OHLSDORF - Zeitschrift für Trauerkultur

Geschichte und Identität - Bürger bewahren den Friedhof "Unter den Linden" in Reutlingen vor seiner Schließung

 - September 1999
Ausgabe: 
Nr. 66 / 67, III / IV, 1999

Friedhöfe haben sich in den letzten Jahrzehnten wiederholt als spezifische Identitätsträger von Städten und Gemeinden erwiesen, indem sich Bürger für den Erhalt historischer Grabstätten oder ganzer Begräbnisanlagen engagierten.

Dies ist angesichts des von Historikern und Sozialwissenschaftlern diagnostizierten Gedächtnisschwundes in einer schnellebigen Moderne und der vielbeklagten Gleichgültigkeit gegenüber sepulkraler Kultur, die sich in der stetigen Zunahme anonymer Beisetzungen zu bestätigen scheint, umso bemerkenswerter und erfreulicher.

Der Friedhof "Unter den Linden" in Reutlingen ist ein Beispiel dafür, wie sehr sich das historische Selbstbewußtsein einer Bürgerschaft an einen Begräbnisplatz heften kann und wie seine drohende Schließung die Bereitwilligkeit zur politischen Einflußnahme nicht parlamentarisch gebundener Bürger motivieren kann.

Als besonderer Umstand erweist sich hierbei, daß der Friedhof "Unter den Linden" in der Stadtgeschichtsforschung als Teil einer alemannischen Ursiedlung gilt und somit über 1500 Jahre bis auf den heutigen Tag auf diesem Gelände bestattet wurde. Mit der Verlagerung der Kernsiedlung um die heutige Marienkirche blieb der Friedhof weiterhin bis in die zweite Hälfte des 20. Jahrhunderts am selben Ort. Er war also bis auf einige kleine Grabfelder bei den mittelalterlichen Klöstern der einzige Begräbnisplatz der Stadt Reutlingen. Im Jahre 1959 wurde er mit einem Gemeinderatsbeschluß wegen Vollbelegung für den allgemeinen Bestattungsbetrieb geschlossen, und am 1. November desselben Jahres wurde der weit außerhalb der Stadt liegende Friedhof auf der Römerschanze eröffnet. Laut Gemeinderatsbeschluß war die Beisetzung von Urnen weiterhin möglich, und in Gräbern mit Nutzungsrechten konnten bis 1985 auch noch Erdbestattungen vorgenommen werden. Der Friedhof sollte dann nach Ablauf der letzten Ruhefristen im Jahre 2005 in einen Park mit erhaltenswerten Grabdenkmälern umgewandelt werden.

Als dieser Termin immer näher rückte, konstituierte sich im Jahre 1986 die überparteiliche Bürgerinitiative "Freundeskreis des Friedhofes Unter den Linden", die sich nachdrücklich für den Bestand dieses Friedhofes einsetzte. Mit zahlreichen Informationsveranstaltungen, Unterschriftenlisten, Leserbriefen und einer öffentlichen Eingabe an den Gemeinderat und die Stadtverwaltung suchte sie den Oberbürgermeister und den Gemeinderat zur Rücknahme des Beschlusses von 1959 zu bewegen.

Sie erarbeiteten eine umfangreiche "Dokumentation: Freundeskreis des Friedhofes Unter den Linden. Land zum Überrollen? Reutlingen 1990", in der sie die traditionsfördernde und gemeinschaftsstiftende Kraft des Friedhofes hervorhoben. Sie wiesen auf die "trauliche Atmosphäre" des alten Begräbnisplatzes hin, der eine "zu Fuß erreichbare Oase der Ruhe" sei, "ein Ort zum Abschalten von der Hektik des Alltags", der die Möglichkeit zu einem Spaziergang in die Vergangenheit und die Gelegenheit zur ungestörten Rast auf einer Bank biete. Er sei ein Ort der Erinnerung an die Dahingegangenen, der Begegnung und Gespräche der Besucher. "Er bietet eine Gelegenheit, sich der Geschichts- trächtigkeit des Ortes und der Stadt Reutlingen überhaupt, wie sie fast nur noch in diesem alten Friedhof zum Ausdruck kommt, bewußt zu werden." Viele der Mitstreiter pflegten dort ihre seit vielen Jahrzehnten erworbenen Familiengräber und fürchteten zu Recht einen Traditionsverlust durch die drohende Schließung des Friedhofes "Unter den Linden".

Der Erfolg dieser nachhaltigen Bemühungen war, daß schließlich im Oktober 1987 die Wiedereröffnung des Friedhofes für den allgemeinen Bestattungsbetrieb vom Gemeinderat beschlossen wurde. Seither ist der Friedhof "Unter den Linden" wieder für alle Formen der Bestattung zugänglich, und es hat sich überdies gezeigt, daß eine Überbelegung vorerst nicht abzusehen ist. Der Friedhof erfreut sich nun einer großen Beliebtheit bei der Bevölkerung, liegt er doch stadtnah und sit somit für viele ältere Bürger zu Fuß zu erreichen. Aufgrund seiner relativ zentralen Lage wird er vor allem in den Sommermonaten vielfach von Menschen aufgesucht, die nicht nur ihre Gräber zu pflegen haben. So nutzen etliche Besucher in der Mittagspause den ruhigen und schattigen Friedhof als einen Ort der Ruhe und Kontemplation.

Als Folge dieses durch den Druck der Öffentlichkeit bewirkten Beschlusses im Jahre 1987 hat dann der Gemeinderat im Jahre 1991 Mittel für eine umfassende Dokumentation bereitgestellt. Als Kulturwissenschaftlerin habe ich zunächst mit einer Gruppe von Studierenden der Universität Tübingen den Grabmalbestand von insgesamt 3665 Grabdenkmälern auf eigens entwickelten Erhebungsbögen erfaßt. Es wurde der Grabmalbestand von 1800 bis in die Gegenwart, d.h. bis 1991 erhoben. Damit wurden erstmals in der Bundesrepublik exakte Daten über die Entwicklung des Grabmalbestandes über einen Zeitraum von 200 Jahren bis in die Gegenwart dokumentiert. Bislang hatte man sich auf die Erhebung historischer Grabmalformen konzentriert, d.h. bis etwa in die 1920er Jahre.

Die Grabdenkmäler wurden photographisch dokumentiert, kunsthistorisch beschrieben und klassifiziert, die Materialien und Schrifttypen bestimmt und einzeln auf ihren Erhaltungszustand überprüft. Ich habe schließlich Empfehlungen für die künftige Erhaltung unter verschiedenen Gesichtspunkten entwickelt. Neben künstlerischen Objekten wurden vor allem auch typische Zeitzeugnisse industriell-handwerklicher Produktion wie die lange geächteten Galvanoplastiken, Grabdenkmäler aus Kunststein und Grabzeichen aus den 1950er und 1960er Jahren, die unter dem Eindruck der Friedhofsreformbewegung gestaltet wurden, unter Schutz gestellt. Es wurden insgesamt kanpp 400 Grabdenkmäler zur Erhaltung empfohlen. Überdies wurden Vorschläge und Entscheidungshilfen für den Erhalt und die Sicherung des historisch wertvollen Grabmalbestandes entwickelt. So wurde etwa ein Teil der historischen Grabdenkmäler, die sich nicht mehr in situ befanden, in den Nischen an der Friedhofsmauer untergestellt, andere wurden an prominenter Stelle vor der Aussegnungshalle plaziert und eine weitere Gruppe wurde schließlich dem bekannten Patenschaftsmodell zugeführt. Leider findet das Patenschaftsmodell in Reutlingen bislang keine große Akzeptanz, da darüber nicht genügend von der Friedhofsverwaltung informiert und hierfür geworben wird. Dies zeigt erneut, daß die Friedhofs- und Grabmalkultur eines besonderen Engagements und einer eigenen Sensibilität bedarf.

Aus diesem Grund habe ich während der Dokumentation gemeinsam mit den Studenten Führungen auf dem Friedhof veranstaltet und eine Artikelserie "Sprechende Steine" für die örtlichen Zeitungen verfaßt, in welcher einzelne Grabmaltypen in Bild und Wort vorgestellt wurden. Die Führungen, die teilweise eigenständig von den Studenten durchgeführt wurden, fanden viel Zustimmung in der Bürgerschaft und haben sicherlich das Empfinden für eine gute Grabmalgestaltung geschärft.

Angesichts des positiven Verlaufs der Inventarisierungsmaßnahme und ihrer interessanten, die ursprünglichen Erwartungen übertreffenden Resultate entschloß sich die Stadt Reutlingen, eine weitere intensive wissenschaftliche Beschäftigung mit diesem Thema zu fördern und eine Veröffentlichung der Ergebnisse anzustreben. Ich wurde daraufhin mit der wissenschaftlichen Auswertung des vorliegenden Materials sowie weiteren Untersuchungen zur Geschichte des Friedhofs betraut. Das Ergebnis ist die Monographie: Barbara Happe: Der Friedhof "Unter den Linden" in Reutlingen. Seine Geschichte und ausgewählte Grabmäler aus dem Zeitraum 1800-1992. Reutlingen 1994.

Dieses kurz geschilderte Fallbeispiel zeigt, daß auch heute noch historische Friedhöfe eine Bindungskraft erzeugen können und daß Menschen bereit sind, sich für ihren Erhalt einzusetzen. Eine wichtige Voraussetzung hierfür dürfte sicherlich sein, daß auf einem historischen Friedhof die Kontinuität der weiteren Benutzung gegeben ist, damit die Identifikation mit diesem Ort immer wieder neu erzeugt wird. Auch für die Friedhofsträger ist dies unter dem Gesichtspunkt der Unterhaltungskosten ein wichtiger Aspekt.

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