OHLSDORF - Zeitschrift für Trauerkultur

"Collosale Steine" auf dem Friedhof Kirchwerder

 - August 2000
Ausgabe: 
Nr. 70, III, 2000

Die Vier- und Marschlande gelten als "Gemüsegarten" der nahen Stadt Hamburg und sind eine seit vielen Jahrhunderten bestehende bäuerliche Marschenlandschaft.

Ebenso alt wie diese Kulturlandschaft sind auch ihre Dorfkirchen und die sie umgebenden Friedhöfe. Sie weisen dabei einige charakteristische Gemeinsamkeiten auf: Die Lage ist erhöht auf einer Wurt, Schmuckpforten stehen am Eingang, die Kirchen haben meist einen freistehenden Glockenturm, und es gibt viele historische Grabsteine. Am eindrucksvollsten war der Friedhof Kirchwerder. Neben den historischen Kindergrabsteinen, der älteste stammt aus dem Jahr 1586, beeindruckten gewaltige Grabplatten. Was es mit ihnen auf sich hat, erforschte der Historiker Prof. Dr. Joist Grolle und dokumentierte es in seinem Buch "Predigt der Steine – Totengedächtnis in Kirchwerder", dass 1997 als Arbeitsheft zur Denkmalpflege in Hamburg im Christians Verlag erschien. Mit freundlicher Genehmigung des Verlags veröffentlichen wir dazu den folgenden Text:

"Nirgendwo sonst in Norddeutschland gibt es einen Friedhof, auf dem sich aus den vergangenen Jahrhunderten so viele Grabplatten erhalten haben wie auf dem St. Severin-Friedhof des Dorfes Kirchwerder in den Vierlanden. Dank glücklicher Umstände haben sich dort nahezu hundert gewaltige Grabplatten erhalten, die Auskunft über das im 17., 18. und 19. Jahrhundert ausgeübte Totengedächtnis geben. Die ursprünglich liegenden Steine sind heute an den Rändern des Friedhofs und in dem der Kirche vorgelagerten "Brauthaus" aufgerichtet worden – Ergebnis einer erst im 20. Jahrhundert vorgenommenen "Musealisierung".

Der Autor interpretiert Inschriften und Reliefdarstellungen vor dem Hintergrund der reformatorischen Auferstehungslehre. Mit Hilfe überlieferter Leichenpredigten schildert er zwei Beispiele "vorbildlichen Sterbens" in jener Zeit. Das Bild des religiösen Ritus' wird durch eine Analyse der sozialen Situation in Kirchwerder ergänzt. Sie gibt Aufschluss über die unterschiedlichen Bestattungsriten der Reichen und Armen, die Auswirkungen der damals hohen Kindersterblichkeit, Sanktionen für "unehrliche Tote" und die Angst vor dem "schnellen Tod". Schließlich wird der Frage nachgegangen, warum die "collosalen Steine" seit dem Ende des 18. Jh. außer Gebrauch kamen."

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