OHLSDORF - Zeitschrift für Trauerkultur

Vergegenwärtigung – Trauerkultur – Zukunftsperspektiven. Bemerkungen zur Ausstellung "30.000 vertriebene Hamburger (1813/14) – Das Ende der Hamburger Napoleonzeit in Denkmälern" im Museum Friedhof Ohlsdorf

 - Oktober 2010
Ausgabe: 
Nr. 111, IV, 2010

Hamburgs Anschluss an Napoleons Empire, im Dezember 1810 in Paris beschlossen, mochte unter manchen Aspekten als aussichtsreich erscheinen, insbesondere unter dem, dass Frieden im Kampf der Großmächte Frankreich und England eintreten würde.1

Doch die "Bonne ville de Hambourg" nahm 1813/14 so schweren Schaden, dass jene dreieinhalb Jahre bis in unsere Zeit hinein als "Franzosenzeit" bezeichnet und insgesamt als katastrophal betrachtet worden sind.

Die Denkmäler, die in Hamburg auf die Napoleonzeit verweisen, sind als solche nicht geeignet, ein ausgewogeneres Urteil zu begünstigen. Sie beziehen sich auf kriegerische Ereignisse, auf Belagerung, Vertreibung, Zerstörung. Diejenigen, die sich auf "Heldentaten" und militärische Erfolge im Rahmen der sogenannten Befreiungskriege beziehen – von deutscher Seite zu Recht oder zu Unrecht verzeichnet – vermögen heutzutage, da das Verhältnis zwischen den Gesellschaften Deutschlands und Frankreichs im Zeichen europäischen Friedens stabil positiv geworden ist, nur schwerlich noch Beifall hervorzurufen. Sie bilden vielmehr ihrerseits Objekte von Bemühungen im Rahmen der Trauerkultur.2

Möglicherweise liegt es nicht nur an der Knappheit der für die Denkmalpflege zur Verfügung stehenden Ressourcen, dass viele der hier ins Auge gefassten Denkmäler, vor allem dann, wenn es sich nicht um Grabsteine für namhafte Individuen (gar sogenannte "historische Gestalten"!) handelt, einen beklagenswerten Zustand aufweisen. Eine konsequente Option wäre daher, diese Denkmäler zu beseitigen, anstatt sie zu Opfern von Erosion, Beschädigung oder Verunstaltung und schließlich der Verachtung herabsinken zu lassen. Die gleichermaßen respektvolle wie schöpferische Alternative liegt darin, diese Denkmäler zu vergegenwärtigen, sie zum Gegenstand historischer, das heißt sowohl kunsthistorischer, als auch politisch-historischer Rekonstruktion zu erheben, ihnen allerlei im weitesten Sinne philosophische Reflexionen zu widmen und für ihre Zukunftsfähigkeit zu sorgen – materiell und ideell (ideell in den Köpfen potentieller, nach Möglichkeit an Zahl zu vergrößernder, an Verständnis zu bereichernder Betrachter).

Wir nennen drei Beispiele: Barmbek, Hamm, Marmstorf. Dabei verzichten wir darauf, uns auf das ‚Flaggschiff’ dieser Denkmalssorte zu beziehen, das Vertriebenendenkmal in Planten un Blomen, und nehmen damit der Ausstellung in puncto der Schätze des Ohlsdorfer Friedhofs nichts vorweg.

1. Barmbek

Rund 70 der ungefähr 30.0000 um die Jahreswende 1813/14 aus Hamburg vertriebenen "Unterverproviantierten" sind im Bereich des Dorfes Barmbek ums Leben gekommen – entkräftet von Hunger, Kälte und Infektionskrankheiten. Denkmal und Anlage haben ihr Aussehen in den letzten anderthalb Jahrhunderten verändert.

Barmbek
Gedenkstein in Hamburg-Barmbek. Foto: H. Stubbe da Luz

2. Hamm

Der Hammer Friedhof beherbergt – nur einige Schritte voneinander entfernt – zwei Denkmäler, die auf die Niederbrennung des Dorfes Hamm 1814 und auf das noch ungleich katastrophalere Inferno des Feuersturms 1943 verweisen. Unter welchen Aspekten sind sie vergleichbar?

Hamm
Gedenkstein auf dem Hammer Friedhof. Foto: H. Stubbe da Luz
Mahnmal
Mahnmal in Hamburg-Hamm. Foto: H. Stubbe da Luz

3. Marmstorf

Im Kern des heute zum Bezirk Harburg gehörigen Dorfes Marmstorf, am Feuerteichweg, wird an die Niederbrennung Marmstorfs und Appelbüttels Ende März 1814 erinnert, als die französischen Okkupanten, ihrerseits von einem alliierten (vor allem russischen) Belagerungsring umschlossen, aus dem südlichen Teil der Festung Hamburg-Harburg heraus einen Ausfall machten, um feindliche Kräfte zu beunruhigen und vor allem, um Beute an Lebensmitteln zu machen. Waren es "die Franzosen", die dort Schuld auf sich luden?

Marmstorf
Gedenkstein in Marmstorf. Foto: H. Stubbe da Luz

Was soll mit der Ausstellung im Museum Ohlsdorf erreicht werden? Zunächst eine erste und noch unvollständige Bestandsaufnahme von Denkmälern, die aus der in der Geschichte Hamburgs so einschneidenden Napoleonzeit herrühren oder in späteren Jahrzehnten zur Erinnerung daran gesetzt worden sind. Eine Kritik am derzeitigen materiellen Zustand dieser Denkmäler und ihrer unmittelbaren Umgebung drängt sich dabei unabweislich auf. Zugleich wird demonstriert, dass eine solche Bestandsaufnahme und Kritik, verbunden mit historischen, philosophischen und dem Bereich der Kunsterziehung zuzuordnenden Reflexionen über kriegerische Geschehnisse in Vergangenheit und Gegenwart, über durch Gewaltmaßnahmen in Mitleidenschaft gezogene Städte und ihre Bewohner, über die Funktion von Denkmälern, von Schülergruppen geleistet zu werden vermag, wenn sie das Glück haben, in das Denkmal-aktiv-Programm der Deutschen Stiftung Denkmalschutz aufgenommen zu werden.

Die Ausstellung weist auch einen Weg in die Zukunft. Die Erforschung, Vergegenwärtigung und Pflege dieser Denkmäler steckt entweder in den Anfängen oder muss gar erst ernsthaft begonnen werden. Das Emil-Krause-Gymnasium (neuerdings: Stadtteilschule Barmbek) steht bereit, eine Patenschaft über das Barmbeker Vertriebenendenkmal zu übernehmen und mit anderen Schulen, die – in Hamm, Marmstorf, in der Hamburger Innenstadt, in Bergstedt und an weiteren Standorten – nachziehen, eine diesbezügliche Arbeitsgemeinschaft zu bilden, zu deren Aktivitäten dann unter anderem die regelmäßige Beteiligung am Tag des offenen Denkmals gehört (wie 2009 bereits exemplarisch praktiziert).3

1 Helmut Stubbe da Luz / Christian Friedrich Wurm: "Hamburg" oder "Hambourg"? Amandus Augustus Abendroth. Reformpolitiker und Stadtoberhaupt unter Napoleon. 2 Bde. München 2010.
2 Einen Überblick gibt Georg Baumann: Erinnerungen an die napoleonische Epoche im öffentlichen Raum Hamburgs. Wenig bekannte und beachtete Hamburgensien. In: Jubiläums-Jahrbuch der Vereinigung der Hamburgensien-Sammler und -Freunde e.V. von 1960, S. 3-30 (liegt auch als Sonderdruck vor).
3 Vgl. Programm zum Tag des offenen Denkmals. Hamburg 2009, S. 45.

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