OHLSDORF - Zeitschrift für Trauerkultur

Haben Friedhöfe Zukunft?

 - Februar 2002
Ausgabe: 
Nr. 76, I, 2002

Spätestens seit dem Aufkommen der virtuellen Friedhöfe im Internet können sich interessierte Beobachter fragen, ob Beerdigungsplätze in der bisher bekannten Form überhaupt noch auf Dauer nötig sein werden.

Das Bedürfnis, Erinnerungen an einen nahen Verstorbenen für die Öffentlichkeit sichtbar aufzubewahren, dem bisher die Begräbnisplätze unter anderem auch Raum gaben, wird jedenfalls inzwischen durch die Gedenkseiten im Internet gut bedient. Während man auf deutschen Friedhöfen meistens nicht einmal ein Foto des Verstorbenen anbringen darf, kann im weltweiten Netz jeder durch Filme, Tondokumente, Bilder und Texte die Erinnerung wach halten. Anders als die gewöhnlichen Friedhöfe kann man diese virtuellen Orte der Erinnerung zudem noch jederzeit und von (ziemlich) jedem Ort der Welt aus bequem aufsuchen. Werden also die großen und kleinen Begräbnisflächen der Städte und Gemeinden bei immer weiter wachsender Mobilität in absehbarer Zukunft überhaupt noch von Angehörigen aufgesucht werden? Werden diese sich weiterhin mit den relativ gleichartigen Grabsteinen zufrieden geben, die heute auf Friedhöfen vorgeschrieben und üblich sind? Wird man bald nur noch schlichte Wiesenflächen brauchen, auf der die Asche der Verstorbenen verstreut wird, oder vielleicht nicht einmal diese Wiesen, weil die Asche überall in der freien Natur verstreut werden darf, wie es in den Niederlanden und in Belgien schon gesetzlich erlaubt ist?

Die Fragen, wie sich die heutige Bestattungs- und Trauerkultur in Zukunft entwickelt und welche Auswirkungen auf Friedhöfe zu erwarten sind, stehen also im Raum. Es ist daher dem Verein Aeternitas e.V., (Verbraucherinitiative Bestattungskultur) hoch anzurechnen, dass er eine Projektstudie in Auftrag gegeben hat, die vor kurzem mit dem Titel "Friedhofskultur und Friedhofsplanung im frühen 21. Jahrhundert" veröffentlicht worden ist. Den beiden Verfassern - Werner Nohl und Gerhard Richter, beides Professoren im Bereich der Freiraumplanung - geht es dabei, wie der Untertitel betont, um "Bestatten, Trauern und Gedenken auf dem Friedhof". Damit liegt zum ersten Mal eine größere Untersuchung der Tendenzen der heutigen Friedhofskultur vor. Zugleich versuchen die Autoren die Frage zu beantworten, nach welchen Kriterien Friedhöfe zukünftig geplant werden sollten.

Der Schwerpunkt der Untersuchung liegt in einer Literaturauswertung, in der die beiden Autoren die Aussagen verschiedener Wissenschaftszweige in sechs Problemkreisen zusammenfassen. Dankenswerterweise haben sie dabei nicht nur ihren eigenen Bereich der Planungswissenschaften berücksichtigt, sondern sich auch den Sozialwissenschaften und sich der immer stärker anwachsenden Literatur zu Tod und Trauer zugewandt. (Nur als Anmerkung sei hier beklagt, dass für diesen Forschungszweig bisher an den deutschen Universitäten noch kein Fachbereich existiert, während in Amerika und England das Fach der "Todesforschung", das sowohl psychologische, wie medizinische, krankenpflegerische und spirituelle Kompetenz benötigt, schon über eigene Lehrstühle und regelmäßige große Kongresse verfügt.) Die erwähnten Problemkreise sind unter folgende Stichworte subsummiert: Tod und Sterben in der säkularen Gesellschaft - Pluralisierung und Individualisierung der Lebensstile, sowie Entwicklung von Multikulturalität - Trauerfeindlichkeit und Trauerhilfen - Ritualisiertes Handeln auf Friedhöfen - Das Bedürfnis nach Verortung - Friedhöfe in urbanen Lebenswelten.

Die Ergebnisse unterschiedlicher Untersuchungen werden dazu jeweils zusammengefasst und anschließend mit Aussagen zur Friedhofskultur verbunden. Leider werden allerdings gerade diese Aussagen nicht mit Fakten untermauert, sondern als bekannt angesehen. Ein weiteres Problem dieser Schlussfolgerungen im ersten Teil ist, dass die Autoren sprachlich nicht auf persönliche Wertungen verzichtet haben. Als ein beliebiges Beispiel sei die Aussage herausgegriffen, es würden immer noch spezielle Verhaltensweisen auf Friedhöfen gelten, die wohl auch dann noch vorhanden sein werden, "wenn der starke Tabucharakter der heutigen Bestattungsräume etwa durch bessere Einbindung in die Wohnquartiere gemildert werden könnte". Kurz darauf heißt es zum Thema der unpersönlichen Bestattungen alleinstehender Verstorbener: "Wird in Zukunft durch entsprechende Friedhofsplanung dafür Sorge getragen, dass auch diese unpersönlichen Grablegungen in das größere Ganze etwa eines alltagsnäheren Friedhofs eingebunden werden, dann besteht Hoffnung, dass sich das Ignorieren, Geringschätzen und Bagatellisieren des Todes, wie es in den an die unpersönliche Bestattung geknüpften Verdrängungsstrategien zum Ausdruck kommt, auf ein planerisch handhabbares Maß reduziert". Hier wird nicht nur gewertet, sondern werden auch Schlussfolgerungen vorausgenommen und zudem ähnliche Folgerungen mehrfach an verschiedenen Stellen wiederholt, so dass dem Leser der Studie ein gewisses Maß an Geduld abverlangt wird.

Im zweiten Teil der Untersuchung wird dann eine Einschätzung der anfangs erhobenen Befunde für die zukünftige Friedhofskultur abgegeben. Unter dem Obertitel "Gesellschaftliche Entwicklung und Friedhofskultur" wird eine Versachlichung von Tod und Sterben und eine "Entzauberung des Todes" konstatiert, die sich im Friedhofswesen mit "der Allgegenwart der kommerziellen Beerdigungsunternehmen, in der Friedhofsbürokratie, in der technisch-ökonomischen Bewirtschaftung von Friedhöfen" zu erkennen gibt, wobei die "gegen Überteuerung und falsche Ansprüche kämpfenden Verbraucherverbände" als Gegenbewegung angesehen werden. Diese Tendenz wird negativ bewertet und als "Profanierung der Friedhöfe" bezeichnet, wobei die "Entdeckung" der Friedhöfe für die städtischen Funktionen der Erholung, des Biotopschutzes und des Denkmalschutzes als vorerst letzter Schritt zu dieser Profanierung verstanden wird, der "den eigentlichen Zweck des Friedhofs fast zur Marginalie" werden lässt. Diese Einschätzung muss man nicht unbedingt teilen, besonders wenn man bedenkt, wie viele historisch bedeutsame Friedhöfe mit den Grabstätten bekannter Persönlichkeiten in Deutschland zu finden sind. Dazu kommt, dass Friedhöfe zwar immer Orte der Trauer waren, aber auch spätestens seit dem 19. Jahrhundert zugleich auch als Orte der gesamtgesellschaftlichen Erinnerung angesehen und besucht worden sind, und zwar nicht nur der Erinnerung an einzelne herausragende Persönlichkeiten, sondern auch an Ereignisse, die ihren Blutzoll von der Gemeinschaft verlangt haben, wie Unglücksfälle, Katastrophen, Krieg und Terrorherrschaft.

Unter dem Stichwort der gesellschaftlichen Pluralisierung erwarten die beiden Autoren einen vielfältigeren Umgang der Bevölkerung mit den Beisetzungsflächen und verweisen dabei auf bereits vorhandene Praktiken wie die freie Wahl des Friedhofes, die Entwicklung selbstbestimmter Bestattungsformen und die Erprobung neuer Bestattungs-, Trauer- und Gedenkpraktiken. Dazu wird in vielen Städten aufgrund der Zuwanderung eine Zunahme von Grabfeldern für ethnische Gruppen kommen. Insgesamt zeichnen sich zwei Gruppierungen ab: zum einen ein relativ großer Personenkreis, der in gewohnter traditioneller Form bestattet werden will, unterteilt in Angehörige der christlichen Volkskirchen und Mitglieder ethnisch-religiöser Minderheiten; zum anderen ein von diesen abgehobener, sehr heterogener Kreis von Menschen, die "modernen Gruppierungen" angehören und das traditionell christliche Begräbnis deutlich modifizieren oder ersetzen wollen. Zur Verhinderung des-integrativer Tendenzen innerhalb dieser Gruppen schlagen Nohl und Richter vor, dass neue Organisations- und Verwaltungsstrukturen entstehen sollten, die Bürgerfreundlichkeit und möglicherweise auch Selbstverwaltung Raum geben. Auch ganz neue Verwaltungsmodelle, wie z.B. eine genossenschaftliche Organisation von Friedhöfen, halten sie für möglich.

In Bezug auf den Einfluss von Wohnen, Arbeit und Freizeit auf das Friedhofswesen wird als ganz neue Tendenz auf die Entwicklung sogenannter "Zwischen- oder Regionalstädte" in der Nähe großer Ballungszentren hingewiesen, wo neue Friedhöfe wie Sportplätze und andere Serviceeinrichtungen im Zentrum des jeweiligen Wohngebietes ihren Platz finden könnten. Zugleich weisen die Autoren darauf hin, dass sich durch die Zunahme der Urnenbestattung in vielen Städten der Flächenbedarf für Friedhöfe drastisch reduzieren wird. Sie gehen von einem um die Hälfte geringeren Bedarf als in den bisherigen Planungsvorgaben aus. Beim Arbeits- und Freizeitverhalten wird besonders die hohe Flexibilität der jungen Bevölkerung hervorgehoben, während für die zweite Lebenshälfte eine stärkere Sesshaftigkeit prognostiziert wird. Letzteres wirkt sich nach Meinung der Autoren auch auf die Bindung zum Friedhof aus. Zugleich wird ein höheres Maß an Freizeit erwartet, das insoweit Friedhöfe mitbetrifft, als "Spazieren gehen" als häufigste Freizeitbeschäftigung im Freien ermittelt worden ist. Die städtebauliche Schlussfolgerung heißt in diesem Fall, dass künftig Fußwege zu und durch Friedhöfe ausgebaut werden und diese fußläufig an ihre Stadtteile und Grünflächen angebunden werden sollten, ebenso wie auch Radverbindungen zu Friedhöfen erforderlich sind.

Leider ist den Autoren die Darstellung der bisherigen Friedhofskultur sehr kurz geraten. So werden den erwarteten wohngebietsnahen Friedhöfen in den neuen Regionalzentren nur die großen Zentralfriedhöfe mit Park- und Waldcharakter entgegengesetzt, die im ausgehenden 19. und beginnenden 20. Jahrhundert weit außerhalb der Großstädte angelegt worden sind. Ganz abgesehen davon, dass es heute überall öffentliche Verkehrsmittel gibt und fast jeder Familie ein Pkw zur Verfügung steht, weite Entfernungen also nicht mehr die gleiche Rolle spielen, wie vor hundert Jahren, fehlt hier die Einbeziehung der vielen kleinen ehemaligen Dorffriedhöfe, die schon heute dort zu Stadtteilfriedhöfen geworden sind, wo - wie in den meisten Großstädten, man vergleiche Berlin, Hamburg oder Köln - im 19. und 20. Jahrhundert Kernstadt und Umland zu großflächigen Ballungsräumen zusammengewachsen sind. Ebenso fehlt der Hinweis auf die Reformfriedhöfe mit ihren durch geschnittene Heckenwände abgeteilten Grabfeldern, durch die gerade die Friedhofskultur des 20. Jahrhunderts in Deutschland maßgeblich geprägt worden ist. Hier machen es sich die Autoren zu einfach, wenn sie nur von dem Gegensatz "Parkfriedhof (= Verdrängung des Todes)" gegenüber dem zukünftig erwarteten "Wohngebietsfriedhof (= Enttabuisierung des Todes)" ausgehen.

Unter dem Obertitel "Bedeutung von Tod, Sterben und Trauer für die Friedhofskultur" weisen Nohl und Richter weiterhin darauf hin, dass in einer immer mehr auf Diesseitigkeit ausgerichteten Gesellschaft, Trauer und Trauerarbeit und damit die Psyche der Hinterbliebenen auch in der Bestattungs- und Erinnerungskultur immer stärker in den Vordergrund treten. Gleichzeitig konstatieren sie ein wachsendes Bedürfnis nach Selbstbestimmung und Kreativität. Tendenziell erwarten sie, dass Tod und Sterben mehr als bisher als Teil des Lebens aufgefasst werden und damit auch mentale Voraussetzungen für eine wie auch immer geartete Erneuerung der Friedhofskultur gegeben sind. Allerdings ist zu diskutieren, ob die Vorstellung des erfüllten Lebens, das mit einem natürlichen Abbau der vitalen Kräfte zu Ende geht, als realistische Normvorstellung für das Sterben in unserer Gesellschaft dienen kann, wie die Autoren meinen, und ob diese Vorstellung zugleich geeignet ist, die von ihnen als negativ bewerteten "Ablenkungen, Täuschungen und Banalitäten der Todesverdrängungen, wie sie auch in Anlage und Ausstattung des traditionellen Friedhofs zum Ausdruck kommen, entgegenzuwirken und den Friedhof in Zukunft (wieder) stärker als einen ganz besonderen Ort zu begreifen". Zum Abschluss dieses Abschnitts geben die Autoren der Hoffnung Ausdruck, dass "Friedhöfe in Zukunft keine Grünflächen unter anderen sind und dass diese kulturelle Sonderstellung des Friedhofes den Menschen besonders wichtig sein wird."

In Bezug auf "friedhofskulturelle Ansprüche der Bevölkerung" wird angenommen, dass zukünftige Beisetzungsflächen - im Gegensatz zu den traditionellen Friedhöfen mit ihrer mehr oder weniger einheitlichen Kultur - die kulturellen Auffassungen unterschiedlicher Gruppen widerspiegeln werden. Erwartet werden unterschiedliche Kulturmuster, die die bekannten Muster (Friedhofsanlage, Gräber, Rituale usw.) ergänzen werden. Dazu gehören die Traditionen ethnischer Gruppen, sowie neue kulturelle Formen des Bestattens, Trauerns und Erinnerns anderer Gruppierungen, wobei die Aufmerksamkeit besonders auf die Befürworter der anonymen Bestattung als mögliche Trendsetter gelenkt wird. Aus der größeren Formenvielfalt leiten Nohl und Richter das Bedürfnis nach "kulturellen Koordinationsstellen" für die Friedhöfe ab und weisen auf den wachsenden Wunsch der Bevölkerung nach Selbst- und Mitbestimmung in persönlichen Lebensverhältnissen hin. Hier ergibt sich ihrer Meinung nach die Chance zu einer höheren Identifikation der lokalen Bevölkerungsgruppen mit ihrem örtlichen Friedhof. Allerdings weisen sie zugleich darauf hin, dass sich aus dem Bedürfnis nach Wandel und dem kulturellen Beharren auch auf den Friedhöfen ein Spannungsverhältnis ergeben wird. Mit wenigen Sätzen gehen sie dabei auch auf die sozialen und ökonomischen Unterschiede ein, die nicht nur im Leben, sondern auch im Tod sichtbar sind. Ihre Wunschvorstellung klingt in der Aussage an: "Unklar ist ... , ob es gelingt, einzelne Gruppen dahin gehend zu motivieren, dass sie auf überzogenes Repräsentations- und Distinktionsverhalten in ihren kulturellen Äußerungen auf den Friedhöfen verzichten werden." Insgesamt aber erwarten Nohl und Richter, dass es in der nächsten Zukunft keine einheitliche Trauer- und Bestattungskultur und damit auch keinen einheitlichen Stil, Form und Gestalt für Friedhöfe geben wird, sondern eher Friedhöfe mit Experimentier- und Versuchscharakter.

Besondere Bedeutung messen Nohl und Richter dem ritualisierten Handeln innerhalb der Friedhofskultur zu. Zwar erkennen sie den vorhandenen Ritualcharakter der Friedhöfe an, dem sich die Menschen auch heute noch freiwillig unterwerfen (z.B. durch Vermeidung von Geschrei, Laufen, lautem Lachen oder auch durch angemessene Kleidung). Doch erwarten sie zugleich, dass zwei speziell definierte Typen von Ritualen in Zukunft neben den vorhandenen Bestattungsritualen mehr Raum auf dem Friedhof einnehmen könnten. Das sind zum einen die selbstbestimmte Feier, bei der Menschen in Gemeinsamkeit und Miteinander der Toten gedenken, zum anderen sogenannte Interaktionsrituale, Verhaltensweisen, die sich gewohnheitsmäßig an öffentlichen Orten abspielen und Menschen "gleichen Schicksals" miteinander in Kontakt bringen. Gerade die Ermöglichung von Kontakten zwischen Trauernden, als Menschen, die zur gleichen Zeit das selbe Schicksal erlitten haben, halten die beiden Autoren für eine wichtige Zukunftsaufgabe der Begräbnisplätze.

Das Thema "Lage, Größe, Dichte und Gestalt zukünftiger Friedhöfe" ist leider wieder nur auf den Gegensatz "weiträumiger Parkfriedhof - zukünftige wohngebietsnahe Stadtteilfriedhöfe" zugespitzt. Dadurch wird die vorhandene Vielfalt von Friedhofsanlagen ausgeblendet, die bekanntermaßen je nach Siedlungsform, Entstehungszeit, Trägerschaft und ursprünglicher Zielvorstellung in Bezug auf Anlageform und Art der Grabgestaltung ganz unterschiedlich sein können. Hier wäre eine ausgiebige Recherche des heutigen Ist-Zustandes mit seinen diversen Friedhofsbildern wünschenswert, um zielgenauere Prognosen für verschiedene Friedhofstypen herauszuarbeiten. So scheint das Leitbild wohngebietsnaher und fußläufig erreichbarer Stadtteilfriedhöfe, die der angeblich neuen Funktion der Trauer entsprechen, sehr kurz gegriffen. Nach Ansicht der Autoren haben solche kleinen Anlagen den Vorteil, dass sie nicht mehr wie in der bisherige Planung üblich für lange Zeiträume ausreichen müssen. In diesem Zusammenhang weisen die beiden Autoren darauf hin, dass es durch die Zunahme der Urnenbestattung heute sowieso schon auf vorhandenen Friedhöfen zu Überhangflächen kommt, in Zukunft also keine großen zusammenhängenden Flächen für Friedhöfe mehr benötigt werden.

Dazu kommt die These, dass eine lockere Belegung in weiträumigen Park- oder Waldanlagen den Tod verdrängt. Wenn man den offenen Umgang mit dem Tod als Zielvorstellung ausgibt und zugleich behauptet, dass auf dem Friedhof die Entfernung der Gräber voneinander mit dem Maß der Verdrängung des Todes korreliert, dann können neue Friedhöfe ruhig eng mit Grabstätten belegt werden. Diese Gestaltung steht dann für einen offenen Umgang mit dem Tod, der zusätzlich noch die positive Wirkung hat, dass Kontakte und Gespräche zwischen Hinterbliebenen erleichtert werden.

Zu befürchten ist, dass diese Verbindung von gesellschaftlichen Zielvorstellungen vom guten Tod und gelingender Trauer mit einer Anlagegestaltung, die unter ökonomischen Gesichtspunkten als "quadratisch, praktisch, billig" bezeichnet werden kann, leicht zur Kaschierung von im Grunde hauptsächlich wirtschaftlich begründeten Zielvorstellungen bei zukünftigen Friedhofsträgern dienen kann. Hier wäre eine Befragung von Friedhofsbesuchern eine Möglichkeit, um die tatsächlichen Bedürfnisse derer zu erfahren, die möglicherweise nicht nur als Trauernde ihre städtischen Friedhöfe - egal ob nah oder fern der Peripherie gelegen - besuchen.

Park- und waldartigen Friedhöfen mit künstlerisch gestalteten Grabdenkmälern und -bauten werfen Nohl und Richter zudem vor, dass sie - besonders durch das Eingreifen des Denkmalschutzes - kaum veränderbar sind. Ihrer Meinung nach wird es für die Friedhofsträger dadurch oft problematisch, notwendige räumlich-strukturelle Veränderungen vorzunehmen, strukturelle Sanierungen einzuleiten oder vegetationstechnische Eingriffe beim Baumbestand zu gestatten. Für solche Friedhöfe fordern sie künftige Friedhofsentwicklungsplanungen. Dabei ist anzumerken, dass in solchen Planungen gerade der Denkmalschutz und die Erhaltung historischer Grabstätten und Grabfelder oder sogar ganzer Friedhöfe als ein wichtiges Ziel der Friedhofskultur angesehen werden kann. Es darf in den einzelnen Entwicklungsplänen daher nicht vordringlich - wie die beiden Autoren meinen - um die schrittweise Anpassung der Beisetzungsräume an veränderte Nutzungen gehen, die hauptsächlich von ökonomischen Vorstellungen ausgeht, sondern es muss sich um eine Abwägung aller Forderungen handeln, die sich an eine heutige Friedhofsanlage stellen.

Im Anschluss an diese Einschätzungen richten Nohl und Richter ihr friedhofskulturelles Leitbild für die nächsten Jahrzehnte auf. Mit Leitbild ist dabei gemeint, dass "visionäre Vorstellungen von einer (besseren) kulturell orientierten Zukunft der Friedhofs" formuliert werden. Es besteht aus einer Zusammenstellung von Leitzielen, die in ihrer Gesamtheit "eine kulturell orientierte Perspektive für den Friedhof der Zukunft aufzeigen und den Friedhof als eine soziokulturelle Einrichtung beschreiben". An dem Leitbild soll sich zukünftiges Handeln prüfen lassen, wobei es sich "auf die Beschreibung des gewünschten kulturellen Zustandes" beschränkt und sich vorrangig auf verstädterte Räume bezieht.

Als Grundgedanke für dieses Leitbild wird der gemeinsame, öffentlich zugängliche Friedhof festgesetzt. Schon dabei ist zu fragen, ob die - durchaus verführerische - Idee der Gemeinsamkeit nicht einer utopischen Hoffnung nach einer "besseren Welt" entspringt und damit immer noch dem Zeitalter der Aufklärung und Säkularisierung verhaftet ist; nach einer besseren Welt nämlich, in der wenigstens im Tode wirklich alle Menschen gleich sind. Ob dieser Grundgedanke wirklich das Fundament zukünftiger Planung bilden soll, ist unbedingt zu diskutieren, bevor man die davon abgeleiteten Ziele unterstützt. Immerhin könnte man sich in einer kapitalistischen Wirtschaftsordnung, wie sie heute in Europa besteht, auch vorstellen, dass sich gerade solche Friedhöfe durchsetzen werden, die mit Exklusivität und ästhetischer Gestaltung darum werben, dass wohlhabende Angehörige ihre Toten auf ihnen bestatten - ein solcher Friedhof ist z.B. schon auf Mallorca vorhanden. Vielleicht entstehen auch Begräbnisstätten, die durch besondere Schlichtheit und Einfachheit signalisieren, dass sie dem Wunsch nach Gleichheit unter den Menschen den Vorzug geben. Aber es sind auch "Restfriedhöfe" denkbar, die ähnlich den vorhandenen Sozialgrabfeldern auf größeren Friedhöfen zwangsweise und aus Geldmangel eine so einfache Ausstattung wie nur möglich aufweisen.

Andererseits sei hier etwas provokant gefragt: Kann und soll am Friedhofwesen unsere Kultur (sprich Welt) "genesen"? Halst man mit dem Grundgedanken von der besseren Welt im Tode nicht ausgerechnet dem Bestattungswesen ein unhaltbares Heilsversprechen auf? Anzumerken ist in diesem Zusammenhang, dass Historiker in den Friedhöfen der Vergangenheit jeweils ein Spiegelbild der Gesellschaft, die sie anlegt hat, wieder erkennen. Wäre für die Zukunft einer pluralistischen, multikulturellen und unreligiösen (also säkularen) Gesellschaft nicht zu erwarten, dass ihre Friedhöfe - sofern sie überhaupt noch als Orte wahrgenommen werden, auf denen nicht nur bestattet, sondern auch getrauert und erinnert wird - ein buntes, pluralistisches und multikulturelles Bild widerspiegeln, in dem eine große Offenheit für ganz unterschiedliche Grabanlagen, Grabarten, Gedächtnis- und Erinnerungsmale und Ausdrucksformen der Trauer vorhanden ist?

Nohl und Richter heben nach diesem Grundgedanken die Trauer als lebenswichtigen Faktor für Menschen, die Angehörige bestatten, besonders hervor. Ihr Leitbild zielt darauf ab, dass zukünftige Friedhöfe ermöglichen sollen, diese Trauer wieder besser und offener auszuleben. Nach der - schon mehrfach geäußerten - Ansicht der Autoren müssen die Friedhöfe dafür aus der Anonymität der Peripherie der Städte in das örtlich-öffentliche Geschehen zurückgeholt werden. Hier könnte man sich noch eine ganze Reihe weiterer Maßnahmen vorstellen, durch die Friedhofträger ihren "Klienten" entgegenkommen könnten, um ihnen bei der Verarbeitung der Trauer zur Seite zu stehen. Allerdings müssten sie sich dafür mehr solchen Aufgaben zuwenden, die heute im Bereich sozialer und psychischer Betreuung angesiedelt sind und die Grenzen der reinen "Verwaltung" des Todes deutlich überschreiten.

Für das Leitbild wird zusätzlich formuliert, dass diese neuen Friedhöfe nicht mit staatlichem Zwang (Friedhofszwang) durchgesetzt werden sollen. "Es muss den Menschen, wenn sie es denn wünschen und gefahrlos für andere und die Umwelt bewerkstelligen können, möglich sein, auch außerhalb eines Friedhofs ihre letzte Ruhe zu finden (z.B. Seebestattung)." Gefordert wird, dass die Bevölkerung ihre Friedhöfe aus eigenem Antrieb akzeptieren und fördern soll. Dazu müsste es ihr nach Meinung von Nohl und Richter ermöglicht werden, eigene Vorstellungen bezüglich Bestatten und Trauern einzubringen und sich an wesentlichen Entscheidungen bezüglich ihres Friedhofes zu beteiligen. Außerdem müssten sich die Grabgebühren in angemessener Höhe halten.

Als Ziel wird eine Friedhofskultur gefordert, die es den Menschen erlaubt, ihre Bestattungsräume emotional zu bejahen und sich mit ihnen zu identifizieren. Die Autoren meinen sogar, dass eine solche Bindung und Identifikation möglicherweise in Zukunft mit anderen als kommunalen Trägern leichter erreichbar ist und dazu bestimmte Hoheitsaufgaben auf andere - öffentlich bestellte und kontrollierte - Institutionen übertragbar sein müssten. Unter dieser Bedingung halten sie auch private, genossenschaftliche u.a. Trägerschaften im Friedhofswesen für möglich, wobei sie ausdrücklich nicht wünschen, dass solche Friedhöfe zum Ausschluss bestimmter Personen führen und damit zum "Klassenfriedhof" (s.o.) mutieren.

Für einzelne Zielbereiche des Leitbildes wird formuliert, dass zukünftige Friedhöfe Orte sein sollen, an denen Betroffene direkt oder symbolisch von geliebten Menschen Abschied nehmen und Trauerarbeit leisten können. Zugleich sollen sie viele Menschen ansprechen und dürfen nicht dominant von bestimmten tradierten Religionen und Jenseitsvorstellungen geprägt sein. Zugleich aber sollen die unterschiedlichsten Gruppen auf ihnen ihren eigenen Platz finden und auch unterschiedliche Bestattungsformen möglich sein. Dazu gehört auch die Aschenstreuwiese und andere gemeinschaftliche Beisetzungsformen. Nohl und Richter erwarten dabei auch, dass die Menschen in Zukunft mehr als bislang zwischen dem Ort der Beisetzung und der Stätte des Gedenkens unterscheiden werden, so dass die Funktion der Friedhöfe als Gedenk- und Erinnerungsstätte schwächer werden wird. Als Gegenmittel dafür wird gruppenübergreifendes Denken mit gemeinsamen Erinnerungs- und Gedenkfeiern anvisiert. Zum Schluss sind die Empfehlungen für die Zukunft noch einmal in eindeutigen Empfehlungen für die Zukunft zusammengefasst, die Planern und Verwaltern handhabbare Regeln für die Einrichtung zukünftiger und Umgestaltung heutiger Friedhöfe geben sollen.

In der Arbeitsgemeinschaft Friedhof und Denkmal (AFD) hat inzwischen der Beirat für Grundlagenforschung mit dieser Diskussion begonnen. Der Beirat hat sich dafür ausgesprochen, dass die Studie zur Grundlage einer breiten Diskussion innerhalb aller beteiligten und interessierten Gruppen gemacht wird, wobei auch die Gefahr von Empfehlungen und "Handreichungen" angesprochen wurde. Nur allzu leicht können sie dazu missbraucht werden, Gruppeninteressen durchzusetzen, anstatt durch Diskussion und Kompromiss zu einem Ergebnis zu kommen, dass jeweils im Einzelfall sowohl Friedhofsnutzer wie beteiligte Fachleute zufrieden stellt. Wie nicht anders zu erwarten wurde in der Diskussion besonders kontrovers die erwartete und befürwortete Aufhebung des Friedhofszwanges behandelt. Aber es wurde auch darauf hingewiesen, dass gerade im Friedhofswesen die Leitbilder der Friedhofsreformer des letzten Jahrhunderts starke Auswirkungen gezeigt und zu der heutigen vereinheitlichten und typisierten Friedhofs- und Grabmalkultur geführt haben. In einer völlig gewandelten Kultur kann es nicht das Ziel der Verantwortlichen sein, wieder neue Leitbilder, Reformen und im Endeffekt neue Reglementierungen zu entwickeln und durchzusetzen, sondern die Friedhöfe müssen wie andere sozio-kulturelle Einrichtungen sozusagen am Puls der Zeit bleiben und auf die tatsächlichen Wünsche und Forderungen der Friedhofsnutzer, der Trauernden, der Hinterbliebenen, der Erinnerungstouristen und aller jener die einen besinnlichen Ort mitten im Leben suchen, adäquat reagieren. Eindeutige Handlungsaussagen und Leitbilder machen es allen Beteiligten zu einfach und schneiden der notwendigen Diskussion von vornherein das Wort ab. Eine solche Diskussion angefacht und ihr eine Basis geschaffen zu haben, ist das Verdienst der hier vorgestellten Studie.

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