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OHLSDORF - Zeitschrift für Trauerkultur

Ohlsdorfer Engel

"Im Himmel ist ein Engel nichts Besonderes", sagte George Bernard Shaw.

Sollte dieser Satz auch für den mit Hunderten von beflügelten Skulpturen bevölkerten Ohlsdorfer Friedhof gelten? Gewiss nicht, denn man darf über die überwältigende Vielfalt des im 19. Jahrhundert populären Engelkults staunen! Tatsächlich bildet diese Motivgruppe die am zweithäufigsten verwendete: Unterschiedliche Größe, Material, Haltung, Attribute oder Botschaft dieser Engel liefern eine große Brandbreite von schönsten Kunstwerken bis neuerdings zum letzten Kitsch. Ähnlich abwechslungsreich wie die Ergebnisse gestalten sich auch die Eindrücke für den Betrachter.

Einige Bemerkungen und Fakten vorab:

• Unter "Engel" werden hier im Ohlsdorfer Friedhof (und nicht nur auf Grabmalen) Objekte untersucht, die in der Regel alle mit Federn verziert sind: hier also weder Psyche-Darstellungen mit Schmetterlings-Flügeln, noch flügellose Putten oder Todesgenien.

• Diese beflügelten Wesen sind mit wenigen Ausnahmen jung und eher weiblich. Sie kommen oft in der Fachliteratur unter verschiedenen Begriffen wie Putten, Engelchen, Genien, Todesengel, Thanatos, Chronos... vor. In seinem Inventar von 1990 stufte das Denkmalschutzamt auf dem Ohlsdorfer Hauptfriedhof bis 1950 über 130 solcher Engel im weiteren Sinne als erhaltenswert ein.

• Aus dem Band 2 des Ohlsdorf-Katalogs werden gegebenenfalls (in Klammern) die Nummern der Grabstätten entnommen, die hier im Anhang mit Namen, Entstehungsdatum und wenigen Stichworten auch auf die jeweiligen Grablagen hinweisen. Die wenigen erwähnten Werke ohne Nummer sind im Inventar nicht berücksichtigt worden und/oder nach 1950 entstanden, die mit Sternchen* versehen sind verschwunden.

Vivie
Grabmal Vivié im Heckengarten-Museum (Foto: Christine Behrens)

• Der älteste Engel, beim Grabmal VIVIÉ (97) von 1842 oder 1846, ist merklich älter als der 1877 gegründete Ohlsdorfer Friedhof. Er kam von den alten Hamburger Friedhöfen und ist im Linne-Teil zusammen mit anderen Grabsteinen im Heckengarten-Museum zu sehen.

• Die überwiegende Mehrheit der Engel-Darstellungen befindet sich im älteren "Cordes"-Teil des Ohlsdorfer Friedhofs.

• Ebenfalls dort, auf einem Hügel in der Nähe des Nordteichs beim siegessäulenartigen Grabmal des Senators und Präses‘ der Friedhofsdeputation Johannes STAHMER (268), betrachtet seit 1897/98 aus circa 10 Metern Höhe der höchste Friedhofsengel den Besucher; er galt lange als Sehenswürdigkeit, als der Baumwuchs noch nicht so stark wie heute die beabsichtigten Blickbeziehungen einschränkte.

• Mehr als zwei Drittel der Ohlsdorfer Engel sind zwischen 1880 und 1920 entstanden; seit einigen Jahren erleben sie eine überraschende Renaissance – allerdings meist in weit bescheideneren Dimensionen, was Größe, auch Geschmack, angeht.

I. Von Putten und Engelchen

Etwa ein Drittel der vom Denkmalschutzamt aufgelisteten Engel stellen geflügelte Putten oder Kinder dar. Reduziert auf Köpfchen mit Flügeln ist die kleine pausbäckige Engelsfigur häufig ein reines Ziermotiv.

Kapelle 8
Engelsköpfchen an Kapelle 8 (Foto: Christine Behrens)

Selbst der Friedhofsarchitekt und Gründungsdirektor Johann Wilhelm Cordes verteilte gerne Engelsköpfchen im neobarocken Stil auf dem englischen Landschaftspark des Friedhofs Ohlsdorf – wie etwa (und vielleicht am bekanntesten) die küssenden Putten der Treppenanlage von 1903 beim Althamburgischen Gedächtnisfriedhof, den Engelskopf mit dem Spruch "Leben und Tod – Beides von Gott" über dem Nebeneingang der Kapelle 7 von 1907/08 oder fünf andere Köpfchen bei der Kapelle 8 von 1910/12. Ganz in Cordes’ Sinn ist schon das Grabmal HINSCH (NYARY) von 1891 (207) mit einem großen Puttenkopf aus rotem Mainsandstein. Sehr beliebt in dieser Zeit ist die Himmels- oder Paradiesvorstellung mit singenden und musizierenden Kinderengeln und Engelsköpfchen. Meistens zusammen mit dem Bildhauer Xaver Arnold hat Cordes diese Motive häufig in seinen Entwürfen verwendet. Allein die Grabstätte STAHMER bekam 1897/98 drei Engelchen und 24 Puttenköpfe; ein Puttenchor begleitet auch die Weihnachtsszene des Kaufmanns und Reeders WENCKE (378), der die große Christusstatue am Haupteingang 1904 stiftete. Zwei bis sechs kleine Sänger schmücken jeweils die Grabmale SPERBER (410), KRÄMER (440), wie auch CORDES’ eigenes Grab von 1919 (875), ebenfalls ein Putto die Grabstätte EGGERS /DORSCH (494).

Nyary
Grabmal Hinsch (Nyary) (Foto: Christine Behrens)

In der Nähe der Kapelle 1 befinden sich die ältesten Engelsköpfchen nach der Friedhofsgründung: Zum einen bei der gotisierenden Stele BRAASCH (149) aus Sandstein von 1881, zum anderen bei der kleinen Engel-Halbfigur mit gekreuzten Armen MEISNER (154) von 1882 – einem der wenigen noch erhaltenen Porzellanfigürchen auf dem Friedhof.
In den nachfolgenden Jahrzehnten wurden ebenfalls zahlreiche Grabmale mit einzelnen oder mehreren Puttenköpfen geschmückt. Man entdeckt sie im Giebel, auf Sockeln, auf Schriftplatten, an Urnen, Zäunen, Ecken oder anstelle von Pilastern, wie zum Beispiel bei den Grabstätten von DIERKS/BADING (SCHLUNK), PHILIPPI, HELD, CRAMER, KÄHLER, RAPPOLT, THÖRL, LINDNER oder DALL (Kat. 216, 349, 372, 437, 493, 499, 528, 652, 1089).

Putten können sowohl auf dem Grab sitzen, als auch musizieren, knien, trauern, schweben, nachdenken oder lesen – wie etwa auf den Grabmalen REINHOLD, MÖLLER-JARKE, BRETSCHNEIDER, SEITZ, BAUCH, SCHILMANN, DALL (Kat. 280, 303, 412, 779, 876, 978, 1089).

Hanssen
Einer der vier Bronzeengel am Grabmal Hanssen/Canel (Foto: Christine Behrens)

Die große Anlage HANSSEN/CANEL (146) wurde 1892/93 vom Bildhauer Aloys Denoth mit vier lebensgroßen knabenhaften Engeln geschmückt. Diese vier jugendlichen Genien sind allerdings als Thanatos-Motive nach der griechischen Mythologie zu interpretieren – hier als Mittler zwischen Wirken und Leben der Grabbesitzer einerseits (Architekt mit Zeichenbrett, Winkel und Planzeichnung; Kaufmann mit Hermes-Stab; Reeder mit Boot und Anker) und Endpunkt dieses Lebens anderseits (mit auf den Tod hinweisenden Symbolen wie gesenkter, erlöschter Fackel, Blumenkranz oder Stundenglas).

Bestimmte Kinderengel sind echte Portrait-Darstellungen von verstorbenen Kindern – mit Flügeln. Wie echt und lebendig wirken sie beispielweise beim Grabmal für die drei Kinder PHILIPPI von 1902 (349), schaut uns doch der kleine darauf sitzende Engel an! Wie inbrünstig betet beim Grabmal PINI (644) die kleine Elena, 1912 gerade sieben Jahre alt geworden! Oder wie zart und anmutig wirkt, Jahre später und als Halbrelief dargestellt, die ebenso kniende Erika WEGENER (1168), 1938 kaum viel älter geworden…

II. Erwachsene Engel – männlich oder weiblich?

Gibt es in Ohlsdorf typisch männliche beziehungsweise weibliche Tätigkeiten bei den Engel-Darstellungen? Betrachten wir Beispiele aus dem Bereich der Musik: Oben wurde schon mehrmals festgestellt, dass Himmel und Paradies eigentlich hauptsächlich durch Putten- und Engelschöre dargestellt werden. Dies bestätigt noch einmal das große Grabmal HÜNLINGHOF von 1908 (489) an der Waldstraße, wie auch die Stele von 1904 für die Pianistin und Musikpädagogin Wilhelmine MARSTRAND (379) mit vier jungen Sängern und Flötenbegleitung. Gelegentlich begegnet einem außerdem ein geigespielender Putto bei der "Lauschenden" von Barlach auf dem Tor zum Paradies der Grabstätte MÖLLER-JARKE (303), ein weiterer als Halbrelief von 1935 auf dem Grabmal von Richard CARDI, ein dritter mit Harfe beim Grabmal BAUCH von1919 (876).

Bei den erwachsenen Engeln sind es verblüffenderweise fast nur weibliche, die musizieren können: Tatsächlich trifft man im Cordes-Teil auf eine beträchtliche Anzahl von erwachsenen, weiblichen Engeln. Während diese mehrfach mit Geige, Lyra, Laute oder Posaune in den Händen wie auf den Grabmalen WENCKE, DIRENG, VON KÜSSEROW, HAERLIN, NIESS (Kat. 378, 407, 433, 602, 1269) dargestellt werden, begegnet man in dieser Zeitspanne nur einem einzigen männlichen Engel mit einer Lyra zu seinen Füßen: einen jünglingshaften, nackten Genius der antiken Vorstellungswelt, Lorbeerzweig in der Hand, auf dem Grabmal für Dr. phil. Paul MIRSCH von 1894 (239).

Mirsch
Grabmal Mirsch (Foto: Christine Behrens)

Doch sind männliche Engel immer so leicht von den weiblichen zu unterscheiden, wie beim eben genannten Beispiel? Einfacher ist es sicherlich, wenn sie nackt abgebildet werden – doch selbst dann nicht immer selbstverständlich. Eindeutig ist auf jeden Fall – östlich vom Nordteich und gut sichtbar von der Waldstraße aus – die Grabstätte SCHUTTE (320) von Fritz Behn, der seinen 240 cm hohen trauernden Genius in Gestalt eines kräftigen, erwachsenen Mannes mit riesengroßen Flügeln darstellte; dies gilt ebenfalls für die Engel der Grabmale HORST, WICHMANN, MEYER, VOLLMER/WELZIN, TROPLOWITZ, CONSTRÖM, JOLASSE, KASTENING (Kat. 408, 463, 651, 654, 843, 882, 927) oder den Genius beim Propheten von Gerhard Marcks am Haupteingang. Zwei Chronos-Darstellungen bei den Grabstätten HELD (372), gleichfalls von Fritz Behn, und HOLTZ* (561) stellen beide einen alten nackten Mann mit Bart dar, den ersten als große sitzende Vollplastik, den zweiten als kleines, wertvolles Relief mit gebücktem, blumenpflückenden Chronos. Bedauerlicherweise ist letzterer, ein Bronzerelief von 30 cm Durchmesser, vor kurzem abhanden gekommen (gestohlen?) – wie schon früher andere schöne Todesgenius-Darstellungen, die der Katalog noch auf den Grabmalen MINNERS* und GÄTCKE* erwähnt (527 und 846).

Peltzer
Grabmal Peltzer (Foto: Christine Behrens)

Es gibt jedoch auch Skulpturen, angesichts derer der Betrachter unschlüssig bleibt, um welches Geschlecht es sich handelt – wie etwa beim androgynen, halbnackten Marmorengel VON BÖSE (432), welcher mit sanftem Mädchengesicht, wunderschönen offenen Flügeln und Immortellenkranz am Boden lagert. Oder beim jungen Engel PELTZER (767), der vor einem Sarkophag steht: Ist dieser mit seinem langen Kleid und dem kurzen Haarschnitt wirklich männlich? Schließlich bewundert man auch in seiner direkten Nachbarschaft auf dem "Millionenhügel" beim Grabmal GÜLTZOW (847) einen nackten, noch nicht ganz entwickelten, weiblichen Engel mit nur leicht angedeuteten Brüsten – ähnlich dem trauernden, weiblichen Genius auf dem Reliefmedaillon ENGEL (608) in der Nähe der Kapelle 8. Es scheint sich hier also oft um sehr junge, fast geschlechtslose Gestalten zu handeln. Wäre dies bei Himmelsboten etwa anders zu erwarten?

Bei den weiblichen Engeln ist die hohe Anzahl der Galvanoplastiken auffällig: 65 davon sind im Band 8 der Schriftenreihe des Förderkreises Ohlsdorfer Friedhof e.V. aufgelistet, der mit dem Übertitel "Massenhaft Engel" allgemein über die insgesamt 168 Ohlsdorfer Galvanoplastiken berichtet. Über eine Niederlassung in Hamburg kam die Ware der Württembergischen Metallwaren Fabrik (WMF) in Geislingen/St. in großer Zahl auf den Ohlsdorfer Friedhof. Sie ging hauptsächlich auf die Entwürfe von Heinrich Pohlmann und R. Liebhaber zurück; 1990 war letzterer mit seiner beliebtesten Engelfigur, einem Engel mit Rose, nachweislich noch 34 Mal vertreten! Unweit der großen Christusfigur am Haupteingang ist eine seiner bekanntesten und repräsentativsten Ausführungen – der monumentale, 190 cm hohe, rosenstreuende Engel von 1898, der auf hohem Postament (insgesamt 4,75 m hoch) für den wohlhabenden hamburgischen Kaufmann WEHRHAHN (281), heute WALDBAUER, steht. Besonders für die untere Mittelschicht sind andere Varianten nur 130, sogar unter 100 cm hoch, allerdings fast immer auf einem Podest. Bis zur vorletzten Jahrhundertwende nur zögernd aufgestellt, erlebten die Galvanoengel eine kurzlebige Hochkonjunktur in den Jahren 1904-1908/11, um dann ab 1920 nur noch vereinzelt aufzutauchen. Die damals kostengünstigere und "für die Ewigkeit" hergestellte Massenware befindet sich heute allerdings in sehr unterschiedlichem Beschädigungszustand: Sofern sie nicht rechtzeitig durch Privatinitiative fachmännisch und aufwändig restauriert werden, wie zum Beispiel 2001 das Grabmal HERBST/REGEL von 1909, halten die Engel der Witterung nur schlecht stand – innerhalb der letzten zwanzig Jahren sind etliche Galvanoengel verschwunden. Noch 1999 mit seinem schönen Diadem und von Hopfen überdeckt photographiert, ist der Engel GLÄSER (326) inzwischen geräumt, ebenfalls der "nicht standsichere" Engel MARTENS mit schönen langen Haaren, der noch 2001 als Patenschaft angeboten wurde. Der in einem desolaten Zustand befindliche Engel WAHL hat inzwischen Kreuz und Palmwedel verloren; beim Grabmal GALL (421) fehlt ein Flügel... Hier wären unbedingt wachsame Beobachter und spendenfreudige Sponsoren gefragt, denn dieses Freiluft-Museum gilt es zu erhalten!

Martens
Grabmal Martens (Foto: Christine Behrens)

Unabhängig von Geschlecht und Zustand dieser Engel ist es aber doch die zu vermittelnde Botschaft, die am wichtigsten ist. Der vor dem Grabmal EBERBACH-NECKELMANN von 1895 (249) auf den Stufen sitzende Auferstehungsengel ist offenbar männlich – doch ist nicht die Nachricht, die er mit dem erhobenen Arm zum Himmel verkündet, wesentlich bedeutender?

III. Die Botschaften der Ohlsdorfer Engel

Die Verbindung zwischen Himmel und Erde sowie das Schweben werden durch verschiedene Mittel vermittelt: Zum Beispiel durch nahezu frei schwebende Füße, Wolken unter den Füßen oder im Hintergrund, flatternde Kleider – wie auf den Grabstätten LAEISZ, SAHS/HOPPE, ROLFING/NUGENT, GUTRUF-MOLL, SCHUBART, COHRS, SOSSIDI, THOMS/BEETH, KIEHN, STOSCHINSKI, HERZOG oder NIESS (146a, 183, 199, 356, 398, 435, 503, 595, 696, 768, 1227, 1269). Die späteren Darstellungen aus der expressionistischen Zeit lassen gerne den Engel waagerecht fliegen, zwischen Wolken und Sternen wie auf dem Grabmal PLÜSCHAU (930) von 1921 abgebildet, oder bei den beiden Engeln oben links und rechts am neuen Krematorium von 1933.
Selten werden Himmelsboten sitzend dargestellt. Eine bekannte Ausführung ist der schöne Schutzengel HANSSEN mit Kind; weitere sind die Terrakotta-Figur mit Urne HANSEN von Villeroy und Boch, der auf einem Säulenstumpf sitzende Engel REINHOLD; der im dünnen Gewand gekleideter Galvanoengel STEINICKE/BRINCKMANN mit Rose und Spiegel; der mädchenhafte, nachdenkliche Engel TEETZ mit Rosenstrauß und Rosenkranz, ferner der Laute spielende Engel HAERLIN (146c, 186, 280, 373, 434, 602).

Hansen
Grabmal Hansen (Foto: Christine Behrens)

Eine große Zahl der geflügelten Gestalten stehen hoch auf ihrem Sockel, viele drücken Trauer und Besinnung aus, die meisten aber auch noch mehr.

Der wunderschöne Engel WEIDLE-WULFF (483) von 1908 zum Beispiel, aus weißem Marmor, steht unter einer Birke nur auf einer Stufe, am Fuß eines 420 cm hohen, auf einem Sockel stehenden Granitkreuzes. Mit langem und fließendem Gewand, den bekränzten Kopf leicht geneigt, hält er in den herabhängenden Händen lange Lorbeer- und Palmzweige; trotz seiner traurigen Haltung verkündet er damit vor dem Kreuz den Sieg des Glaubens. Am traurigsten sind eigentlich die beschädigten Flügel mit z. T. einzeln, fein ausgearbeiteten Federn; in den letzten Jahren wurden sie leider oben immer kürzer; 1992 war der rechte Flügel noch intakt…

Egal aus welchem Material – Bronze, Galvanoplastik, Marmor oder Stein: Der Palmwedel gehört mit der Rose zu den häufigsten Attributen der Engel – wie auf den Grabmalen WUTTGE, GUTRUF-MOLL, KOTHE, GALL, KELLER, OETLING, KIEHN, HERZOG und anderen (Kat. 296, 356, 396,421, 422, 640, 696, 1227). Der Rosenblüten streuende Engel ROLFING/NUGENT (199) von 1890 bekam übrigens 2000 eine nicht weit entfernt stehende exakte Kopie, bis auf glattere Wolken und natürlich ohne die würdige Säulenhalle (LÜTJOHANN/SCHNEIDER). Fackel, meist gesenkt und gelöscht, und Sanduhr sind gleichfalls wichtige Symbole des abgelaufenen Lebens. Beides in den Händen hält ein schwebender Engel mit langem Gewand und im Wind wehenden Faltenschwüngen und Schleier beim Bronzerelief COHRS von 1906/07 (435).

Neugebauer
Grabmal Neugebauer/Petersen (Foto: Christine Behrens)

Sehr oft zeigen die Engel in den Himmel, auch beim Abholen des Sterbenden oder des Toten, wie beim "Millionenhügel" auf dem Relief von 1916 für den Soldaten LEHMKUHL (797) in langem Mantel und mit Pickelhaube. Der Todesengel gibt gelegentlich einen Kuss, zum Beispiel einem müde gewordenen Pilger beim Grabmal der Katholischen Brüderschaft ehemals SCHARLACH (354) von 1903. Das Sandstein-Relief ASCHE (845) von 1918 stellt eine kleine Theaterbühne mit zur Hälfte aufgezogenem Vorhang dar; dort tritt der Engel von hinten mit gesenkter Fackel und abgelaufenem Stundenglas heran und küsst eine im Sessel sterbende Mutter auf die Stirn, während Mann und Tochter Abschied nehmen. Beim Halbrelief NEUGEBAUER/PETERSEN (490) von Xaver Arnold, hält ein Engel die mit ausgebreiteten Armen Verstorbene sanft an Hüfte und Arm und leitet sie in den Himmel – wiederum mit drei Engelsköpfen im Vordergrund. Bei ALSEN (974) führt ein mütterlicher Engel aus weißem Marmor ein Kind sehr zart und fürsorglich am Handgelenk.

Alsen
Grabmal Alsen (Foto: Christine Behrens)

Alle diese einzelnen Darstellungen bieten inmitten eines einmaligen Naturrahmens wunderschöne Bilder. Es ist nötig zu betonen, dass sie bei einer derartigen Fülle (und Vielfalt!) an Kunstschätzen und Glaubensbekenntnissen nur ausgewählte Beispiele sein können. Sie sollen den Betrachter dazu ermutigen, an der frischen, wohltuenden Luft zur Ruhe zu kommen, über das menschliche Dasein nachzusinnen, Trost zu schöpfen; ihm gelingt es vielleicht, neugierig zu werden, manchmal Enttäuschung und Frust bei beschädigten oder verschwundenen Objekten zu erleben, oft auch sich über neue Entdeckungen zu freuen.

Sollten die Ohlsdorfer Engel vielleicht doch etwas Besonderes sein?

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