OHLSDORF - Zeitschrift für Trauerkultur

Musealisierung von Grabmälern: Eine Bestandsaufnahme für Hamburg

 - Februar 2009
Ausgabe: 
Nr. 104, I, 2009

Die Anfänge eines planvollen Sammelns von Grabsteinen im Sinne der Denkmalpflege gehen zurück auf den Anfang des 20. Jahrhunderts.

Mit dem Aufkommen von Heimatschutzvereinigungen wurde auch der Friedhof Gegenstand des denkmalpflegerischen Interesses. Dabei spielte die stadtgeschichtliche, kulturgeschichtliche, künstlerische oder auch nur die handwerkliche Bedeutung eines Grabsteines eine Rolle. In der Regel wurde dieser vom ursprünglichen Standort auf einer Grabstätte an anderer, meist repräsentativer Stelle des Friedhofs wieder aufgestellt. Nur so konnten die Steine vor dem Abräumen und Vernichten bewahrt werden. Auch das Denkmalschutzjahr 1975 mag in Folge wohl so manche Friedhofsverwaltung bei dem Räumen von Gräbern auf bemerkenswerte Grabsteine aufmerksam gemacht haben. Eine Vielzahl von Friedhöfen weist seitdem einen kleinen musealen Bereich aus. Über die Grenzen Hamburgs hinaus bekannt sind die Grabmal-Freilichtmuseen auf dem Friedhof Ohlsdorf und die Sammlung alter Gruftplatten auf dem Friedhof in Kirchwerder. Dass aber auf vielen weiteren Friedhöfen und auch an anderen Orten der Stadt diese speziellen Zeugen der Vergangenheit der Öffentlichkeit zugänglich sind, das soll dieser Beitrag aufzeigen.

Auf mehr als einem Drittel aller staatlichen und kirchlichen Friedhöfe der Stadt Hamburg sind historische Grabsteine gesammelt und aufgestellt worden und das in unterschiedlichster Art und Weise: Auf dem Mennonitenfriedhof in Altona fanden 1937, entsprechend ihrer ursprünglichen Anordnung auf dem alten Friedhof, etwa 40 aus dem 17. bis 19. Jahrhundert stammende Gruftplatten in einer besonderen Anlage einen eindrucksvollen Platz. Ein schmaler unterteilender Weg findet vor einem Klinkerdenkmal seinen Abschluss. Die Inschrift auf dem Denkmal verweist auf die Herkunft der Platten. Die Anlage steht unter Denkmalschutz. Auf dem Hauptfriedhof Altona und dem Friedhof Bornkamp im gleichen Stadtteil wurden unweit ihrer Kapellen alte Grabmale ohne nähere Bezeichnung aufgestellt. Mehrere Museumsbereiche mit ausführlichen Erläuterungen weist der Nienstedtener Friedhof auf. Die Grabsteine sind auf ehemaligen Grabstätten nischenartig zusammengetragen worden. Näheres dazu im Beitrag von Peter Schulze.

Der gruftreiche Alte Friedhof Niendorf wartet in einem kleinen Grabfeld mit zusammengetragenen Sandsteinstelen aus dem 19. Jahrhundert auf. Hinzu kommen südlich der Kirche in einem kleinen Sonderbereich die Grabsteine Niendorfer Pastoren. Eine in seiner Form ungewöhnliche Art von Lapidarium ist auf dem Alten Friedhof Bergstedt gewählt worden (siehe den Beitrag von Hans Werner Prell).

Untypisch für einen jüdischen Friedhof ist es, die Grabsteine von Gräbern zu entfernen, sind sie doch auf ewig angelegt. Dennoch gibt es auf dem jüdischen Friedhof Ohlsdorf einen ausgedehnten Museumsbereich. Die Steine aus dem 18. und 19. Jahrhundert stammen vom ehemaligen Grindelfriedhof in Eimsbüttel, der 1937 geräumt werden musste. 1939 bis 1941 erlitt der Ottensener Friedhof in Altona das gleiche Schicksal, 175 im Barock- und Rokokostil gestaltete Steine und hundert aus der Zeit des Klassizismus und des Biedermeier fristen seitdem hier ein kaum beachtetes Dasein.

Anders verhält es sich auf dem weltbekannten Friedhof Ohlsdorf. In zwei gartenarchitektonisch zeittypisch angelegten Grabmal-Freilichtmuseen stehen seit Räumung der alten Friedhöfe Hamburgs in den 1920er Jahren Grabsteine vorwiegend aus der Zeit des beginnenden 19. Jahrhunderts: das Ämtersteinmuseum mit Steinen von Genossenschaftsgräbern der Zünfte und Gebetsvereinigungen sowie das Heckengartenmuseum mit besonders wertvollen Stelen und Gruftplatten. Die ersten in den 1920er Jahren gesammelten alten Grabsteine des Ohlsdorfer Friedhofs schmücken seit Einrichtung des anonymen Urnenhains bei Kapelle 2 dessen Zugang. Thematisch ausgerichtet ist die Sammlung von Kriegergedenksteinen beiderseits des Zugangs zu den deutschen Soldatengräbern des Zweiten Weltkrieges. Sie sind Beispiele für das Totengedenken vergangener Zeiten und sollen zugleich anregen, über den Begriff "Heldentod" und die Sinnlosigkeit des Krieges nachzudenken. In dem typischen Grabfeld aus der Linnezeit, an der Mittelallee in BL-BM 56 um einen zentralen Brunnen herum angelegt, wurde vor einiger Zeit mit dem Aufstellen sog. Reformstelen aus den 1920er Jahren begonnen. Nicht als Beispiel vergangener Grabmalkunst, sondern als Namensträger von Frauen sind die Grabsteine im "Garten der Frauen" zu verstehen, siehe hierzu den Beitrag von Rita Bake. Eine weitere museale Aufstellung von Grabsteinen wird vor dem Friedhofsmuseum angeboten. Zeittypische Beispiele aus der Zeit um die Wende vom 19. zum 20. Jahrhundert und aus den 1920/30er Jahren, in einem zeittypischen Heckenquartier angeordnet, hat der Förderkreis Ohlsdorfer Friedhof e.V. hier aufstellen lassen.

Auch der erst 1966 eröffnete Friedhof Öjendorf im Osten Hamburgs kann mit einem Grabmal-Freilichtmuseum aufwarten. Anlässlich des Denkmalschutzjahres 1975 wurde die Dauerausstellung "Grabmalkunst im Wandel der Zeit" eingerichtet. Es war der erste Schritt in neuerer Zeit, historische Grabmale des Ohlsdorfer Friedhofs in einer größeren Anlage der Öffentlichkeit zu zeigen. Obwohl sie für diesen Friedhof mehr als Schmuckanlage wirkt, denn zur Dokumentation vergangener Grabmalkunst beiträgt, wurde sie 1976 im Rahmen der "Auszeichnung vorbildlicher Bauten" von der Baubehörde lobend erwähnt.

Die Kirchhöfe in den Vier- und Marschlanden mit ihren Kirchen im Südosten der Stadt sind besondere Schmuckstücke der Sepulkralkultur mit Denkmalschutzcharakter. Auf dem Kirchhof Neuengamme steht das älteste Grabmal der Region auf einem Mauersockel im Kirchengebäude St. Johannis (Lesemann, um 1470). An der Außenwand sind reichverzierte Grabplatten aus dem 16. und 17. Jahrhundert befestigt. Auf dem Alten Kirchhof Kirchwerder fallen zunächst die in zwei Reihen aufrecht gestellten Gruftplatten auf. Sie stammen meist aus dem 17. Jahrhundert. Weitere, besonders wertvolle Platten wurden im Brauthaus der Kirche St. Severin aufgestellt. Eine Besonderheit auf diesem Friedhof sind die historischen Kindergrabsteine am Haupteingang der Kirche, der älteste von 1586, und am östlichen Friedhofsrand. Die historischen Steine genießen Denkmalschutz. Ebenfalls Gruftplatten aus dem 17. Jahrhundert sind an der Kirchenwand von St. Pankratius des Kirchhofs Ochsenwerder befestigt. Am Rand des Friedhofs wurden Grabmale für gefallene Soldaten aus dem Ersten Weltkrieg museal aufgestellt. Frühneuzeitliche Gruftplatten erhielten vor etwa 20 Jahren auf dem Kirchhof Allermöhe an der Außenwand der Dreieinigkeitskirche einen neuen Platz. Wesentlich älter sind zwei historische Grabplatten, eingelassen in die Kirchenwand von St. Nikolai auf dem Kirchhof Moorfleet. Neben einigen historischen Grabsteinen auf dem Kirchhof Billwerder erinnert ein Walfängergrab aus dem Jahr 1736 mit Resten eines Unterkieferknochens an vergangene Zeiten.

Dicht an dicht drängen sich die Gräber auf dem unter Denkmalschutz stehenden Kirchhof Kirchdorf in Wilhelmsburg. Da bleibt für einige historische Grabsteine aus dem 19. Jahrhundert nur Platz an der Mauer der Kreuzkirche. Ebenso verhält es sich auf dem Moorburger Kirchhof in einem Ortsteil, der in Zukunft der Hafenerweiterung weichen muss. Viele alte Grabsteine auf dem Alten Sinstorfer Kirchhof aus der Zeit vom 17. bis 19. Jahrhundert bilden zusammen mit der alten Kirche ein denkmalgeschütztes Ensemble. Im Kircheninneren ist neben dem Altar eine Grabplatte im Boden eingelassen. Südlich der Elbe im Alten Land ist der denkmalgeschützte Alte Kirchhof Neuenfelde an der Kirche St. Pankratius mitten im Ort einen Besuch wert. In Gruppen zusammengefasst stehen hier etwa 70 Grabsteine aus der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts, darunter einige gusseiserne Grabkreuze und plastische Grabmale einer lokalen Bildhauerwerkstatt. Im Inneren der Kirche ist eine Gruftplatte von 1503 aufgestellt.

Wenn ein Friedhof aufgelassen wird, was liegt näher, als diese Fläche zu einer öffentlichen Grünanlage umzuwidmen? Oft bleiben bemerkenswerte Grabsteine in situ erhalten und künden trotz neuer Nutzung der Fläche von der Vergangenheit dieses Ortes. In vielen Städten ist es so Brauch und für die Grünversorgung einer Stadt zu begrüßen. In Hamburg wurden zehn solcher Grünanlagen ausfindig gemacht: Der ehemalige Kirchhof an der Christianskirche in Ottensen ist seit 1954 eine öffentliche Grünanlage. Wegen seiner zahlreichen erhaltenswerten Grabsteine seit dem 18. Jahrhundert steht er unter Denkmalschutz. Im Bereich des kleinen Schleeparkes (Struenseestraße/Ecke Behnstraße in Altona) lag einst der Begräbnisplatz der Heilig-Geist Kapelle, der 1878 geschlossen wurde. Als Ensemble zusammengestellt erinnern Grabplatten, Stelen und ein Gruftaufbau an prominente Altonaer. Ein weiterer für Altona geschichtsträchtiger Ort war und ist immer noch der Friedhof Norderreihe, heute Wohlers Park. Das Hauptwegenetz besteht heute noch und ist in situ ein reicher Fundus bemerkenswerter Objekte der Grabmalkunst, u.a. einer Hügelgruft.

Der Jakobipark in Eilbek erstreckt sich über die gesamte Fläche des einstigen Hammer- und Jacobi-Friedhofs. Seit der Auflassung 1954 erinnern in der Nähe der ehemaligen Friedhofskapelle, nunmehr die Osterkirche, nur noch fünf Grabmale und zwei Gruftbauten an bekannte Hamburger. Der ehemalige Kirchhof an der Hammer Kirche ist nunmehr Bestandteil eines Grünzuges am Geesthang oberhalb der Hammer Landstraße. Er wurde aufgrund seiner kulturgeschichtlichen Bedeutung schon 1923 unter Denkmalschutz gestellt. Viele bekannte Persönlichkeiten des öffentlichen Lebens wurden hier bestattet, ihre Gräber und Grabmonumente befinden sich noch an Ort und Stelle. Sie reichen zurück bis in die Zeit des Klassizismus.

In Wandsbek stehen auf dem historischen Friedhof hinter der Christuskirche in situ zahlreiche Grabsteine aus dem frühen 19. Jahrhundert, die an einflussreiche Bürger der Stadt erinnern. Markante, unter Denkmalschutz stehende Anlagen sind u.a. das Schimmelmann-Mausoleum und die gusseisernen Grabkreuze von Matthias Claudius und seiner Frau.

Der alte Friedhof Gojenbergsweg in Bergedorf weist kaum noch alte Strukturen auf, vereinzelt stehen in situ einige Grabsteine von Bedeutung. 1953 wurde der Friedhof aufgelassen. Der Lohbrügger Friedhof wurde 1997 entwidmet und ist seitdem eine Grünanlage. Das Mausoleum Bergner, Ehrengräber und andere bedeutende Grabsteine blieben erhalten.

Der unter Denkmalschutz stehende Alte Friedhof Harburg ist mit seinen etwa 130 bemerkenswerten, teils monumentalen Grabsteinen seit 1994 eine öffentliche Grünanlage, die noch die ehemalige Friedhofsstruktur erkennen lässt. Seit einigen Jahren kümmert sich ein Förderverein um die Erhaltung der historischen Substanz. Teil der Grünanlage Schwarzenberg sind die Reste des ehemaligen Harburger Soldatenfriedhofs. Nach seiner Schließung um 1870 sind hier eindrucksvolle Gruftplatten und Stelen aus dem 17. bis 19. Jahrhundert zusammengetragen worden. Der ehemalige Gemeindefriedhof Wilhelmsburg ist seit 1988 Bestandteil der Grünanlage Mengestraße. Verstreut sind noch alte Grabsteine anzutreffen.

Nicht nur in den Kirchen auf den oben genannten Friedhöfen, auch in jenen, die einst von einem solchen umgeben waren und nunmehr im Straßengewirr einer Großstadt ihren Platz haben, sind Grabsteine gesammelt worden. Als Beispiele sind zu nennen: In der St.-Jakobi-Kirche an der Steinstraße werden an der Wand und dem Fußboden der Kapelle zehn Gruftplatten aufbewahrt. Vor dem Haupteingang der St.-Georg-Kirche am Beginn der Kirchenallee steht der neugotische Grabstein für den Pastor Rautenberg. An der Chorwand der St.-Katharinen-Kirche am Hafenrand befindet sich das Grabmal von Daniel Fried. An der Choraußenwand der St.-Petri- und Pauli-Kirche in Bergedorf stehen einige Gruftplatten.

Nicht zu vergessen sind Museen, die Grabsteine sammeln. Besonders wertvolle Exemplare sind im hamburgmuseum am Gorch-Fock-Wall zu finden, siehe Beitrag von Peter Schulze. Seit kurzem stehen im Außenbereich des Internationalen Maritimen Museums in der Hafencity drei Grabmale mit Schiffsdarstellungen. Der Förderkreis Ohlsdorfer Friedhof e.V. hat bei der Beschaffung und Bewertung mitgewirkt.

Um erhaltenswerte Grabsteine zu erhalten, ist nicht immer ein Sammeln vonnöten, wie es die seit Jahren auf deutschen Friedhöfen praktizierten Grabmalpatenschaften zeigen: Ein solcher Grabstein wird unter bestimmten vertraglichen Bedingungen einem neuen Nutzungsberechtigten der davorliegenden Grabstätte in Obhut gegeben. Der Erhalt in situ ist damit gegeben. Vorreiter für diese Methode des Bewahrens ist der Landeskonservator aus Köln, wie eindrucksvolle Beispiele auf dem Kölner Friedhof Melaten zeigen. Auf dem Friedhof Ohlsdorf wurden seit 1990 etwa 400 Patenschaften vergeben.

Aus denkmalpflegerischer Sicht war das In-Obhut-Geben aber nicht immer unbedenklich. Gab es doch vermehrt Konzessionen für gravierende Änderungen wie Weglassen oder Hinzufügen von Grabsteinelementen. Diese Methode der Erhaltung ist als bedenklich einzuschätzen. Sie wird besonders deutlich bei in eigener Regie übernommenen Patenschaften für die Kennzeichnung und Schmückung von Sonderanlagen (Kindergräber, anonyme Grabfelder usw.). Diese "Aufhübschung" seitens der Friedhofsverwaltung stellt keine Erhaltungsmaßnahme eines historischen Originals dar. Gegen ein Versetzen an einen anderen Ort des Friedhofs ist nichts einzuwenden, wenn das neue charakteristische Umfeld mit dem der ehemaligen Grabstätte übereinstimmt.

Das Ergebnis dieser Bestandssuche hat ergeben, dass an fast vierzig Standorten in Hamburg Sammlungen von historischen Grabsteinen zu finden sind, z. T. denkmalgeschützt. Die Anzahl der gesammelten Objekte mag auf einige tausend zu schätzen sein, eine beachtliche, wohl bisher unbekannte Summe. Eine sorgfältige Bestandsaufnahme könnte Aufschluss geben über die zeitliche Zuordnung der Steine auf ihre Entstehungszeit. Festzustellen ist schon jetzt, dass Objekte aus der Zeit nach den 1920/30er Jahren, die Zeit der Grabmalreform, nicht mehr gesammelt wurden. Liegt dafür kein denkmalpflegerisches Interesse mehr vor, oder sind bemerkenswerte Steine aus der Folgezeit nicht sammelbar, weil noch Nutzungsrechte bestehen? Oder ist diese Art des musealisierten Totengedenkens nur nostalgisch zu erklären?

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