OHLSDORF - Zeitschrift für Trauerkultur

Der Engel von St. Pauli

 - März 2008
Ausgabe: 
Nr. 100/101, I+II, 2008

Engel sind himmlische Boten, die mit großen oder kleinen Flügeln vom Himmel herabfliegen. Wirkliche Engel aber leben mitten unter den Menschen und tun Gutes.

Ein solcher Engel – genau gesagt der "Engel von St. Pauli" war Bertha Keyser, deren Name inzwischen in Hamburg fast vergessen wäre, wenn es nicht wenigstens auf St. Pauli den Bertha-Keyser-Weg gäbe und ab und an zu einem Jahrestag auch in der Zeitung einmal wieder an sie erinnert würde. Schwester Bertha arbeitete und lebte 51 Jahre lang als Diakonissin in Hamburg und kümmerte sich auf St. Pauli und in der Neustadt um Obdachlose und Arme, die "Sperlinge Gottes", wie sie die in der Großstadt Gestrandeten nannte, wenn sie unermüdlich bei den Reichen um Geld für ihre Schützlinge bat.

Bertha Keyser
Schwester Bertha Keyser (Foto: Garten der Frauen e.V.)

Bertha Keyser wurde 1868 in Franken geboren und begann nach dem Schulbesuch eine Bäckerlehre. Noch jung brach sie auf, um die Welt zu entdecken; lebte zuerst als Kindermädchen in England; später als Reisebegleiterin in Amerika und als Kammerzofe einer Gräfin in Paris. Aber wie sie selbst schrieb: Das "reiche, satte Leben bei meinem Duc bekam mir nicht. Und zum Entsetzen aller ging ich zu den Armen und wurde später Gefängniswärterin in einem Pariser Frauengefängnis".

Danach arbeitete sie als Erzieherin in einem Heim für 'gefallene Mädchen' und kam 1913 nach Hamburg zur "Strand-Mission". Dort unterhielt sie in den zwanziger Jahren drei Feldküchen, die täglich 600 Essen an Bedürftige ausgaben, und sie kümmerte sich außerdem um die Obdachlosen, denen sie in ihrem Haus "Fels des Heils" in der Rothesoodstraße ein Dach über den Kopf gab. Im Zweiten Weltkrieg wurde es zerstört. Doch Bertha Keyser war unermüdlich. Nach Kriegsende, da war sie schon 77 Jahre alt, fing sie wieder ganz von vorn an, sammelte erneut Geld und unterhielt im Bäckerbreitergang Nr. 7 eine kleine Ladenwohnung, wo sie jeden Tag etwa hundert Hungrige mit Essen und, wenn nötig, auch mit Kleidung versah. Am 21. Dezember 1964 starb sie mitten in der Arbeit in dem hohen Alter von 96 Jahren.

Ihrem letzten Weg nach Ohlsdorf folgten 500 Trauergäste: Der "Engel von St. Pauli" war in der Hansestadt weit bekannt und hoch geehrt. Freunde sammelten Geld für ihren schlichten kleinen Grabstein mit den Worten "Geh auch du in den Weinberg", der heute nicht mehr auf ihrer Grabstelle steht, sondern im Garten der Frauen neu aufgestellt worden ist.

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