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OHLSDORF - Zeitschrift für Trauerkultur

Steine des Anstoßes – nationalsozialistische Symbole auf Grabmalen

Es vergeht kaum ein Tag, ohne dass man durch die Medien damit konfrontiert wird, dass der Rechtsextremismus in Deutschland Zulauf erhält und sich mit gewalttätigen Ausschreitungen gegen Menschen wendet, die einseitig als Fremde oder Außenseiter identifiziert werden.

Die des Rechtsextremismus verdächtige NPD ist inzwischen in zwei Länderparlamenten vertreten. Zudem haben Mitglieder rechter Gruppierungen im letzten Landtagswahlkampf ihre Gegner mit Gewalt bedroht und in diesem Jahr schon deutlich mehr Gewalttaten begangen als im Vorjahr. Diese Entwicklung ist gefährlich. Man darf sie nicht auf sich beruhen lassen. Der Rechtsstaat und alle toleranten Bürger müssen mit legalen Mitteln dagegen einschreiten und dürfen nicht dulden, dass Menschen, die zum Beispiel der zweifelhaften Idealvorstellung des blonden deutschen Herrenmenschen nicht entsprechen, in irgendeiner Weise verbal oder sogar tätlich angegriffen werden. Die deutsche Geschichte vom Aufstieg und Fall des Nationalsozialismus lehrt zur Genüge, dass die Abwertung und Entmenschlichung Anderer, verbunden mit der Überschätzung des Eigenen, zu Zerstörung und unermesslichem Leid geführt haben.

Grabfelder und Erinnerungsstätten für die Opfer des unmenschlichen Regimes sind nicht nur auf fast allen Gemeindefriedhöfen Deutschlands zu finden, sondern über ganz Europa verteilt. Auch der Ohlsdorfer Friedhof enthält eine Vielzahl von Grabfeldern, in denen Tote begraben sind, die mittelbar oder unmittelbar durch den Nationalsozialismus ihr Leben lassen mussten: Begraben liegen hier politische Gegner, die aus dem Weg geräumt wurden; Widerstandskämpfer, die ihr Leben gegen die Machthaber einsetzten; als Arbeitssklaven verschleppte "Fremdarbeiter", die zur Arbeit bis zur Vernichtung gezwungen wurden und auch deutsche Soldaten, die vermeintlich für ihr Vaterland kämpften, und Angehörige des britischen Militärs, die Deutschland schließlich von der Terrorherrschaft befreiten; ganz zu schweigen von den Frauen, Kindern und Männern, die im Bombenhagel und durch den Feuersturm umkamen und in Massengräbern beigesetzt werden mussten, weil es nicht mehr möglich war, jedem ein eigenes Grab zu bereiten. Alle diese Gräber spiegeln die Geschichte Hamburgs in den zwölf Jahren des "Tausendjährigen Reiches" auf eine ganz besondere Weise wider.1

Grabanlage Widerstandskämpfer
Grabanlage für die Widerstandskämpfer (Foto: Schulze)

Beim Besuch dieser Stätten der Erinnerung taucht unweigerlich die Frage auf: Wie konnte es dazu kommen, dass so viele Menschen für eine zweifelhafte Weltanschauung sterben mussten? Wie kam es, dass ein ganzes Volk sich von dieser Weltanschauung mit ihren angeblich hehren Idealen überzeugen ließ und erst zu spät merkte, dass sie zutiefst inhuman und gewalttätig war? In Ohlsdorf kann man auch heute noch Grabmale sehen, die von der Begeisterung für das Dritte Reich künden und etwas von der Wirkung nationalsozialistischer Propaganda erahnen lassen, die schon den Nachgeborenen nicht mehr gegenwärtig war, weil alle Zeichen dieser Propaganda sofort nach dem Krieg radikal aus dem Stadtbild getilgt wurden. So ist der Ohlsdorfer Friedhof heute einer der wenigen, wenn nicht sogar der einzige Ort in Hamburg, wo das Dritte Reich in authentischen Denkmalen präsent ist. Allein weil diese Grabsteine so zu seltenen Zeugnissen der deutschen Geschichte geworden sind, sind sie aus denkmalpflegerischer Sicht als erhaltenswert einzuordnen und sollten auf keinen Fall abgeräumt werden.

Zugleich kann man auf dem Ohlsdorfer Friedhof auch etwas über den Umgang der damaligen Machthaber mit den Denkmalen der Anderen erfahren: Gleich am Eingang des Friedhofes erinnert ein Grabfeld an die Weimarer Republik, den demokratischen Vorgänger des nationalsozialistischen Unrechtsstaates, mit seinen Putschversuchen und Straßenkämpfen. Die Toten von der Straße, darunter mehrere, die während des sogenannten Sülzeskandals ums Leben kamen, sind hier beerdigt worden. Für sie wurde das Denkmal für die Revolutionsopfer aufgestellt, das von Fritz Schumacher entworfen wurde. Als die Nationalsozialisten an die Macht kamen, befahlen sie sofort den Abbruch – ebenso übrigens wie die Zerstörung des pazifistischen Denkmals, das Ernst Barlach zur Erinnerung an die Toten des Ersten Weltkrieges am Rathausplatz geschaffen hatte.

Während die Erinnerung an die toten Gegner ausradiert wurde, ließen die neuen Machthaber 1936 eine opulente Ehrenanlage im Waldteil des Friedhofes für die Toten aus den eigenen Reihen errichten. Sie stilisierten diese damit zu Gefallenen eines ehrenvollen soldatischen Kampfes hoch. In einem vertieften und mit Naturstein ausgekleideten Bereich wurden die aus ihren Familiengräbern umgebetteten Toten in unterirdischen Grüften wiederbestattet, die oberirdisch mit sarkophagähnlichen Aufbauten abgedeckt wurden.

Aber nicht nur die Partei setzte sich ihr Denkmal. Begeisterte Privatpersonen schmückten ihre privaten Erinnerungsmale auf den Gräbern ihrer Verstorbenen mit den Symbolen ihrer Partei und ihrer neuen Ämter und Würden. Die Verbreitung dieser Symbole wurde dabei von dem neuen Friedhofskulturdienst propagiert, der die vorher demokratisch besetzte Grabmalberatungsstelle ablöste. Hier wurde die Verwendung berufs- und personenbezogener Zeichen unterstützt, zu denen selbstverständlich alle neuen Hoheitszeichen gehörten. Zugleich wurde der Versuch gemacht, das einheimische Steinmetzhandwerk zu fördern. Inschriften wie: "Sie starben für ein besseres Deutschland" erzählen von der Hingabe für ein Vaterland, in dem scheinbar Sicherheit, Ruhe und Ordnung herrschte. Bildliche Darstellungen wie auf dem Grabmal für Erika Steffen, wo die jung Verstorbene als Gruppenführerin mit Hakenkreuzwimpel dargestellt wird, zeugen von einer heute unverständlichen, damals aber geradezu überbordenden Begeisterung für Führer, Volk und Vaterland.

Nach dem Krieg, als die Städte zerstört waren und der Genozid an den Juden ans Licht kam, verschwanden die Hakenkreuze, die vorher als Fahnenschmuck Stadt und Land, besonders während der häufigen Feste und Feiern überschwemmt hatten und auch in Stein gemeißelt worden waren. Ihre Verwendung in der Öffentlichkeit wurde gesetzlich verboten und steht noch heute unter Strafe. Die Ehrengruft der nationalsozialistischen Partei in Ohlsdorf wurde nach der Kapitulation dem Erdboden gleich gemacht, einige Jahre danach ein Mahnmal zur Erinnerung an die Opfer in den Konzentrationslagern auf dem Friedhof errichtet. Auch das alte Denkmal für die Revolutionsopfer erhielt seinen Platz zurück. Es war nicht zerstört, sondern von den Friedhofsmitarbeitern nur eingelagert worden. Während so die offizielle Hinterlassenschaft der Partei weggeräumt wurde, blieben die privaten Grabmale unbehelligt. Offensichtlich war aber vielen Angehörigen das Hakenkreuz auf dem Grabstein peinlich. Wenn man genauer hinsieht, kann man eine ganze Reihe von Steinen finden, auf denen es in ein Kreuz, einen Stern oder kleine Zweige mit Blättern umgearbeitet worden ist. Einige wenige Grabmale blieben so, wie sie waren. Eines von ihnen ist in diesem Sommer zum Stein des Anstoßes geworden und damit auch zum Anlass für diesen Beitrag.2 Insgesamt finden sich im Katalog der Grabmale, der 1986 abgeschlossen wurde und 1990 im Druck erschien, sechzehn Steine mit nationalsozialistischen Symbolen verzeichnet und zum Teil auch abgebildet.3 Nicht alle gefundenen Steine wurden in den Katalog aufgenommen und einige sind inzwischen abgeräumt worden, doch dürften noch immer ungefähr zwanzig Grabmale mit Hakenkreuzen oder ähnlichen Symbolen in Ohlsdorf stehen.

Wenn man die reinen Tatsachen betrachtet, dann ging man nach dem verlorenen Krieg mit den Symbolen der gefallenen Machthaber genauso um, wie diese bei ihrer Machtergreifung mit den Zeichen ihrer Vorgänger: Wer im Besitz der Macht war, vernichtete die Erinnerung an seine Vorgänger. Eine Vorgehensweise, die auch in anderen Kulturen und Zeiten bekannt ist, z.B. während der Französischen Revolution, als den Königs- und Heiligenstatuen an den Kathedralen die Köpfe abgeschlagen wurden oder beim Sturz der Denkmale für Stalin während der Entstalinisierung. Sicher war damals, gleich nach 1945, ein solcher Umgang mit den Hinterlassenschaften einer Partei, die für Mordbrennerei, Tod und Untergang stand, die einzige Möglichkeit der Auseinandersetzung. Zu Recht ist es auch heute noch strafbar, nationalsozialistische Symbole zu propagieren. Auch die kommentarlose bildliche Wiedergabe, die dieser Zeitschrift in einem Fall vorgeworfen worden ist, ist fragwürdig. In diesem Sinne fehlt, bei dem kleinen Hakenkreuz am Heck eines Flugzeuges, das im Kontext eines Artikels über technische Motive an Grabmalen abgebildet wurde, die Aussage, dass die nationalsozialistische Ideologie nicht zuletzt durch ihre Technikbegeisterung so wirkungsvoll sein konnte.4

Doch heute, mit dem Abstand von über einem halben Jahrhundert muss man sich fragen, ob es immer noch richtig ist, die Zeichen und Symbole des Gegners einfach zu vernichten, oder ob darin nicht gerade jene Gewalttätigkeit liegt, die stets von Neuem Streit, Krieg und Zerstörung nach sich zieht. Muss man nicht heute eine neue Art des Umgangs mit den inzwischen historisch gewordenen Hinterlassenschaften dieser Zeit finden, getragen von der Verantwortlichkeit für die eigene Geschichte? Kann man heute noch auf dieselbe Weise mit den Symbolen der Vergangenheit umgehen, wie damals gleich nach dem Krieg, als jede Erinnerung weggeräumt werden musste, weil der Nationalsozialismus so viel Leid über die Menschheit gebracht hatte? Darf man den Enthusiasmus mit dem die Menschen dieser Zeit der neuen Bewegung zustimmten einfach vergessen? Ist es wirklich richtig, sämtliche privaten Grabmale mit nationalsozialistischen Symbolen zwangsweise vom Friedhof zu entfernen beziehungsweise zu veranlassen, dass die inkriminierten Symbole von ihnen getilgt werden? Oder kann man sie im Kontext der vielen Gräber der Opfer dieser Weltanschauung als Denkmäler stehen lassen und Wege suchen, ihren historischen Zusammenhang den Nachgeborenen zu verdeutlichen?

Diese Fragen sollten offen diskutiert und Vorschläge zum Umgang mit den Hinterlassenschaften einer verheerenden Zeit abgewogen werden. Vielleicht könnte man durch zusätzliche Beschriftungen, wie dies schon im Garten der Frauen praktiziert wird, Denkanstöße geben, durch die jeder sich selbst mit der Geschichte des Nationalsozialismus auseinander setzen kann. Möglicherweise wäre auch eine Handreichung für Besucher und Schulklassen hilfreich, die diese Grabmale in ihren Kontext einordnet. Man könnte sogar überlegen, die Steine, die zwar heute noch in Privatbesitz sind, aber doch irgendwann an den Friedhof zurückfallen werden, an einer Stelle zusammenzuführen und dort zu kommentieren. Und vielleicht gibt es auch noch andere Möglichkeiten. Wichtig daran ist meiner Ansicht nach, dass diese Steine auch weiterhin Steine des Anstoßes bleiben – des Anstoßes zum Nachdenken.

1 Siehe Herbert Diercks: Friedhof Ohlsdorf. Auf den Spuren von Naziherrschaft und Widerstand. Ergebnisse Verlag, Hamburg 1992.
2 Vgl. den Pressespiegel in diesem Heft, Seite 15–18.
3 Leisner/Schulze/Thormann: Der Hamburger Hauptfriedhof Ohlsdorf, Geschichte und Grabmäler, Bd. 2, Hans Christians Verlag Hamburg 1990. Die Grabmale im Katalog sind: Kat. Nr.1080, 1121, 1145,1148 (das Hakenkreuz ist hier zum Stern umgearbeitet), 1154, 1155, 1167, 1170, 1194, 1203, 1204, 1223, 1224, 1235, 1254, 1255, dazu kommt das Grabmal Eduard Wülfken bei Kapelle 13, das den Anlass für die Auseinandersetzung bildet.
4 Ohlsdorf - Zeitschrift für Trauerkultur. Nr. 93, II/2006, S.7; Artikel in der Hamburger Morgenpost vom 15.08.2006 / Seite 10, anders als von der Autorin geschrieben, wird "Ohlsdorf - Zeitschrift für Trauerkultur" vom Förderkreis Ohlsdorfer Friedhof e.V. herausgegeben und ist von der Friedhofsverwaltung unabhängig.

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