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OHLSDORF - Zeitschrift für Trauerkultur

Der Garten der Frauen: Museale Aufbereitung der Erinnerung an bedeutende Frauen

Autor/in: Rita Bake
Ausgabe Nr. 104, I, 2009 - Februar 2009

Intention des Gartens der Frauen auf dem Ohlsdorfer Friedhof ist in erster Linie die museale Aufbereitung der Erinnerung an bedeutende Frauen Hamburgs.

Vor diesem Hintergrund wurde auch die architektonische Gestaltung der Anlage konzipiert. Gleich am Eingang ist in einem musealen Bereich ein Großteil der Grabsteine aufgestellt. Weitere Grabsteine erhielten verteilt im Garten der Frauen ihren Platz. Um die Kontinuität von Frauengeschichte besonders zu verdeutlichen und die Verbindung zwischen Historie und Gegenwart aufzuzeigen, erhielt/erhält auch jede Gemeinschaftsgrabanlage an ihrem Kopfende einen historischen Grabstein einer bedeutenden Frau. Um die Erinnerung an bedeutende Frauen Hamburgs wach zu halten, werden ihre Grabsteine, nachdem die Nutzungsdauer der entsprechenden Grabstellen abgelaufen ist und niemand für deren Verlängerung aufkommt, in den Garten der Frauen versetzt. Damit rettet der Garten der Frauen die Grabsteine vor der Vernichtung.

Die Grabsteine haben somit die Funktion von Museumsexponaten. Dabei ist es dem Verein Garten der Frauen e.V. aber nicht wichtig, ob es sich bei diesen Grabsteinen um kunsthistorisch erhaltenswerte und wertvolle Objekte handelt. Jeder Grabstein einer bedeutenden Frau wird genommen, wenn er vor der Abräumung gerettet werden kann. So kann es sich hier ruhig um Industrieware oder um völlig "banale" Grabsteine handeln. Für den Garten der Frauen steht ausschließlich die Erinnerung an die Frau im Vordergrund der musealen Aufbereitung, denn leider finden nach wie vor die Leistungen von Männern mehr Beachtung und Würdigung als die Verdienste von Frauen. Das zeigt sich schon an der Benennung von Straßennamen nach Frauen und Männern (in Hamburg ca. 2000 nach Männern und rund 350 nach Frauen), aber auch an dem Ungleichgewicht bei den Denkmälern, die an Männer und Frauen erinnern. Angesichts dieser Tatsachen wird die Möglichkeit des Erinnerns an Frauen besonders erschwert, wenn auch noch deren Grabsteine entsorgt werden, fallen dann doch diese Frauen vollends dem Vergessen anheim.

Zur musealen Aufbereitung gehören auch die Aluminiumtafeln, auf denen die Kurzviten der Frauen verewigt sind. Diese Tafeln befinden sich in so genannten Ringbüchern, die sich auf Ständern im Garten der Frauen befinden. Diese Tafeln sind analog zu setzen mit den Beschriftungen der in Museen ausgestellten Exponate. In diesen "Geschichtsbüchern" können die Lebensgeschichten der Frauen nachgelesen werden. Es sind Frauen darunter, die sich politisch engagierten, sich für Frauenrechte einsetzten, im humanitären Sinne pädagogisch tätig waren, ihr künstlerisches Talent entfalten konnten, durch ihre Energie und den Einsatz ihrer persönlichen Fähigkeiten Ungewöhnliches leisteten, sich wohltätig betätigten, während der NS-Zeit im Widerstand kämpften oder Opfer des Nationalsozialismus wurden. Bisher stehen 38 Grabsteine bedeutender Frauen im Garten der Frauen.

Zur weiteren musealen Präsentation der Lebenswege von Frauen, deren Grabsteine bzw. deren Namen auf der Erinnerungsspirale im Garten der Frauen verewigt sind, nutzt der Verein Garten der Frauen seit 2003 den historischen Wasserturm an der Cordesallee ganz in der Nähe des Eingangs zum Garten der Frauen als Dokumentationszentrum. Während der Sommermonate, von Mai bis September, sonntags von 14 bis 17 Uhr zeigt der Verein Garten der Frauen im Wasserturm jährlich wechselnde Ausstellungen zu Frauen, deren historische Grab- oder Erinnerungssteine im "Garten der Frauen" aufgestellt sind. Mit Hilfe dieser Ausstellungen können Lebenszeugnisse von Frauen gezeigt werden, die im Garten der Frauen unter freiem Himmel nicht präsentiert werden können.

Völlig unbeabsichtigt, denn – wie bereits erwähnt – richtet der Verein Garten der Frauen in erster Linie den Blick auf die Frauen, die vor dem Vergessen "gerettet" werden sollen, ist mittlerweile mit den in den Garten der Frauen verlegten historischen Grabsteinen auch eine Präsentation kulturgeschichtlich wertvoller Grabsteine entstanden. Hier findet man an einem Ort zusammengestellt Grabsteine, die von den Anfängen der Grabsteinkultur auf dem Ohlsdorfer Friedhof bis in die heutige Zeit viele Kulturepochen repräsentieren. So finden sich hier Findlinge als eine der ersten Grabsteine auf dem Ohlsdorfer Friedhof (z. B. die Felsengrabsteine, die aus den selben Gründen aufgestellt wurden wie die Findlinge. Siehe: Grabsteine von Eleonore Toepke und Martha Hachmann-Zipser). Im Garten der Frauen stehen auch die zu Anfang des 20. Jahrhunderts beliebten hohen Stelen (siehe: Grabsteine Anni Kalmar, Wilhelmine Marstrand, Toni Milberg). Zeitlich unbegrenzt und stets gern geschaffen waren die Grotten (siehe: Grabsteine Marie Hirsch, Paula Westendorf). Auch Grabsteine, die in der Zeit des Nationalsozialismus vorgeschrieben waren, finden sich im Garten der Frauen (siehe: Grabsteine Karli Bozenhard, Yvonne Mewes). Ebenso befinden sich Grabsteine aus der Nachkriegszeit im Garten der Frauen, so z. B. maschinell hergestellte Typensteine wie die Hammersteine (siehe: Grabsteine Magda Bullerdiek, Bertha Keyser, Hilde Wulff ).

Der Garten der Frauen ist ein laufendes Projekt, kein konserviertes Museum, denn es werden dort immer wieder neue historische Grabsteine aufgestellt. Die museale Aufbereitung der Erinnerung an bedeutende Frauen Hamburgs hängt allerdings von der Auffindbarkeit schriftlicher bzw. mündlicher Quellen ab. Die Recherchearbeit nach bedeutenden Frauen Hamburgs gleicht dabei allerdings oft einer Sisyphusarbeit, finden sich Notizen doch meist versteckt in Zeitungsartikeln, kleinen Aufsätzen und weniger in umfangreichen, gut zugänglichen Biographien. Außerdem ist es häufig nicht ergründbar, warum über die eine mehr als über eine andere ebenso bedeutende Frau geschrieben wurde. Hier spielt z. B. eine durch gesellschaftlich opportune Aktivitäten gewonnene Popularität eine Rolle. Hinzu kommt, dass viele Geschichtsforscherinnen und -forscher eine besondere Vorliebe für bestimmte Frauen der Geschichte entwickelt haben. Schließlich ist auch die historische Forschung abhängig von Moderichtungen und von Überlegungen, mit welchem Forschungsfeld Karriere zu machen ist.

Nicht besser sieht es bei den Nachlässen aus. Auch hier zeigt sich das "Phänomen": nur wer zu Lebzeiten seine Öffentlichkeit hatte, behält sie auch über den Tod hinaus. Besonders alteingesessene Familien handeln sehr traditionsbewusst und halten es für wichtig, dass ihre Familie durch die Archivierung schriftlicher Nachlässe das ewige Leben erlangt. Solche Fragen der Tradierung entscheiden häufig mehr über den Bekanntheitsgrad und die "Bedeutung" einer Person, als deren eigene Handlungen und Leistungen zu Lebzeiten. Andere Familien dagegen haben nie den Mut, den Nachlass ihrer Angehörigen in ein Archiv zu geben, weil sie die Aktivitäten ihrer Verwandten – auch der weiblichen – nicht für relevant halten. Oft hat auch die offizielle Öffentlichkeit zu wenig Notiz vom Wirken der Verstorbenen genommen, so dass dadurch die Wichtigkeit dieser Person nicht entsprechend erkannt wurde. Daraus wiederum kann sich eine Scheu entwickeln, dieser Frau durch ihren Nachlass den ihr gebührenden Platz in einem Archiv zu geben. Damit eine museale Aufbereitung gelingt, ist detektivischer Spürsinn à la Miss Marple erforderlich.

Auflistung alle Artikel aus dem Themenheft Musealisierung der Friedhöfe (Februar 2009).
Erkunden Sie auch die Inhalte der bisherigen Themenhefte (1999-2020).