OHLSDORF - Zeitschrift für Trauerkultur

Moderne Grabmalkultur in Ohlsdorf

 - Mai 1999
Ausgabe: 
Nr. 65, II, 1999

Wenn Grabmalkultur zum Thema wurde, hat man sich in Ohlsdorf bisher meist mit den repräsentativen Erinnerungsmalen beschäftigt, mit denen große und reiche Familien um 1900 ihre gemeinschaftlichen Grabstätten ausschmückten.

Daneben gerieten auch die einfacheren Grabmale auf den kleineren Familien- und Ehepaargräbern der zwanziger und dreißiger Jahre in's Blickfeld, bei denen es zum Beispiel um die Frage von Grabmalrichtlinien und die Gestaltung der neuen Aschengrabmale ging; hingewiesen sei hier auf die Tagung der Arbeitsgemeinschaft Friedhof und Denkmal 1997, deren Vorträge in Kürze publiziert werden sollen. Als zwischen 1981 und 1986 der Grabmalbestand des Ohlsdorfer Friedhofes wissenschaftlich erforscht wurde, wurden zwar manche der besonders auffälligen Grabmale, die erst nach 1945 entstanden waren, dokumentiert, doch die abschließende Untersuchung, die dann publiziert wurde, schloß nur noch die vierziger Jahre in die Auswertung ein.

Jetzt - kurz vor dem Ende des 20. Jahrhunderts - steht es an, auch einmal jene "modernen" Grabmale durchzumustern, die nach 1945 auf dem Ohlsdorfer Friedhof aufgestellt worden sind, und sich die Frage zu stellen, welche Rolle die Grabmalkultur in den vergangenen fünfzig Jahren gespielt hat, ob und welche neuen Vorstellungen hier Eingang gefunden haben, und ob sie mit den Kulturerscheinungen auf anderen Gebieten vergleichbar sind.

Herr Jens Meinert - Mitglied des Förderkreises - hat in den letzten Jahren ohne Unterstützung von außerhalb eine neue Stufe der Grabmalinventarisation erarbeitet. Er hat den Friedhof Stück für Stück nach bemerkenswerten Grabmalen der Zeit von 1950 bis zur Gegenwart abgesucht und eine umfangreiche Fotodokumentation erarbeitet. Er hat seine Arbeit vor kurzem dem Förderkreis vorgestellt. Natürlich kann an dieser Stelle keine umfassende Untersuchung dieses Materials geleistet werden. Doch sollen ein paar allgemeine Schlüsse gezogen werden.

Als erstes läßt sich feststellen, daß nach dem Weltkrieg keine Mausoleen und verhältnismäßig selten große Grabmale mit künstlerischem Schmuck auf dem Friedhof aufgestellt worden sind. Doch auch wenn das Interesse an einer opulenten Gestaltung des Gedenkens nicht ausgeprägt war, so finden sich doch immer einzelne Grabstätten, denen sich Hinterbliebene - oder sogar Verstorbene selbst vor ihrem Tod - intensiv zugewandt haben. Diese Grabstätten sind sehr individuell künstlerisch ausgestaltet, wobei die Frage des Formats nicht entscheidend ist.

Als erstes Beispiel sei hier die Grabstätte des bekannten Bildhauers Edwin Scharff (1887-1955) genannt: eine schlichte liegende Steinplatte, die mit dem Bronzerelief eines stark stilisierten Kruzifixes ausgeschmückt, dem Abguß eines frühen Werkes des Künstlers. Etwa aus der gleichen Zeit stammt die lebensgroße bronzene Frauengestalt auf der Grabstätte Unland, die der Bildhauer Jörn Pfab (1925-1986) gestaltet hat. Sie wurde erstmals 1953 zur Freilichtausstellung im Alstervorland gezeigt, die als vielbeachtetes Kunstereignis die erste Internationale Gartenbauausstellung nach dem Krieg in Hamburg begleitete. Diese Gestalt in ihrer außerordentlich aufrechten Haltung, den Blick gerade in die Ferne gerichtet, die Arme unter der Brust verschränkt, die Körperformen unter einem schlichten glatten Gewand eher versteckt als hervorgehoben, strahlt eine so tiefe Ruhe und innere Abgeschiedenheit aus, als ob sie von Anfang an für den landschaftlich wunderschön gelegenen Grabplatz am Nordteich des Ohlsdorfer Friedhofes geschaffen gewesen sei.

Ganz versteckt am Nordostrand des Friedhofes, dicht neben dem Zaun, ist ein weiteres Grabmal zu finden, das sowohl durch seine Größe wie durch eine ganz ungewöhnliche künstlerische Gestaltung auffällt: Auf der Grabstätte Hoffmann stehen zwei von Hanno Edelmann geschaffene, hohe, an den Außenseiten nach oben leicht abgeschrägte Stelen in einem flachen Winkel einander zugewandt. Sie ist mit einem Keramikrelief ausgeschmückt, dessen bewegter Grund weiß glasiert ist. Auf der linken etwas niedrigeren Stele ist vor diesem Grund in einem Muster aus schwarzen Stegen wie auf dem Druckstock eines Holzschnittes ein stilisiertes Paar zu sehen. Eine kleinere Frau blickt zu einem großen Mann hinter ihr auf. Sie scheinen sich zu umarmen, doch sind die Linien so miteinander verwoben, daß ihre Körper vom Betrachter nicht mehr auseinander zu dividieren sind. Nur ein Arm reicht seitlich aus diesem Körperblock heraus, die Hand hält eine Rose. Eine große runde Sonnenscheibe leuchtet über den beiden. Die gegenüberliegende etwas höhere Stele ist ähnlich holzschnittartig gestaltet. Hier löst sich die Fläche fast ganz in eine dichte Folge von Gestalten auf, die wie die Seeligen auf alten Gemälden des Jüngsten Gerichtes in die Höhe zu steigen scheinen. Die Figuren sind feiner gezeichnet und deutlich kleiner als das beherrschende Paar auf der linken Seite. Häufig wenden sich ihre Blicke zu dem Paar hinüber. Vor den beiden Stelen stehen zwei schlichte niedrige runde Sockel aus dem gleichen Material mit den Namensinschriften der Verstorbenen.

Nur eine ganz kleine Stele dagegen bezeichnet die Grabstätte der Bildhauerin Elena Luksch-Makowski (1878-1967), der Ehefrau des berühmten Jugendstilplastikers Richard Luksch. Hier ist trotz des kleinen Formats das Motiv des Abschieds besonders eindringlich gestaltet. In flachem Relief ist in eckiger, gebrochener Linienführung die Gestalt einer Frau zu sehen. Der von einem dicken Tuch umhüllte Kopf ist zur Seite geneigt, die rechte, fast ebenso große Hand zum Abschiedsgruß erhoben. Die Frau wirkt kräftig und derb, wozu besonders der lange offene Mantel mit seinen tief eingeschlagenen geraden Falten beiträgt, unter dem ein ebenso langes gegürtetes Kleid sichtbar wird. An ihre linken Seite drängt sich eine Gruppe von vier kleinen Kindern, die bis auf eines alle auf den zurückbleibenden Betrachter blicken. Sie scheinen schon auf dem Weg in eine unbekannte Höhe zu sein, denn drei der Kinder und die Mutter selbst sind mit nackten Füssen gezeigt, unter denen sozusagen der Boden weggehauen ist, so daß sie in der Steinfläche zu schweben scheinen.

Die meisten Grabmalplastiken aus der Zeit nach dem Zweiten Weltkrieg bis weit in die siebziger Jahre können in ihrer strengen Stilisierung im Grunde derselben Kunstepoche zugerechnet werden. Sie alle sind noch vom Geist einer Zeit geprägt, die sich in ihren Werken ganz dem Willen zur reinen und klaren Form verschrieben hatte, die weder durch Ornamente noch durch Anklänge an die Realität gestört wird. Diese Künstler suchten sozusagen nach dem innersten Kern der Dinge und bemühten sich, alle Äußerlichkeiten Stück für Stück von ihrem Werk abzustreifen.

Neben Einzelwerken unterschiedlicher Künstler gibt dabei eine Reihe von Arbeiten, die von Bildhauern stammen, die sich hauptberuflich der Grabmalkultur verschrieben hatten. Für die Zeit direkt nach dem Zweiten Weltkrieg sind der erste Leiter des Friedhofskulturdienstes nach 1945, Egon Lissow (1926-1990), der Bildhauer Uwe Lindemann und der spätere langjährige Leiter des Kulturdienstes Herbert Glink zu nennen. Viele ihrer Werke stammen aus den späten fünziger und den sechziger Jahren. Auch ihre Arbeiten sind von der starken Stilisierung geprägt, die schon vorher als maßgebliches Merkmal dieser Epoche benannt wurde.

So zeigt zum Beispiel der kleine runde Kissenstein auf der Grabstätte Bernstein von Egon Lissow ein flaches Bronzerelief von Orpheus und Eurydike, die hintereinander her schreiten, wobei die langen Gewänder in wenige gerade Linien aufgelöst und nur die Gesichter deutlicher herausgearbeitet worden sind. Deutlicher wird die Stilisierung noch bei der Grabstätte Richter mit einer Flamme aus zwei einander umschlingenden bronzenen Flammenzungen.

Bei Herbert Glink (geb. 1933) verschmilzt auf dem Grabmal Lotze ein abschiedneh- mendes Paar zu einem geschlossenen Steinblock, auf dem ganz zart die Körper- formen der beiden sich Umarmenden angedeutet sind. Ähnlich abstrakt erscheint auf dem stelenartigen Grabmal Kerber eine leicht gebeugte Gestalt, die einen jungen Baum festbindet. Das Bäumchen, das nur durch drei große Blätter angedeutet wird, bleibt ebenso wie die Gestalt ganz in der Fläche und wird nur durch die Vertiefung des Hintergrundes sichtbar. Auch hier wird durch geringste Mittel ein sehr geschlossenes und herbes Bild erreicht.

Stilistisch ähneln dagegen der Gestalt von Jörn Pfab einzelne Trauernde, wie die von Herbert Glink auf der Grabstätte Borowicz und die von Uwe Lindemann auf der Grabstätte Barckhan. Auch sie sind blockhaft aus dem Stein geschnitten, ihre Umrisse lösen sich nur in wenige Formen auf, es gibt nur eine ganz geringe Binnenstruktur des Faltenwurfes. Nur durch ihre Handhaltung und die Neigung des Kopfes zeigen diese Gestalten den Betrachtenden ihre Trauer. Von Herbert Glink wären noch eine ganze Reihe weiterer Werke auf dem Ohlsdorfer Friedhof zu nennen, doch sollen jene als Beispiele seines in sich geschlossenen, blockhaften Stiles ausreichen.

Auch der waagerechte Steinblock mit dem Relief einer Kreuztragung von Wolfgang Herzog (geb. 1936) auf der Grabstätte Rieck, der nach 1975 aufgestellt wurde, paßt sich noch ganz in die genannte stilisierende Gestaltung ein. Im Gegensatz dazu wirken die Arbeiten von Willy Neu wesentlich realistischer. Bei ihm gibt es ein intensives Bemühen um die Abbildung der tatsächlichen Gestalt, wie zum Beispiel auf der Stele für den Pianisten Eduard Erdmann, die das Porträtrelief des Verstorbenen in Seitenansicht zeigt, wobei auch Anzug und Fliege angedeutet sind. Wesentlich weiter ging er bei dem Grabmal Meyer-Schuchardt: Nicht nur, daß hier zum ersten Mal die Plastik einer vollständig nackten Frau auf dem Friedhof aufgestellt wurde, diese schlancke, junge Frau ist sozusagen einschließlich des Bauchnabels ganz und gar realistisch seinem Modell nachgebildet und entspricht sowohl in ihrer sitzenden Pose und wie in ihren Körperformen dem Schönheitsideal der Zeit.

Von hier aus führt sozusagen eine gerade "realistische" Linie zu Werken, die in der jüngsten Vergangenheit in Ohlsdorf aufgestellt wurden, wie zum Beispiel die große Säulenstellung mit einer stehenden Engelsgestalt aus weißem Marmor auf der Grabstätte Maass auf dem sogenannten Millionenhügel oder - als jüngstes Kunstwerk - die Plastik einer von Putten getragenen sich öffnenden Muschel der Grabstätte Boritzka, in der hingegossen eine nackte junge Frau wie in einer Sonnenbank ruht, wobei sich an solchen und ähnlichen Werken natürlich über Geschmack trefflich streiten läßt.

Doch sollen hier gerade gegenüber den aufwendigen Plastiken auch die vielen kleineren, sehr liebevoll und einfühlsam gestalteten Grabdenkmäler nicht vergessen werden, die besonders seit den achtziger Jahren eine Fülle von neuen Ideen und Gestaltungsweisen erkennen lassen. Hier sind zwei Bildhauer zu nennen, deren Kreativität und Einfallsreichtum besonders auffällt, zum einen Henning Hammond-Norden (geb. 1938) und zum anderen der etwas jüngere Stefan Behrens (geb. 1952). Für Stefan Behrens' Grabstelen ist eine pflanzliche Gestaltung besonders typisch, bei der die Pflanzen naturalistisch aus dem Grabstein hervorzuwachsen scheinen und zugleich in ihrem Wachsen dem ganzen Stein einen besonderen Schwung sozusagen eine Richtung geben. Die Blumen Bäume und Blätter sind dabei ganz unterschiedlich gestaltet, doch ist ihnen allen eine Vorliebe für runde, weich abgeschliffene und schwungvolle Formen eigen. Daß auch der Humor seinen Platz auf einem Grabmal haben kann, beweist dieser Künstler mit einer Kröte, die vollplastisch auf der Stele Pogge - dem plattdeutschen Namen der Kröte - sitzt.

Bei Henning Hammond-Norden dagegen besticht gerade in der jüngsten Vergangenheit die Vielfalt der Möglichkeiten, die aus den Wünschen der Trauernden abgeleitet und in unterschiedlichster Gestaltungsweise in ganz individuelle Kunstwerke, die nicht groß sein müssen, umgesetzt worden sind: Da gibt es die fast quadratische Stele Weniger mit dem stilisierten Lamm vor einem Kreuz und der Inschrift: "Ich bin der gute Hirte und erkenne die Meinen" in einer großen klaren Antiqua-Schrift; den schlanken Obelisken Tiedeke, der von unten nach oben aufsteigend den persönlichen Namensschriftzug des Verstorbenen trägt; die etwas unruhig behauene Stele Frisch, auf der die Linien, die einen Kutters mit zwei Masten nachzeichnen, wie auf einem Meer zu tanzen scheinen, oder die weiße Marmorstele Demmrich, auf der ein aufgeschlagenes Buch liegt, und die auf der Ansichtsseite das naturalistische Relief eines Torso trägt, der aus einer männlichen und einer weiblichen Hälfte zusammengesetzt ist.

Läßt man einmal die vergangen fünfzig Jahre mit ihren Ereignissen und kulturellen Umwälzungen Revue passieren, so könnte man anfangs von einer Zeit des Wiederaufbaus und der Wiederherstellung vergangener Eliten sprechen, die dann von einem Zeitraum der kulturellen Umwälzung abgelöst wird, der schließlich zu einer langsamen Adaption und Umformung der von der Avantgarde eingeführten Ideen und Werte durch größere Teile der Gesellschaft zu dem heutigen Pluralismus geführt hat, in dem alle Stile und Tendenzen möglich und erlaubt sind. Dabei ist anscheinend auch die Grabmalkultur in gewissem Maße der allgemeinen Entwicklung gefolgt. Während die Kunst der fünziger und sechziger Jahre, in der die Abstraktion vorherrschte, in der Grabmalkultur ihren deutlichen Niederschlag gefunden hat, kommt allerdings die farbenfreudige und psychedelisch bewegte Gestaltung der sogenannten Hippiezeit auf dem Friedhof praktisch nicht vor. Doch die Folgen dieses Aufbruchs sind sowohl in dem Aufkommen neuer wesentlich farbigerer Gesteine und abgerundeter Formen, wie an den individuellen und zum Teil schwungvollen Werken der neueren Zeit durchaus zu spüren.

Allerdings kann hier kein abschließendes Wort über die Grabmalkultur der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts stehen. Doch sollte darauf hingewiesen werden, daß auch sie interessante Aspekte zur allgemeinen Kulturentwicklung beigesteuert hat und durchaus untersuchenswert ist. Wünschenswert wäre eine intensivere Analyse mit einem wesentlich erweiterten Blickwinkel, der zum Beispiel auch die Entwicklung der Grabmalrichtlinien, ihre Ausweitung auf die Erscheinung der Typensteine und ihre immer weiter fortschreitende Einschränkung einbezieht.

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