OHLSDORF - Zeitschrift für Trauerkultur

Wolgast – Schwerin – Mirow: Die drei großen Herzogsgrüfte in Mecklenburg-Vorpommern

 - November 2009
Ausgabe: 
Nr. 107, IV, 2009

Was im Jahr 1995 mit einer ersten Idee zur Sanierung der Wolgaster Fürstengruft begann, hat sich mittlerweile zum Großprojekt über die drei großen Herzogsgrablegen des Landes Mecklenburg-Vorpommern entwickelt.

In diesen Grüften stellt sich die adelige Bestattungskultur in ihrer Entwicklung von der Renaissance bis in das 21. Jahrhundert in diesem Teil Norddeutschlands nahezu geschlossen dar. Sie dokumentiert sich sowohl in den unterschiedlichen Sargformen als auch im Umgang mit dem Verstorbenen. Die älteste Anlage befindet sich in Wolgast, dort stehen sieben Zinnsärge mit Angehörigen des Herzogshauses Pommern-Wolgast. In der Schweriner Schelfkirche gibt es 17 Särge mit den sterblichen Resten einiger Familienmitglieder der herzoglichen Familie von Mecklenburg-Schwerin. In der Mirower Gruft schließlich fanden im oberen Gruftraum 21 Verstorbene des Hauses Mecklenburg-Strelitz ihre letzte Ruhe.

Alle drei Bestattungsorte waren durch Beraubung oder äußere Einflüsse, wie Feuchtigkeit, stark beschädigt. Im Rahmen der dadurch dringend notwendigen Sanierung der Räumlichkeiten und der Restaurierung der Särge wurden auch die Inhalte umfangreich dokumentiert und gegebenenfalls vorübergehend umgebettet. Zusätzlich sind textile und botanische Proben entnommen worden. Die Umsetzung des Projektes ist zu einem Großteil dem umfangreichen Engagement der Ostdeutschen Sparkassenstiftung zu verdanken. Mit Beteiligung der Sparkassen Vorpommern, Mecklenburg-Schwerin und Mecklenburg-Strelitz sind die sieben Wolgaster Särge, bisher fünf in Schwerin und zwei in Mirow, restauriert worden. Boden- und Baudenkmalpflege des Amtes für Kultur und Denkmalpflege haben maßgeblich dazu beigetragen, dass sowohl die Sarginhalte dokumentiert und gesichert wurden als auch der Gruftraum in der Schweriner Schelfkirche saniert werden konnte. In Mirow beginnen in diesen Wochen die Restaurierungsarbeiten an zwei Särgen, die Dokumentation der Inhalte und die Beprobung sind bereits abgeschlossen. Die Kirchengemeinden sowie große und kleine Spenden sorgten für die weitere Kostendeckung. Da die Arbeiten noch nicht abgeschlossen sind, kann an dieser Stelle nur ein Zwischenbericht erfolgen.

Die herzogliche Gruft der Wolgaster Linie des Geschlechts der Greifen befindet sich unter dem Altar der dortigen Kirche St. Petri. Eine schmale Treppe führt hinab, durch einen schmalen Gang gelangt man heute durch eine zweiflügelige Glastür in einen kleinen, gewölbten Raum. Eine Wandinschrift des Maurers Christofer Eirich belegt ein Baudatum für das Jahr 1587. Da einige der hier Bestatteten bereits vorher verstorben waren, mussten die prunkvollen Zinnsärge umgestellt worden sein. Möglicherweise standen sie ursprünglich im nun als Durchgang genutzten Flur, vielleicht wurden sie aber auch vom nahen Schloss in die neue Gruft gebracht. In Folge der vielen Eingriffe durch die Jahrhunderte – die Bestattungen wurden seit der ersten Beraubung 1688 immer wieder durchwühlt und weiter beschädigt – sind die Särge mehrfach bewegt worden, so dass die ursprüngliche Aufstellung nicht mehr zu rekonstruieren ist. In den sieben großen Zinnsärgen liegen die sterblichen Überreste der letzten drei regierenden Herzöge und der dazugehörigen Ehefrauen bzw. Schwestern: Herzog Philipp I. (1515–1560), Herzogin Maria von Sachsen, seine Gattin (gest. 1583), Prinzessin Amalia, beider Tochter (1547–1580), Herzog Ernst Ludwig, beider Sohn (1545–1592), Herzogin Sophia Hedwig, seine Gattin (1561–1631), Prinzessin Hedwig Maria (1579–1606), beider Tochter und Herzog Philipp Julius, beider Sohn und letzter regierender Herzog von Pommern-Wolgast (1584–1625). Weiterhin konnten Bestattungsreste, Sargfragmente und Knochen von drei Kindern geborgen werden, die wahrscheinlich den drei früh verstorbenen Nachkommen von Philipp I. und Maria von Sachsen zuzuordnen sind. Weitere Knochen von mindestens zwei Erwachsenen sind nicht mehr zu identifizieren. Zwei Metallsärge mit Kinderbestattungen aus der Zeit des Dreißigjährigen Krieges wurden bereits in den 70er Jahren des vergangenen Jahrhunderts restauriert und bei dieser Untersuchung nicht berücksichtigt. Die Särge des 16. Jahrhunderts sind in einfacher Kastenform mit kleinen Inschrifttafeln oder Gravuren gearbeitet. Im frühen 17. Jahrhundert werden die Verzierungen üppiger, Beschriftungen und halbplastischer Figurenschmuck bedecken nahezu den gesamten Deckel. Wappen, Putti und Kreuzigungsszenen sind zum Teil farbig gefasst. Die Toten wurden in repräsentativer Prunkkleidung mit Schmuck und Bewaffnung bestattet, von denen sich nur wenige Reste erhalten haben. Nach Dokumentation und Bergung der Sarginhalte sind die Zinnsarkophage restauriert worden. In dieser Zeit konnten die Funde unter verschiedenen Aspekten untersucht, verstreute Skelettteile und Inventarreste den einzelnen Bestattungen wieder zugeordnet und zusammengeführt werden. Schließlich konnten im September 2007 alle Verstorbenen wieder in ihre Särge zurück gebettet werden. Die drei regierenden Herzöge fanden ihre letzte Ruhe in der ehemaligen Taufkapelle, nunmehr Greifenkapelle, an der Nordseite der Kirche (Abb. 1). Herzog Philipp I. zur Seite steht der Sarg seiner Gattin; das Paar war von Martin Luther getraut worden und sollte nicht getrennt werden. Die drei anderen Sarkophage befinden sich wieder in der Gruft, dazu die Restknochen, getrennt nach Kindern und Erwachsenen, in zwei nach alten Vorbildern gezimmerten Holzsärgen.

Wolgast
Abb. 1: Die Greifenkapelle in der Wolgaster Kirche St. Petri heute.
Foto: Hofmann, Wolgast

Als Herzog Friedrich Wilhelm I. von Mecklenburg-Schwerin im Jahr 1708 den Grundstein für den Neubau der Schweriner Schelfkirche, St. Nikolai, legte, war die Anlage einer Gruft unter dem Altar bereits eingeplant. Eine Treppe führte vom Mittelgang hinab zu einer zweiflügeligen Holztür mit einem massiven Schloss. Wenige Wochen vor der Weihe 1713 starb der Herzog und wurde als erster dort bestattet. Ihm folgten bis 1813 16 weitere Verwandte, darunter auch die preußische Königin Sophie Louise, dritte Gattin Friedrichs I., König in Preußen. Mitte des 19. Jahrhunderts wurde im Zuge umfangreicher Umbaumaßnahmen der wie ein Lettner gestaltete Altar weiter nach hinten in den Chor versetzt und der Zugang zur Gruft ebenso wie eine in den Boden eingelassene Lüftungsöffnung verschlossen. Dadurch wurde das Klima in der Grablege nachhaltig empfindlich gestört. Mehr als hundert Jahre später lag in der Gruft nicht nur eine große Menge Zivilisationsmüll, der durch ein Fenster hineingeworfen worden war. Die starke Feuchtigkeit der Wände war auf die stoffbespannten Holzsärge übergegangen. Der Echte Hausschwamm und Schimmelpilze hatten sich flächendeckend ausgebreitet (Abb. 2).

Schwerin
Abb. 2: Ausschnitt aus der Gruft der Herzöge von Mecklenburg-Schwerin in der Schelfkirche zu Schwerin vor der Restaurierung
Foto: LAKD

Auch die Textilbespannung aus Brokat oder Samt mit aufgesetzten Borten aus Metallfäden und Fransen war stark beschädigt. Die älteren Särge variieren in Größe, Form und Ausstattung. Es gibt drei Zinnsarkophage, einige Holzsärge sind mit farbigen Stoffen in gold oder rot bespannt. Erst ab der Mitte des 18. Jahrhunderts setzt sich schwarzer Samt mit silbrig-glänzenden Borten und Fransen durch. Die Bestatteten sind ohne Beigaben meist in Leinenwäsche und langen Morgenmänteln aus goldglänzendem Brokat bekleidet. Nach Dokumentation und Bergung der Inhalte konnten die Särge sicher zwischengelagert werden. Sie werden sukzessive restauriert, wieder in die schwammsanierte Gruft gebracht und die herzoglichen Gebeine zurückgebettet. Genau 300 Jahre nach der Grundsteinlegung fand der Stifter Friedrich Wilhelm I. dort nun endgültig seine letzte Ruhe. So sind bereits drei große Särge in die Gruft zurückgekehrt. Die barocke Treppe ist wieder freigelegt und die Grablege zum ersten Mal der Öffentlichkeit zugänglich. Durch eine zweiflügelige Glastür kann der Innenraum eingesehen werden.

Die Johanniterkirche der ehemaligen Komturei des Johanniterordens steht auf der Schlossinsel am Südostende des Mirower Sees. Nach der Säkularisierung fiel das Kloster an das Herzogshaus. Auf dem vermutlichen Gelände der Komturei wurde ein Schloss errichtet, das bis 1761 als Witwensitz diente. Die Mirower Residenz nutzte die Familie nur noch im Rahmen von Beerdigungsfeierlichkeiten. An der Nordseite der Kirche waren in zwei Bauabschnitten, 1704 und 1819, die beiden Räume der herzoglichen Gruft errichtet worden. Die ebenfalls zweiräumige Grabstätte der Komturherren liegt direkt unter diesem Gebäude und kann nur durch eine Tür außen an der Ostseite betreten werden. In die herzogliche Grablege hingegen gelangt man durch eine große Eisentür vom Kirchenraum aus. Im ersten Raum steht der einzige, allerdings leere Metallsarg, in dem Johanna von Sachsen-Gotha-Altenburg (1680-1708) bestattet war. Der zweite Teil der Gruft ist mit einer Glastür im Jochbogen abgetrennt, durch die Besucher den Hauptraum einsehen können (Abb. 3).

Mirow
Abb. 3: Der obere Raum der Herzogsgruft an der Nordseite der Johanniterkirche zu Mirow
Foto: LAKD

Für 1921 sind 52 Särge, verteilt auf alle vier Grufträume, verzeichnet, dabei stammte die älteste Bestattung von 1670. Im Jahr 1933 und schließlich 1996 fanden dort noch zwei weitere Familienangehörige ihre letzte Ruhe. Zu den bekanntesten Herzögen gehört Adolph Friedrich IV., 1738-1797, Bruder der englischen Königin Sophie Charlotte und in besonderer Weise literarisch verewigt in Fritz Reuters plattdeutschem Roman "Dörchläuchting". Die Eltern und einige Geschwister der preußischen Königin Luise, 1776-1810, sind ebenfalls dort bestattet.

Vor allem in den Nachkriegswirren wurden die Särge Opfer von Plünderungen und Zerstörungen. Jahrelang standen die Räume weitgehend offen; Knochen und weitere Bestattungsreste lagen auf dem Boden verteilt. Vor einigen Jahren sind die Streufunde aufgesammelt worden, die Knochen wurden bestattet und die abgerissenen Teile der Großherzoglichen Kronen der Särge separat gelagert. Die alten Belüftungsschächte der oberen Räume waren von außen verschlossen worden, darüber hatte man große, trichterförmige Rundfenster eingebaut. So sind die Räume zwar gut belüftet, die mit Samt bezogenen Särge wurden jedoch durch Vogelkot und die Gruft durch hereingewehte Blätter etc. verschmutzt .

Insgesamt sind von den 53 Särgen nur noch 25 erhalten, 21 von ihnen stehen im großen Raum der oberen Gruft. Die hölzernen Särge bis Anfang des 19. Jahrhunderts sind mit braunem Samt, Borten und Fransen belegt. Ab der Mitte des 19. Jahrhunderts bis 1933 wird einheitlich in Dachtruhensärgen mit konischem Kopf- und Fußhaupt bestattet. Sie variieren leicht in Größe und Farbe, es gibt schwarze und dunkelblaue, die Kanten sind dabei immer mit schmalen Metallborten abgesetzt. Die Herzöge waren ab 1816 in Uniform beigesetzt, die Damen meist in Leinengewändern. Seidene Kleider wurden, soweit bisher beobachtet, oben auf den Leichnam gelegt. Auch hier gab es keine Beigaben, ein Diebstahl von Schmuck und Waffen ist aber nicht auszuschließen. Die Inhalte wurden, soweit sie zugänglich waren, vor kurzem dokumentiert und beprobt. Anlässlich des 200. Todestages von Königin Luise 2010 werden zunächst die Särge ihrer Eltern restauriert. Angestrebt ist die sukzessive Restaurierung aller Sarkophage in den nächsten Jahren.

Seit den ersten Sanierungsideen in Wolgast 1995 sind viele Jahre vergangen. Das daraus entstandene Großprojekt wird alle Beteiligten noch einige Jahre in Anspruch nehmen. Die Freude über das Erreichte gibt Ansporn für das Kommende. Außer neuen Erkenntnissen zu mehr als 400 Jahren Bestattungskultur und Geschichte in Mecklenburg-Vorpommern bleibt die Wiederherstellung von würdigen Grabstätten, die – bei allem Verständnis für das öffentliche Interesse – die Distanz zum Leben und die ungestörte, ewige Ruhe wahren, das primäre Anliegen.

Anschrift der Autorin: Dr. Regina Ströbl, Landesamt für Kultur und Denkmalpflege, Abt. Archäologie und Denkmalpflege, Domhof 4/5, 19055 Schwerin

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