OHLSDORF - Zeitschrift für Trauerkultur

Schriftstellerinnen in Ohlsdorf

 - November 2008
Ausgabe: 
Nr. 103, IV, 2008

Auf dem Ohlsdorfer Friedhof sind auch die Gräber einiger Frauen bekannt, die als Schriftstellerinnen Texte und Gedichte veršffentlicht haben. Ihre Namen sollen hier ein wenig dem Vergessen entrissen werden.

Zuerst seien zwei Schriftstellerinnen genannt, deren Gebeine von den alten Hamburger Friedhöfen auf den Althamburgischen Gedächtnisfriedhof umgebettet worden sind: die Biografin Elisabeth Campe (1786-1873) und die niederdeutsche Dichterin Sophie Auguste Detleffs (1809-1864).

Die in Hamburg geborene Elisabeth Campe war mit dem Buchhändler und Verleger August Campe verheiratet. Sie machte an seiner Seite die schweren Zeiten während der französischen Besatzung durch, die sie in ihrem ersten Buch "Hamburgs außerordentliche Begebenheiten und Schicksale in den Jahren 1813 und 1814 während der ersten Besitznahme durch den General Tettenborn bis zum allgemeinen Frieden" beschrieb, das noch anonym erschien. Ihr Mann war eine wichtige Persönlichkeit im Hamburger Geistesleben, und bald gab es niemand Berühmten, der nach Hamburg kam, der nicht auch das Haus der Campes besuchte. Auf Reisen knüpfte Elisabeth Campe zudem weitere Bekanntschaften an und traf 1810 in Karlsbad auch mit Goethe zusammen. Bekannt wurde sie unter ihren Zeitgenossen durch Biographien von Persönlichkeiten, deren Ruhm heute untergegangen ist. Außerdem begann sie nach dem großen Hamburger Brande eine eigene Autographensammlung anzulegen, welche in nicht weniger als 1400 Mappen Handschriften der berühmtesten Männer enthielt.

Sophie Auguste Detleffs wurde in Heide als jüngste Tochter eines königlichen Branddirektors geboren. Ihre Mutter starb gleich nach ihrer Geburt. Ihr Vater wurde, als Sophie gerade konfirmiert war, wegen Unregelmäßigkeiten aus seinem Dienst entlassen. Sophie kam danach zu einer befreundeten Familie, wo sie die Mšglichkeit hatte sich weiterzubilden. Dort zeigte sich bei festlichen Gelegenheiten auch ihr poetisches Talent. Anscheinend verhalf ihr der bekannte Improvisator Bärmann zum Druck ihres Gedichtes "Fahrt an de Isenbahn", dessen Veröffentlichung mit der Eröffnung der ersten Eisenbahn von Kiel nach Altona zusammentraf und Aufsehen erregte. In der Folgezeit gab Sophie eine Sammlung weiterer hoch- und niederdeutscher Gedichte zum Druck. So zum Beispiel auch das folgende Gedicht, das in unser Thema gut passt:

Auf dem Kirchhofe
Ich möchte sterben, wenn der Lenz erwacht,
Wenn sich die Erde schmückt mit neuer Pracht;
Ich möchte sterben, wenn die Blumen blühn,
Wenn sanft und mild der Abend niederwallt,
Und wenn das Lied der Nachtigall erschallt.
Nicht möcht' ich sterben in der Winterzeit,
Wenn mir das öde Grab so weiß beschneit,
Wenn wild der Sturm die welken Blätter schlägt
Und wirbelnd auf zum grauen Himmel trägt,
Wenn nur die Dohlen um die Gräber schrein,
Und ich vergessen schlafe und allein.

Bist nicht vergessen, denn die Liebe wacht
Am stillen Grabe in der kalten Nacht;
Vergessen nicht, ob auch der Kranz entlaubt
Und von des Winters eis'ger Hand geraubt.
Und wenn der Frühling naht im Sonnenglanz,
Dann bringt sie dir auch einen frischen Kranz.

Während des schleswig-holsteinischen Aufstandes von 1848 dichtete Sophie patriotische Lieder und Idyllen. Als die Erhebung zusammenbrach und ihre Freunde in die Verbannung gehen mussten, verschafften ihre Werke ihr 1853 die Aufnahme in das Schröderstift in Hamburg, wo sie später starb.

Auf dem Ohlsdorfer Friedhof selbst wurden Ilona Bodden, eigentlich Löbering, (1927-1985, Grablage N 32, 218) und Hertha Borchert (1895-1985, Grablage AC 5, 6), die Mutter von Wolfgang Borchert bestattet.

Ilona Bodden trat als tragische Dichterin an die Öffentlichkeit. Sie gehörte in den 70er- und 80er-Jahren des 20. Jahrhunderts zu den bekannten deutschen Lyrikerinnen, deren Gedichte und Erzählungen jahrelang in den Feuilletons der großen Tageszeitungen und Zeitschriften zu lesen waren. Parallel dazu arbeitete sie auch als Übersetzerin und verfasste Kinderbücher. Ihre eigenen Gedichte übersetzte sie ins Italienische und wurde dafür mit mehreren Literaturpreisen dieses Landes geehrt. Auch um Vergänglichkeit geht es in ihren Texten, wie zum Beispiel in dem Gedicht über Gottfried Benn:

Sich selbst überlebt?
Das hat heute jeder über vierzig.
Krankheit Verwesung Tod, immer noch brauchbar
als Aufschwung für einen literarischen Rauschorgasmus.
(Verfremdung ist alles; nur so erreicht man lyrisch Randbezirke).

Je älter die Dichterin wurde, desto einsamer und kraftloser fühlte sie sich. Sie vergiftete sich am 17. April 1985.

Hertha Borchert wurde als Tochter eines Lehrers und Organisten in Altengamme geboren. 1914 heiratete sie den Lehrer Fritz Borchert in Hamburg. Dort begann auch ihre Schriftstellerei, die sie zu einer erfolgreichen Autorin mundartlicher Heimatliteratur machte - u.a. kamen von ihr heraus die Prosasammlung "Sünroos un anner Veerlanner Geschichten" und "Barber Wulfen. Ein Geschich vun grote un lütte Veerlanner Lüüd". Als 1921 ihr Sohn Wolfgang geboren wurde, kam sie nicht mehr zum Schreiben. Nach dem frühen Tod ihres Sohnes nach dem Zweiten Weltkrieg widmete sie sich seiner Erinnerung und gründete das Wolfgang-Borchert-Archiv, das Nachlass, Erinnerungsstätte und Dokumentation zu seinem Leben und Werk vereinigt. Auch ihr eigener schriftlicher Nachlass ist Teil dieses Archivs, das sich heute in der Hamburger Staatsbibliothek befindet.

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