OHLSDORF - Zeitschrift für Trauerkultur

Zeichen der Zeit: Grabstätten 1933 - 1945 auf dem Ohlsdorfer Friedhof

 - November 2006
Ausgabe: 
Nr. 95, IV, 2006

In den 1980er-Jahren hatte ich den Auftrag, ein Gedenkbuch in Erinnerung an die Opfer des Konzentrationslagers Fuhlsbüttel zu erstellen.1 Die Spurensuche führte mich auch zum Ohlsdorfer Friedhof.

Ich fand zahlreiche Gräber von im KZ in den Tod getriebenen, ermordeten Gestapogefangenen. Auf den Steinen las ich die Namen.

Ich stieß bei meinen Recherchen auch auf die Gräber von Häftlingen des KZ Neuengamme, von Kriegsgefangenen aus der damaligen Sowjetunion, von Zwangsarbeiterinnen und Zwangsarbeitern aus ganz Europa, von im Untersuchungsgefängnis Hingerichteten, von Säuglingen polnischer, russischer und ukrainischer Frauen, von deutschen Soldaten und Bombenopfern... Hinter den vielen Namen, Geburts- und Sterbedaten, das ergaben meine weiteren Untersuchungen, verbargen sich zum Teil in Hamburg völlig unbekannte oder vergessene Verbrechen des Nationalsozialismus. Deutsche Soldaten waren auf dem Schießplatz Höltigbaum in Rahlstedt erschossen worden. Jüdische Kriegsgefangene aus der Sowjetunion hatte die Wehrmacht im KZ Neuengamme erschießen lassen. Häftlinge des KZ Neuengamme waren "durch Arbeit" vernichtet worden. Im damaligen Krankenhaus Langenhorn wurden Säuglinge von polnischen, russischen und ukrainischen Zwangsarbeiterinnen nicht versorgt und verhungerten. Diese Aufzählung ließe sich fortsetzen. Ich begann, in Zusammenarbeit mit der in Fuhlsbüttel ansässigen Geschichtswerkstatt Willi-Bredel-Gesellschaft e.V., Führungen zu diesen Gräbern durchzuführen und an die auf dem Ohlsdorfer Friedhof bestatteten Opfer zu erinnern.

Der tschechische Widerstandskämpfer Julius Fucík ermahnte in der berühmten "Reportage unter dem Strang geschrieben" kurz vor seiner Hinrichtung, die Opfer des NS-Regimes nicht in Vergessenheit geraten zu lassen, aber auch an die Täter zu erinnern und diese zur Verantwortung zu ziehen:
"Jeder, der treu für die Zukunft gelebt hat und für sie gefallen ist, ist eine in Stein gehauene Gestalt... Um eines bitte ich, ihr, die ihr diese Zeit überlebt, vergesst nicht. Vergesst die Guten nicht und nicht die Schlechten..."
"Menschen, ich hatte euch lieb. Seid wachsam!"2

Ich suchte und fand auch Gräber der Hamburger Repräsentanten des NS-Regimes. Regelmäßig suche ich im Rahmen meiner Führungen das repräsentativ gestaltete Grab des SA-Standartenführers Wilhelm Boltz auf, um an seinem Beispiel über die Täter zu sprechen. 1939 war der ehemalige Führer der Marine-SA und Hamburger Polizeipräsident gestorben. Er erhielt auf dem Ohlsdorfer Friedhof ein Senatsbegräbnis. Ich fand diese Grabstätte mit zugegipstem Schriftzug "S.A. Brigadeführer" und entferntem Hakenkreuz vor. Runenzeichen, ein Familienwappen und eine steinerne Adlerdarstellung waren noch erhalten.

Grabmal Boltz 1990
Grabmal Wilhem Boltz ca. 1990 (Foto: Diercks)

Vor etwa drei Jahren wurde das Grab allerdings umgestaltet und Vergangenheit "entsorgt"; ein neuer Grabstein, in seiner Form an die Gestaltung vor 100 Jahren erinnernd, ersetzt dieses Zeugnis aus dem Jahr 1939.

Grabmal Boltz 2003
Das historische Grabmal Boltz wurde ca. 2003 ersetzt (Foto: Diercks)

In unmittelbarer Nähe befindet sich die ebenfalls repräsentativ gestaltete Grabstätte des Hamburger Gauleiters der NSDAP Karl Kaufmann – allerdings aus dem Jahr 1969. Ich nutze die Grabstätte, um auch den schwierigen Umgang Hamburgs mit der NS-Vergangenheit zu thematisieren. Karl Kaufmann als Hamburgs oberster Repräsentant der NSDAP und Beamter der Reichsregierung musste sich nach Kriegsende niemals vor einem Gericht verantworten.

Der Nationalsozialismus hatte auch in Hamburg eine Massenbasis, und diese Tatsache widerspiegelt sich auf dem Ohlsdorfer Friedhof auf vielfältige Weise. Die Grabsteingestaltung veränderte sich. Familienwappen auf Grabsteinen kamen erst mit dem erforderlichen Nachweis "arischer Abstammung" und der damit verbundenen Familienforschung in Mode. Mutterkreuze auf Grabsteinen und die Aufschrift "Der deutschen Mutter" verdeutlichen eine neue Rollenzuweisung für Frauen, die vielfach akzeptiert wurde. Berufs- und Handwerkerzeichen und Technikdarstellungen ergänzten zunehmend traditionelle Symbole. Kriegsauszeichnungen aus dem 1. Weltkrieg wurden zur Dekoration der Gräber benutzt und ab 1939 um Symbole aus dem 2. Weltkrieg ergänzt. Waffendarstellungen verweisen auf den Soldatentod. Auf einem Grabstein für einen 30jährigen gefallenen Matrosen wird ein U-Boot dargestellt. "Warum so früh?" – lautet die weitere Aufschrift. Diese Frage, vermutlich von den trauernden Eltern gestellt, kann der Historiker beantworten.

Zu dieser Aufzählung gehören auch jene Grabsteine mit Hakenkreuz- und NS-Organisationssymbolen (Hitlerjugend, Schutzstaffel, Deutsche Arbeitsfront, NS-Juristenbund u.a.). Die Organisationen und deren Symbole sind verboten; dennoch sind sie auf einigen Grabsteinen noch zu finden. Ich nutze sie im Rahmen meiner Führungen, um die Durchdringung und das Reglementieren aller Lebensbereiche durch NS-Organisationen, beginnend mit der Geburt und endend mit dem Tod, zu thematisieren. Sie dienten u.a. der Massensteuerung und Uniformierung der Gesellschaft und hatten daher eine sehr wichtige Funktion.

Vollständig oder teilweise entfernte Symbole laden wie auch noch vorhandene NS-Zeichen zum Diskurs über einen angemessenen Umgang mit NS-Vergangenheit ein. Ist es Ignoranz und Unverbesserlichkeit, auf einer Familiengrabstätte ein Hakenkreuz zu belassen? Welche Diskussionen und Einsichten führten zur Veränderung bzw. Entfernung eines NS-Symbols? Welche unterschiedlichen Hintergründe und damit Betrachtungsweisen haben Familienangehörige, ehemals Verfolgte und deren Angehörige, Denkmalschützer, Friedhofsangestellte und Historiker? Die Antworten auf diese Fragen können nicht eindeutig ausfallen. Ich wünschte mir eine Diskussion, die unterschiedliche Positionen berücksichtigt.

Die wenigen noch vorhandenen nationalsozialistischen Symbole auf Grabsteinen auf dem Ohlsdorfer Friedhof, wenn man sie denn findet, haben aus meiner Sicht die ihnen ursprünglich zugedachte Funktion verloren. Sie sind Relikte einer vergangenen Zeit – in jedem Fall mit Tod verbunden. Ursprünglich waren sie einmal als Symbole von Aufbruch, Ausgrenzung, Anderssein, Tabubruch gedacht – für aufgeklärte Zeitzeugen Zeichen eines verbrecherischen Systems, das in der Geschichte der Menschheit einmalig ist. Das dürfte auch der Grund dafür sein, dass diese Gräber keinerlei Anziehungskraft für Neonazis haben; davon habe ich niemals gehört.

Formal dürfte ein Staatsanwalt im Recht sein, der die Präsentation zum Beispiel eines Hakenkreuzes auf einem Grabstein als Rechtsbruch verfolgt – wie er auch das durchgestrichene Hakenkreuz als Symbol der Antifa-Bewegung verfolgt. Die Angemessenheit bezweifele ich – in einer Zeit, in der die NPD in zwei Landtagen sitzt und in der deutschen Bevölkerung über eine Massenbasis verfügt.

Die von mir gewünschte Diskussion um den angemessenen Umgang mit den inkriminierten Grabsteinen sollte keine pauschale Lösung zur Folge haben – weder die Festschreibung des jetzigen Status quo noch die Entfernung der NS-Symbolik. Einerseits besteht dringender Handlungsbedarf, sobald ein aufgeklärter Friedhofsbesucher einen Stein mit NS-Symbolik entdeckt und sich in seinen Gefühlen verletzt sieht. Das trifft insbesondere auch für ehemals Verfolgte und Angehörige zu. Der Dialog kann zur Folge haben, dass die Symbolik im Rahmen von Friedhofsführungen thematisiert oder eine distanzierende Information am Grabmal angebracht oder auch die Symbolik verändert oder entfernt wird. Andererseits würde man dem Charakter des Friedhof als Spiegelbild vergangener Zeiten und Ergebnis einer in den Familien geführten Auseinandersetzung um den angemessenen Umgang mit den NS-Zeichen nicht gerecht werden. Mit der Entfernung der inkriminierten Grabsteine würde man sich selbst der Möglichkeit berauben, sie für die kritische Auseinandersetzung am authentischen Ort nutzen zu können.

1 Gedenkbuch "Kola-Fu". Für die Opfer aus dem Konzentrationslager, Gestapogefängnis und KZ-Außenlager Fuhlsbüttel. Erstellt von Herbert Diercks. Hg.: KZ-Gedenkstätte Neuengamme. Hamburg 1987.
2 Julius Fucík: Reportage unter dem Strang geschrieben. Prag 1946. Deutschsprachige Ausgabe Wien 1946, S. 56 und 122.

Zur Person:
Herbert Diercks ist Mitarbeiter der KZ-Gedenkstätte Neuengamme und Gründungsmitglied der Fuhlsbütteler Geschichtswerkstatt Willi-Bredel-Gesellschaft e.V.
1992 erschien von ihm das Buch "Friedhof Ohlsdorf. Auf den Spuren von Naziherrschaft und Widerstand".

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