste besondere Fund bei den klassischen Grabstätten im Außenbereich des Ohlsdorfer Friedhofs kam im Oktober 2013 an den Tag, als ein neues Grabfeld im Planquadrat X7 angelegt werden sollte. Er erforderte keinen Archäologen, sondern den Kampfmittelräumdienst: Die beauftragten Fachleute sicherten aus der aufgegrabenen Erde ordnungsgemäß eine Pistole und einen Revolver samt Lederhalfter und zugehöriger 9-mm-Munition. Sie wurden der Polizei übergeben (s. Foto). Da die Hamburger Staatsanwaltschaft keine konkrete Straftat nach dem Waffengesetz zuordnen konnte, schloss sie den Fall Ende Oktober 2013 ab und ließ die Waffen samt Munition unschädlich machen.2 Die Vermutung, dass die Waffen aus den Zeiten des Zweiten Weltkriegs stammen, lag nahe. War an der Fundstelle ein Waffennarr beigesetzt gewesen, den seine Handfeuerwaffen auch im Tod begleiten sollten? Oder hatten Kriminelle dort ein Versteck angelegt? Ein Rätsel, das nun wohl nicht mehr zu lösen sein wird – und dennoch ein unaufgeregtes Ende fand.

Pistole
Im Grab gefundene Schusswaffe mit Munition. Foto: Hamburger Friedhöfe

Im Gegensatz dazu hatte im Ostallgäu zwei Monate zuvor ein ähnliches Thema für Aufsehen in den Medien gesorgt. Dort musste im August 2013 auf einem Friedhof eine Beisetzung beinahe verschoben werden, weil bei Aushubarbeiten für eine Gruft in einem Familiengrab eine Panzergranate gefunden wurde. Sie hatte, wie sich dann herausstellte, glücklicherweise keinen Zünder mehr. So vermutete die Polizei, das 30 Zentimeter lange Geschoss sei einem Verstorbenen als Grabbeigabe in den Sarg gelegt worden.3

Wir werden leider nicht erfahren, was die Menschen in 130 oder 2000 Jahren von unseren heutigen Grabbeigaben halten oder welche Fragen sie sich dazu stellen. Welcher Art Fundstücke auf dem Ohlsdorfer Friedhof noch zu Tage kommen werden, ist ebenfalls ungewiss. Sicher ist nur eines: Der nächste Fund kommt bestimmt.

1 Helmut Schoenfeld u.a.: Der Ohlsdorfer Friedhof. Bremen 2010, S. 90, 91
2 Vielen Dank an Herrn Karsten Bethge (Fa. Schollenberger Kampfmittelbergung) für die rege Faktensammlung hinsichtlich des Waffenfundes im Oktober 2013.
3 http://www.mittelbayerische.de/nachrichten/oberpfalz-bayern/artikel/pan…, 28.8.2013

Auflistung alle Artikel aus dem Themenheft Grabbeigaben (Februar 2014).
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