Anmerkung der Redaktion: Der folgende Text stellt die - hier leicht gekürzte -Zusammenfassung der Autor:innen zur genannten Studie dar. Der vollständige Text ist online abrufbar unter: Friedhöfe in Deutschland: Studie zum Potenzial von Friedhofsflächen und zum Wandel des Friedhofswesens in der Stadtentwicklung; Herausgeber: Bundesinstitut für Bau-, Stadt- und Raumforschung (BBSR). BBSR-Online-Publikation 03/2026. Bonn. https://doi.org/10.58007/wctg-p533
Einleitung
Friedhöfe sind nicht nur Orte des Gedenkens, sondern spielen auch eine bedeutende Rolle im städtischen Grün- und Freiflächensystem. Aufgrund demografischer und gesellschaftlicher Veränderungen sowie neuer Bestattungsformen mit geringerem Platzbedarf geraten Friedhöfe zunehmend unter wirtschaftlichen Druck. Gleichzeitig bieten sie Potenziale für alternative Nutzungen und die ökologische Stadtentwicklung. Das Forschungsvorhaben "Friedhöfe in Deutschland: Studie zum Potenzial von Friedhofsflächen und zum Wandel des Friedhofswesens in der Stadtentwicklung" untersuchte die aktuelle Situation und die Entwicklungsperspektiven kommunaler Friedhöfe in Deutschland. Ziel war es, Herausforderungen und Chancen im Wandel des Friedhofswesens zu identifizieren und innovative Ansätze aufzuzeigen. Dabei wurden Strategien zur nachhaltigen Nutzung von Friedhofsflächen, Modernisierungskonzepte und betriebswirtschaftliche Anpassungen analysiert.
Die Studie basierte auf mehreren methodischen Bausteinen: Literatur- und Datenanalysen, eine bundesweite Kommunalbefragung, Fallstudien in acht Städten sowie die Auswertung von neun Friedhofsentwicklungskonzepten Ergänzend fand ein Expertenworkshop statt, um Handlungsempfehlungen abzuleiten. Drei zentrale Themenkomplexe standen im Fokus: 1. Friedhofsbetrieb und Management: Untersuchung der Organisationsstrukturen, Steuerungsinstrumente und wirtschaftlichen Herausforderungen. 2. Friedhofsflächen im Wandel: Analyse der Flächenentwicklung und Strategien zur Anpassung an veränderte Nachfragebedingungen. 3. Friedhöfe als Bestandteil des Stadtgrüns: Betrachtung von Friedhöfen als ökologische und soziale Räume mit Potenzial für alternative Nutzungskonzepte.
Die Ergebnisse zeigen, dass viele Kommunen bereits innovative Maßnahmen zur nachhaltigen Entwicklung von Friedhöfen umsetzen. Empfehlungen umfassen flexible Nutzungskonzepte, wirtschaftliche Neuausrichtungen und eine stärkere Integration in die Stadtplanung. Friedhöfe und Friedhofsflächen in den Ländern und Kommunen sind zentrale Bestandteile kommunaler Strukturen. Laut amtlicher Flächenstatistik umfasst die Friedhofsfläche in Deutschland rund 38.656 ha, was etwa 0,1 % der Gesamtfläche entspricht (Stand: 2021). Die Verfügbarkeit und Nutzung der Flächen variieren erheblich je nach Bundesland, Gemeindegröße und Bevölkerungsentwicklung. Während in Ostdeutschland mehr Friedhofsfläche pro Einwohner existiert, ist sie in westdeutschen Großstädten begrenzter.
Die Entwicklung betrachtend, nehmen Friedhofsflächen teils ab, insbesondere in wachsenden Städten wie Berlin oder Bochum, während in anderen Kommunen wie Hannover Zuwächse zu verzeichnen sind. Die Nachfrage nach traditionellen Erdgräbern sinkt zugunsten von Feuer- und Urnenbestattungen, was zu einem geringeren Flächenbedarf führt. Und auch regionale und kulturelle Unterschiede beeinflussen die Bestattungskultur erheblich. In Ostdeutschland sind Urnenbestattungen weit verbreitet, während in süddeutschen Regionen weiterhin mehr Erdbestattungen stattfinden. Kommunale Friedhöfe konkurrieren mit privatwirtschaftlichen Bestattungsangeboten wie Bestattungswäldern außerhalb der klassischen Friedhöfe. Die amtliche Statistik erfasst auch Friedhofsflächen in den Gemeinden, jedoch nicht deren genaue Auslastung oder den zukünftigen Bedarf. Die Auswertung ergab dennoch, dass insbesondere kleinere und mittlere Gemeinden über mehr Friedhofsfläche je Einwohner verfügen als die Großstädte.
Der Betrieb von Friedhöfen ist eine kommunale Pflichtaufgabe, die wirtschaftliche, soziale, ökologische und kulturelle Aspekte vereint. Zu den zentralen Aufgaben gehören die Friedhofsverwaltung, die Gebührenkalkulation und -abrechnung, die Instandhaltung der Anlagen und die Beratung der Bürgerinnen und Bürger. Das Friedhofs- und Bestattungsrecht unterliegt den Bundesländern, während die Friedhofssatzungen und Gebührenerhebungen auf kommunaler Ebene geregelt sind. Zudem gibt es bundesweite Regelungen für Gräber der Opfer von Krieg und Gewaltherrschaft. Die Bestattungspflicht ist bundesweit geregelt, jedoch variieren Friedhofs- und Sargpflicht sowie die Mindestruhezeiten je nach Land. Neuerungen ermöglichen zunehmend alternative Bestattungsformen wie Seebestattungen oder Bestattungswälder.
Organisation und Betrieb
Friedhöfe werden zu zwei Dritteln von Kommunen und daneben von evangelischen oder katholischen Trägern verwaltet. Die meisten kommunalen Friedhöfe unterliegen eigenständigen Friedhofsverwaltungen. Ferner gibt es Beispiele, bei denen ein städtischer Eigenbetrieb für die Verwaltung zuständig ist. Eine Zusammenarbeit mit externen Akteuren wie Bestattungsunternehmen, Friedhofsgärtnereien, Steinmetzbetrieben, Religionsgemeinschaften, Kulturvereinen und Naturschutzorganisationen ist weit verbreitet. Manche Kommunen lagern Pflege- und Betriebsaufgaben an externe Dienstleister aus. Die Kosten für den Friedhofsbetrieb werden hauptsächlich durch Gebühren, Haushaltsmittel und staatliche Zuschüsse gedeckt. Viele Friedhöfe sind wirtschaftlich nicht voll selbsttragend, da die Einnahmen durch veränderte Bestattungsformen zurückgehen. Steigende Betriebskosten können vielerorts nicht vollständig durch Grabnutzungsgebühren gedeckt werden. Die Hauptkosten entstehen durch Personal und Instandhaltung. Um Kosten zu senken, setzen viele Kommunen auf pflegeleichte Grabfelder und Kooperationen mit externen Partnern.
Steuerung und Planung durch Friedhofsentwicklungskonzepte
Viele Kommunen erarbeiten Friedhofsentwicklungskonzepte, um ihre Flächen langfristig zu bewirtschaften. Diese Konzepte beinhalten Maßnahmen zur Flächenreduzierung, ökologischen Aufwertung und zu neuen Nutzungsmöglichkeiten. Zudem gewinnen ehrenamtliches Engagement und kulturelle Initiativen zur Friedhofspflege an Bedeutung. Einige Kommunen setzen Geoinformationssysteme zur Friedhofsplanung und -verwaltung ein. Flexiblere Nutzungskonzepte, alternative Bestattungsformen sowie nachhaltige Pflege- und Finanzierungsmodelle werden für den langfristigen Erhalt der Friedhöfe entscheidend sein.
Modernisierung von Friedhöfen und Anpassung von Friedhofsflächen
Der Trend zu Urnengräbern, naturnahen und pflegearmen Bestattungsarten führt dazu, dass auf Friedhöfen zunehmend weniger Fläche benötigt wird. Gleichzeitig entstehen finanzielle Herausforderungen, da die geringere Auslastung der Flächen oft nicht ausreicht, um die Unterhaltungskosten zu decken. Private Anbieter von Bestattungen in Wäldern verstärken zusätzlich den Konkurrenzdruck auf klassische Friedhöfe. Um auf diese Veränderungen zu reagieren, setzen Friedhofsverwaltungen verstärkt auf neue Konzepte zur Nutzung und Umgestaltung von Friedhofsflächen. Eine Strategie ist die Zonierung der Friedhofsflächen, bei der nicht mehr benötigte Bereiche schrittweise außer Dienst gestellt oder entwidmet werden. Dadurch können Pflegekosten gesenkt und neue Nutzungsmöglichkeiten geschaffen werden. Gleichzeitig wird durch eine strategische Belegungspraxis versucht, bestehende Flächen effizienter zu nutzen, indem beispielsweise bestimmte Grabarten gezielt in unterbelegten Bereichen angeboten werden. Neben der klassischen Friedhofsnutzung entstehen vermehrt erweiterte Nutzungsmöglichkeiten.
Friedhöfe sollen nicht nur Orte der Bestattung, sondern auch Orte der Begegnung, des Gedenkens und der Kultur sein. Dazu gehören Führungen, Gedenkveranstaltungen sowie Umwelt- und Bildungsprojekte. Ein weiterer wichtiger Aspekt ist die Förderung naturnaher und pflegearmer Bestattungsformen, wie Baum- und Wiesengräber. Diese sind eine Antwort auf die steigende Nachfrage nach nachhaltigen Bestattungen und eine Alternative zu kommerziellen Bestattungswäldern. Ein weiteres wichtiges Thema ist die interkonfessionelle Öffnung der Friedhöfe. Aufgrund der wachsenden religiösen Vielfalt in der Gesellschaft steigt die Nachfrage nach speziellen Grabfeldern für verschiedene Glaubensrichtungen, insbesondere für muslimische und jüdische Bestattungen. Dies erfordert eine Anpassung der Friedhofsflächen an spezifische religiöse Anforderungen, wie etwa die Ausrichtung der Gräber oder die Gewährleistung eines dauerhaften Ruherechts. Immer mehr Friedhöfe setzen auf umweltfreundliche Konzepte, darunter Regenwassernutzung, Photovoltaik-Anlagen auf Gebäuden und den Einsatz von Elektrofahrzeugen für die Pflege. Auch die Wiederverwendung von Grabsteinen und die Kompostierung von Grünschnitt sind Maßnahmen, die zur nachhaltigen Bewirtschaftung von Friedhofsflächen beitragen. Zudem werden Friedhöfe zunehmend als ökologische Rückzugsorte gestaltet: zum Beispiel mit Blühwiesen, Bienenstöcken und weiteren Baumgruppen. Da die Umgestaltung von Friedhöfen oft mit emotionalen und gesellschaftlichen Herausforderungen verbunden ist, werden Bürgerinnen und Bürger zunehmend in die Entscheidungsprozesse eingebunden. Digitale Angebote wie Online-Informationsplattformen oder virtuelle Friedhofsführungen sollen zudem die Zugänglichkeit und Transparenz verbessern. Zusätzlich wird die Friedhofsberatung vorangetrieben, um Angehörige besser über Bestattungsmöglichkeiten und alternative Grabarten zu informieren. Neben der Bewahrung ihrer traditionellen Funktion als Begräbnisstätten werden Friedhöfe als lebendige Orte der Erinnerung, Kultur und Begegnung weiterentwickelt. Die Modernisierung und nachhaltige Umgestaltung der Friedhofsflächen sollen langfristig dazu beitragen, dass sie weiterhin ein bedeutender Bestandteil des städtischen Grün- und Freiraums bleiben.
Friedhöfe sind nicht nur Orte der Bestattung, sondern erfüllen als wichtige Bestandteile des urbanen Grünraums auch zahlreiche ökologische, stadtklimatische und soziale Funktionen und sind Teil der grünen Infrastruktur von Städten. Neben ihrer Rolle als Orte der Trauer dienen sie auch der Naherholung, der Umweltbildung und der Biodiversitätsförderung. Viele Kommunen erkennen zunehmend den Wert von Friedhöfen für das Stadtklima, insbesondere ihre Funktionen zur Hitzeregulierung und Regenwasserrückhaltung. Daher werden Maßnahmen zur ökologischen Aufwertung gefördert, darunter die Pflanzung klimaresistenter Bäume, die naturnahe Gestaltung nicht mehr genutzter Flächen sowie die Förderung von Biodiversität durch Insektenhotels und Wildblumenwiesen. Zudem gibt es Bestrebungen, Friedhöfe stärker als Erholungsräume zu öffnen, indem sie mit Sitzgelegenheiten, verbessertenWegeverbindungen und Informationsangeboten ausgestattet werden. In einigen Städten werden ungenutzte Friedhofsflächen bereits in Parks umgewandelt, um Grünflächen für die Bevölkerung zu sichern. Die Herausforderung besteht darin, die pietätvolle Nutzung mit der Weiterentwicklung als städtische Grün- und Erholungsräume zu verbinden. Kommunale Konzepte zeigen, dass eine nachhaltige Integration von Friedhöfen in die Stadtentwicklung möglich ist, um sie langfristig als wertvolle grüne Oasen zu erhalten. ... Zusammenfassend zeigt die Untersuchung, dass der Wandel im Friedhofswesen bereits in vollem Gange ist und innovative Ansätze erfordert, um Friedhöfe langfristig als wertvolle Bestandteile der Stadtlandschaft zu erhalten.(Siehe auch den Hinweis unter "Neue Bücher" auf die Publikation von Lara Schink.)