OHLSDORF - Zeitschrift für Trauerkultur

Unchristliche Beigaben aus christlichen Gräbern

 - Februar 2014
Ausgabe: 
Nr. 124, I, 2014

Wie der Titel etwas plakativ offenbart, sind Beigaben in christlichen Gräbern strenggenommen Fremdkörper. Theologisch wird eine Beigabenpraxis nicht unterstützt, da alles, was über den bloßen Leichnam hinausgeht, nach jüdisch-christlichen Jenseitsvorstellungen überflüssig ist und somit eine Deutung anhand von Glaubensgrundsätzen nicht möglich ist. Dennoch hat es zu allen Zeiten in christlichen Bestattungen mannigfaltige Beigaben gegeben und auch das einfachste Leichenhemd kann bereits als solche verstanden werden.

Bereits in der Frühzeit des Christentums haben sich spätantike Traditionen und Vorstellungen mit den jüdischen Wurzeln vermengt. Heidnische Aspekte ließen sich niemals vollständig verdrängen. Teilweise sind sie bei der Christianisierung sogar intentionell in den neuen Glauben integriert worden, um Widerstände bei der Mission zu mindern. Dies hat sich bis heute nicht geändert; vor allem in der mitteleuropäischen Neuzeit hat die Beigabensitte sogar besonderen Aufschwung erhalten.

In den vergangenen Jahrzehnten wurden auf zahlreichen Friedhofsgrabungen auch Beigaben dokumentiert, die teils weltlichen, teils religiösen Charakter haben und bei beiden Konfessionen zu beobachten sind. Einen besonders reichen Schatz an Informationen über das Bestattungsbrauchtum bieten neuzeitliche Grüfte, da, anders als im Erdbefund, die Bestattungen trotz Störungen, wie Plünderungen, zumeist sehr gut erhalten sind. In einer einigermaßen gut belüfteten Gruft sind Materialien wie Holz, Textilien, Metall, Papier, Pflanzenteile sowie Knochen und organische Bestandteile von Mumien oft hervorragend überliefert. Im Folgenden können nur einige wenige Aspekte aus ausgewählten Befunden aufgeführt werden, die aber ahnen lassen, wie vielfältig das Fundspektrum sein kann.

Pflanzenfunde und -beigaben
Hopfenbettungen

In Gruftbestattungen des 16. bis 19. Jahrhunderts fallen immer wieder Sargpolsterungen aus Hopfenblüten auf. Wahrscheinlich hat sich auf der Hopfenschüttung stets eine textile Bespannung befunden, die jedoch in vielen Fällen vergangen ist.

Unter anderem in der Äbtissinnengruft im Kloster Lüne wurden in vier Särgen aus dem 17. Jahrhundert Polsterungen aus Hopfen entdeckt. Die Polsterung besteht überwiegend aus Stengelfragmenten und Blüten. In den Blütenblättern, aber auch in den Vorblättern befinden sich Drüsen (Lupulindrüsen), die ätherische Öle, Gerbstoffe und Hopfenbitterstoffe bilden. Diese Stoffe wirken antibakteriell und antimykotisch. Außerdem verströmen die Fruchtdolden einen leicht aromatischen und schlaffördernden Geruch, weswegen Hopfen bis heute auch als Beruhigungsmittel Verwendung findet. Die Vermutung liegt deshalb nahe, daß der Hopfen über seinen praktischen Zweck als Bettung hinaus auch symbolisch den Übergang vom Leben zum ewigen Schlaf versinnbildlichen bzw. diesen fördern sollte.

Ein weiterer praktischer Nutzen der Hopfenpolsterung liegt in ihrer Saugfähigkeit. Gerade bei Bestattungen in mehrfach genutzten Grüften ist es unabdingbar, für eine rasche Austrocknung der Leichname zu sorgen. Eine Unterlage, die die austretende Leichenflüssigkeit aufnehmen kann, ist dazu hilfreich. In Verbindung mit einem wasserdurchlässigen Fußboden und guter Belüftung kommt es sehr häufig zu einer natürlichen Mumifikation der Leichname.

Hopfenpolsterungen sind auch aus anderen Grüften bekannt, so zum Beispiel aus der St. Jürgen-Kirche in Gettorf in Schleswig-Holstein oder der Stiftskirche in Königslutter. Hopfen als Füllmaterial für Kissen ist aus der Parochialkirche in Berlin bei Bestattungen aus dem 18. Jahrhundert und aus der Kirche zu Herlufsholm auf Seeland in Dänemark bei der Bestattung der Brigitte Gøje, gestorben 1574, nachgewiesen.

Die bisher jüngsten Beispiele sind die Bestattungen von Karl II., Großherzog von Mecklenburg-Strelitz (1741 – 1816) und von Georg, Großherzog von Mecklenburg-Strelitz (1779-1860) in der Fürstengruft in der Johanniterkirche zu Mirow.

Diverse pflanzliche Beigaben

Unterschiedliche Pflanzen, die als Beigaben anzusprechen sind, kamen unter anderem in Güften in Görlitz und Lüneburg vor. Auf der Deckelplatte eines der Erwachsenensärge von 1877 oder 1878 in der Grabstätte Storch/Göldner auf dem Nikolaifriedhof in Görlitz liegen drei Kränze. Der obere Kranz besteht aus Zweigen des Buchsbaums (Buxus sempervirens), der mittlere aus Tannenzweigen (Abies sp.) und der untere aus den Moosen Keulen- oder Kolbenbärlapp (Lycopodium cf. clavatum) und dem Schönen Widertonmoos oder Schönen Frauenhaarmoos (Polytrichum formosum). Neben dem Sarg sind Palmzweige, wahrscheinlich von der Dattelpalme (Phoenix), zu sehen, die allerdings zu einem anderen Erwachsenensarg in der Gruft gehören. Die Deutung als Symbol für den Sieg Christi über den Tod bietet sich an.

Eine Einzelgruft auf dem Michaelisfriedhof in Lüneburg enthielt einen Sarg aus dem Jahre 1900. Auf der Deckelplatte befanden sich Reste von zwei Kränzen, von denen einer aus Buchsbaumzweigen geflochten war. Über den Unterschenkeln des Leichnams hatte man sorgfältig Zweige von zwei verschiedenen Koniferenarten ausgebreitet. Die botanische Analyse ergab, dass es sich hier um Fichte und Lebensbaum (Thuja) handelt.

Buchsbaum, Tanne und Fichte sind immergrüne Pflanzen, die als Symbol für das ewige Leben stehen und durch ihre ständige Erneuerung Hoffnung auf ewiges Leben ausdrücken. Sie finden daher als Friedhofspflanzen Verwendung. Auch der Lebensbaum kann als typische neuzeitliche Friedhofspflanze gelten. Die Fichte ist zudem ein mächtiges Symbol der Lebensfülle und der Stärke und wurde deshalb auch als hilfreich gegen Dämonen, Hexen und Teufel angesehen.

Bärlapp
Keulenbärlappsträußchen (Berlin, Parochialkirche)

Die Moose Keulen- oder Kolbenbärlapp und das Schöne Frauenhaarmoos bzw. Schöne Widertonmoos sind weitverbreitete Arten. Der Kolbenbärlapp heißt auch „Hexenkraut“, was sich hier im Sinne von Abwehr und Schutz verstehen lässt. Er ist als Apotropäum gegen Hexen, aber auch böse Geister überliefert. Beim Schönen Widertonmoos ist bereits der Name ein Hinweis: Widerton ("Wider das Antun") bezeichnet in Legenden eine mächtige Pflanze des Gegenzaubers.

Auch in der Parochialkirche in Berlin wurden einige zusammengebundene Stiele des Kolbenbärlapps gefunden; allerdings befand sich dieses Gebinde in einem gestörten Befund, der grob in den Belegungszeitraum der Gruft, also in das 18. oder 19. Jahrhundert, zu datieren ist.

Fraglich bleibt, ob die Verwendung solcher pflanzlicher Apotropäa die Bestatteten vor negativen Einflüssen schützen sollte oder eher als Ausdruck der Angst vor dem Toten selbst zu deuten ist.

Beigaben als Zeichen persönlicher Frömmigkeit

Einen Einblick in das katholische Totenbrauchtum ergaben die Untersuchungen im ehemaligen Gruftgewölbe der St. Josephskirche in der Großen Freiheit in Hamburg, ehemals Altona. Zwar waren die fast 300 Särge mit den gut erhaltenen Mumien während des Krieges und in der Nachkriegszeit zerstört worden, aber in den ausgeschütteten Sarginhalten fanden sich zwischen den Gebeinen, Hobelspänen, Resten textiler Sargausstattungen und Kleidung noch zahlreiche Beigaben. Einige waren rein persönlicher Natur, etwa Eheringe oder ein Ohrring aus Karneol. Wie in einem katholischen Befund zu erwarten, waren den Toten auch Beigaben religiösen Charakters mitgegeben worden. Hierzu zählen Rosenkränze, Kruzifixe und Amulette. Besonders hervorzuheben ist ein vollständiger Rosenkranz aus Holz mit einem Kruzifix und Medaillon aus Metall. Der Kranz besteht aus ungewöhnlich vielen rotbraunen Holzperlen: 63 kleinen Perlen (Rosarien), sieben großen Perlen (Psalter) mit Äquator und drei länglichen, profilierten Perlen. Damit bestand er wohl aus sechs statt fünf Gesätzen. Das Medaillon zeigt die Bildnisse von Ignatius von Loyola (1491-1556), dem Gründer der Gesellschaft Jesu (Jesuitenorden) und Franz Xaver (1506-1552), ein Studienfreund Ignatius’ und Gründungsmitglied der Gesellschaft Jesu.

Medaillon
Medaillon mit Darstellungen von Ignatius von Loyola uns Franz Xaver (Hamburg, St. Joseph)

Eier als Grabbeigabe

In der Äbtissinnengruft des Klosters Lüne wurden in fünf von insgesamt elf Särgen Hühnereier in unterschiedlicher Anzahl gefunden. Der älteste sichere Befund stammt aus dem Jahre 1680, der jüngste datiert 1838. Weitere in der Gruft verstreute Eierschalen deuten darauf hin, dass auch in den anderen Särgen Eier als Beigabe lagen.

Zu erwähnen ist in diesem Zusammenhang auch der Friedhof von Breunsdorf südlich von Leipzig, der in den 1990er Jahren vollständig archäologisch untersucht worden ist. Auf dem neuzeitlichen Abschnitt des Friedhofs wurden drei Kindergräber entdeckt, in denen sich zerdrückte Eierschalen befanden.

Grundsätzlich ist das Ei ein Symbol des Lebens, der Lebenskraft und auch der Fruchtbarkeit, weil hier die Entstehung des Lebens aus etwas scheinbar Totem gut beobachtet werden kann. So spielt das Ei in den Schöpfungsmythen verschiedener Völker eine Rolle oder fand auch als Bauopfer Verwendung. Bereits in vor- und frühchristlichen Gräbern erscheinen Eier, sei es als Abbildung, als Speisebeigabe oder als Element mit symbolischer oder magischer Bedeutung. So mag man dem Ei die Fähigkeit der Erhaltung der Lebenskraft zugewiesen haben, um so dem Toten zu dienen.

Sehr bekannt sind die sogenannten Kiewer Eier, bemalte Toneier, die sowohl in Siedlungen als auch in Gräbern gefunden wurden. Sie wurden wahrscheinlich in Kiew bzw. im Reich der Rus unter byzantinischem Einfluss hergestellt und treten vor allem vom 10. bis zum beginnenden 12. Jahrhundert im slawischen und wikingischen Siedlungsgebiet auf. Wahrscheinlich sind die Eier hier im Zusammenhang mit der Christianisierung zu sehen und werden daher auch als "Auferstehungseier" bezeichnet.

Die teilweise vorchristlichen Traditionen der Eierbeigabe in unserem Kulturkreis erscheinen in unterschiedlichen Befundzusammenhängen. So finden sich Eier bei den Merowingern als Speisebeigabe neben anderen Lebensmitteln und Getränken. Bei den Awaren liegen sie im Schoß, nahe dem Oberschenkel und haben deshalb eine eigene Bedeutung.

Im christlichen Glauben wird das Ei zum Symbol der Auferstehung und so bildlich mit der Hoffnung auf ein künftiges Leben verknüpft. Das Ausbrechen des reifen Kükens aus dem Ei wird zum Gleichnis für die Auferstehung Christi aus dem Grabe.

Toilettenartikel, Glöckchen und andere Beigaben

Gegenstände, die mit dem Leichnam oder dem Bereich des Todes in Verbindung gekommen sind, werden häufig als unheilbringend angesehen. In einigen der in den vergangenen Jahren dokumentierten Grüften wie der Gruft unter der Parochialkirche in Berlin, der Gehlergruft in Görlitz, der Gruft derer von Saldern in Bordesholm oder der Gruft unter St. Joseph in Hamburg, um nur einige Beispiele zu nennen, lagen beispielsweise Badeschwämme, mit denen der Leichnam vermutlich gewaschen worden war. Die Beispiele lassen sich vor allem in das 18. bis 19. Jahrhundert datieren. Ein Schwamm samt zusammengelegtem Leintuch zum Trocknen des Leichnams stammt aus der Fürstengruft unter der Schelfkirche in Schwerin aus der Bestattung der Sophie Charlotte von Hessen-Kassel, Herzogin von Mecklenburg-Schwerin (1678-1749).

Weitere Gegenstände aus diesem Bereich sind Waschschüsseln, die beispielsweise in Breunsdorf gefunden wurden. Ein wertvolles Rasiermesser stammt aus einer einstelligen Gruft in der Göttinger Paulinerkirche, Kämme erschienen unter anderem in der Gruft unter der Parochialkirche in Berlin und in den Hamburger Grüften unter St. Michaelis und St. Joseph.

Glocke
Handglöckchen (Berlin, Parochialkirche)

Das Zurechtmachen des Verstorbenen für die Aufbahrung wie Waschen, Kämmen, Rasieren und Frisieren gehört seit Jahrhunderten zur Totenfürsorge. Gegenstände, die dabei benutzt werden, werden oft mit in den Sarg gegeben. Diese Dinge müssen aus der Welt der Lebenden entfernt werden, weil sie durch die Berührung mit dem Toten "unrein" geworden sind. Möglicherweise spielt hier auch die Furcht vor der Rückkehr des Toten, der sich die Gegenstände zurückholen will, eine Rolle.

Bisher singulär ist der Fund eines Glöckchens aus einem in das 19. Jahrhundert datierenden Sarg aus der Gruft unter der Berliner Parochialkirche. Ob dieses Glöckchen als persönlicher Gegenstand bis zum Tode auf dem Nachttisch der verstorbenen Dame gestanden haben mag und deswegen mitgegeben wurde oder ob diese aus Angst vor dem Scheintod verfügt hat, ihr das Glöckchen zum Signalläuten mit in den Sarg zu legen, sei dahingestellt.

Ausblick

Die Deutung von Beigaben auch aus archäologisch relativ jungen Befunden ist aufgrund der dürftigen Quellenlage oft schwierig und stützt sich häufig auf Vermutungen. Im Laufe des 20. Jahrhunderts brachen viele Traditionen völlig ab, Riten und ihre Bedeutungen gerieten in Vergessenheit. Die interdisziplinäre Erforschung neuzeitlicher Bestattungskultur ist zum Einen so wichtig, weil die Träger der ehemals mannigfaltigen Bräuche nicht mehr existieren. Zum Anderen sind nach wie vor die noch erhaltenen Gruftinventare in Gefahr, weil sie entweder durch unsachgemäße Behandlung der Baubefunde oder Plünderungen sowie undokumentierte Räumungen aus Unwissenheit oder pekuniären Interessen mutwillig zerstört werden. Umso wichtiger ist, die verantwortlichen Stellen zu sensibilisieren und auf den Wert dieser fragilen Kulturzeugen hinzuweisen.

Literaturverzeichnis:

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Johann Baptist Friedreich, Die Symbolik und Mythologie der Natur. Würzburg 1859
Johannes Hoops (Hrsg.), Reallexikon der germanischen Altertumskunde, Band 1. Straßburg 1911-1919
Herbert Jankuhn, Heinrich Beck et alii (Hrsg.), Reallexikon der germanischen Altertumskunde, Band 16. Berlin und New York 1986-2008 (2. Auflage)
Hauke Kenzler, Der Friedhof von Breunsdorf – Untersuchungen zum Totenbrauchtum in Mittelalter und Neuzeit. In: Kirche und Friedhof von Breunsdorf (Breunsdorf Band 2). Dresden 2002, S. 147-300
Reiner Sörries (Bearb.) unter Mitwirkung von Stefanie Knöll, Großes Lexikon der Bestattungs- und Friedhofskultur. Wörterbuch zur Sepulkralkultur. Band 1: Volkskundlich-kulturgeschichtlicher Teil: Von Abdankung bis Zweitbestattung. Braunschweig 2002
Julian Wiethold, „…auf Hopfen gebettet.“ Botanische Analysen zu den Bestattungen in der Äbtissinnengruft unter der Barbarakapelle im Kloster Lüne. Denkmalpflege in Lüneburg 2005, S. 27-33

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