OHLSDORF - Zeitschrift für Trauerkultur

Ein Obdachlosen-Begräbnis in Hamburg

 - November 2002
Ausgabe: 
Nr. 79, IV, 2002

Jens ist gestorben. Niemand weiß genau, wie lange er obdachlos war, also auf der Straße lebte - mal unter Brücken, mal in Hauseingängen.

Er war einmal Matrose. Das ist wohl sicher. Ein betrunkener Autofahrer überfuhr vor vielen Jahren seine Frau und seine kleine Tochter. Das deutete er an. Danach ging nichts mehr. Das bürgerliche Leben entglitt ihm.

Die ehrenamtlichen Mitarbeiter des Projektes Mitternachtsbus kannten ihn, soweit dieser verschlossene Mann bereit war, sich zu offenbaren. Wenn seine chronisch offenen Beine sich einmal besserten, war Jens relativ gut drauf. Dann erfuhren wir etwas von seinem spröden Witz und seiner Fähigkeit zur Selbstironie. An anderen Abenden und in anderen Nächten aber erlebten wir ihn auch in seinem Elend und in seiner Unansprechbarkeit. Er war oft im Krankenhaus, aber in der Regel war er nach drei Tagen wieder fort. "Ich habe mich selbst entlassen. Ich wollte nach Hause." Dann machte er wieder Platte. Dann lag er wieder in seinem Schlafsack, spärliches Eigentum um sich verbreitet.

Die letzte Flucht aus dem Krankenhaus ist ihm nicht mehr gelungen. Da ist er vorher gestorben. Für Außenstehende blieb er ein Unbekannter, ein Mensch mit verschüttetem Lebenslauf.

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Als wir, zehn Leute vom Mitternachtsbus, in Öjendorf von Jens Abschied nahmen, vor uns seine Urne, wussten der einfühlsame Pastor und wir nur, dass er Anfang bis Mitte Fünfzig und uns im Laufe der Jahre nahegekommen war. Jens, ein Mensch ohne erkennbares biographisches Gepäck, aber kein Namenloser. "Ich habe dich erlöst. Ich habe Dich bei Deinem Namen gerufen. Du bist mein", steht es beim Propheten Jesaja im 43. Kapitel. Und so wird auf der kleinen Platte seines Urnengrabes nur sein Name stehen: Jens Joswig.

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