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OHLSDORF - Zeitschrift für Trauerkultur

Der letzte Hafen – Gräber von Seeleuten auf dem Ohlsdorfer Friedhof

Wenn man das Wasser der Elbe sozusagen als Lebensader und den Hamburger Hafen als pulsierendes Herz der Freien und Hansestadt Hamburg ansehen kann, so bildet der Ohlsdorfer Friedhof nicht nur für die Bewohner der Stadt, sondern auch für manchen fremden Seemann den "letzten Hafen", in dem sein Lebensschiff "vor Anker geht".1

Es ist also kein Wunder, dass es dort eine ganze Reihe von Grabstätten gibt, die eng mit der Schifffahrt und dem Wasser zusammenhängen. Nur kurz erinnert sei dabei an die historisch bedeutsame Gemeinschaftsgrabstätte der Seeleute von der "Casse der Stücke von Achten" oder das Gemeinschaftsgrab der Opfer der Primuskatastrophe, über die in dieser Zeitschrift schon ausführlich berichtet wurde.

Aber es gibt noch weitere Grabstätten in Ohlsdorf, die an die Geschichte der Seeleute in Hamburg erinnern. So kamen am Ende des 19. Jahrhunderts zahlreiche Chinesen in die Stadt. Den deutschen Reedereien waren diese Immigranten sehr willkommen, weil es kaum billigere Arbeitskräfte gab. Die Ankömmlinge ließen sich am Elbufer nieder. Einige von ihnen blieben an Land und machten im Hafenviertel Läden, Gaststätten oder Wäschereien auf, so dass in den 20er Jahren rund um Reeperbahn und Schmuckstraße ein lebendiges Chinesenviertel entstand.2

1915 kam der Chinese Chen Chi Ling (1877-1948) mit einem Schiff des Norddeutschen Lloyd ebenfalls in der Hansestadt an. Auch er blieb hier an Land und gründete bald für sich und seine Kollegen einen chinesischen Matrosenclub. Später dann wurde daraus der Chinesischen Verein e.V. Hamburg. Dieser Verein erwarb noch im Gründungsjahr 1929 einen eigenen Friedhofsbereich auf dem Ohlsdorfer Friedhof als chinesisches Gemeinschaftsgrab, das noch heute besteht. Der Gedenkstein von 1929 erinnert explizit "an die in Hamburg verstorbenen chinesischen Seeleute". Auch Chen Chi Ling wurde dort begraben und erhielt einen eigenen Grabstein mit seinem Porträt. Er hat übrigens auch ein chinesisches Seemannsheim in Hamburg eingerichtet, das seine Nachfahren noch heute fortführen.

Seemannsfriedhof
Seemannsfriedhof. Foto: J. Meinert

Um die vielen fremden Seeleute bei ihrem Aufenthalt in der Stadt zu unterstützen, richtete auch die katholische und die evangelische Kirche jeweils ein Seemannsheim in Hamburg ein. Das erste katholische Heim entstand in den Jahren nach dem Zweiten Weltkrieg in der verlassenen Büroruine des Zirkus Busch. 1956 wurde dann das Seemannsheim "Stella Maris" in der Reimarusstraße eingeweiht. Der spätere Leiter, Seemannspastor Wolfgang Hinsel, starb 1968 an einem tragischen Verkehrsunfall und wurde auf dem Gräberfeld der Katholischen Brüderschaft nahe Kapelle 13 (Grablage BM 70, 66) beigesetzt. Ebenfalls im Linneteil des Friedhofes befindet sich das Gemeinschaftsgrab, dass die evangelische Deutsche Seemannsmission schon 1923 für in Hamburg verstorbene heimatlose Seeleute erworben hat. Diese Grabstätte erhielt als gemeinsames Erinnerungsmal ein monumentales Holzkreuz, vor dem ein originaler Schiffsanker aus Eisen liegt. Ein Pultkissenstein trägt die Inschrift "Unseren Seeleuten 1936" und das Symbol der Seemannsmission: ein Kreuz auf Wellen von einem Kreis gerahmt (Grablage Bi 58). Die hier begrabenen Seeleute haben im Sinne der damals herrschenden Friedhofsreformbewegung einheitliche Stelen als Grabmal erhalten.

"Sieben vorbei – acht verweht, Wache kommt – Wache geht". Mit diesem Spruch, der beim Wachwechsel an Bord der großen Segelschiffe gerufen wurde, erinnert die Inschrift auf dem Grab des Kapitäns Bernhard Masson3 an die Vergänglichkeit des Lebens , während das Grab des legendären Felix Graf Luckner das Bild seines Schiffes, der "Seeadler", zeigt (Grablage AB 13). Viele weitere Grabmale wurden für Kapitäne, Reeder und Seeleute aufgestellt, die durch ihr letztes Erinnerungszeichen noch mit dem Wasser der Elbe verbunden sein wollten und Bilder von Schiffen oder andere passende Symbole wie Anker und Wellen zeigen; hingewiesen sei dabei auf die historischen Grabmale von den alten Hamburger Friedhöfen in dem Ämtersteinmuseum, wo zum Beispiel der Grabstein von dem gemeinsamen Grab der "[elb-]aufwerts fahrenden Steuer- und Schifferleute" mit dem Relief von zwei gekreuzten Enterhaken sowie einer Krone und einem Totenkopf auf gekreuzten Knochen ausgeschmückt ist.

Doch sei zum Schluss daran erinnert, dass das Elbwasser nicht nur Jahrhunderte lang der einzige Verbindungsweg der Hamburger in die große weite Welt gewesen ist, sondern noch in jüngster Vergangenheit auch Tod und Verderben mit sich bringen konnte: Viele der über 300 Opfer der Sturmflutkatastrophe von 1962 sind in einer gemeinsamen Grabstätte (Grablage Bq 62) auf dem Ohlsdorfer Friedhof beigesetzt. Eine inzwischen hochgewachsene Scheinzypressenallee führt zu den beiden Steinwänden mit dem Hinweis "Flut 1962" hin, die ein Fluttor andeuten sollen und denen vier steinerne Säulen als schlichte gemeinsame Grabmalform gegenüberstehen.
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1 Siehe zu diesem Thema auch den Rundgang: "Der letzte Hafen", in: Leisner/Schoenfeld, Der Ohlsdorf-Führer. Spaziergänge über den größten Friedhof Europas. Christians 1993, S. 100ff,
2 Vgl. Hamburger Chinanotizen, Nr. 26 vom 15. September 2003 http://www.stumpfeldt.de/hcn/hcn26/ch.html
3 Siehe dazu den Beitrag von Albrecht Schreiber in der Nr. 80, I, 2003, dieser Zeitschrift

Auflistung alle Artikel aus dem Themenheft Friedhof und Wasser (August 2010).
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