OHLSDORF - Zeitschrift für Trauerkultur

Kind und Trauer: Historische Grabstätten

 - November 2001
Ausgabe: 
Nr. 75, IV, 2001

In der Ausgabe unserer Zeitschrift Nr. 74 hatten wir einen Überblick über Kindergrabstätten auf dem Ohlsdorfer Friedhof gegeben, die den Tod von Kindern und jungen Menschen belegen.

Nur kurz wurde dabei auf Grabsteine hingewiesen, die die umgekehrte Lage darstellen - wenn Kinder den Tod von Angehörigen oder Nahestehenden erleben müssen. Hier sollen einige kunsthistorisch wertvolle Beispiele etwas genauer erwähnt werden.

Vorab aber ist eine Ergänzung zum Thema der historischen Kindergemeinschaftsgräber angebracht: Erwähnt werden könnte auch der britische Garnisonsfriedhof in Lage Bl 58, wo 304 Männer begraben sind, aber auch Frauen und zahlreiche Kinder, die von 1945 bis 1958 in Hamburg stationiert waren und hier verstarben.

Eine Berichtigung zum ersten Artikel ist ebenfalls nötig, die wir dankbar dem Brief eines sorgfältigen Lesers entnehmen. Über das Grabmal JAHNS (1908, Lage: AG 24) vom Bildhauer Richard Luksch schreibt Herr Meinert: "Ich bin Pate dieses Grabmals. Es handelt sich aber nicht um ein Kindergrab. Franziska Jahns, * 8. Juli 1850 † 24.Febr. 1907, war Erzieherin im Hause des Bankiers Moritz Warburg. Zu ihren Schützlingen gehörte auch Aby Warburg, der sie besonders geschätzt hat. Ich besitze ein Foto von Franziska Jahns im Kreise der Familie Warburg."

Er gibt auch wertvolle Informationen zu zwei begleitenden Fotos, die beide vor fünf Jahren entstanden: "Das Grabmal Horst OELSCHLÄGER steht nicht mehr Bl 52, sondern auf dem anonymen Urnenhain bei der Kapelle 2. Auch die auf der letzten Seite abgebildete Figur auf dem Grabmal DOBBERTIN (O 26) ist seit etwa drei Jahren nicht mehr vorhanden." Wie auch Herr Marheinecke in seinem Buch "Trauer, Hoffnung, Glaube..." bedauert, ist die Skulptur des jungen müden Wanderers leider gestohlen worden.

Nun aber zu den kunsthistorischen Darstellungen von Kindern in der Trauer. Fünf sind hier besonders schön, alle stehen im alten "Cordes-Teil" des Ohlsdorfer Friedhofs und entstanden um die vorige Jahrhundertwende. Trauernde Mädchen sind wohl in dieser Zeit sehr beliebt: Sie werden aus Bronze oder Marmor dargestellt, mit Blumenstrauß oder Immortellenkranz in der Hand, betend oder Rosen streuend, oft in Begleitung der Mutter, meist den Blick nach unten gerichtet, bekleidet nach der Mode der Zeit oder in wenig Stoff gehüllt.

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Grabmal Gaiser (Foto: Behrens)

Vier solchen Darstellungen aus dem Ende des neunzehnten Jahrhunderts sind erwähnenswert. Es sind die Grabstätten:

GAISER (1894) mit den Bronzeskulpturen zweier Waisenkinder (von R. Grütner); ein kleiner Junge mit zwei Blumenkränzen und ein etwas größeres Mädchen mit einem kleinen Blumenstrauß trauern um den "Wohltäter der ärmeren Kinderwelt": Gottlieb Leonhard Gaiser aus Württemberg war Gründer einer Ölmühle in Harburg sowie eines Waisenhauses;

BONNE/REYE (1895, V22) vom Bildhauer Engelbert Peiffer: Ein betendes Mädchen und die sitzende Mutter mit einem Blumenkranz, beide aus weißem Marmor, trösten sich gegenseitig; das Kreuz im Hintergrund drückt ihre christliche Hoffnung aus;

HELL (1895/96), wo ein Mädchen gemeinsam mit seiner Mutter den Großvater beweint, beide ebenfalls in Bronze gearbeitet;

OETLING (1897, W 21) von Heinrich Ueberbacher, wiederum mit einer Gruppe aus weißem Marmor: Eine Frau blickt in die Ferne und legt die Hand auf die nackte Schulter eines nur mit einem Tuch bekleideten kleinen Mädchens, das eine Rose aus seinem Strauß auf das Grab wirft - vermutlich des Vaters.

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Grabmal Oetling (Foto: Behrens)

Zu den Grabstätten aus dieser Zeit kann ein fünftes Beispiel erwähnt werden, das wenige Jahre später als Teil eines dreiteiligen Grabmals für die Familie COHEN (1901/1904, O 12/P 12) entstand und einen nackten Knaben darstellt. Im Hintergrund das Hauptgrabmal - ein schlichter weißer Obelisk. Vorne links schuf der Bildhauer Fritz Behn aus Berlin ein bewegendes Kinderbild: Der Knabe sitzt allein auf einem Felsen, in Nachsinnen versunken. Rechts, dem Kind gegenüber, die dritte und etwas spätere Figurengruppe, vom Bildhauer Hugo Lederer: ein Mann, wohl der Vater des Jungen, wird vom Tod in der Gestalt einer wuchtigen Schicksalsfrau weggerissen und blickt ein letztes Mal nach seinem Sohn.

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Grabmal Cohen (Foto: Behrens)

Das sechste Grabmal, auf das wir zuletzt hinweisen möchten, befindet sich ebenso im älteren westlichen Teil des Friedhofs, obwohl es in diesem Fall aus dem Anfang der 30er Jahre stammt, also aus der Zeit nach der Grabmalkulturreform. Dadurch ist das Grab der Familie JOHNE (1931, Y 7) im Vergleich zu den vorher genannten Grabstätten viel bescheidener im Format und im Material, dennoch rührend in dem, was da ausgedrückt wird.

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Grabmal Johne (Foto: Behrens)

Er stellt einfach drei Köpfe dicht an dicht dar: zwei Kinderbüsten umrahmen die 22-jährige Elfriede, die sich auf sie stützt, die Hände auf ihre Schultern legt und schon mit geschlossenen Augen Abschied nimmt. Für Kinderschultern sicherlich eine schwere Last, die eine lange Trauernacharbeit verlangen wird. Aber diese Dreiergruppe, so friedlich, fast lächelnd und voller Zuversicht, vermittelt doch eine tröstliche Botschaft, nämlich dass dieser Abschied nichts Endgültiges hat.

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