Die Vier-und Marschlande, zu denen Kirchwerder gehört, galten früher als Kornkammer Hamburgs und sind heute für ihren Obst-und Gemüseanbau bekannt. Bis zum Ende des 17. Jahrhunderts waren die Hamburger noch von Bardowick auf dem Wasserweg mit Obst und Gemüse versorgt worden. Doch von den Vier-und Marschlanden aus war der Weg mit dem Ewer in die Stadt kürzer und es war kein Zoll fällig, weil die Marschlande zu Hamburg gehörten und die Vierlande von 1420 bis 1867 beiderstädtisch von Hamburg und Lübeck verwaltet wurden.
Durch das Anwachsen der Hamburger Stadtbevölkerung wurde zudem der Markt immer größer und dazu kam, dass die Bauern der Vier-und Marschlande ihre Produktpalette im Lauf der Zeit ausweiteten. So notierte der Landmann Tönnies Kahl in Kirchwerder, dessen Haus "unweit des Zollenspiekers außerhalb der Deichkappe" lag, in seiner Hauschronik, dass 1693 "zuerst von einigen Leuten Erdbeeren in die Gärten gepflanzt" wurden.1 Dafür und für weitere Luxusgüter wie Pfirsiche, Aprikosen und Blumen, wurden die Vier-und Marschlande nun berühmt, besonders auch deshalb weil die Verkäufer und Verkäuferinnen durch ihre farbenfrohe Tracht auffielen.
So wurden die Bauern immer wohlhabender und der neue Reichtum zeigte sich nicht nur im Leben, sondernauch im Tode. Wer es sich leisten konnte, ließ vom Ende des 16. bis zur Mitte des 18. Jahrhunderts eine große Sandsteinplatte auf seine Grabstätte legen. Mit Reliefs und Inschriften berichten diese Kunstwerke vom Leben und Sterben und dem neuen reformatorischen Glauben der Bewohner. Zugleich sind die Steinplatten, die aus dem Elbsandsteingebirge stammen2, ein deutlicher Hinweis darauf, dass man sich den Tod etwas kosten lassen konnte. Dabei haben sich gerade in Kirchwerder -wie der Autor Joist Grolle in seiner Bestandsaufnahme von 1997 konstatiert -so viele Grabplatten wie auf keinem anderen Friedhof in Norddeutschland erhalten. Grolle hat in der Kirche und auf dem Kirchhof 84 Steine, sowie 14 weitere im Ort inventarisiert. Inzwischen werden für den Kirchhof 85 Steine genannt.
Gleichzeitig war die Landschaft südlich der Elbe immer durch Hochwasser gefährdet und stand so manches Mal unter Wasser. So können die großen und schweren Sandsteinplatten ein Schutz gewesen sein, der die Särge beziehungsweise die Gebeine in den Gräbern davor bewahrte, ausgespült zu werden. Darauf lässt der Tagebucheintrag des Kirchwerder Pastors Franz Jacob Helms schließen, der von der Flut 1741 berichtet, dass der "Geruch aus den eingefallenen und durchgespülten Gräbern etwas widerlich" war.3 Zum anderen sicherten die Platten die Grabstätten auch gegen die Schweine ab, die ungehinderten Zugang zum Kirchhofsgelände hatten und den Boden durchwühlten. Darüber wird in den Protokollen der Kirchen-visitationen mehrfach Klage geführt.1
Die Steinplatten kamen offensichtlich in der Mitte des 18. Jahrhunderts in den Vierlanden aus der Mode. Im 19. Jahrhundert ließen dann immer mehr Familien ihre Steine abräumen. Manche wurden anschließend bei den Höfen als Trittsteine und Befestigungen wiederverwendet. In Kirchwerder stellte sich allerdings der Pastor Johannes Holm gegen diese Praxis und erreichte, dass die Steine auf den Gräbern liegen blieben. Im 20. Jahrhundert wurden sie dann allerdings endgültig von der Friedhofsfläche weggeräumt und am Rand museal gelagert und später dort senkrecht gestellt. Heute sind die meisten der erhaltenen Steinplatten an der Ostseite des Kirchhofs aufgereiht. Einige weitere befinden sich an seinem nördlichen Rand. Die wertvollsten Stücke stehen im Brauthaus und einige sind in den Kirchenfußboden eingelassen.
Die beiden ältesten erhaltenen Grabplatten stammen vom Ende des 16. Jahrhunderts. Die älteste wurde für Beke und Frans Eggers5 geschaffen. Sie ist 1586 und er 1597 verstorben, wie unter einem Relief mit der Hausmarke zu lesen ist. In den Eckmedaillons sind die Symbole der vier Evangelisten angebracht. Da die Platte sehr ungünstig zwischen Eichen eingezwängt lag, verlegte die "Projektgruppe Grabplatten" des Förderkreises für St. Severini zu Kirchwerder 2018 in Abstimmung mit dem Denkmalschutzamt die Platte auf eine als Mustergrabstelle ausgewiesene Fläche auf dem Friedhof, um damit zu zeigen, wie die Grabplatten früher auf den Gräbern lagen.
Das Grabmal für den am 12. April 1593 verstorbenen Harmen Monik6 und seine Frau im Brauthaus zeigt im oberen Teil in zwei Wappenschilden einen Mönch und ein Sonnenrad zusammen mit der niederdeutschen Umschrift "De Dodt helpet den Godt salich uth aller nodt"; darunter eine Inschrifttafel mit dem Text "Ein Minsche bin ick /gewesen thor ehrde / bin ick wedder geesen/ ligge hi runde wachte / tho der fristh beth / mi erwecket Jesu christh / bin nicht gantz und gar / vordorven sunder heb/ be ein ewich levent /erworben"7. Dazu kommt außen um den Rand die Beschriftung mit Namen und Todesdatum, sowie auch hier die Eckmedaillons mit den Evangelistensymbolen.
Inschriften aus der Zeit vor 1640 sind niederdeutsch, also in der damaligen Kirchensprache, verfasst. Luther hatte die Pastoren ermutigt in der Sprache des Volkes zu predigen und es gab schon seit 1553 eine niederdeutsche Übersetzung der Lutherbibel. Später wechselt die Sprache auf den Grabsteinen dann in das Hochdeutsche. Während der katholische Glauben lehrte, dass den Seelen nach dem Tod im Fegefeuer durch Gebete und den Kauf von Ablasszetteln geholfen werden könne, weisen viele der Grabmalinschriften im Sinne der lutherischen Verkündigung auf Christus als alleinigen Erlöser hin. Dementsprechend sind auch die Bilder der Reliefs auf den Grabsteinen ausgewählt. Am häufigsten sind Darstellungen des Gekreuzigten erhalten, oft begleitet von den ihn anbetenden Familienmitgliedern. Dabei sind die schon Verstorbenen durch ein Kreuz über ihrem Kopf gekennzeichnet. Daneben ist das Bild des aus seinem Sarkophag auferstehenden Christus bzw. einmal auch eindeutig Christi Himmelfahrt thematisch eng mit dem Friedhof verbunden. Aber auch das Jüngste Gericht gehört zur bildlichen Verkündigung des neuen Glaubens. Es ist die figurenreichste Szene auf den Grabmälern: Sie zeigt Christus im Himmel auf der Weltkugel thronend, während unten auf der Erde die Toten aus ihren Gräbern auferstehen, die Gerechten links zum Himmel auffahren und die Verdammten rechts in die Hölle gebracht werden.
Zahlreiche Totenköpfe mit Sanduhren -auch mit Engels-oder Teufelsflügeln-weisen zudem auf das Lebensende hin. Nur vereinzelt sind andere biblische Geschichten zu finden, wie Adam und Eva, die Auferweckung des Lazarus und die Grablegung Christi. Auch Engel als ganze Figuren gehören nicht zum Kanon dieser Bilderwelt, kommen aber als Engelköpfe in den Ecken der Grabmale sehr häufig vor. Gern werden diese Ecken auch mit der Darstellung der Evangelisten bzw. ihrer Symbole geschmückt und manchmal enthalten sie einfach Rosetten in unterschiedlicher Form. Neben den Inschriften und Reliefs enthalten die Grabsteine auch Wappen und Hauszeichen und weisen so auf ihre Eigentümer hin.
Ungewöhnlich ist, dass sich in Kirchwerder eine ganze Reihe von Grabmalen für Kinder erhalten hat. Besonders berührend ist darunter der Stein mit der Darstellung von fünf Kindern, von denen drei mit einem Kreuz über dem Kopf versehen sind.8 Die Beschriftung "Jochim Huyen Anno 1681" weist wahrscheinlich auf den Vater hin und sagt nichts über den Tod der Kinder aus, während die Rückseite den Vers Römer 14,8 zitiert.9Zwischen den Steinen auf der Ostseite des Kirchhofs findet sich das Grabmal für Marlena Albers, die mit sieben Jahren 1682 gestorben ist.10 Eingemeißelt ist in einer Kreisform die Gestalt eines Mädchens, die in ihrer Rechten einen Kranz und in der Linken einen Palmzweig hält; vielleicht ein Hinweis darauf, dass Kinder im Sarg mit einem Kranz geschmückt wurden, der als Braut-oder Tugendkrone gedeutet wird.11
Seitdem Joist Grolle 1997 seinen verdienstvollen Inventarband über die historischen Grabplatten von Kirchwerder vorgelegt hat, ist als 85. Grabplatte der Stein der Familie Brüggmann12neu auf dem Friedhof aufgestellt worden. Er war an einer Hauswand am Haus Warwischer Hinterdeich 186 befestigt gewesen, die saniert werden sollte, und wurde der Gemeinde zur Wiederaufstellung angeboten. Leider zerbrach sie kurz vor der Abholung. Die Bruchstellen lassen sich an der auf Kosten des Fördervereins restaurierten Platte auf dem Friedhof gut erkennen. Das Grabmal ist insofern eine Besonderheit, als es nicht für einen Bauern, sondern für einen Schuster und Lederhändler errichtet wurde -daher auch das Relief eines Stiefels auf der Grabplatte.
Leider hat seit dem Inventarband von 1997 niemand weiter zu diesen Kunstwerken geforscht. Dabei wären noch eine ganzeReihe interessanter Fragen zu klären, wie -um nur ein Beispiel zu nennen -die nach den Bildvorlagen und den Steinmetzen oder Werkstätten, die die kunstvollen Reliefs geschaffen haben.
Ich danke Hans-Jürgen Kühn und Heinz-Hermann Koops von der Gemeinde St. Severini in Kirchwerder für ihre Informationen und die Bilder zu diesem Beitrag.
Anmerkungen:
1Otto Höch, Die Hauschronik von Tönnies Kahl-Kirchwerder. In: Hamburgische Geschichts-und Heimatblätter, 2. Bd. 6.1931, S. 274 2Joist Grolle, Die Predigt der Steine. Totengedächtnis in Kirchwerder, Hamburg 1997, S. 68
3Grolle, a. a. O., S. 46
4
5Grolle, a. a. O., Nr. 80
6Grolle, a. a. O., Nr. 12
7"Der Tod hilft denen, die gottselig sind, aus aller Not" und "Ein Mensch bin ich gewesen, zur Erde bin ich wieder geworden, liege hir und wache bis zu der Frist bis mich Jesus Christus erweckt, bin nicht ganz und gar verdorben sondern habe ein ewiges Leben erworben". 8Grolle, a. a. O., Nr. 30 und S. 41
9"Leben wir / so leben wir / dem Herrn / sterben wir / so sterben / wir den Herrn / darum wier / leben oder / sterben so / sind wir des Herrn"
10Grolle, a. a. O., Nr. 78
11Finder, a.a.O., S. 108
12Grolle, a. a. O., Nr. 96