OHLSDORF - Zeitschrift für Trauerkultur

Der protestantische Friedhof in Bordeaux

 - November 2000
Ausgabe: 
Nr. 71, IV, 2000

Kurz nach den Besichtigungen der historischen Friedhöfe in Dresden im September 1999 anlässlich des 10. Jubiläums des Förderkreises besuchte ich wieder einmal den kleinen "Cimetière Protestant" in der Rue Judaique in Bordeaux, wo u.a. meine Großeltern beiderseits und seit 1965 auch meine Mutter liegen.

Erstaunt stellte ich fest, dass er wunderschöne klassizistische Grabmäler aus dem 19. Jahrhundert besitzt, und nach einigen Erkundungen entdeckte ich, welche besondere und eigentlich hoch interessante Stellung er hat, und zwar nicht nur kunsthistorisch.

Erstens legt er Zeugnis ab von der bewegten Geschichte des französischen Protestantismus seit der Reformation, zweitens ist er sehr international und enthält etliche ausländischen Namen, besonders aus Deutschland, die auf die Situation der Stadt als Hafen und im Weinhandel hinweisen, und drittens wird er immer noch benutzt und gibt auch Beispiele von Gräbern, wie sie auf anderen "normalen" französischen Friedhöfen überall zu sehen sind.

Ein Jahr nach dem Edikt von Nantes (1598) bekommen die Reformierten ihre erste Kirche in Bègles, einem Sumpfgebiet südlich von Bordeaux, sowie einen eigenen Friedhof in der Stadt. Aber schon Mitte des 17. Jahrhunderts erleben sie zunehmend Schwierigkeiten: Mist und Müll werden gelegentlich über die Friedhofsmauer geworfen, man versucht mehrmals diese abzureißen, die Beerdigungen dürfen nur ganz früh morgens oder spät am Abend stattfinden, mit höchstens 30, später nur noch mit 10 Teilnehmern.

Nach dem Widerruf des Edikt von Nantes (1685) und dem Verbot jeglicher protestantischer Glaubensausübung, ebnen 350 Arbeiter die Kirche ein und der Friedhof gehört nunmehr einem Krankenhaus. Fast ein Jahrhundert lang müssen sich dann die Hugenotten in Bordeaux verstecken, der Gottesdienst wird vom Familienvater gehalten (Bibel und Bücher kommen heimlich durch Hilfe aus Holland und der Schweiz, einmal sogar in einem leerem Weinfass) und die Bestattungen können nur nachts in den Stadtgräben oder außerhalb der Stadt in den Feldern und entlang der Wege stattfinden; glücklich sind dann diejenigen, die einen privaten Garten oder Weinkeller haben, der die Toten vor Hunden und auch Dieben schützt - für arme Leute ist ein Leichentuch schon ein Wertgegenstand...

Erst in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts bringt das Zeitalter der Aufklärung eine Wiederbelebung der protestantischen Kirche in Bordeaux. Aufgrund ihrer Bedeutung für den Welthandel in Bordeaux haben die Ausländer schon lange besondere Rücksicht genossen; so sind es Holländer (mit den Briten am zahlreichsten im 17. Jahrhundert), die im Jahre 1751 als erste einen eigenen Friedhof erhalten. Dieser wird schnell zu klein, da andere Ausländer ihn mitbenutzen, so dass 1769 ein neues Grundstück von 2700 m² gekauft werden muss; in diesem sogenannten "Cimetière des Etrangers" werden bis seiner Schließung im Jahre 1886 1103 Bestattungen (Mitglieder von Familien aus Deutschland, Holland, Skandinavien, Großbritannien und der Schweiz) stattfinden. Erst im Jahre 1756 dürfen die französischen Protestanten zum ersten Male wieder einen Kirchenvorstand bilden, der es nach drei Misserfolgen 1779 endlich schafft, den Friedhof "Rue Laville" - außerhalb der Stadt - zu kaufen: bis 1785 sieht dieser so wie ein eingefriedeter Garten aus, danach dürfen Grabmale aus Stein errichtet werden, allerdings nur mit dem Beerdigungsdatum; 690 Bestattungen finden hier zwischen 1779 und 1802 statt.

Mit dem Toleranz-Edikt von 1787 beginnen die Reformierten in Bordeaux anerkannt zu werden. Die große Mehrheit der protestantischen Bevölkerung hat mit Handel, Reederei sowie der daraus resultierenden Industrie (Zucker und Mehl) zu tun. Die ausländischen Protestanten stammen hauptsächlich aus Deutschland (durch zwei Wellen vor und nach 1730, zu 80 % im Handel tätig) und der Schweiz (qualifizierte Handwerker und Konditoren). 1798 wird ein renoviertes Gebäude als neue Kirche offiziell eingeweiht. Zu diesem Anlass findet eine Registrierung statt, 418 Familien werden gezählt, also circa 2500 Personen, davon 11 % Ausländer. Aber erst mit den organischen Artikeln des Concordats von 1802 werden die Protestanten in Bordeaux endlich offiziell voll anerkannt. Als nationale Kirche bekommen sie 1805 von der Regierung für ihre Gottesdienste ein ehemaliges Kloster, das in der Revolution zweckentfremdet als Futterspeicher benutzt wurde; zu dieser Zeit zählt man 9700 Protestanten, zur Mitte des 19. Jahrhunderts sind es eher zwischen 3300 und 7500 und maximal 1,6 bis 1,7 % der Stadtbevölkerung. Trotzdem wird dieses Jahrhundert auch für sie das goldene Zeitalter, in dem sie in der Stadt wirtschaftliche, soziale und politische Verantwortungen übernehmen dürfen.

Der Friedhof der Rue Laville, den die Protestanten seit 1779 besitzen, erweist sich schnell als zu klein, umso mehr, als der Kirchenrat nach 1817 Grabsteine erlaubt, die mehr Raum brauchen und neue Bestattungen schwieriger machen. Im Jahre 1825 wird also außerhalb der Stadt auf freiem Feld ein neues Grundstück, "7980 m² und 20 cm²" groß, gekauft, das schnell eingefriedet und bepflanzt wird und ein Wächterhaus bekommt. Das ist der heutige "Cimetière Protestant", der 1827 die erste Bestattung erlebt und 1865 vergrößert wird, in einer Zeit, in der die direkte Umgebung allmählich ganz bebaut wird und sich dann im Stadtgebiet befindet. Das Problem der Bestattung von Protestanten ist damit hier endgültig gelöst, aber gleichzeitig gehen dadurch auch die Traditionen etwas verloren.

Die Pastoren achten zwar auf die traditionelle Form der Beerdigung und vermeiden in der Grabrede jedes Lob der Verdienste der Verstorbenen, sie können aber die Familien, besonders die aus der Bourgeoisie, nicht daran hindern, größere und repräsentative Grabmäler errichten zu lassen. Säulen, Stelen und Steinplatten mehren sich, sogar Mausoleen und Kapellen, deren Mangel an architektonischer Schlichtheit erstaunen lässt, wenn man die puritanischen Eigenschaften der Reformierten bedenkt, die Anklänge an einen Totenkult verabscheuen. Man wundert sich also über manche auffällige Grabmale mit Portraits und Profilen (auch der Pastor Francois Martin, Kirchenratvorsteher, ließ sich so darstellen), die aber auf dem Ausländer-Friedhof schon üblich waren. Als dieser 1889 außer Betrieb gesetzt (und 1965 eingeebnet) wurde, brachte man einige von seinen Grabmalen an die Rue Judaique. Auch die sterblichen Reste der in der Rue Laville Bestatteten wurden dorthin umgebettet, als der Kirchenrat 1882 das Grundstück verkaufte - mehr als 50 Jahre nachdem der Friedhof geschlossen wurde.

So erklärt sich also, dass man heute noch vielen interessanten Grabsteinen aus dem frühen 19. Jahrhundert begegnet, deren Namen meistens fremder Herkunft sind. Einer der wohl ältesten ist das wunderschöne Grabmal der deutschen Familie Berendes und Streckeisen aus weißem Marmor mit der Überschrift "Ils ont vécu pour faire le bien" (sie haben gelebt, um Gutes zu tun) und drei Profil-Medaillons, deren älteste die Jahreszahlen 1785 und 1820 aufweisen. Andere Beispiele sind der riesige Sarkophag der Familie Bosc (1840) oder die neugotischen Mini-Kapellen der Familie Johnston, oder die englische Inschrift der Familie Barton aus dem Jahre 1867, da der Friedhof allen protestantischen - hauptsächlich reformierten, lutherischen und anglikanischen - Glaubensrichtungen offen stand und steht.

Viel typischer für die Tradition der französischen Reformierten ist aber eine schlichte, flache oder leicht angeschrägte Steinplatte mit einem Kreuz ohne Kruzifix, dem Familiennamen und einem Bibelspruch, meistens mitten in einer Kiesfläche und ohne Blumen, da das Grabmal für den Protestanten an sich nicht der Ort der Erinnerung an den Verstorbenen ist und auch nicht besucht wird.

Es handelt sich oft um ein Familiengrab auf Friedhofsdauer ("concession perpétuelle"). Man bezahlt einmalig den Preis des Grundstücks (wenn gewünscht, auch nur für 30 Jahre) und jährlich einen Beitrag zur Reinigung des Friedhofs, der Eigentum der "Eglise Réformée de Bordeaux" ist, man kann auch zusätzlich eine monatliche Pflege bezahlen, die für Blumen und Ordnung sorgt. Im Vergleich dazu werden die Plätze bei den katholischen und kommunalen Friedhöfen, die seit 1881 allen Konfessionen offen stehen, mit einem notariellen Akt gekauft und können weiter vererbt werden.

Außer den zuletzt beschriebenen Grabmalen und den älteren aus dem 19. Jahrhundert sollte noch eine Gruppe erwähnt werden, die immer zahlreicher wird: es sind Gräber mit einer Fülle von Plastik- und Porzellanblumen, Andenken und sonstigen bronzenen Dekorationen, wie man sie überall auf den französischen kommunalen Friedhöfen antrifft - Zeichen einer Anpassung durch die zunehmenden Mischehen, vor allem mit Katholiken, und des Verlustes der traditionellen Werte des Protestantismus in Frankreich.

Quellen:
PACTEAU de LUZE Séverine, "Le Protestants et Bordeaux", Mollat, Bordeaux, 1999
RUIZ A. (Dir.), "Présence de l'Allemagne à Bardeaus du Siècle de Montaigne à la veille de la Seconde Guerre mondiale", PUB, Bordeaux, 1997 (25 Jahre Goethe-Institut in Bordeaux

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