OHLSDORF - Zeitschrift für Trauerkultur

Nekropolis 2047

 - Februar 2002
Ausgabe: 
Nr. 76, I, 2002

(Der folgende Text entstammt dem Buch "Visionen 1900 - 2000 - 2100. Eine Chronik der Zukunft". Wir danken der Autorin und dem Autor sowie dem Verlag Rogner & Bernhard für die Erlaubnis zum Abdruck; d. Red.)

Der globale Cyberspace ist ein gewaltiger Daten-Friedhof, das weiß man; mit fast einer halben Milliarde virtueller Leichen ist er aber auch der größte Friedhof überhaupt. Und nicht wenige davon sind noch quicklebendig. Fast hinter jedem der zahllosen Cyber-Friedhofstore bietet sich dem Besucher das gleiche Bild: ein Irrgarten von Wegen, umsäumt von grünem virtuellen Efeu und Lebensbaum, verhangen von Fahnen in der asiatischen Trauerfarbe Weiß, Kreuze, Lebensräder, Halbmonde, Ankh-Symbole für das ewige Leben markieren die Sektionen der großen Glaubensgemeinschaften. Virtuelle Tauben und virtuelle Raben flattern herbei. Klickt man sie an, fliegen sie voraus auf dem Weg zu dem Gedenkplatz, den man sucht.

Was waren das doch für behäbige Zeiten im 20. Jahrhundert mit schwarzumrandeten Anzeigen in der Zeitung und trockenen Nachrufen auf einer zwanzigminütigen Trauerfeier! Wie bald waren die Anzeigen vergilbt, die Nachrufe verhallt! Im Cyberspace aber bleibt die Erinnerung frisch, solange nur jemand den Memorial Space für Opa Sven oder Tante Kim-Sara noch kennt und aufsucht. Wanderte früher ein Fremder über den Totenacker, fand er verwitterte Steine vor mit dürren Inschriften: ein Name, zwei Zahlen, vielleicht ein Spruch, dazu mancherorts ein emailliertes Foto des Hingeschiedenen - dürftige Erinnerungen in dürftigen Zeiten, die dem zufälligen Besucher wenig sagten, ihn im besten Falle zu melancholischen Träumen verleiteten. "Verblichen", das Wort trifft nun nicht mehr zu. Du stehst vor der 3D-animierten, digitalen Gruft, die Tür schwingt auf, Musik empfängt dich - willkommen im persönlichen Hades. Hier umflattern dich Engel, kitschig wie Gartenzwerge, nebenan eine weite Steinhalle, es herrscht Ruhe und Düsternis. Das dritte Grab lockt in Purpurtönen, verschleierte Elfen bewegen sich eurhythmisch zu Harfenklängen. Ein wenig weiter präsentiert sich ein Mensch, zu Lebzeiten vielleicht weithin bekannt, in eherner Denkmalsgröße. Ein anderer - kahler Schädel, rauhe Stimme - lädt freundlich ein: "Mein Name ist Marcus. Ich lebte um die Jahrhundertwende, bis der Tod mich vom Krebs erlöste. Willst du sehen, wohin ich verreiste, damals als die Computer noch über Tastaturen verfügten und kein Wort sprachen?"

Die Angehörigen oder Freunde haben Marcus wiederauferwecken lassen, eine Cyber-Bestattungsfirma besorgt dies für ein paar hundert Globo. Alte prädigitale Privatvideos werden analysiert, daraus das typische Aussehen, die Bewegungsmuster des Toten abgeleitet, Tonaufzeichnungen vermitteln einen Zugang zu den sprachlichen Ausdrucksformen - und schon baut die Software ein Simulacrum auf, bunt und dreidimensional, auf Wunsch im Anzug oder Hawaii-Hemd, etwas jugendlicher meist. Reanimiert sprechen die Toten zu uns, manch Lebender könnte sich an ihnen ein Vorbild nehmen. Für immer schön, für immer so, wie sie in Erinnerung bleiben sollten: Die Toten bleiben ewig jung. Auf Wunsch zeigt uns Marcus Urlaubsfotos von anno dazumal, spielt seine Lieblingshits ab, erzählt von seinem Leben - und weist uns seine Zeugnisse vor, als müsste er sich noch einmal bewerben. Die Cyber-Nekropole ist ein Panoptikum vergangener Epochen, verschiedener Lebensstile. Schwülstiger Millenial-Stil und die lichten Farben des ersten Jahrzehnts. Wummernder Techno und Lautenklänge. Ich hattÔ einen Kameraden ..., Non, je ne regrette rien ..., Time to say good bye ... Filmemacher verweilen oft Tage hier, um sich inspirieren zu lassen, und Spieleproduzenten schließen mit manchen Erben lukrative Verträge. Großmutter kann dann - leicht überarbeitet - als Endgegner bei Tomb Raider LXII bewundert werden.

Ganz selten stößt man auch auf eine Totenwelt in Sepia-Tönen, abgeleitet von uralten Fotos aus dem 19. Jahrhundert. Ein wenig unscharf und etwas starr präsentieren sich hier die Abgeschiedenen, einst vielleicht wichtige Gestalten des öffentlichen Lebens - man lese die künstlich vergilbten Zeitungsausschnitte über sie. Vielleicht sind sie aber auch nur deshalb im digitalen Hades, weil eine Familie Wert darauf legte, ihre Vorfahren so weit wie möglich zu "virtualisieren", wenn sie sich schon nicht wiedererwecken lassen. Was früher die Ahnenforscher waren, sind nun die Ahnenschöpfer, "kreative Genealogie" nennt sich das.

Verrückte findet man genug im Datengrab, Sektierer jeglicher Sorte in himmelblauen oder weißen Phantasiegewändern, selbsternannte Propheten, die über den Tod hinaus den Weg zum ewigen Leben verkünden: Vollwertkost aus Meeresfrüchten, Selbstkasteiung und strikter Datenverzicht oder Wallfahrt zum Heiligen Stein von Ragnarök. Einfacher ist es freilich, zu Lebzeiten für sein Nachleben zu sorgen, sich bereits als Noch-Nicht-Toter zu verewigen. Da gibt es wahre Pyramidenbauer, die Terabyte um Terabyte Raum belegen, um Welten ganz allein für sich zu schaffen. Wiesen mit züngelndem roten Gras, dampfende Liebes-Tümpel, ein bunter Vogel Rokh, der den Besucher über die weite Landschaft trägt, hin zum gläsernen Berg, in dem der Herrscher in alle Ewigkeit aufgebahrt liegt. Ein falsches, totenlästerliches Wort - und der Vogel wirft dich ins schwarze digitale Nirwana. Totenkult in Kybernetien.

Andere wollen ihr ganzes Leben ins virtuelle Jenseits mitnehmen. Sie laufen, eine Kamera-Knospe auf die Stirn gepflanzt, durch die Realität, bannen jeden Augenblick auf den Datenträger, damit ihnen ja nichts entgeht. Es ist, als wollten sie sich im Tod nun endlich ihre Leben in Ruhe anschauen und Revue passieren lassen. Selbst ihr Sterben zeichnen sie noch auf. Glücklich, wer schon bei der Geburt gefilmt worden ist. Zunehmend ermüdet, durchläuft man ihre endlosen Alltagsschleifen, ab und zu nur strahlt durch das triste Geflimmer ein lichter Moment.

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