OHLSDORF - Zeitschrift für Trauerkultur

Denk' mal ans Denkmal oder: Wo endete Lützows wilde verwegene Jagd? Der Alte Berliner Garnisonfriedhof in Berlin-Mitte

 - September 1999
Ausgabe: 
Nr. 66 / 67, III / IV, 1999

Inmitten Berlins hat sich ein Kleinod aus der Berliner Friedhofsgeschichte erhalten: Der "Alte Berliner Garnisonfriedhof" in der Spandauer Vorstadt - nicht zu verwechseln mit dem Stadtbezirk Spandau.

Angelegt um das Jahr 1706, ist er der älteste Militärfriedhof Berlins und einer der ältesten erhaltenen Friedhöfe im Zentrum dieser Stadt überhaupt. In der Kleinen Rosenthaler Straße 3 am Rande des historischen Scheunenviertels gelegen, wurde er bis in die Zeit nach dem Zweiten Weltkrieg als Begräbnisplatz genutzt und stellt noch immer mit seinen Grabmalen nicht nur ein militär- und allgemeinhistorisches, sondern vor allem ein kunsthistorisches Dokument aus der Berliner Kulturgeschichte dar.

Insonderheit sind es die zahlreichen neoklassizistischen und neogotischen Grabmale aus der Berliner Bildhauerschule des 19. Jahrhunderts, die ihn bis in die Gegenwart für die Stadt als vergleichsweise einmalig erscheinen lassen. Hierbei sind vor allem die Grabmale aus der Blütezeit des Berliner Eisenkunstgusses prägend. Geformt nach Entwürfen von K.F. Schinkel, J.G. Schadow, F. Tieck, L. Wichmann, sind diese Male einstmals in den Werkstätten des Berliner Eisenkunstgusses, vornehmlich in der Königlichen Eisengießerei gegossen worden. Anfangs als Surrogat aus der Not der Befreiungskriege heraus entstanden - "Gold gab ich für Eisen" - entwickelte sich dieser Berliner Eisenguß in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts sehr schnell zu einem eigenen Kunsthandwerk und wurde als "Fer de Berlin" oder "Iron of Berlin" weltberühmt.

Diese glücklicherweise bis heute in großer Zahl erhalten gebliebenen Kleinodien der Grabmalkunst sind es aber auch, die den heutigen Denkmalpflegern aufgrund fortschreitender Korrosionschäden die größten Sorgen bereiten. Im wesentlichen war dieser Garnisonfriedhof in seinem Bestand bis in die 70er Jahre dieses Jahrhunderts erhalten geblieben, obgleich zuletzt wohl in einem ungepflegten Zustand, wie er für einen aufgelassenen Begräbnisplatz mit abgelaufenen Ruhefristen und ohne ureigenen Friedhofsträger typisch sein dürfte.

Der ursprüngliche Rechtsträger war die frühere Evangelische Garnisongemeinde in Berlin, eine königlich preußische Stiftung unter dem Patronat des Herrscherhauses. Seit dem Zusammenbruch des Kaiserreiches blieben die rechtlichen Bedingungen für diese Gemeinde und ihren Friedhof letztendlich bis zum Ende des II. Weltkrieges ungeklärt. Nach dem Jahre 1945 betrachtete der Alliierte Kontrollrat die Einrichtungen dieser Stiftung als zum preußischen Staat bzw. zur Wehrmacht zugehörig. Die Gemeinde als reine Personalgemeinde bestand seit Kriegsende nicht mehr; sie hatte sich aufgelöst. Die Garnisonkirche war im Zweiten Weltkrieg ausgebrannt. Lediglich der Friedhof war erhalten geblieben. Erst Anfang der 50er Jahre wurde er dem Stadtgartenamt beim Magistrat von Ost-Berlin unterstellt.

Im Jahre 1978 drohten dann für den Friedhof ernsthafte existentielle Gefahren. Weniger ideologische Gründe, wie oftmals gemeint wird, - zu dieser Zeit hatte in der offiziellen Geschichtsschreibung der DDR bereits schon seit längerem ein Umdenkprozeß bezogen auf die preußische Geschichte eingesetzt - als vielmehr handfeste ökonomische Zwänge dürften hierfür maßgebend gewesen sein. Um die Anlage pflegeleichter gestalten zu können, sollten die Gräber eingeebnet, die überkommene Friedhofsstruktur aufgehoben und das ca. 0,9 ha große Areal in einen Park umgewandelt werden. Es bestand die Gefahr, daß hierbei aus Unkenntnis oder Gleichgültigkeit wertvoller Grabmalbestand hätte verloren gehen können.

In dieser Situation rief unter dem vorstehenden Slogan eine Berliner Interessengemeinschaft Denkmalpflege im Kulturbund der DDR interessierte Mitbürger auf, sich der Pflege dieser Grabmale anzunehmen. Entsprechende Plakate fanden im Jahre 1978 ein lebhaftes Echo. Oft mehr als 30 bis 40 Personen fanden sich regelmäßig zu ehrenamtlichen Arbeitseinsätzen auf diesem und anderen historischen, insonderheit auch jüdischen Friedhöfen, zusammen. Neben gärtnerischen Arbeiten wurden vor allem mit oftmals bescheidenen Mitteln erste "Restaurierungsarbeiten" vornehmlich an den Grabmalen des Eisenkunstgusses (Entrosten, Grundierung, Schutzanstrich) ausgeführt. Anfangs noch sehr laienhaft und - wie sich später herausstellte - nicht immer sehr fachgerecht; so wurden Farbuntersuchungen gar nicht durchgeführt. Später dann unter fürsorglicher Anleitung durch die Fachinstitutionen für Denkmalpflege in Ost-Berlin wurden auch qualifizierte Ergebnisse erzielt. Die Grabstellen und Grabmale wurden vor der Umwandlung sämtlichst dokumentiert. Die aus militär- oder kunstgeschichtlichen Gründen erhaltenswürdigen Gräber bzw. Grabmale wurden festgelegt und mit deren Pflege und Restaurierung begonnen.

Von den vor der Umwandlung im Jahre 1978 vorhanden gewesenen 489 Grabstätten konnten dank dieser Bemühungen 181 Grabmale erhalten werden. Das historische Wegenetz und die zugehörige Feldeinteilung wurde allerdings aufgelassen. Die eigentlichen Grabanlagen wurden bis auf wenige Ausnahmen (historisch markante Persönlichkeiten oder wertvolle Gitteranlagen) eingeebnet. Dies war nicht zu vermeiden. Leider sind dann auch in der Folgezeit durch Vandalismus und Korrosion doch weitere Verluste zu verzeichnen gewesen.

Mitte der 80er Jahre konnten dann auch größere und professionelle Restaurierungsarbeiten im Zusammenwirken von ehrenamtlichen Denkmalpflegern und Denkmalpflegeinstitutionen eingeleitet und durch qualifizierte Werkstätten ausgeführt werden. So wurden die Eisenkunstguß-Grabmale für den Gouverneur L.M.N.G. von Brauchitsch (neoklassizistische Stele nach Schinkel mit dem bildhauerischen Schmuck von L. Wichmann) und für die Familie Teichert (neogotisches Tabernakel von ca. 3 m Höhe aus der Schinkel-Nachfolge) in dieser Zeit vor der Wende restauriert. Die Geschichte des Friedhofs, seine landes- und militärgeschichtliche Bedeutung, die kunsthistorischen Aspekte der Grabmale wurden in einer dreibändigen Dokumentation dargelegt.

So kann der heutige Besucher dieses Friedhofs auf die Grabmale einer Vielzahl von Persönlichkeiten preußischer Geschichte treffen. Zusammen mit den Bildhauern dieser Grabmale bilden sie signifikante Knotenpunkte im Netzwerk Berliner und preußischer Kulturgeschichte. Neben den schon genannten Grabmalen für von Brauchitsch (1757-1827) und Teichert seien beispielsweise genannt:

  • Neoklassizistische Sandstein-Stelen aus der Zeit nach 1794 für G.F.W. von Winterfeld (1744-1800), H.H. von Barfuß (1740-1796) oder G.W. von Sohr (1726-1800). Es handelt sich um Grabmale wie sie vor allem durch Friedrich Gilly (1772-1800), ein Lehrer Schinkels, in Anlehnung an antike Vorbilder vorgeschlagen worden waren, denn mit dem Erlaß des preußischen Landrechts im Jahre 1794 waren auch die Friedhöfe und die Grabmale in der freien Natur zunehmend zu Stätten der Kunstausübung geworden.
  • Grabstätte für Adolph von Lützow (1782-1834), den Anführer der Schwarzen Jäger in den Befreiungskriegen.
  • Grabmal für Friedrich de la Motte Fouqué (1777-1843), ein Kampfgefährte Lützows, vor allem aber bekannt als der Dichter des Kunstmärchens "Undine" und ein Hauptvertreter der deutschen Romantik.
  • Neoklassizistische Granitstele für einen Artillerieoffizier C.F. von Holtzendorff (1764-1828), entworfen von F.F. Schinkel und mit einem Bronzerelief des Bildhauers Friedrich Tieck (ein Schüler Schadows aber auch der Bruder des Dichters Ludwig Tieck).
  • Grabanlage für den preußischen Generalfeldmarschall C.F.v.d. Knesebeck (1768-1848).
  • Neoklassizistische Zinkgußstele für den Gouverneur E.L. von Tippelskirch (1774-1840), entworfen von A. Soller. Der Zinkguß war in Berlin vor allem durch Schinkel und P.C. Beuth auch für die Bildhauerkunst eingeführt worden.
  • Eine Vielzahl gußeiserne Kreuze nach Entwürfen von Schadow und den Bildhauerkollegen seiner Zeit.
  • Eine Vielzahl gußeiserne Kreuze nach Entwürfen von Schadow und den Bildhauerkollegen seiner Zeit.

1993 gründete sich ein Förderverein "Alter Berliner Garnisonfriedhof e.V.", der seither die Aktivitäten um den Erhalt und die Pflege dieses Kulturdenkmals fortzusetzen bemüht ist. Der Verein besteht zur Zeit aus etwa 30 Mitgliedern, vornehmlich aus Berlin. Er hat aber auch Kontakt zu einer Vielzahl von Familienverbänden im ganzen Land gefunden, deren Vorfahren auf diesem Friedhof beigesetzt sind und einstmals die Geschicke Preußens mitbestimmt hatten. Hierzu gehört auch die Zusammenarbeit mit Institutionen, wie z. B. Bundesbahn oder Museen, aus deren Reihen oder Vorgängereinrichtungen einstmals im 19. Jahrhundert maßgebende Vertreter die Berliner Kulturgeschichte mitbestimmt und dann auf diesem Friedhof ihre letzte Ruhe gefunden hatten. Dieser Aspekt bewußter Darstellung preußischer Geschichte, ist dem Förderverein zu verdanken.

Im Ergebnis der vorstehend genannten Kontaktaufnahme und dank der auch finanziellen Unterstützung durch Familienverbände, dem Friedhofsträger und der Stiftung Preußische Seehandlung war es dann möglich, nach dem Jahre 1990 die Restaurierungsarbeiten wieder aufzunehmen. Im einzelnen konnten folgende Grabmale wiederhergestellt werden:

  • Restaurierung eines gußeisernen Grabkreuzes nach Schadow für den Baron H. von Puttkamer (1804-1844). Er war der erste Spezialdirektor der Berlin-Potsdamer Eisenbahn. Die Deutsche Bundesbahn hatte die Kosten für diese Arbeiten übernommen.
  • Die Restaurierung der bereits erwähnten Zinkgußstele für von Tippelskirch. Die finanziellen Mittel hierfür wurden vom Friedhofsträger, aber auch vom Familienverband zur Verfügung gestellt.
  • Die Aufstellung eines Gedenksteins für den Freiherrn von Minutoli (1772-1846), den Begründer der ägyptischen Sammlungen in Berlin. Ein Großteil seiner in Ägypten erworbenen Sammlungen schlummert allerdings noch immer vor Hamburg in der Elbmündung. Der im Jahre 1822 dort gesunkene Segler "Gottfried" wartet weiterhin auf seine Bergung. Der Gedenkstein ist vom Förderkreis des Berliner Ägyptischen Museums gestiftet worden.
  • Kopie einer Grabplatte für den 1. Direktor der preußischen Kriegsakademie und Heeresreformer C.A. von Boguslawski (1758-1817). Eine Nachfahrin dieses preußischen Generalmajors hatte die Kosten übernommen.

Waren diese Arbeiten durch den Förderverein initiiert worden, so lag die Verantwortung für die Realisierung beim Friedhofsträger, dem Naturschutz- und Grünflächenamt beim Bezirksamt Mitte von Berlin. In einer vom Förderverein gestalteten Dauerausstellung im Verwaltungsgebäude werden seit nunmehr fünf Jahren diese vielseitigen Facetten dieses Friedhofs, die Querverbindungen zur Landes- und zur Kulturgeschichte Berlins aber auch die Probleme der Denkmalpflege dargestellt. Bisher wurden mehr als 20.000 Besucher gezählt.

Das Schwergewicht der Vereinstätigkeit liegt aber weiterhin bei der denkmalpflegerischen Arbeit an den Grabmalen. Die im rasanten Tempo fortschreitende Korrosion und Verwitterung dieser kostbaren Kunstgüter bei weiterhin ständig leeren Kassen der öffentlichen Hand machte diese Fördertätigkeit dringender denn je; eine generelle Lösung für den Gesamtbestand der Grabmale tat not. Aus diesem Grunde war der Förderverein vor drei Jahren an die Stiftung Deutsche Klassenlotterie Berlin mit der Bitte um eine Zuwendung heran-getreten. Ein entsprechender Antrag auf Zuwendungen in einer Gesamthöhe von ca. 2,2 Mio. DM für eine nun umfassende Restaurierung des Gesamtbestandes wurde mit Unterstützung durch das Landesdenkmalamt gestellt und auch bestätigt. Der Förderverein tritt hierbei juristisch als Vertragspartner des Zuwenders und als Bauherr auf einem stadteigenem Friedhof auf, im Unterschied zum Procedere bei den vorausgegangenen Einzelrestaurierungen.

Anfangs ein gewagtes Unternehmen, hat es sich bisher nach immerhin dreijähriger Zusammenarbeit durchaus bewährt. Mit den Planungs- und Ausschreibungsarbeiten ist das Architektenbüro für Landschaftsplanung HORTEC beauftragt worden. Ihm obliegt auch die Verwaltung der Finanzmittel. Der Förderverein arbeitet an den Lösungsvorschlägen und Aufgabenstellungen sowie an den Vergabeverhandlungen mit. Daß diese für einen Förderverein sicher etwas ungewöhnliche Verfahrensweise möglich wurde und bislang gehalten hat, zeigt zudem, daß es zwischen einer Landesbehörde (vertreten durch das Landesdenkmalamt Berlin, Abt. Gartendenkmalpflege), dem Stadtbezirk (vertreten durch das Naturschutz- und Grünflächenamt) und letzlich einer Bürgernitiative durchaus zu einer erfolgreichen und effizienten Zusammenarbeit kommen kann. Im wesentlichen werden bis zum Abschluß der Arbeiten im Jahre 2001 folgende Leistungen erbracht sein:

  • Restaurierung und Konservierung sämtlicher Grabmale und -anlagen
  • Anfertigung von Kopien für besonders gefährdete Originale
  • Rekonstruktion des historischen Hauptwegenetzes
  • Einrichtung eines Lapidariums auf dem Standort der früheren Friedhofskapelle u.a. für gefährdete Originale.

Nicht wieder eingerichtet wurde die ursprüngliche Felder- und Reihenstruktur und die nicht mehr vorhandenen, zu den Grabmalen gehörenden Grabstätten werden nicht restituiert. Ein gleiches gilt für in früherer Zeit völlig aufgelassene Gräber. Das durch die geschichtlichen Umbrüche und Zäsuren entstandene und nunmehr vorhandene Friedhofsbild soll seinerseits als Bestandteil von Geschichte gesehen, vermittelt und angenommen werden.

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