OHLSDORF - Zeitschrift für Trauerkultur

Diesseits – Jenseits. Gedenkkulturen der Weltreligionen. Ein Garten-Projekt auf dem Friedhof Ohlsdorf in Hamburg

 - Mai 2013
Ausgabe: 
Nr. 121, II, 2013

Die Bedeutung des Todes für das Leben und Wirken des Menschen sollte immer wieder hervorgehoben werden. Was uns von den Tieren unterscheidet, ist im Grunde genau dieses Wissen: dass wir sterben müssen.

Es spornt den Menschen zu der Suche nach einem Sinn des Lebens im Angesicht des Todes an. Archäologische Funde legen nahe, dass im Nachdenken darüber, was mit den Toten geschieht, der Ursprung aller Religion liegen könnte. Schon die Neandertaler bestatteten ihre Toten und gaben ihnen einfache Grabbeigaben mit. Ein etwa 70.000 Jahre altes Kinderskelett fand man in der Teschik-Tasch-Höhle in Usbekistan von Steinbockhörnern umringt. Aus der Steinzeit sind Bestattungen erhalten, bei denen der Tote mit rotem Ockerpulver bedeckt wurde. Man geht davon aus, dass die rote Farbe als Farbe des Blutes das Leben symbolisiert. Im Jungpaläolithikum begannen die Menschen, ihre Verstorbenen für ein jenseitiges Leben reich auszustatten. Solche Grabbeigaben bildeten lange vor Tempelbauten o. ä. erste Hinweise auf religiöse Vorstellungen.

Seit Menschen denken konnten, sind sie von Wechselwirkungen zwischen dem Totenreich und dem Reich der Lebenden ausgegangen. Gegenüber den Ahnenkulten und der Geisterbannung in den älteren magisch-religiösen Vorstellungswelten haben die heute existierenden Weltreligionen diesen Verkehr zwischen dem Jenseits und Diesseits stark eingeschränkt. Eine Möglichkeit der Einwirkung der Verstorbenen auf die Lebenden wird von den Weltreligionen im Allgemeinen negiert, doch können die Hinterbliebenen durch Andenken, Wohlverhalten und bestimmte Riten die jenseitige Existenz der Toten positiv beeinflussen. Deshalb ist die religiöse Begleitung des Übergangs vom Leben zum Tod für alle Gläubigen der Welt essenziell wichtig. Die Formen der Abschiedsrituale und des Gedenkens hängen selbstverständlich von der jeweiligen Auffassung des nachtodlichen Schicksals ab.

Die drei "abrahamischen" Religionen Judentum, Christentum und Islam sind sich darüber einig, dass im Jenseits eine Belohnung des Gehorsams und Bestrafung des Ungehorsams gegenüber den jeweils formulierten göttlichen Geboten in irgendeiner Form stattfinden wird. In welcher Verfassung der Verstorbene sie erlebt, wird allerdings unterschiedlich gesehen. Das orthodoxe Judentum stützt sich auf das Prophetenwort: "So spricht Gott der HERR zu diesen Gebeinen: Siehe, ich will Odem in euch bringen, dass ihr wieder lebendig werdet. Ich will euch Sehnen geben und lasse Fleisch über euch wachsen und überziehe euch mit Haut und will euch Odem geben, dass ihr wieder lebendig werdet; und ihr sollt erfahren, dass ich der HERR bin." (Hesekiel 37, 5-6)

Im Islam ist die Sachlage weit weniger eindeutig. Der Koran sagt: "Gott ließ euch aus der Erde wachsen, wie Pflanzen, dann bringt er euch in sie zurück und holt euch wiederum hervor." (Sure 71 Vers 17-18) Das bedeutet nicht unbedingt, dass der Leib für die Auferstehung aus genau demselben Staub geschaffen sein muss, zu dem er vorher zerfallen war. Dennoch bestehen auch die Muslime auf unbefristeter Grabesruhe. Ferner soll der Tote ohne Sarg bestattet werden und mit dem nach rechts gerichteten Haupt in Richtung Mekka blicken.

Obwohl die Christen ebenfalls die Auferstehung des Fleisches bekennen und sich im Grunde auf dieselben Bibelstellen beziehen wie die Juden, hat der griechische Glaube an eine vom Körper völlig unabhängige Seele das Christentum so weit beeinflusst, dass die Unversehrtheit sterblicher Überreste eigentlich keine Rolle mehr spielt. Dementsprechend sieht die deutsche Gesetzgebung keine unbefristeten Liegezeiten auf Friedhöfen vor. Hier entsteht ein Konflikt zwischen den Anforderungen der verschiedenen Religionen. Während den Juden traditionell schon immer eigene Friedhöfe und eine Autonomie in der Bestattungskultur zugestanden wurden, ist man erst in jüngster Zeit auf die Bedürfnisse der Muslime eingegangen. Ein weiterer Widerspruch zu deutschen Vorschriften besteht in der Forderung des Judentums und des Islam, den Verstorbenen noch am Tage des Ablebens zu bestatten. Doch auch hierbei wurden praktikable Kompromisse gefunden.

Für die Religionen, die an eine Seelenwanderung glauben, ist der tote Körper weit weniger wichtig. In seinem nächsten Dasein bekommt der Verstorbene ohnehin einen neuen. Deshalb überrascht es nicht, dass sowohl im Hinduismus als auch im Buddhismus die Sitte der Totenverbrennung vorherrscht. Während die Buddhisten die Asche des Toten in der Regel beerdigen, streuen fromme Hindus sie in einen Fluss, vorzugsweise in einen heiligen. Die Kremation ist in Deutschland kein Problem, aber eine öffentliche Verbrennung, wie im Hinduismus üblich, kommt hierzulande selbstverständlich nicht in Frage. Deshalb lassen fromme Hindu-Familien die Leichname ihrer Verstorbenen am liebsten in die Heimat überführen.

Buddhisten betten die Überreste ihrer Verstorbenen gerne in die Nähe heiliger Orte. So wurden durch Zufall zahlreiche Urnen in der buddhistischen Pagode von Hannover entdeckt. Die Stadtverwaltung reagierte durch das Einrichten eines speziellen Friedhofsbereichs. Ob das ein adäquater Ersatz für die Pagode ist, können nur die Buddhisten selbst beurteilen. Jedenfalls handelt es sich zumindest um eine legale Lösung.

Gartenprojekt
Reges Besucherinteresse am 14. April 2013, dem Tag der Eröffnung des Gartenprojekts Diesseits-Jenseits auf dem Friedhof Ohlsdorf vor dem KZ-Opfer-Mahnmal. Foto: Y. Andresen

Wie die Gedenkkulturen der Weltreligionen sich in ihrer Unterschiedlichkeit darstellen, zeigt in Hamburg auf dem Ohlsdorfer Friedhof das Garten-Projekt Diesseits-Jenseits, Gedenkkulturen der Weltreligionen auf. Es versteht sich als kooperierendes Projekt zur Internationalen Gartenschau igs 2013 in Hamburg-Wilhelmsburg, dort wo zeitgleich der Bereich Gärten der fünf Weltreligionen zu besichtigen ist. Das Projekt in Ohlsdorf wurde entwickelt und ausgestaltet vom Förderkreis Ohlsdorfer Friedhof e.V. und den Hamburger Friedhöfen -AöR-. Ziel des Projektes ist es, die Besucher in die Rituale und Jenseitsvorstellungen der Weltreligionen einzuführen und den Friedhof als interreligiöses Zentrum darzustellen. Zeitgleich dazu richtet der Förderkreis im Museum Friedhof Ohlsdorf eine themenbezogene Fotoausstellung aus und ergänzt beide Aktionen mit einer Informationsschrift über den konfessionsoffenen Friedhof.

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