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OHLSDORF - Zeitschrift für Trauerkultur

Die Gruft unter der Parochialkirche in Berlin-Mitte

Unter der Parochialkirche in Berlin-Mitte, einem bedeutenden Sakralbau der Barockzeit, befindet sich eine der eindrucksvollsten neuzeitlichen Gruftanlagen.

In der äußeren Ausdehnung grundrissgleich mit dem aufgehenden Gebäude verfügt die Souterrain-Anlage über zwei Gänge in Nord-Süd- und Ost-West-Richtung, von denen insgesamt 30 Kammern abgehen. Es gab aber noch in den 90er Jahren Pläne, die Gruft zwecks einer Fremdnutzung zumindest größtenteils zu beräumen. Im Klartext hieß das: die nach dem Berliner Dom zweitwichtigste Gruft Preußens, in der diejenigen beigesetzt wurden, die den jungen preußischen Staat mitaufgebaut hatten, sollte zu einer Weinstube bzw. zu Toiletten- und Garderobenräumen umfunktioniert werden. Nachdem dies verhindert werden konnte, übernahm ab 1999 eine interdisziplinär arbeitende Forschergruppe aus den Fachgebieten Archäologie, Kunstgeschichte, Anthropologie und Geschichte die Dokumentation von rund 100 Inhalten bereits geöffneter Särge mit den großteils mumifizierten Leichnamen und oft hervorragend erhaltenen Textilien sowie im Jahre 2001 sämtlicher Särge selbst, um den Bestand vor einem weiterem Verfall wissenschaftlich festzuhalten.

1695 erfolgte die Grundsteinlegung für die Parochialkirche in Berlin. 1697 wurde der Wunsch an den Kurfürsten herangetragen, unter der Kirche Gruftgewölbe einbauen zu dürfen, welchem umgehend entsprochen wurde. Bereits zur Bauzeit 1701 gab es in der Kirche erste Beisetzungen. Die Gruft selber war zu dieser Zeit längst fertiggestellt, auch wurden schon seit 1701 Verträge über die Gruftgewölbe geschlossen. Nach der offiziellen Einweihung 1703 wurden diese Särge erneut eingesegnet. Zwischen 1703 und 1878 wurden in den insgesamt 30 Gruftgewölben der Parochialkirche insgesamt 560 Personen beigesetzt, davon 230 Frauen (177 verheiratete, 53 ledige), 179 Männer und 151 Kinder. Der Preis für eine Gruft betrug maximal 400 Reichstaler (40000 Euro nach heutigem Wert), oft wurden aber nur 350 Taler verlangt oder weniger, wenn die Gruft von mehreren Familien genutzt wurde. Für 50 Taler konnte man sich auch einen Einzelplatz sichern. Wie die Kirche war auch die Gruft in Konchenform angelegt (Abb. 1). Nach 1799 erfolgte die Aufgabe der Grüfte in der Ostkonche, wie auch allgemein die Sitte, sich in einer Gruft beisetzen zu lassen, im Laufe des 19. Jahrhunderts stark abgenommen hatte. Nach dem Verbot von 1854 finden wir nur noch vereinzelte Beisetzungen (mit Sondergenehmigung), die letzte 1878.

Grundriss
Abb. 1: Grundriss der Gruft unter der Parochialkirche mit den 30 Kammern

1940 nahm der Gemeindeälteste Hippel eine Bestandsaufnahme vor und zählte 91 große und 68 kleine Särge in 24 Kammern, insgesamt also 157 Särge. Nach 1945 begannen erst die anthropogenen Störungen, es erhebt sich also die Frage, wo die rund 400 Särge verblieben sind. Die immer wieder geäußerte Vermutung, der ganze Raum unter den Grüften sei voller eingegrabener Leichen, entbehrt jeglicher Grundlage. Verschiedene Ausbesserungen des Fußbodens und kleinere Grabungen vor der Verlegung von Leitungen, die als Stichprobe durchaus genügen, ergaben jeweils negative Befunde. Nach Ausweis verschiedener Listen des 18. Jahrhunderts sind aber bereits während der ganzen Belegungszeit Särge verschwunden. Teils wurden sie laut Angaben im Totenbuch abgeholt und auf die Güter der meist adligen Familien verbracht, teils aber wurden sie stillschweigend auf dem Kirchhof begraben. Da die von den Käufern der Grüfte mit der Kirche getätigten Verträge, was die Dauer der Beisetzungen angeht, sehr eindeutig sind ("bis zu ewigen Tagen"), ist es nicht verwunderlich, dass dieses – eigentlich verbotene – Beerdigen nirgends schriftlich festgehalten wurde.

Es handelt sich bei allen Beigesetzten durchwegs um Angehörige der reformierten Berliner Oberschicht. Verschiedene Familien, teils adlig, teils bürgerlich, aber immer mit einem beträchtlichen Vermögen ausgestattet, teilten sich die Grüfte. Daneben gab es zu allen Zeiten auch Einzelpersonen, die unerwartet verstorben in Grüften von Verwandten, Freunden oder Arbeitskollegen Aufnahme gefunden haben. Bei den Frauen finden sich außer Oberhofmeisterinnen und Kammerfräulein keine Berufe, was der damals üblichen Auffassung entsprach. Die Männer waren überwiegend Amtsträger beim Hof, entweder als Hofbäcker oder Proviantmeister für die engere Hofgesellschaft verantwortlich, oder als Geheimer Rat oder Minister in der Politik tätig, wobei eine Häufung von juristisch ausgebildeten Personen auffällt. Daneben wurden auch Militärpersonen beigesetzt, darunter viele Vertreter der Generalität. Wir finden aber auch Gelehrte, wie Ärzte, Professoren und Studenten, Theologen sowie vermögende Kaufleute und Bankiers.

Der erste Schritt zur Identifizierung war die Durchsicht der durch Ablichtungen vollständig auf uns gekommenen Totenbücher, die in aller Regel die Beisetzung in die Gruft vermerkten, meistens aber nicht den genauen Ort. Das ehemals gemeindeeigene Archiv – inzwischen ins ELAB überführt – besaß aber eine große Anzahl von Kauf- und Rückkaufurkunden, die helfen konnten, diesbezügliche offene Fragen zu beantworten, wie folgender Auszug eines Kaufkontraktes zeigt: "Demnach die Königlich Preuß. Geheimen Justiz- u. Hofkammerräte etc. Herr von Heugel u. Herr Matthias genannt von Berchem denen bei der Reformierten Neuen Pfarrkirche in der Klosterstraße allhier Verordneten H. Directoribus u. Vorstehern zu vernehmen geben lassen, wasgestalt sie das in solcher Pfarrkirche in dem Mittagswärts gelegenen halben Zirkel belegene und mit Nr. XIV bezeichnete Gewölbe, für sich, ihre Erben, und Nachkommen zum Erbbegräbnis zu erkaufen verlangten; [...] So geschehen Berlin 2. Juni 1702". Allerdings wurde so lediglich eine Gesamtliste der in der Gruft beigesetzten Personen erstellt, eine Identifizierung mit den tatsächlich vorhandenen Särgen war bis auf wenige Ausnahmen nicht möglich. Zu oft wurde die Gruft gestört, wurden Särge aufgebrochen, Mumien herausgerissen, Särge auf dem Kirchhof vergraben, Särge in andere Räume verbracht und wieder zurückgebracht etc. Selbst wenn auf dem Sargdeckel eine Inschrift vorhanden war, war nicht gewährleistet, dass diese genannte Person auch wirklich im Sarg lag. Dies galt sogar für die drei steinernen Sarkophage.

Die Erforschung der genealogischen Zusammenhänge von Eltern, Geschwistern, Ehepartnern, Kindern, aber auch Kollegen, Bekannten und Freunden, war wichtig für die Identifikation der beigesetzten Personen und deren Familien. Das war von Nutzen, wenn die Zugehörigkeit zu einer Gruft unklar war oder überhaupt Angaben fehlten. Wer schon zu Lebzeiten zusammen gewohnt und gelebt hat, war oft auch nach dem Tod (in einer Gruft) vereint. Dazu mussten Personaldaten gesammelt werden. Geburts-, Tauf- und Traudaten lassen sich anhand weiterer Kirchenbücher, wie Tauf- und Traubücher, vor allem natürlich der Parochialkirche, aber auch des Domes sowie der Berliner Pfarrkirchen gewinnen. Universitärer und beruflicher Werdegang erschließen sich anhand von Universitätsmatrikeln und Bestallungsurkunden. Adresskalender und Testamente geben Auskunft über beweglichen und unbeweglichen Besitz, wie Häuser oder Grundstücke.

Aufgrund der guten Überlieferungssituation und der Vollständigkeit der Daten der beigesetzten Personen entschloss man sich, eine Prosopographie der Beigesetzten zu erstellen, um somit für eine geschlossene Gruppe, die der oben schon angesprochenen reformierten Berliner Oberschicht des 18. Jahrhunderts, eine in sozial-, wirtschafts- und kulturgeschichtlicher Hinsicht wertvolle Datenbasis zu erhalten.

Die Särge des Bestandes zeigen eine reiche Formenvielfalt vom Hochbarock bis zum Historismus. Eine typologische und chronologische Einordnung gestaltete sich allerdings aufgrund der Zerstörungen an den Särgen, zumal der durch Beraubung oft fehlenden Metallbeschläge in vielen Fällen schwierig. Die frühesten Modelle sind hochbarocke, eher schlichte Truhen- oder Kastensärge. Das älteste Stück dieser Bauart ist ein offensichtlich nachträglich in die Gruft gelangter Kindersarg, der durch die Linsenkopfnagelinschrift in das Jahr 1695 datiert ist. Bei diesen Modellen sind Kopf- und Fußhaupt senkrecht und die Seitenwangen konisch gearbeitet; der Querschnitt entspricht einem Sechseck und eine Profilierung fehlt. Eine ebenfalls hochbarocke Sonderform ist eine Truhe mit Scharnieren und Schlossbeschlag und einem Deckel in fünfseitiger Tonnenform.

Zu Beginn des zweiten Viertels des 18. Jahrhunderts entstehen profilierte Formen. In der Architektur ist der lebendige Wechsel von Fase, Kehle, Wulst und Karnies bereits im ausgehenden 17. Jahrhundert voll ausgeprägt. Die Möbelbaukunst reagiert um 1700 und man entwirft sogenannte "Wellenschränke" mit abgestuftem, vorkragendem Gesims. Der früheste allseitig profilierte Sarg mit eindeutiger Datierung ist derjenige der Amalia Hedwig von Grappendorf, die 1741 verstarb. Linsenkopfnägel werden neben der Inschrift hier auch als Kantenzier verwendet. Die eisernen Beschläge erscheinen als regelmäßig-symmetrisches Rankenwerk. Lediglich der Schnörkel unterhalb der Inschrift wirkt verspielt und lässt an den Beginn des friderizianischen Rokoko denken. In den 1710er und 20er Jahren erscheint die Rocaille in Frankreich. In Preußen wird mit ihr spätestens mit dem Beginn des friderizianischen Rokoko um 1740 zu rechnen sein. Krönchen und ausgefranste C-Formen der Rocaillen der Blechbeschläge eines Kindersarges gehören in die Zeit von 1750 bis um 1770, also zum entwickelten Rokoko. Deckende Flechtbandornamentik fein gearbeiteter Zierbleche weist auf den Stil Louis XVI. um die 1770er und -80er Jahre hin. Auch Festons und Wirbelrosetten eignen dieser Zeit an, in der eine regelmäßige, klare Gliederung der Ornamente zu beobachten ist. Hier bereitet sich der Klassizismus vor. Der profilierte Sargcorpus wird im vorliegenden Bestand im wesentlichen bis ins ausgehende 19. Jahrhundert beibehalten. Was sich ändert, ist die Breite und Länge der Deckelplatte. Diese kragt später deutlicher über den Corpus des Sargdeckels hinaus. Auch wird der Deckel höher und verjüngt sich fast pyramidenförmig (Abb. 2). Der Blumenkorb, die Fußschale und das Füllhornmotiv sind bei Zierblechen in der ganzen Biedermeierzeit ab circa 1820 bis zur Mitte des Jahrhunderts vertreten. Zwar reicht keiner der Särge in der Parochialkirchengruft an die fürstlichen und königlichen Prunksärge der Domgruft heran. Einige Särge aus dem Dom sind jedoch in Machart und Ausstattung Särgen aus dem Parochialgewölbe nicht nur vergleichbar, sondern an Wert offenbar identisch. Womöglich haben hier die selben Tischler und Posamentenmacher Hand angelegt.

Biedermeiersarg
Abb. 2: Gruftkammer mit Biedermeiersarg.
Foto: Chr. Hammer

Ausnahmeerscheinungen bezüglich des Materials sind drei kostbare Steinsärge, wobei der der 1753 gestorbenen Hedwig Sophia von Lüderitz, und der der Freifrau von Cocceji aus dem Jahre 1796 hervorzuheben sind. Der einzige Sarg, der komplett aus Zinkblech besteht, ist der eines Kindes aus dem frühen 19. Jahrhundert. Die Füße sind als Löwentatzen gearbeitet, Lorbeerkränze schmücken die Längsseiten des Deckels (Abb. 3).

Kindersarg
Abb. 3: Kindersarg aus Zinkblech aus dem frühen 19. Jahrhundert.
Foto: Chr. Hammer

Innensärge sind oft unter Verwendung von Zinkblech, in einem Falle von Kupferblech hergestellt. In der Regel ist der hölzerne Unterinnensarg mit Blech bezogen und darauf ein eigener Deckel gelötet. Teilweise dürften diese Zinksärge für Überführungen genutzt worden sein, da sie luftdicht abschlossen. Auch an eine längere Aufbahrungszeit muss gedacht werden. Zum einen beanspruchte der Bau eines aufwendigen Übersarges Zeit, was durchaus einige Wochen bedeuten konnte. Eine solche Zeitspanne war auch nötig, um die Verwandtschaft zu benachrichtigen und eine große Trauerfeier zu planen und vorzubereiten. Einige Särge zeigen in der Deckelplatte eine rechteckige Öffnung, in die eine Glasscheibe eingesetzt war. Diese Gucklöcher dienten dazu, von dem Toten bewusst Abschied zu nehmen, indem man ihm noch einmal ins Angesicht sah.

Das besondere Klima in der Gruft führte generell zu einer guten Erhaltung organischer Substanzen, auch der ursprünglich in allen Särgen vorauszusetzenden Textilien. Sehr gut erhalten haben sich Polstermaterial und Kissenfüllungen aus Hopfenblüten, Stroh, Seegras und anderen Pflanzenteilen. 80 Prozent der Särge gaben ihre ursprüngliche Innendekoration noch deutlich zu erkennen: von der vollständigen Erhaltung der Bespannungsstoffe bis hin zu indirekten Hinweisen durch Hobelspäne oder randliche Einstichlöcher der wegkorrodierten Tapeziernägel in den Sargwänden. Der Stoff überdeckt im Unter- bzw. Einsatzsarg meist eine unterschiedlich dicke Polsterung aus Hobelspänen und Holzabfällen, wahrscheinlich Material, das bei der Sargherstellung anfiel. Eichenspänen wird zudem eine konservierende bzw. gerbende Wirkung zugeschrieben. Neben am Sarg befestigten Elementen gehören zur Ausstattung meist auch Kissen oder seltener Fußtücher.

Als eine Besonderheit sind Querbänder zu betrachten, worunter Leinen- oder Seidenbänder zu verstehen sind, die zwischen den Sargwänden verspannt und unter Aussparung des Kopfes quer über die Körper führen (Abb. 4). Das Phänomen dieser Bänder lässt sich zeitlich von der Mitte des 18. Jahrhunderts bis in die 70er Jahre des 19. Jahrhunderts eingrenzen. Dies entspricht Befunden in westdeutschen Grüften, wie der Gruft in Trendelburg/Hessen. Eine befriedigende Deutung der "Bänder-Sitte" (Transportsicherung, repräsentative Ausstattung bei der Aufbahrung oder übelabweisende Maßnahme?) ist bei derzeitigem Forschungsstand nicht möglich.

Mumie
Abb. 4: Bestattung aus dem ausgehenden 18. Jahrhundert mit Querbändern.

Im 18. Jahrhundert galt die Kleidung allgemein als Ausweis der gesellschaftlichen Stellung. Begräbnisordnungen regelten, wie die Toten auszustatten waren, ebenso wie die Kleiderordnungen dies für die Lebenden taten. Die Toten in der Parochialkirche trugen – der damaligen Mode entsprechend – standesgemäße Kostüme, kleine Kinder und Säuglinge Kleidchen. Zu den Gewändern und Kopfbedeckungen kommen Accessoires, wie Haarkämme für Steckfrisuren, Perücken, Hals- und Schultertücher, Strümpfe, Handschuhe und selten auch Schuhe. Die entsprechend des sozialen Standes der Beigesetzten qualitätsvollen Stoffe lassen Rückschlüsse auf zeitübliche Materialien, Webarten und Handarbeitstechniken zu. Guterhaltene Kostüme sind aber im Vergleich zur Anzahl der Särge mit Textilerhaltung selten. Insgesamt wiesen 46 Mumien noch zuordnungsbare Kleidungsreste auf.

Das Auftreten von Kleidung in Gräbern der frühen Neuzeit führt Ilse Fingerlin in ihrer Veröffentlichung zur Gruft in Tiengen/Baden-Württemberg auf die seit dem 16. Jahrhundert übliche Sitte der Aufbahrung zurück. Wie wenig dies unter Archäologen bekannt ist, zeigen die aktuellen Veröffentlichungen zu Kirchfriedhöfen, in denen verwundert das gelegentliche Vorkommen von Metallfunden, wie Stecknadeln, konstatiert wird. Fast allgemein geht man davon aus, dass die Toten in schmucklosen Totenhemden oder Leichentüchern beigesetzt wurden. Aus archäologischer Sicht sind daher die metallischen Bestandteile und ihre Verwendung im Sarg besonders interessant. Tapeziernägel aus Eisen, sowohl einfacher Form als auch Ziernägel wie etwa Linsenkopfnägel, dienten zur Befestigung der Sargbespannung. Stecknadeln sind üblich für das Fixieren von Bändchen, Rüschen und Schleifen auf Kissen und Sargbespannungen. Aber auch an der Kleidung selbst sind sie häufig, besonders an den Häubchen der Kinder. Mit wenigen Knöpfen sowie Haken und Ösen an einzelnen Gewändern und einem Handglöckchen als Beigabe sind die Metallfunde in der hochrangig belegten Parochialkirche bereits erschöpft, wobei wiederum die Plünderung "wertvoller" Gegenstände zu berücksichtigen ist.

Erst Ausgrabungen zeigten, dass frühneuzeitliche Gräber in Berlin und Brandenburg weit häufiger Grabgegenstände enthalten, als erwartet. Die Fundinventare sind sehr vielfältig und unterliegen bestimmten Intentionen, sie umfassen z. B. Lieblingsgegenstände oder Dinge, die zur Versorgung und Waschung des Leichnams dienten, nicht selten auch eigens für den Gebrauch im Zusammenhang mit der Beisetzung gefertigte Objekte. Besonders in katholischen Friedhöfen finden sich darüber hinaus Devotionalien. In bzw. bei einigen der Särge wurden Beigaben festgestellt: ein Glöckchen, ein Mokka-Tassenfragment und häufiger Gegenstände aus organischem Material, wie ein Kamm, eine Lederbörse, Spanschachteln, Taschentücher und Badeschwämme. Totenkranz und -krone sind im Grabbrauch im 18./19. Jahrhundert weit verbreitet und haben sich sogar in Erdgräbern verhältnismäßig zahlreich erhalten. In der Parochialkirche ist dieser Brauch bisher nicht nachweisbar. Eventuell wurden die Kränze nicht in sondern auf den Sarg gelegt und verschwanden im Laufe der Zeit bei den Umräumungsmaßnahmen.

Getrocknete Ästchen, Halme und Blüten waren ebenfalls in mehreren Fällen enthalten. Meist liegen nur einzelne Bündel oder Zweiglein auf den Toten oder um die Körper herum, während vollständige Überdeckungen mit Pflanzen eher selten waren. Botanische Analysen belegen bisher Fruchtstände von Sträuchern, Wiesenblumen, Moos und Getreide, die auf Blumengebinde aus Wiese, Wald und Feld hindeuten und auch Hinweise auf die Jahreszeit der Beisetzung liefern. Der in zwei Särgen nachweisbare Keulen-Bärlapp ist als Heil- bzw. Amulett- und Zauberpflanze bekannt. Obgleich zu erwarten, fehlten echte Gewürze, stark duftende Heilpflanzen und Kräuter, die konservierend wirken und unangenehme Gerüche überdecken.

Zu den Bereichen, die in der anthropologischen Forschung bisher wenig Beachtung gefunden haben, gehören Mumien aus Gruftanlagen des 17. bis 19. Jahrhunderts. Nur gelegentlich finden sich Arbeiten, die sich eingehender mit den mumifizierten Toten beschäftigen, oft sind sie nur als "Kuriosität" erwähnt. Die Mumien in der Parochialkirche wurden im Oberflächenbefund anthropologisch untersucht. Neben einer Bestandsaufnahme sind die Individualdaten (Alter, Geschlecht) ermittelt worden. Dies war oft nur mit Einschränkung möglich, da für Mumien andere Methoden angewandt werden müssen als bei der osteologischen Vorgehensweise. Röntgenuntersuchungen und Computer-Tomographie-Aufnahmen wären hierzu nötig. Ferner wurden Daten zum Erhaltungszustand, dem Grad der Mumifizierung und der Färbung der organischen Gewebe erhoben.

95 Individuen, die sich auf 69 Särge verteilen, konnten untersucht werden. In einigen Särgen befinden sich sekundär bis zu 7 Individuen. Eine reguläre Nachbestattung ließ sich in keinem Fall nachweisen. Die Inhalte von 32 Särgen konnten als Streuknochenkomplexe angesprochen werden. Lediglich 9 Särge erwiesen sich aus anthropologischer Sicht als fundfrei.

23 Mumien liegen komplett vor. Weitere 29 Individuen konnten als anscheinend komplett beschrieben werden. Bei dieser Beurteilung wirkte sich die Überdeckung durch den Sarginhalt, Kleidung oder Fremdteile einschränkend aus. Die übrigen Verstorbenen sind durch die Störungen in der Gruft z. T. erheblich zerstört worden. Die Streuknochenkomplexe stellen aufgelesene und sekundär verbrachte Knochen von mehreren Individuen dar, die in einem Sarg liegen.

Das Klima in der Gruft ist aufgrund des durchdachten Belüftungssystems über Fenster und Öffnungen zwischen den Kammern gut für eine vollständige Mumifizierung geeignet. Dass dieser Prozess trotzdem nicht immer stattfinden konnte, liegt an der Behandlung der Verstorbenen, bevor sie in der Gruft ihre letzte Ruhe fanden. Laut den Aufzeichnungen in den Kirchenbüchern vergingen im Schnitt drei bis sechs Tage vom Tod bis zur Beisetzung, bei Kindern meist nur ein Tag. Der Leichnam war in dieser Zeit den klimatischen Verhältnissen der Umgebung ausgesetzt, in denen die Zersetzung des Körpers begann. Je wärmer die Witterung, desto schneller verlief dieser Prozess. Aus diesem Grund liegt ein Zusammenhang zur Jahreszeit, in der die Beisetzung stattfand, und dem Grad der Mumifizierung vor. Im Wesentlichen ergaben sich drei Mumifizierungsgrade: eine gute, lederartige Erhaltung der Haut, teilweise Zersetzung der Haut und Weichteile und skelettierte Individuen, deren Haut nur lokal in dünnen Resten erhalten geblieben ist. Die gute Erhaltung der Haut dürfte auf eine kalte Jahreszeit schließen lassen, in der die Zersetzung des Körpers von vornherein langsamer verlief (32 Individuen). Die teilweise Zersetzung der Haut und Weichteile dürften dagegen auf wärmere Jahreszeiten hindeuten. Insgesamt liegen hierzu 42 Individuen vor; sie machen demnach den größten Anteil aus. Individuen, die vollständig skelettiert sind, sprechen für eine fortgeschrittene Leichenzersetzung ohne Mumifizierung, wie sie bei einer heißen Witterung anzunehmen ist (13 Individuen). Im Zusammenhang mit der Mumifizierung sei noch hinzuzufügen, dass interessanterweise jegliche Körperbehaarung fast ausnahmslos fehlt. Lediglich bei 4 Individuen hatten sich Reste der Kopfbehaarung erhalten. Die Ursache dafür ist bisher unklar, haben sich doch tierische Fasern, wie beispielsweise Wollstrümpfe gut erhalten.

Die Färbung der untersuchten Knochen und mumifizierten Haut steht in engem Zusammenhang mit dem Grad der Mumifizierung. Die Haut von gut mumifizierten Individuen ist von gelblicher Farbe, wogegen die der nur teilweise mumifizierten zwischen hellbraun bis dunkelbraun variiert. Hier sind die Knochen in der Regel bräunlich bis rötlich verfärbt. Die Knochen der skelettierten Toten weisen eine rötliche Verfärbung auf, vorhandene Hautreste sind schwarzbraun.

Der Großteil der untersuchten Individuen konnte ins Erwachsenenalter eingeordnet werden. Eine genauere Bestimmung war meist nicht möglich. Insgesamt beträgt der Anteil der erwachsenen Individuen 72%. Kinder sind nur wenige vorhanden, davon am häufigsten Kleinkinder unter sechs Jahren. Das Geschlechterverhältnis ist als eher ausgewogen zu bezeichnen. Die weiblichen Individuen sind in einem nur geringfügig höheren Anteil vertreten.

Krankheiten ließen sich nur punktuell nachweisen. An den Knochen einiger nichterwachsener Individuen konnten Hinweise auf Mangelerkrankungen gefunden werden. In einigen Fällen konnten degenerative Veränderungen an der Wirbelsäule und den Gelenken älterer Individuen festgestellt werden.

Insgesamt erbrachten die Untersuchungen an den Bestattungen in der Gruft der Parochialkirche, dass die Anzahl der Särge und erhaltenen Mumien beträchtlich ist und ihresgleichen sucht.

Anschrift der Autoren: Bettina Jungklaus M.A., Weißwasserweg 4, 12205 Berlin. Daniel Krebs M.A., Dänenstr. 7, 10439 Berlin. Andreas Ströbl M.A., Ascherberg 10, 37124 Rosdorf. Blandine Wittkopp M.A., Argentinische Allee 130, 14169 Berlin

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