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OHLSDORF - Zeitschrift für Trauerkultur

Ein Garten voller Rosen

Es ist schon etwas Außergewöhnliches, auf einem Friedhof einen Rosengarten vorzufinden, der über seine schmückenden Elemente hinaus auch informierende zum Inhalt hat, und das nun schon seit über 110 Jahren.

Anlässlich der Allgemeinen Gartenbauausstellung 1897 in Hamburg wurde er der staunenden Öffentlichkeit vorgestellt. Der spätere Friedhofsdirektor Wilhelm Cordes merkte in seinem ersten Führer über den Ohlsdorfer Friedhof dazu an:

"Weiter nach Süden, nach Überschreiten kleiner Holzbrücken, liegt der Rosengarten, der besonders die alten Landrosen, wie sie zur Zeit der Griechen, Römer und in den Klöstern des Mittelalters gepflegt worden sind, enthält. Alle sind einmal gesondert und dann auch in Gruppen zusammengepflanzt. Vertreten sind auch die indischen Rosen und Hybriden, die das Ganze, von Schlingrosen, Hängerosen und Pyramiden-Taxus unterbrochen, einrahmen."

Der angedeutete historische Rückblick auf die Entwicklung der Gartenrosen war mit geeigneten Arten und Sorten auf kleinstem Raum zur Schau gebracht worden. Jede Rosensorte trug ein Namensschild mit Angaben zur Bepflanzung eines Grabes. Der in der Nähe liegende Rosenweg zwischen der Kapelle 4 und der Cordesallee mag beispielhaft damit bepflanzt gewesen sein. Gemälde und Fotos aus dieser Zeit zeigen einen mit üppigem Blütenflor besetzten Rosengarten. Nachdem der Zahn der Zeit am Rosengarten genagt hatte und Ende des 20. Jahrhunderts kaum noch eine Rose verblieben war, wurde der einstige Leitgedanke von vor 100 Jahren wieder aufgegriffen. 1997 erhielt er in wesentlichen Teilen seine alte Form zurück, neue Rosensorten wurden gepflanzt.

Zur rosengeschichtlichen Bepflanzung haben folgende Hintergründe und Überlegungen beigetragen: Unabhängig voneinander haben sich die Menschen bereits vor Jahrtausenden sowohl in Ostasien als auch in Vorderasien mit der Zucht von Gartenrosen aus den bei ihnen beheimateten Wildformen befasst. Von Vorderasien (Indien, Persien) aus gelangte die Kunst der Rosenzucht in den Mittelmeerraum (Ägypten, Griechenland, Rom) und schließlich nach Nordeuropa. So befahl z. B. Karl der Große (768-814) in seiner berühmten Verordnung über die Pflege seiner Gärten und Landgüter ("De villis et cortis imperialibus") den Anbau der Rose. Später waren es vorwiegend französische und englische Züchter, die sich der Weiterentwicklung von Gartenrosen widmeten.

Das Farbenspiel der Züchtungen in Europa lag aufgrund der hier beheimateten Wildrosen anfangs jedoch nur im Bereich von weiß bis dunkelrosa. Erst als um 1800 der beginnende Handel mit China auch den Austausch mit Pflanzen möglich machte, gelangte neues Erbgut dort gezüchteter Sorten nach Europa. So konnte hier alsbald und erstmals eine gelb blühende Sorte gezüchtet werden. Später kamen rot blühende und um die Wende zum 20. Jahrhundert auch viel- und öfter blühende Sorten, remontierende Rosen, hinzu. Die Entwicklung ging weiter zu den Polyantha- und Floribunda-Hybriden, die seitdem als sog. Beetrosen einen breiten Raum in der Rosenzucht einnehmen.

Um diese Entwicklungsgeschichte darzustellen zu können, wurde 1997 im teilrekonstruierten Rosengarten mit Hilfe der Radialbeete eine Rosenuhr geschaffen. Ihre Skala beginnt rechts mit den ältesten bekannten und noch kultivierten Arten oder Sorten. Es folgen Sorten, die erstmalig in Apothekerbüchern des späten Mittelalters erwähnt werden, dann die Züchtungen des 18. Jahrhunderts in ihren Farbvarianten von weiß bis rosa und die des 19. Jahrhunderts. Den Abschluss bilden Rosensorten aus dem vergangenen Jahrhundert und Englische Rosen mit ihrem besonderen Duft. Alle Sorten sind mit Steckschildern gekennzeichnet und eignen sich unter Beachtung ihrer Wüchsigkeit auch für die Grabbepflanzung. Auf einige geschichtsträchtige Rosenarten wird im Folgenden näher eingegangen:

Heilige Rose
Die Heilige Rose (Rosa x richardii, syn. R. sancta). Foto: Schoenfeld

Die wohl älteste bekannte Rose ist die Heilige Rose oder Mumienkranzrose (Rosa x richardii, syn. R. sancta). Sie wurde in Abessinien (heute Äthiopien) im Hof eines christlichen Klosters gefunden und erstmals 1847 beschrieben. Der Heilige Frumentius, um 340 zum Bischof von Abessinien geweiht, hat sie vermutlich aus dem Nahen Osten nach dorthin mitgebracht. Schon in der Zeit von 500 bis 200 v. Chr. soll sie zu Kränzen geflochten, die Köpfe ägyptischer Mumien geschmückt haben. Ebenso ist sie wahrscheinlich identisch mit der auf einem Fresco im Palast von Minos auf Kreta abgebildeten Rose. Das Fresco entstand zwischen 1900 und 1700 vor Chr. Mit fast 4000 Jahren wäre sie damit wohl die älteste Rose in Kultur. Ende des 19. Jahrhunderts taucht sie dann nachweislich in Nordeuropa auf. Der französische Botaniker Achille Richard (1794-1852) beschrieb sie als Heilige Rose und wie folgt: Naturhybride zwischen Rosa gallica und einer Rosa phoenicia aus dem Nahen Osten, niedriger Busch, ca. 70 cm hoch. Triebe überhängend, stachlig, Laub drei- bis fünfblättrig, runzlig, Blüten hellrosa, einfach, nicht sehr groß, überreich blühend.

Seit 1310 ist die karminrot blühende Apothekerrose (Rosa gallica 'Officinalis') bekannt. Aufgrund ihres kräftigen Duftes wurden die getrockneten Blütenblätter früher zu einem wohlriechenden Pulver verarbeitet. Diese Arbeit oblag den Apothekern, daher die Namensgebung. Die Heimat der Ausgangsform ist Mittel- und Süd-europa sowie der östliche Mittelmeerraum. Schon die Griechen und die Römer kultivierten sie, insbesondere aber die Franzosen, die vorzugsweise in Provins bei Paris mit dieser Art Zuchterfolge erzielten. Sie wird deshalb allgemein auch als Französische Rose (gallica!) bezeichnet.

Wie der Name schon andeutet, blüht im Nachbarbeet die Weiße Rose (Rosa x alba semiplena) in der bereits 1473 beschriebenen halbgefüllten Form. Inmitten der reinweißen Blütenblätter zeigt sich deutlich ein Kranz gelber Staubgefäße. Sie ist eine Naturhybride und hat von ihren Eltern, der Hundsrose und der Damaszenerrose, den angenehmen Duft geerbt. Als Weiße Rose von York und Symbol des Hauses York erhielt sie im sog. Rosenkrieg (1455-1487) um die Herrschaft auf dem englischen Thron eine besondere Bedeutung, hatte doch das Haus Lancaster als Gegner eine rote Gallica-Rose im Wappen. Mit einer Vernunftehe zwischen Heinrich VII. aus dem Hause Lancaster und Elisabeth aus dem Hause York endeten die blutigen Auseinandersetzungen. Im neuen Wappen wurde dann die weiße auf die rote Rose gelegt: Es entstand die Tudorrose, die Rose im heutigen Wappen des englischen Königshauses.

Es gibt nur wenige Rosenzüchtungen, die in ihren Ergebnissen weltweite Beachtung finden, wie die Englischen Rosen vom Züchter David Austin. Die Sorte Charles Austin auf dem letzten Radialbeet steht als Beispiel dafür. Seine Züchtungen weisen besondere Merkmale auf: Die Farben liegen meistens im Pastellbereich, es gibt Farbtöne wie fliederosa und apricot. Das Farbspiel wechselt von der Knospe übers Aufblühen bis zum Verblühen. Die Blüten sind in der Regel stark gefüllt, gedreht, geviertelt oder gewirbelt. Es gibt Sorten mit weit über 100 Blütenblättern. Alle Sorten haben einen Duft in großer Breite und Intensität und sind mit wenigen Ausnahmen öfter blühend. Die Sorte Charles Austin, benannt nach seinem Vater, war 1973 eine der ersten, die in den Handel kamen. Sie bildet apricotfarbene flache Blüten aus. Wegen ihres hohen Wuchses ist sie den Strauchrosen zuzuordnen.

Die Pflege der Rosen war hier immer auch ein Anliegen der für das Revier zuständigen Gärtnermeister. Einer von Ihnen war Anfang des 20. Jahrhunderts Herr "Rosen-Möller". In unmittelbarer Nähe des Rosengartens fand er im gleichnamigen Familiengrab K 11, 249-252, seine letzte Ruhestätte. Dennoch, eine Rose erblickt man hier vergebens, dafür auf den neuen Gräbern am äußeren Rundweg des Rosengartens. Aber auch ihre Grabmale müssen mit Rosenmotiven geschmückt sein, mit wechselndem Erfolg, wie man sieht.

Auflistung alle Artikel aus dem Themenheft Blumen und Pflanzen auf Gräbern (August 2011).
Erkunden Sie auch die Inhalte der bisherigen Themenhefte (1999-2020).